Der Elefant kommt immer dann in unser Leben, wenn es so wie bisher nicht mehr weitergeht.

Von Werner Baumeister

1985 war ich Flugbegleiter bei PanAM und mit einem Freund nach Afrika geflogen. Wir vereinbarten mit einem Massai, der einen alten klapprigen Wagen hatte, eine Privatsafari und wollten unbedingt im Busch zelten. Unser einheimischer Führer setzte uns kopfschüttelnd wie gewünscht mitten in der Wildnis aus. Das war am Kilimand- scharo an der Grenze zwischen Kenia und Tansania. Bald waren wir glückselig einge- schlafen in unserem kleinen Zelt. Nachts musste ich mal raus und lief ein Stück, weil ich nicht unmittelbar neben dem Zelt pinkeln wollte. Die Nacht war mondhell und schon auf dem Weg fühlte ich mich irgendwie beobachtet. Irgendwann stand ich dann an einem großen Busch, pinkelte schlaftrunken, als sich plötzlich der Schat- ten des Busches im Mondlicht bewegte. Ich schaute hoch und ein Meter vor mir steht ein riesiger Elefant und blickt mich an. Ich werde dieses Auge wohl niemals vergessen. Es war wachsam, aber irgendwie auch gnädig und Vertrauen ausstrahlend. Dieser Moment war die intensivste Gotteserfahrung meines Lebens. 

Wenn wir mit den Elefanten so umgehen würden, denke ich heute, wie dieser Elefant mit mir, dann wäre diese Welt eine andere. Klar, ich hatte Beine wie Gummi, aber ich habe in diesem Moment eine un- glaubliche Gnade gespürt. Und dann auch noch diese afrikanische Erde. Ich fühlte mich in dieser Nacht total verbunden mit allem und nahm eine riesige Kraft in mir wahr. Und das passierte ausgerechnet mir, der ich mich durch diese Welt immer wie ein Fremder bewegt hatte, ein Unverwurzelter, der sich zutiefst danach sehnte, endlich nach Hause zu kommen. Auch in all meinen Beziehungen zu Frauen war ich ein rastloser Wanderer, hatte mich immer genau nach dieser Heimat gesehnt und konnte doch nie bleiben. Dieses Gefühl, wirklich anzukommen, das habe ich in Afrika erlebt. Das war dieser Moment mit dem Elefanten, in dem der Fremde, der ich war, endlich hier auf dieser Erde angekommen ist und ein Zuhause gefunden hat. An diesen Moment meines Lebens möchte ich anknüpfen mit diesem Elefantenmilch-Artikel. Und ich möchte wieder diese wunderbare Verbundenheit mit allem spüren und in dieses tiefe Vertrauen in das Leben zurückfinden. 

Der Sterbebegleiter 

Der Elefant kommt immer dann in unser Leben, wenn es so wie bisher nicht mehr weitergeht. Wenn wir ein Thema wirklich abschließen müssen, um in einen neuen Raum zu kommen. Ich würde aus eigener Erfahrung den Elefanten homöopathisch durchaus als einen Sterbebegleiter bezeichnen, der uns dabei hilft, mitten im Leben zu sterben. Nach meiner ersten Einnahme kam unter der Dusche der Satz: „Ein alter Werner stirbt und ein neuer Werner wird geboren!“ Den Elefanten wirklich zu leben, das ist eine radikale Entscheidung, die uns aus allen „Wahnvorstellungen“, nach denen wir unser Leben jetzt führen, herausholt. Der Elefant führt uns durch diese herausfordernde Sterbekrise, denn wenn die Lebensphase, die wir gehabt haben, wirklich verstanden worden ist in ihrem tieferen Sinn, dann kann sie aufhören und dann können wir in einen neuen Raum treten. 

Es gab mal einen Film mit Juliette Binoche, in dem sie folgenden für mich sehr bemerkenswerten Satz sagte: „Ich habe keine Angst, zu sterben, aber ich habe Angst, verlassen zu werden“. Sie hat es auf den Punkt gebracht: Unsere tiefste Angst ist die Angst, verlassen zu werden. Diesen Urschmerz haben wir tief in unserem Elefantengedächtnis gespeichert. Wir können diese Verletzung einfach nicht vergessen und reproduzieren sie in immer neuen Inszenierungen. Erscheint der Elefant als archetypische Kraft, geht es immer darum, genau diese schmerzhafte Fixierung zu einem Abschluss zu bringen. Ich habe die Elefantenmilch schon einmal beschrieben. Der SEIN-Artikel dazu erschien im März 2010. Sechs Wochen später ist meine Mutter gestorben, meine Quelle. Intuitiv habe ich dieses homöopathische Mittel wohl kurz vorher genommen, um den Boden nicht völlig unter den Füßen zu verlieren. Denn die Mutter ist unsere Verbindung zu Mutter Erde und damit versichert sie uns eben genau der Tatsache, dass wir mit allem verbunden sind. Wenn unsere Mutter dann weitergeht und uns zurücklässt, haben wir ein Problem, wenn wir in uns selbst diese Stärke und Verbundenheit nicht fühlen. 

Der Herzberührer 

Homöopathische Elefantenmilch geht bei mir sofort mit der ersten Einnahme ganz tief und berührt spürbar mein Herz. Sie bewegt sich zielsicher dahin, wo ich meine Mauern gebaut habe. Bei mir sind das in Beziehungen zu Frauen zwei Überlebensstrategien. Damals, als ich sechs Jahre alt war, starb mein jüngerer
Bruder und ich habe erlebt, wie meine Mutter innerlich mit ihm wegging, weil sie nur noch von Schmerz absorbiert war. 

Ein Kind lernt durch Nachahmen!

Ich habe gesehen, dass mein Bruder weggeht und eine unglaubliche Sehnsucht bei meiner Mutter erzeugt, mit der kein Lebender konkurrieren kann. Was mache also ich in Beziehungen? Ich mache mich rar. Erzeu- ge Sehnsucht, obwohl ich die Frau eigentlich gerne viel öfter sehen würde. Später in der Beziehung zu meiner Mutter habe ich durch viele fast tödliche Autounfälle immer wieder unbewusst gespielt mit dieser Grenze zwischen Leben und Tod, um irgendwie eine ähnliche Leidenschaft in meiner Mutter zu erzeugen, wie es mein Bruder durch seinen frühen Tod bewirkt hatte. Mit viel Mühe habe ich so meine Legende aufgebaut. Die Legende vom einsamen Wolf, vom Einzelgänger, der niemanden braucht. Das ist das, was ich signalisiere, wenn eine Frau das Potential hat, mich im Herzen zu berühren – und genau das fliegt mir unter Elefantenmilch regelrecht um die Ohren. 

Und meine andere Strategie, das ist die Helfer-/Retter-Strategie. So habe ich versucht, nach dem Tod meines Bruders wieder die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen. Sie war im Schmerz und ich hatte Angst, dass sie meinem Bruder folgt. „Ich bin immer für dich da und unterstütze dich gerne. Ich brauche es, gebraucht zu werden und hoffe durch diesen `Dienst`, deine Liebe zu bekommen, die ich meine, für mein einfaches Nur-so-Sein nicht verdient zu haben.“ 

Alles platt machen 

Es gibt bei den Elefanten die MUSTH (persisch: Zustand der Vergiftung). Das ist ein Testosteronrausch, in dem der Elefant sechzig mal mehr Testosteron ausschüttet als gewöhnlich und unter dem Einfluss seiner männlichen Hormone alles in seiner Umgebung platt macht. Um diese Musth kommt man nicht rum, wenn man Elefantenmilch nimmt. 

Mir hat das Leben, genial wie es ist, dafür eine Frau geschickt, die die Elefantenkraft hat, mich zu zerlegen und einfach hinter meine Fassaden zu gucken. Mir kommt der Gedanke: Diese Zerstörungswut des Elefanten ist die Wut auf alles, was an uns nicht authentisch, nicht wahr ist. Das wird rigoros zerlegt. Auch unsere ganzen Überlebensstrategien, die wir uns so mühsam aufgebaut haben, werden jetzt in der Musth dem Boden gleichgemacht. Was übrig bleibt? Das, was wir ein Leben lang versucht haben, mit aller Kraft in unseren tiefsten Verliesen wegzuschließen: Nämlich nicht mehr als nur noch ein Bündel Angst zu sein, das nichts mehr fürchtet, als verlassen zu werden. 

Ich will ganz ehrlich sein. Nach der Einnahme von Elefantenmilch war mein erster Gedanke: Scheiße, ich komme wieder in diese Verletzlichkeit. Ich spüre Liebe, Sehnsucht und gebe einem anderen Menschen damit die Möglichkeit, mir wieder das Messer ins Herz zu rammen. Mir kommt der Satz von Khalil Gibran in den Sinn: So wie die Liebe dich krönt, so kreuzigt sie dich – und ich denke, na schönen Dank. Etwas in mir rennt einfach los zu ihr und sagt: Ich habe dich vermisst. Woraufhin der verletzte Teil in mir aufschreit: Wie konntest du so uncool sein, jetzt weiß sie, was du für eine lästige Klette bist und wird dich verlassen! 

In dem Yogastudio, in das ich immer gehe, stolpere ich über ein Büchlein über Asanas und Verletzungen und den Wert unserer Verletzlichkeit. Das, was wir mit aller Macht jahrzehntelang unterdrückt hätten, so steht es dort, sei eigentlich etwas ganz Wertvolles. Die meisten Menschen erführen ein Leben lang gar nicht die Gnade, ihren tiefsten Schmerz fühlen zu dürfen. Wenn wir verletzt würden, eröffne sich uns eine ganz wichtige Gelegenheit, denn wir hätten jetzt die Möglichkeit, mit diesem Schmerz zu arbeiten. Also, ruft mir der Elefant ermutigend zu: Bedanke dich beim Leben, dass es dir noch einmal die Möglichkeit gibt, diesen tiefsten Schmerz zu fühlen. Warum ist das wichtig? Weil dieser tiefste Schmerz uns letztendlich direkt in unsere Kraft und Lebendigkeit und in unser Herz bringt – kurz: ins Leben. Denn trotz aller Angst spüre ich durch all das, was ich mit Elefantenmilch erlebe, aber auch immer mehr dieses: Ich will leben, jeden Tag, als wäre es der letzte, intensiv mit vollem Risiko und nichts mehr aufschieben. 

Die Wandlung ist der sichere Boden 

Mein Fazit bis hierher: Der Elefant begleitet uns in den Bereich einer Bodenlosigkeit, in der wir mit unseren bisherigen Stra- tegien nicht mehr weiterkommen. Alles, worauf wir gesetzt haben, ist unwiderruf- lich zerbrochen und nicht mehr reparabel. Wir müssen einen kompletten Spurwechsel vollziehen, etwas ganz Neues entwickeln, was wir aber noch nicht kennen. Genau das ist anscheinend der Zustand, in dem wir endlich brauchbar werden für die Transformationskräfte des Elefanten, der folgende Botschaft an uns hat: Du bekommst keinen sicheren Boden unter die Füße – außer die Bewegung selbst. Die Wandlung selbst ist dann dein neuer Boden. Der Raum, in dem alles sich ständig verwandelt. Das ist der Elefantenraum. 

Für mich ist das echt gewöhnungsbedürftig, aber trotz allem: Es lohnt sich!!! 

Werner Baumeister ist Arzt und bietet individuelle homöopathische Begleitung an.
30 Jahre Erfahrung in eigener Praxis in Berlin. Einzeltermine nach Vereinbarung, Behandlungstermine zum Thema Elefantenmilch jederzeit möglich. 

Informationen zu den aktuellen Juni-Workshops (Stramonium, der Stechapfel – lebe wild und gefährlich!) unter Tel.: 0172 – 391 25 85 

Achtung: Homöopathie am Nerv der Zeit jeden Monat online auf www.sein.de! 

 

Über den Autor

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Werner Baumeister ist Arzt und bietet individuelle homöopathische Begleitung an.

25 Jahre Erfahrung in eigener Praxis in Berlin. Einzeltermine nach Vereinbarung

Die im SEIN regelmäßig veröffentlichte Fortsetzungsserie: „Homöopathische Arzneibilder von Werner Baumeister“ versteht sich auch als homöopathischer Spiegel aktuellen Zeitgeschehens.

0172 – 391 25 85

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