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Ein Mensch kann ein sehr hohes Maß an spiritueller Entwicklung zeigen, ohne emotional und psychologisch reif zu sein. Das ist das Ergebnis der neuesten Studie von der Psychologin Ofra Mayseless von der Universität Haifa, die im Rahmen der Konferenz über „Zeitgenössische Spiritualität“ vorgestellt wurde.

Als psychologische Reife gilt dabei die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und Verantwortung für die Konsequenz des eigenen Handels zu übernehmen. Das Maß der spirituellen Reife wurde offenbar aus Aussagen der Probanden über transzendente Erfahrungen abgeleitet.

Ziel der Studie, die an 215 College-Studenten zwischen 19 und 30 Jahren durchgeführt wurde, war es, das Zusammenspiel der spirituellen und emotionalen Entwicklung zu untersuchen.

Verbindung zwischen Spiritualität und psychologischer und emotionaler Reife

Die Forscherin stellte sich die Frage, wie diese Entwicklungsbereiche zusammenfließen und sich gegenseitig beeinflussen, wenn sie miteinander verbunden sind. „So ist zum Beispiel ein bestimmter Grad an emotionaler Reife erforderlich, bevor ein Individuum Spiritualität entwickeln kann“, meint die Psychologin. Interessant war somit, was passiert, wenn jemand zwar transzendentale Erfahrungen sammelt, als Individuum aber noch nicht die emotionale Reife besitzt.

Mayseless kommt in ihrer Untersuchung zum Schluss, dass es durchaus eine Verbindung zwischen psychologischer und spiritueller Reife sowie einem individuellen Wertesystem gibt. So traten transzendete Erfahrungen immer in Verbindung mit starken ethischen Wertvorstellungen auf, die offenbar eine Voraussetzung für solche Erfahrungen sind.

Das wiederum ergab die Frage, ob beide Entwicklungsdomänen bei der Entwicklung von spezifischen Charaktereigenschaften mitwirken, oder ob ein Bereich ausreicht. Das Ergebnis war verblüffend: Die Untersuchung zeigte deutlich, dass sowohl psychische Reife als auch Spiritualität unabhängig voneinander zu der Entwicklung der gleichen individuellen Charaktereigenschaften beitragen.

Komplexe Entwicklung der Reife

„Die Wahrheit ist, dass ich zeigen wollte, dass ein Individuum, das in beiden Domänen reif ist, zusätzliche Werte hat und dass jemand, der sowohl psychologisch als auch spirituell entwickelt ist, mehr Attribute wie Großzügigkeit, Geduld und Pluralismus nach außen demonstriert. Aber das war nicht das, was wir entdeckt haben„, so die Forscherin.

„Die Studie hat deutlich gemacht, dass sich jeder Entwicklungsbereich unabhängig vom anderen herausbildet. Der Beitrag, den sie zu gewissen Attributen leisten, ist sehr ähnlich.“, meint die Forscherin. So zeigte sich zum Beispiel, dass sich sowohl bei emotionaler als auch bei spiritueller Reife ein höheres Maß an Großzügigkeit und Hilfsbereitsschaft entwickelt – unabhängig davon, ob und wie sehr der jeweils andere Bereich entwickelt ist.

Möglicherweise gibt es aber doch eine Verbindung, dies lasse sich allerdings nur über eine Langzeitstudie feststellen, in der Einzelpersonen über einen gewissen Zeitraum untersucht werden und Änderungen in den einzelnen Bereichen herausgearbeitet werden können.

Interessante Fragestellung

Die Studie wirft ein paar durchaus interessante Fragen auf: Was verstehen wir eigentlich unter „spiritueller Reife“? Sind wirklich transzendente Erfahrungen das ausschlaggebende Maß? Nicht wenige spirituelle Schulen warnen ja ausdrücklich vor extravaganten Zuständen und bezeichnen diese als „rein mental“ und ohne jede Relevanz für wirkliches spirituelles Wachstum – genau wie etwa Drogenerfahrungen. Und wie definieren wir denn überhaupt transzendente Zustände?

Das der persönliche Bereich und der spirituelle Bereich zwei völlig unterschiedliche Entwicklungsebenen sind, wird von vielen spirituellen Traditionen und Lehrern gelehrt. Einige meinen, dass die spirituelle Praxis immer von bestimmten Formen von Therapie und Arbeit an der Persönlichkeit begleitet werden muss, um einen voll integrierten Menschen hervorzubringen. Andere Traditionen sehen die Ebenen ebenfalls als getrennt, lehren aber, dass die Person vollständig eine Illusion sei und daher jede Arbeit auf dieser Ebene sinnlos wäre, denn mit der Erleuchtung würde sich die gesamte Ego-Struktur von selbst auflösen.

Wieder andere Traditionen sehen hingegen eine enge Verbindung der beiden Bereiche. Teilweise wird hier behauptet, es sei unmöglich sich spirituell weiterzuentwickeln, ohne eine gewisse „Reinigung“ der Persönlichkeit vollzogen zu haben.

Es ist schön, dass sich nun auch wissenschaftliche Studien mit diesen interessanten Fragen beschäftigen. Es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis die Psychologie den spirituellen Bereich begrifflich und methodisch sinnvoll untersuchen kann, aber jeder Versuch ist mehr als begrüßenswert.

 


Text

mit Material von Pressetext.de

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