® Alexa/ PixabaySinnvoll altern 21. Dezember 2025 Allgemein, Zusammenleben von Dr. phil. Dorothée Jansen Eine Gesellschaft der ewig Jungen Sinnvoll altern… ein blöder Titel, denkst du. Weil du es nicht magst, alt genannt zu werden. Weil du noch lange nicht zum alten Eisen gehören willst. Ja, in unserer Kultur ist es cooler, jung, hübsch, gesund und super fit zu sein. Wir wollen keine Falten, keine runzlige Haut, die Zukunft wartet jeden Tag neu auf uns, täglich lässt sich ein Neuanfang machen. So zumindest das Narrativ, das in aller Munde ist. Da kann man sich als älterer Mensch mit dem ein oder anderen Zipperlein schon mal fehl am Platz, ausgegrenzt oder wertlos fühlen. Habe ich was falsch gemacht? Wollen die mich jetzt nicht mehr bei sich haben? Was braucht es, um sich zur sozialen Gruppe der Menschheit zugehörig zu fühlen? Was muss Mensch dafür leisten? Eigentlich erstaunlich, diese Abwertung des Alters, denn mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist über 50 Jahre alt. Also schon lange nicht mehr jung. Ja, wir werden immer älter. Die Lebenserwartungen steigen beständig, was in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht so manches Problem aufwirft. Dennoch wollen die meisten eher früher als später in die Rente eintreten, nicht mehr arbeiten und stattdessen lieber den Ruhestand genießen. Das führt zu einem kaum noch tragbaren Generationenauftrag, denn von einem Vertrag möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen. Da müssten beide Seiten nach einem ausführlichen Informationsgespräch ihr Okay geben. Das ist bei der Rentenfrage nicht der Fall. Können die Alten ein Geschenk für die Jungen sein? Wenn, dann wie und wodurch? Die soziale Frage Wir Menschen sind soziale Wesen. Immer schon. Selbst wenn du alleine irgendwo im Nirgendwo auf deiner Scholle lebst: Es braucht zwei, um ein Drittes zu zeugen und zu erschaffen. Schon sind wir mitten in Gruppenthemen drin. Wir kommen auf die Welt und haben schon unsere ersten Gruppenerfahrungen hinter uns. Der eine gibt, der andere nimmt. Mal ist es ein ausgeglichenes Miteinander, mal wird einer zum Schmarotzer. Wie geht gutes Miteinander? Solltest du der Meinung sein, dass du gut alleine klarkommst und sowieso noch nie andere gebraucht hast, verrät das viel darüber, wie wahrscheinlich dein Stellenwert in dieser deiner ersten Gruppe war. Wenig Empathie, wenig Augenhöhe, wenig Zugehörigkeit. Höchstwahrscheinlich musstest du dir deine Aufnahme in die Gruppe immer wieder neu verdienen. Leistung, Leistung, schaffen, machen…. Bist du dir dessen bewusst? Kennst du deine Geschichte als soziales Wesen? Interessiert sie dich? Nochmals: Was braucht es, um sich zu einer Gruppe zugehörig zu fühlen? Die Frage lässt sich auf der faktisch-nüchternen Ebene leicht beantworten. Um zur sozialen Gruppe der Deutschen zu gehören, braucht es den deutschen Pass. Um zu einer Nachbarschaft zu gehören, den Mietvertrag oder auch die Eintragung ins Grundbuch (als Eigentümer einer Immobilie). Um zu einer Familie zu gehören… braucht es nix. Das ist per Geburtsurkunde einfach so. Schnell zeigt sich, dass mit dieser nüchternen Betrachtung die Problematik kaum zu erfassen ist. Das Gefühl der Zugehörigkeit braucht in der Regel mehr. Da helfen selten Papiere und Verträge. Selbst ein Ehevertrag ist da keine Garantie. Die gute und zugleich schlechte Nachricht lautet an dieser Stelle: Jeder Mensch braucht anderes, um sich zugehörig zu fühlen. Der eine muss es immer wieder gesagt bekommen. Die nächste braucht es durch Zärtlichkeiten. Wieder ein anderer braucht köstliche Speisen, die den Gaumen erfreuen. Es können Blicke sein, gemeinsame Finanzen, kleine Geschenke, Mitgefühl, ein tiefes Verstehen, die uns das Gefühl vermitteln: Ich gehöre dazu, juchu! D.h. wir kommen als Menschen nicht umhin, Zeit zu investieren, um herauszufinden, was wir brauchen, um uns sozial eingebettet zu fühlen. Diese Zeit gilt es sich zu nehmen. Wobei wir bei der Problematik der Zeit wären. Das Ding mit der Zeit Was hat es denn nun eigentlich mit dieser Zeit auf sich? Ist sie nun relativ, subjektiv, am Ende gar nicht existent? Das Zeitempfinden ändert sich mit dem Alter… aber damit greife ich vorweg. In der Regel nehmen wir Zeit als eine Perlenkette von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahr. Sie verläuft linear, ist messbar und kann in Form von Arbeitsstunden verkauft werden. Solange wie wir arbeiten. Dass sie messbar ist, erleichtert soziales Miteinander, denn wenn wir uns um 10 Uhr an einem bestimmten Ort verabreden, ist der Zeitpunkt genau festgelegt. Wir sind entweder pünktlich, zu früh oder zu spät und daran lässt sich nichts deuteln. Zeit als Ding. Objektive Zeit. Dieses Ding mit der Zeit wird im Alter immer irrelevanter. Wir müssen uns schließlich nicht mehr verdingen – wie es so schön heißt. Was aber dann tun mit der Zeit? Was ist sie dann? Gibt es neben dieser objektiven Zeit noch eine andere? Ja, es gibt noch ganz andere Dimensionen der Zeitlichkeit. Zeit ist etwas, das wir als Menschen in uns erleben. Sie steckt in unseren Poren. Mal fühlt sie sich voll an, mal entsetzlich leer. Sie kann beschwingt sein oder aber auch starr. Vielleicht fühlst du dich gelegentlich in ihr eingesperrt, dann wieder schenkt sie dir Augenblicke ungeheurer Weite. Der aktuelle Moment kann vorbeirasen wie ein ICE, dann erlebst du ihn als Ewigkeit – köstlich, unendlich. In unserem Erleben von Zeit werden wir Menschen im Verlaufe unseres Lebens immer feiner. Zeit als Qualität des Daseins. Manchmal ist sie schön, duftet, obwohl eigentlich nix passiert. Die veränderte Wahrnehmung der Zeit im Alter betrifft auch das Erleben der drei Horizonte der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Je mehr Vergangenheit hinter uns liegt – so interessanterweise die Erkenntnis der Zukunftsforscherin Florence Gaub – desto mehr Zukunft können wir uns vorstellen und gestalten. Es braucht ein Gestern, um ein Morgen zu planen oder zu erträumen. Fäden zwischen diesen drei Zeiten zu spinnen, Zusammenhänge zu erkennen – das ist eine Kunst. Es ist die Kunst des Erzählens, die im Rahmen der Narrativen Therapie vermittelt wird. Diese zu erlernen, sie Stück für Stück zu verfeinern, dafür braucht es Zeit. Also den Ruhestand. Am Ende dieses Ruhestandes – und das wissen wir menschliche Kreaturen im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen – wartet bereits das Ende unserer Geschichte auf uns, der Tod. Manchmal macht er Angst, oft versuchen wir, ihn zu ignorieren. Sind wir seiner gewahr, so wollen bis zu seinem Eintreffen alle Kapitel unserer Geschichte vollendet, Ziele erkannt und erreicht worden sein. Wir wollen friedlich sterben. Was aber braucht es, um alle Kapitel zufriedenstellend abzuschließen? Narrative Welche Geschichte erzählst du dir über dein Leben? Narrative sind nichts anderes als Erzählungen. Manche dieser Erzählungen sind uns bewusst, manche sind unbewusst in unsere Zellen eingeschrieben. Oft sind es die Erzählungen anderer, die unser Leben prägen. Es braucht Mut, die eigene Geschichte zu finden, sie zu erfinden und somit zum Leitstern des Lebens zu machen. Was macht eine Geschichte aus? Wann ist es eine gute Geschichte? Geschichten – auch wenn das Unterrichtsfach in der Schule oft etwas anderes nahelegt – bestehen nicht nur aus Fakten. Geschichten erzählen von Helden. Das sind in der Regel Menschen, die sich Ziele setzen, die etwas haben, für das sie brennen. Sie haben den Mut, Hindernisse zu überwinden, stellen sich Widersachern in den Weg. Was also ist deine Geschichte? Wann warst du mutig, wurdest zum Helden? Welche Ziele hast du dir gesetzt? Sei nicht verzagt, wenn du auf diese Frage nicht sogleich eine Antwort weißt. Oft leben und handeln wir als Helden, folgen einem Narrativ, ohne uns dessen bewusst zu sein. Nimm dir Zeit, deine Geschichte kennenzulernen, die Heldin in dir zu entdecken! Das Alter ist dafür eine wunderbare Lebensphase. Gut und sinnvoll ist die Geschichte übrigens dann, wenn deine Sinne „JA!“ zu ihr sagen. Oft surrt dann die Haut, prickelt und juchzt. Manchmal vibrieren die Beine, weil sie Lust entwickeln, an der Vollendung deiner Geschichte mitzuwirken. Gezeitenkunde Menschen, die geschickt und gekonnt mit der Zeit umgehen können, nenne ich Gezeitenkundige. Diese auszubilden, ist meine Leidenschaft. Sie sind Zeitgenossen, verbunden mit dem aktuellen Zeitgeschehen, sozial gut eingebettete Wesen. Magst du Gezeitenkundiger werden, die Zeiten deines Lebens sinnvoll verbinden? Zum Abschluss eine gewagte Frage: Was hat denn die Welt davon, wenn die Alten die Kapitel ihres Lebens gut abschließen? Was könnte das Geschenk an die jüngere Generation sein, wenn wir uns darin üben, Gezeitenkundige zu werden? Erst einmal hätten die Jungen dann gute Vorbilder, an denen es uns – den Älteren – nämlich oft fehlt. Die Welt würde zudem ein friedlicherer Ort. Damit wäre in den aktuellen Zeiten ein wichtiger Beitrag geleistet. Dr. phil. Dorothée Jansen HP Psych, Narrative Therapeutin, Tanztherapeutin, Systemikerin, Tel.0163-2844883 dorotheejansen@gmx.de, www.dorothee-jansen.de Ab Februar 2026 Beginn einer neuen einjährigen Weiterbildung zum Gezeitenkundigen im Tayome, Stierstraße 1, Berlin-Friedenau. Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar Antwort abbrechenDeine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.KommentarName* E-Mail-Adresse* Meinen Namen, meine E-Mail-Adresse und meine Website in diesem Browser für die nächste Kommentierung speichern. Überschrift E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.Auch möglich: Abo ohne Kommentar. Durch Deinen Klick auf "SENDEN" bestätigst Du Dein Einverständnis mit unseren aktuellen Kommentarregeln.