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Coaching ist teuer und Therapieplätze sind rar gesät und mit langen Wartezeiten verbunden. Da liegt es nahe, erstmal zum Ratgeberbuch zu greifen, eine Erfolgscoaching CD zu hören oder sich über Video- und andere Online-Seminare schnelle Unterstützung zu holen. Sein-Redakteur Oliver Bartsch hat das eine oder andere Selbsthilfetool getestet…

Erinnern Sie sich noch an die „Do-it-yourself“ Welle in den 70iger Jahren? Plötzlich begannen viele Autodidakten, den Autoritäten nicht mehr zu trauen und die Dinge selbst zu bauen: Waren es in den 70iger und 80iger Jahren vorwiegend handwerkliche Dinge, die man selbst baute, so weitete sich die Bewegung nach und nach auch auf andere Bereiche des Lebens wie die Kunst oder in den psychologischen Bereich aus. Als der Urvater des „Selbstmanagements“ gilt der Motivationstrainer Dale Carnegie, dessen Bestseller „Sorge dich nicht, lebe“ 1948 erschien und über 50 Millionen Mal verkauft wurde. Er wies darauf hin, dass Grübeln über die Vergangenheit und über die Zukunft nichts bringe und einen davon abhalte, präsent im hier und jetzt zu sein. Damit nahm der Amerikaner vorweg, was heute unter „Achtsamkeitspraxis“ in vielen Kursen und Ratgeber-Büchern verkauft wird.

Fünf Selbsthilfetools im Test

Aus der „Do-it-yourself“-Welle ist eine Selbstoptimierungsbewegung geworden. Aus der endlosen Reihe von Selbsthilfe-Büchern, Kartensets, CD’s und Onlinekursen für Selbstcoaching und Selbsttherapie möchte ich fünf Beispiele herausgreifen. Da ist zum einen das Kartenset „Hilf dir selbst“ der Kölner Heilpraktikerin und Hypnotherapeutin Yvette Pichlkostner und zum anderen das Buch „Lieber die ganze Welt gegen mich als meine Seele“ des Unternehmers Wolfgang Sonnenburg, der nach eigenen Angaben schon 250.000 Menschen in seinen Vorträgen Mut machte, ihre individuelle Lebensessenz zu erkennen. Auf dem Selbstcoaching Markt ganz vorne dabei ist der Businesspunk und Teacher Veit Lindau. Ich habe zwei Selbstcoaching CD-Reihen von Ihm getestet, die jeweils 30 Tage gedauert haben. Wenn es um Onlinekurse im Selbstcoaching geht, kommt keiner am Selbsthilfeportal www.zeitzuleben.de vorbei. Sage und schreibe 15 Wochen hat das Projekt „Innere Stärke“ gedauert, und das war im nach hinein betrachtet auch das Nachhaltigste Selbsthilfetool. Schließlich gibt es im Bereich Selbsttherapie das Angebot der Traumatherapeutin Dami Charf, die per Video-Onlinekurs Menschen mit Traumata Selbsthilfeübungen zeigt.

Selbstcoaching 1: Wolfgang Sonnenburg – Purpose Findung

Beginnen möchte ich mit dem Coach Wolfgang Sonnenburg, dessen dreitägiger Kurs „SeelenPower“ an die 1000 € kostet und so geheimnisvolle Tools enthält wie das „Goal Achiever mit Zielsetzungs- und Umsetzungskonzept“ oder das „Purpose Findung“. In seinem Buch „Lieber die ganze Welt gegen mich als meine Seele“ erfährt der Leser nicht allzu viel über die Selbstcoaching-Tools, dafür umso mehr über das Leben des ehemaligen Rechtsanwalts, das im Burnout zu enden drohte, als er merkte, dass die angehäuften Millionen nicht glücklich machten. Am Ende des Buches bin ich auch nicht schlauer, wie ich mein Leben glücklich leben und meine Lebensaufgabe finden kann, außer dass es auf Eigenschaften wie Integrität, Demut, Treue, Mäßigung, Mut, Gerechtigkeit, Geduld, Fleiß, Einfachheit und Bescheidenheit ankomme.

Immerhin kann ich mir unter www.lieber-die-ganze-welt-gegen-mich-als-meine-seele.de kostenlos Arbeitsmaterialien herunterladen wie die „Entscheidungsmatrix“, den „90-Tage-Planer“, meine „Must Do’s“, eine „Geldkarte und Zielkarte“, den Planer „Behalte Deine Zuversicht“ und den „Purpose-Quadranten“. Alles Tools, die ich für Prioritäten-Management gut gebrauchen kann, doch wollte ich mehr als das, nämlich meine Lebensaufgabe entdecken, meine Essenz leben. Mit schwant, dass ich dazu einen teuren und wahrscheinlich noch überfüllten Kurs bei Wolfgang Sonnenburg buchen muss und gebe mich mit der Erkenntnis zufrieden, dass sich materieller und immaterieller Reichtum nicht ausschließen müssen. Beide Bereiche fügen sich zu einer Erfolgsformel zusammen. Diese Erfolgsformel erfahre ich leider erst im für mich zu teuren Live-Kurs von Wolfgang Sonnenburg.

Selbstcoaching 2: Yvette Pichlkostner – Kartenset „Hilf dir selbst“

Die Kölner Heilpraktikerin Yvette Pichlkostner geht einen anderen Weg. Sie entwickelte ein Selbsthilfetool, dass aus einem Kartenset besteht: „80 Reizwörter in Verbindung mit 80 eigens entwickelten thematischen Bildern fügen Kombinationen zusammen. Diese fördern die Bildung individueller Assoziationsketten, auf die man alleine nicht kommen würde. So erschließen wir einen weiten Raum für Entdeckungen, Gedanken und Ideen und können Bilder direkt aus dem Unterbewusstsein hervorholen.“

Die Heilpraktikerin möchte in Zukunft mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich so schnell wie möglich überflüssig machen. Ein Ziel, dass eigentlich alle Coaches und Therapeuten sich zu Eigen machen sollten. Deshalb erfand sie ein Tool, dass den Klienten in die Lage versetzen soll, sich selbst auf die Schliche zu kommen: „Seien wir ehrlich: Was der Coach tut, kann auch jeder alleine, wenn er vernünftig angeleitet wird“, erklärt Yvette Pichlkostner: „Zwar ersetzt das Tool keine Psychotherapie. Aber die meisten Fragen beginnen weit diesseits eines ärztlichen Befundes und können ohne jede Gefahr für die Seele selber beantwortet werden. Ich sage das, obwohl – oder gerade weil – ich selbst Coach bin.“

„Die meisten Menschen kommen zu mir, weil sie sich mental öffnen und störende Verhaltensmuster ablegen wollen“, sagt Yvette Pichlkostner. „Der Coach ist allerdings nie mehr als eine Begleitung auf dem Weg zu sich selbst. Die Lösung liegt immer im eigenen Inneren“. Deshalb konzentriere sie sich auf die Aktivierung zur Selbsthilfe. „Hilf dir Selbst“ eigne sich gerade auch für Menschen, die sich scheuen Hilfe zu suchen. Männer beispielsweise neigten eher dazu, Probleme mit sich selbst auszumachen. Auch wer sich keinen Coach leisten könne, sei mit den Karten sehr gut bedient.

Selbsttest

Ich habe die Karten ausprobiert und kann sie wirklich empfehlen. Sie helfen zum Beispiel dabei, sich seines Problems bewusst zu werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Einkreisung des eigentlichen Problems mehrere Sitzungen beim Coach beanspruchen kann. Diese Zeit kann man sich sparen, wenn man ehrlich zu sich selbst ist und zur Selbstreflektion fähig. Das Prinzip der Karten geht wie folgt: Durch das zufällige, intuitive Ziehen der Karten (es gehören immer eine Wort- und eine Bildkarte zusammen) werden meine beiden Gehirnhälften angesprochen und setzten eine freie Gedankenkette in Gang, wo ich mich direkt in die Kommunikation mit verschütteten Erinnerungen aus meinem Unbewussten begebe. Es gibt verschiedene Legetechniken abhängig davon, ob ich eine direkte oder offene Frage stelle oder das Problem erst einkreisen will, weil es mir noch nicht bewusst ist. Ich entscheide mich für die Legetechnik „Verhaltensmuster aufdecken“ und erfahre zu meiner Verblüffung eine detaillierte Landkarte meiner innerpsychischen Situation.

Kartenset: Mein persönliches Verhaltensmuster aufdecken.

Kartenset: Mein persönliches Verhaltensmuster aufdecken.

Ich nehme mal an, das die 80 Reiz-Worte wie „Mama“, „Glaube“ und „Übertragung“ sowie die 80 Zeichnungen dazu dem Erfahrungsschatz der Sitzungen mit Klienten entnommen wurden und deshalb einen Großteil der Probleme abbilden, die Menschen mit in eine Coaching- oder Therapiepraxis bringen. Die Quintessenz aus meinem Selbstversuch lautet: „Ich glaube nicht an mein Potential, weil ich mir vor lauter Demütigungen einen Schutzpanzer zugelegt habe. Für mein niedriges Selbstwertgefühl habe ich schnell die Schuldigen gefunden: Meine Eltern. Ich überlasse meiner Mutter das Steuer, dass sie mich weiter dominiert und bleibe stur in der Passivität, um mich zu schützen. Lösung: Ich erkenne, dass ich die weiblichen Verhaltensmuster meiner Mutter übernommen habe und löse mich aktiv aus der symbiotischen Verstrickung mit meiner Mutter.“

Selbstcoaching 3: Ralf Senftleben –  www.zeitzuleben.de

Auf dem Selbstcoaching-Portal www.zeitzuleben.de von Ralf Senftleben gibt es zu jedem erdenklichen Thema rund um die Persönlichkeitsentwicklung Beiträge oder einen Onlinekurs. Viele davon kostenlos oder zumindest sehr günstig. Ich habe mich für den 15-wöchigen Onlinekurs „Innere Stärke“ entschieden, um mein Selbstvertrauen zu stärken. Jede Woche bekam ich per Email Material in Form von Aufgaben und Erklärungen, die logisch und klar aufeinander aufgebaut waren. Noch heute profitiere von den zahlreichen Online-Tools, die selbst einer Coaching-Ausbildung zur Ehre gereicht hätten. Ich schreibe zum Beispiel jeden Tag ein Erfolgstagebuch, wo ich meine Erfolgserlebnisse notiere und kreiere so eine dynamische Erfolgsspirale, die meinen inneren Kritiker austrickst, wenn der wieder mal behauptet, ich würde nichts auf die Reihe bekommen.

Ich habe die Kunst des konstruktiven Selbstgesprächs gelernt, den Unterschied von einem selbstbeschränkenden zu einem wachstumsorientierten Selbstbild, den Umgang mit Widrigkeiten (Stichwort Resilienz und Ressourcen) und Methoden, wie ich ein schwieriges Ziel erreichen kann. Alles das didaktisch und pädagogisch sehr gut aufbereitet und mit der Möglichkeit, im Forum zu diskutieren und sich Unterstützung zu holen.

Selbstcoaching 4: Veit Lindau – Erfolgsmotivation

»Es gibt eine Verschwörungstheorie in der spirituellen Szene, und die lautet: Schalte deinen Verstand ab, es reicht, wenn du im Herzen bist. Das ist Blödsinn. Wenn du ein erfolgreiches Business starten willst, ist es gut, den Verstand zu benutzen und dir die Frage zu beantworten: Für wen habe ich welche Lösung anzubieten?«, erklärt Veit Lindau mit angenehmer Stimme in einer der CD-Lektionen, die ich mir 30 Tage lang jeden Morgen reinziehe und die mir Erfolg auf allen Ebenen bringen sollen. In dem CD-Kurs »Think Big Evolution« bekomme ich jeden Tag zu hören, dass meine Möglichkeiten unbegrenzt sind, dass ich ein wunderbares, magisches Wesen bin, dass meine Vision in mir nur darauf wartet, von mir verwirklicht zu werden, dass ich meine Möglichkeiten niemals an dem messen soll, was ich bis jetzt erreicht habe, denn dann erzeuge ich nur eine begrenzte Kopie meiner Vergangenheit und dass ich so vielen Menschen wie möglich »großkotzig« von meinen Visionen erzählen soll. So einer geballten Ladung an Optimismus kann selbst ein eingefleischter Skeptiker wie ich sich nicht entziehen, und ich beginne, mich in meine Vision hineinzudenken, zu fühlen, zu visualisieren und zu kommunizieren.

Veit Lindau lädt mich ein, mein Leben aus der integralen Perspektive zu betrachten. Auf der materiellen Ebene (Zeit, Geld, Fülle, Komfort), auf der emotionalen Ebene (Freude, Frieden und Selbstliebe), auf der physischen Ebene (vital und gesund sein), auf der geistigen Ebene, (klares, konstruktives und waches Denken), und auf der spirituellen Ebene (die Erfahrung innerer Stille und Einheit). Erst wenn ich auf allen Ebenen erkenne, wo ich stehe und wo ich hin möchte, kann ich mich voll verwirklichen.

Das alles ist nicht neu, aber in so einer konzentrierten, didaktisch gut aufbereiteten Form doch enorm erhellend. Mir hat der Kurs sehr geholfen, in meinem Leben klarer zu sehen. Wer sich mit Gleichgesinnten austauschen möchte, kann dies im Forum unter www.humantrust.com tun.

Der Bruder von »Think Big Evolution« heißt »LoveRevolution«. Während man im ersten CD-Kurs sein kreatives Potential aktivieren konnte, verspricht mir Veit Lindau in seinem Beziehungs-Kurs eine sanfte und nachhaltige Veränderung meiner Beziehungsgewohnheiten. Bedingung: Ich höre mir 30 Tage lang seine CD-Lektionen an (20 bis 25 Minuten täglich) und arbeite mit. Mein Fazit: Ich bin nach den 30 Tagen kein Meister der lebendigen Beziehungen und habe die vier Wunder der Liebe (Heilung, Vergebung, Glückseligkeit, Liebe) noch nicht erlebt. Ich habe auch noch nicht die acht Grundregeln einer lebendigen Beziehung verinnerlicht (Meisterschaft, Verantwortung, proaktive Schöpfung, Selbstliebe, erfolgreiche Kommunikation, bewusstes Dienen, reife Freiheit, auf der Welle surfen), und bei der Erforschung meiner sieben Grundbedürfnisse habe ich auch noch kein eindeutiges Resultat (Sicherheit, Verbundenheit, Abenteuer, Wachstum, von Anderen gesehen werden, im Leben des Anderen einen Beitrag leisten, Transzendenz). Aber alle Menschen, die gesund genug sind – also frei von Phobien und Neurosen, von Opferdenken und die Schuld bei anderen suchen – finden in dem CD-Kurs eine Fülle von Anregungen, ihr festgefahrenes Beziehungsleben wieder flott zu bekommen.

Die CD-Kurse sind natürlich kein Wundermittel, aber Veit Lindau schafft es tatsächlich, eine persönliche Beziehung zu mir herzustellen, so dass es mir immer schwerer fällt, bei den Lektionen zu schummeln und ich allein ihm zuliebe (und natürlich immer mehr mir zuliebe) alle Lektionen gewissenhaft erfülle.

Anmerkung der Redaktion: Mit „Werde verrückt“ veröffentlichte Veit Lindau Anfang Oktober 2015 ein weiteres Werk zur Selbsthilfe. Interessierte an den Coachinangeboten von Veit können es natürlich auch direkt damit versuchen.

Selbsttherapie 5: Dami Charf – Übungen per Video für Traumatisierte

Die Selbsttherapie-Tools sind natürlich viel rarer gesät als die Selbstcoaching-Tools, weil die beste Therapie immer noch die Live-Therapie mit dem Therapeuten ist oder im Selbsterfahrungs-Kurs die Energie der Gruppe genutzt werden kann. Eine rühmliche Ausnahme bildet die Traumatherapeutin Dami Charf, die kostenlose und kostenpflichtige Videos unter www.traumaheilung.de anbietet, in denen Sie kompetent und sympathisch Selbsthilfeübungen für Traumatisierte zeigt, die gut geeignet sind, die lange Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken.  

Fazit

Do-it-yourself hat im psychologischen Bereich nur eine begrenzte Wirkung. Das liegt erstens daran, dass du dich allein leichter selbst betrügen kannst und dich den besonders unangenehmen und hartnäckigen Mustern nicht stellst und zweitens daran, dass viele Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und Traumata durch wenig feinfühlige Beziehungen entstanden sind und nur durch achtsame, feinfühlige Beziehungen, sei es im Dialog mit dem Coach oder Therapeuten oder durch Gruppenenergien, wieder geheilt werden können. Als ein erster Schritt auf dem Weg zur Selbstermächtigung sind die meisten Selbsthilfetools aber ein gutes Mittel.


Literatur- und Webtipps:

Das Lifecoaching-Portal von Veit Lindau: www.humantrust.com

Ein sehr gutes Webportal mit zahlreichen Selbstcoaching-Tools: www.zeitzuleben.de

Wolfgang Sonnenburg: Lieber die ganze Welt gegen mich als meine Seele – Vom Mut, zu dir selbst zu stehen, Kamphausen 2015, 210 Seiten, 16,95 €

Yvette Pichlkostner: Hilf dir selbst – eine tiefenanalytische Reise ins Land der eigenen Seele, Kartenset, Kamphausen 2015, 39,90 €

Petra Neumayer: Selbstcoaching mit Symbolen – Die heilsame Arbeit mit der Symbolscheibe, Mankau 2015, 130 Seiten mit beiliegender Symbolscheibe, 16,95 €

Die Video-Onlinekurse der Traumatherapeutin Dami Charf: www.traumaheilung.de

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