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Balance zwischen Körper, Geist

Die klassische Tanztradition Indiens befasst sich seit über 2000 Jahren mit der Harmonisierung physischer, mentaler, seelischer und spiritueller Energien. Indiens Tanzstile verbinden Elemente von Tempelritualen, Tanztheater, Yoga, Mystik, Meditation und Musik zu einer lebendigen Tanzkunst, der auch heilende Aspekte innewohnen.

 

Die Ursprünge der klassischen Tänze liegen in hinduistischen Tempelritualen, in denen die Tanzenden ihre Aufführung den Gottheiten als Geschenk darboten und auch selbst die Rollen der verschiedenen Götter und Göttinnen verkörperten, was zusätzlich die spirituelle Entwicklung der Zuschauer inspirieren sollte. Bereits vor 2000 Jahren wurde das erste Lehrbuch des klassischen indischen Tanzes, das „Natyashastra“, auf Sanskrit verfasst. In diesem Buch wird auch berichtet, wie der Tanz – zu einer Zeit, als das Universum im Chaos zu versinken drohte – als Geschenk der Götter zu den Menschen gelangte: Die Tanzkunst sollte den Menschen helfen, wieder mehr Freude, Gesundheit und Ausgewogenheit im irdischen Leben zu manifestieren.

 

Shiva tanzt: Der ewige Zyklus von Schöpfung und Zerstörung

In zahlreichen hinduistischen Mythen wird beschrieben, wie Gottheiten durch Tanzen die Kräfte des Universums wieder in Einklang bringen. Das bekannteste Beispiel ist das von Gott Shiva als „König des Tanzes“ (Sanskrit: „Nataraja“). Auf einem Bein stehend tanzt er – umgeben von einem lodernden Flammenkreis – im Rhythmus des Universums den „Tandava“ (sanskrit: kosmischer Tanz). Dem Mythos nach birgt dieser ewige Tanz gleichzeitig die Zerstörung und Schöpfung des Universums in sich und ist ein immerwährender Prozess des Ringens um das Gleichgewicht des Universums. Ein Bild, das sich auch auf den menschlichen Körper übertragen lässt. Shivas zweiter  Fuß ruht auf dem bezwungenen unsterblichen Dämon „Apasmara“, der sinnbildlich für Chaos und zu überwindende Unwissenheit steht, aber im Ayurveda auch eine neurologische Erkrankung bezeichnet. Der Überlieferung nach heißt es, Shiva tanzt auch im Herzen eines jeden Menschen und ist verantwortlich für den Pulsschlag des Einzelnen, wie auch für das Werden und Vergehen des gesamten Universums.

 

Ayurveda und traditioneller indischer Tanz

Die im Ayurveda wichtige Ausbalancierung der fünf Elemente – Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum – ist auch in den indischen Tanzstilen in der Kombination verschiedener Bewegungsmuster und Bewegungsqualitäten zu finden: Typisch ist die kraftvolle Fußarbeit, bei der die Füße den Rhythmus schlagen. Diesen erdbetonten Schritten stehen als Ausgleich weiche, fließende Bewegungen der Hände und Arme gegenüber.

Mithilfe der „Mudras“ (sanskrit: Siegel), filigraner Finger- und Handhaltungen, hat der klassische indische Tanz seine komplexe Handgestensprache entwickelt. In diesen Fingerbewegungen werden zahlreiche Akupressurpunkte stimuliert und so der Energiefluss über die Meridianverläufe angeregt.

Auch die betont gerade aufgerichtete Wirbelsäule führt im Zusammenspiel mit den dynamischen Tanzschritten zu einer verstärkten Aktivierung der verschiedenen Chakren (Energiezentren) und somit zu einem erhöhten Energielevel.
Der harmonisierende Aspekt des Tanzes zeigt sich in geometrisch-symmetrischen Bewegungen und Haltungen. Viele davon sind auch den Übungen aus dem Yoga verwandt, zum Beispiel gibt es zahlreiche Variationen der „Baum-Asana“ (auf einem Bein stehende Position).

 

Spirituelle Aspekte – Tänzer als Mittler der Götter

Im Tanz werden die verschiedenen hinduistischen Gottheiten portraitiert und deren archetypische Energien erfahrbar gemacht. So wird die kämpfende Göttin Kali mit harten, kräftigen Bewegungen verkörpert, während ein verspielter Krishna sich betont weich und geschmeidig gibt.

Die Choreographien sind traditionellerweise so gestaltet, dass sich kraftvolle, „männliche“ Bewegungsmuster („Tandava“ – nach Shivas Tanz), mit fließenden, „weiblichen“ Tanzschritten („Lasya“ – nach einem Tanz der Göttin Parvathi) die Waage halten und keines der Elemente überwiegt.

In den Ausdruckstänzen werden die verschiedensten Gefühle künstlerisch dargestellt und können somit verarbeitet werden – aber es bleibt nie bei der bloßen Zurschaustellung emotionaler Dramen. Immer spielt das Eingebundensein in die Gesamtheit des Universums und das Aufgehen im „Überbewusstsein“, das heißt eine Transzendierung des Persönlichen, eine tragende Rolle. So hilft der Tanz mit seiner metaphysischen Ausrichtung auch, eine gelassene Distanz in Bezug auf die Welt der vorübergehenden Phänomene wie Leiden und Anhaftung einzunehmen. Klassische Tänze in ihrer Komplexität sind für die Tänzerinnen und Tänzer eine lebenslange Reise, bei der diese unentwegt etwas Neues dazulernen.


Abb: © Carolin Gödeke, (Bild) Kathrin Milan, (Portrait) Karin Kasböck

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