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Die Schönheit des Gemeinsamen

Spirituelle Bruder-/Schwesterschaften erblühen, wenn wir Macht-, Gewinn-, Konkurrenz- und Hierarchiestrukturen durch einen Modus von gütigem Miteinander ersetzen. Je höher und reiner die Stufe der Geistigkeit, auf der wir uns mit anderen verbinden, desto harmonischer wird eine spirituelle Gemeinschaft, ein Sangha wachsen. Wenn persönliches Streben und spiritueller Gemeinsinn zusammenfallen, sind wir nicht nur gesundet und auf dem richtigen Pfad, sondern schon ein Stück weit zu unserer göttlichen Natur zurückgekehrt.

Seit es Lebewesen auf diesem Planeten gibt, bilden sie auf verschiedensten Ebenen Gemeinschaften. Gemeinschaften können fördern, sie können (sich selbst und andere) aber auch zerstören. Das Bedeutungsspektrum des Wortes „Gemeinschaft“ erschließt sich, wenn wir verwandten Ausdrücken wie „gemein“ oder „verallge- meinern“ nachspüren. Dies trifft auch auf geistige Geheimbünde, spirituelle „Gemeinden“ und religiöse Orden zu. Stets ist die Frage, ob die Gemeinschaft nivelliert oder uns im eigenen Erkenntnis- und Verwirklichungsprozess unterstützt. Obwohl Spiritualität in unseren Breitengraden erstarkt, leben wir noch weit entfernt von einer erwachten und erleuchtenden Gesellschaft. Daher können wir uns glücklich schätzen, wenn neben, innerhalb oder auch abseits der Konsum- und Massengesellschaft weitgehend autarke und möglichst miteinander vernetzte echte spirituelle Gemeinschaften gedeihen.

 

Sangha – Stütze auf dem spirituellen Pfad

Der Sangha – die spirituelle Gemeinschaft, wie sie z.B. im Buddhismus genannt wird – war und ist Träger der Lehren und der Verwirklichungen. Er ist Garant für eine Überlieferung von Inspiration, heiligen Lehren, Unterweisungen, Einweihungen und Geist-zu-Geist-Übertragungen. In spirituellen Traditionen bildet der Sangha eine Zuflucht, die einen auf dem geistigen Pfad stützt, begleitet und inspiriert. Als „erhabener Sangha“ gelten jene Verwirklichten, die die ursprüngliche Natur unseres Seins unmittelbar erkennen. Sich auf sie zu stützen, von ihnen angeleitet und gesegnet zu werden, öffnet die spirituellen Tore. Indem wir dankbar die erleuchtenden Qualitäten in uns und unseren spirituellen Geschwistern wertschätzen, können wir möglichen Schwächen, Krisen und Fehlern innerhalb der Sangha in realistischer und gestärkter Weise begegnen. Das Gefangensein in der Vorstellung, wir seien isolierte Einzelwesen, die den Leiden und der Nichtigkeit ausgesetzt sind, wird durch unsere Einbindung in eine spirituelle Gemeinschaft – diesen Strom der Pilgernden, Liebenden und Wissenden – aufgebrochen.

 

Holographisches Weltempfinden

Der Schlüssel für eine gesunde Gemeinschaft ist das Streben nach, das Bewahren von und das „Tanzen“ in den spirituellen Inspirationen und Weisheiten – in einem gemeinsamen Mit- und Füreinander. Sangha ist Teilen, Pflegen und Gedeihenlassen von konzentrierter heilkräftiger Wahrheit, die so individuell wie allgemeingültig ist.

Die spirituelle Gemeinschaft kann uns befreien und für das holographische Weltempfinden öffnen, aber nur dann, wenn wir die Gemeinschaft nicht egozentrisch für uns beanspruchen und ausnutzen, sondern wenn wir uns für sie einsetzen und mit ihr im Einklang leben.

 

Gemeinschaft als Wahrheit des Seins

Allerdings wird es in unserer westlich-pluralistischen Gesellschaft wohl keinen geschlossenen Orden von größerer Tragweite geben. Daher ist es wichtig, in unsektiererischer Weise und mit liebevoller „Universeller Verantwortung“ (Dalai Lama) die spirituell Suchenden und Wissenden aus anderen Traditionen als „Morgenlandfahrer“ (Hermann Hesse) willkommen zu heißen. Denn wir Menschen bilden in jedem Fall eine geistige Gemeinschaft, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht!

Die Vernetzung von Makro- und Mikrokosmos, von Gedanken- und Energiestrukturen in einem holistischen Sinne ist nicht erst seit der Quantenmechanik, String-Theorie, Chaosforschung, R. Sheldrakes morphogenetischen Feldern etc. eine Gewissheit, sondern bildet seit Urzeiten eine spirituelle Wahrheit. Ein ethisch-spiritueller Gemeinsinn ist daher nicht Forderung, sondern vielmehr Ausdruck der Gesamtheit des Seins und unserer tiefsten Sehnsüchte.

 

Vielleicht wird uns die Schönheit des Gemeinsamen unser närrisches und neurotisches Verbohrtsein in eine krankhafte Individualität nehmen. Vielleicht werden wir staunend erkennen, dass der zukünftige Buddha nicht länger ein Einzelwesen ist, sondern eine erleuchtete Gemeinschaft (Thich Nhat Hanh). Und wenn das kleinliche, egozentrische Selbst nur eine Illusion ist, sind wir seit jeher viel mehr Sangha als wir denken.

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Über den Autor

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Jürgen Manshardt ist Herausgeber, Autor und Übersetzer von buddhistischen Büchern. Zudem arbeitet er als Seminarleiter und Therapeut. 2002 gründete er einen Eigenverlag (www.dharmata-verlag.de). Seine neueste Veröffentlichung erschien vor kurzem im Diamant-Verlag: „Khunu Lama: Allen Freund sein – Die Poesie des Erleuchtungsgeistes.“

Jürgen Manshardt war sieben Jahre buddhistischer Mönch und übersetzte u.a. für den Dalai Lama. In Berlin ist er am Tibetisch-Buddhistischen Zentrum (www.tibetzentrum-berlin.de) tätig.

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