Anzeige

Gibt es hier noch Menschen, die nicht im Stress sind? Wie kommt das und wohin soll das führen? Martin Braun fand einen außergewöhnlichen Weg, seinen Stress los zu werden. Er macht besondere Reisen – spirituelle Reisen, Stille-Reisen und Klang-Reisen.

Die Ziele dieser Reisen sind keine Orte. Es geht nicht um das Zurücklegen von Strecken, und nicht um das Abhaken von Sehenswürdigkeiten. Ziel ist es, das bloße Sein zu zelebrieren, sich bewusst treiben zu lassen und dem Klang der Stille lauschen.

Stille-Reisen, Klang-Reisen: die Suche nach dem Nichts

Um die Stille zu suchen, fahre ich übers Wasser. Mein Fahrzeug wird vom Wind angetrieben. Für die Ortswechsel verwende ich weniger Zeit als für das Sein an den Orten. Diese Orte sind Ankerplätze in Schilf-Buchten, vor einsamen Stränden oder im Schutz von Steilküsten.

Oft gehe ich mehrere Tage nicht von Bord. Während dieses Abgetrennt-Seins vom normalen irdischen Leben komme ich mir manchmal vor, wie in einem Raumschiff: Ich habe alles an Bord, was ich zum Leben benötige. Ich bin losgelöst von der Erde. Ich kann aus meinem Raumschiff aussteigen und die Schwerelosigkeit genießen, während ich um mein Schiff herum schwimme. Ganz ohne Raumanzug.

Dieses Schiff heißt ALVILDA und ist ein besonderes Segelboot. Es hat einen schmalen Schiffsrumpf und links und rechts daneben zwei weitere, kleinere Rümpfe. Diese Ausleger verbreitern und stützen das Boot. Die drei Rümpfe sind untereinander mit zwei Stangen zu einem Ganzen verbunden, das man als Trimaran bezeichnet. Zwischen dem Mittelrumpf und den Auslegern sind Netze gespannt.

Durch die große Breite des Trimarans segelt das Boot immer aufrecht. Die für viele Menschen beängstigende Schräglage eines Segelbootes gibt es nicht. Der geringe Tiefgang macht es möglich, in flachen Buchten zu segeln und nah am Strand zu ankern.

Bei viel Wind segelt ein Trimaran schnell. Doch dann spritzt das Wasser manchmal bis nach hinten. Deshalb reffe ich die Segel und fahre mit gemäßigtem Tempo. Am schönsten finde ich es, wenn nur ein leises Lüftchen weht. Dann rauscht  ALVILDA wie ein großer Vogel im Tiefflug über die gekräuselte Wasserfläche.

So ein Lüftchen weht manchmal auch nachts, und wenn dann noch der Mond scheint, dann kann ich nicht anders, als noch einmal den Anker zu lichten. Es ist berauschend für mich, unterm Sternenhimmel lautlos durch die Nacht zu gleiten.

Spirituellen Reisen auf dem Wasser: Wie es anfing

Als mir meine Freundin mitten auf dem Schweriner See die Pinne ihrer Segeljolle in die Hand drückte, bekam das Boot mächtige Schräglage und ich Angst. Ich ließ den „Lenkstock“ ein wenig nach, und die Schräglage ließ ebenfalls nach. Kaum hatte ich verstanden, dass es eine Balance ist, hob sich mein Blick vom Boot dem Horizont zu, und ich sah die in der Abendsonne blühenden Rapsfelder hinter den Stränden, und den glühenden Wald auf der Insel. Da machte es klick und ich wusste – das ist es!

Im folgenden Winter las ich alle in der DDR verfügbaren Segelbücher und kaufte mein erstes Boot, eine Jolle. Dann fiel die Mauer und im Frühjahr danach segelte ich über die „Grenze der inneren Seewasserstraße“. An Land standen noch bewaffnete Grenzsoldaten der NVA.

Meine große Begeisterung für das Segeln führte dazu, dass ich rasend schnell lernte und mir bereits zwei Jahre später die Möglichkeit zufiel, als Co-Skipper über den Atlantik zu segeln und in der Karibik als Segellehrer zu arbeiten.

Seither ziehen mich Wasser und Wind immer wieder magisch an, und so bin ich inzwischen mit vielen verschiedenen Booten unzählige Seemeilen auf großen und kleinen Gewässern gesegelt.

Doch die Erkenntnis, was der Kern der Kraft ist, die mich aufs Wasser zieht, kam erst nach einem beinahe tödlichen Unfall.

Nach dem Trauma: das Segeln neu entdeckt

Weit draußen auf der noch winterlichen Ostsee war mein Boot durch eine Havarie gekentert. Ich versuchte, mich auf dem umgekippten Boot zu halten, doch die hohen Wellen spülten mich immer wieder hinunter in das eiskalte Wasser. Ich kletterte immer mühevoller zurück auf das Wrack und mir schwanden die Kräfte. Alle Rettungsmittel waren unerreichbar im Inneren des umgekippten Bootes, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schiff mich entdecken würde, war um diese Jahreszeit gleich Null. So wartete ich zwei Stunden lang auf den sicheren Tod. Dann geschah ein Wunder. Eine Segelyacht tauchte auf. Sie fuhr nicht direkt auf mich zu und verschwand immer wieder zwischen den Wellen. Die Chance, dass man mich von dort aus sehen würde, war gering. Trotzdem hob und senkte ich ruhig meine beiden Arme Und da, plötzlich wandte sich der Bug der Yacht in meine Richtung. Das Gefühl der Hoffnung auf Rettung, das dadurch in mir aufstieg, werde ich nie vergessen.

Dieser Unfall traumatisierte mich und ich habe seitdem Angst beim Segeln weit draußen auf See. Ich zog mich mit meinem Boot in die seichteren Gewässer zurück und entdeckte dadurch die Schönheit des Segelns in den Lagunen der Ostsee.

Die Sichtbarkeit der Ufer in den Bodden, Sunden und Wieken beruhigte mich und siehe da, die Lust am Segeln kam zurück. Mehr noch, sie wurde stärker und irgendwie anders.

Ich erkannte jetzt, dass es nicht nur das Segeln war, das mich anzog, es war das bloße Sein auf dem Wasser, das Abgehoben-Sein von der Alltagswelt, das sich bei mir zeigt, indem ich schon nach wenigen Stunden auf dem Boot vergesse, welcher Wochentag ist.

Ohne Angst, ohne große Wellen, ohne irgendwann irgendwo ankommen zu müssen, kam sie zu mir – die Entspannung.

Das Wasser als magischer Ort

Mir wurde klar, dass mein Stress selbst gemacht ist. Ich werde selten das Gefühl los, zu wenig zu tun. Dieser Modus hält mich ständig unter Druck. Mit den Jahren spürte ich, dass der Druck zu groß wurde. Ich fühle, dass mich der Stress verbrennen würde, wenn ich nicht lerne, Pausen zu machen.

Und so ist es sicher kein Zufall, dass ich das Wasser als einen magischen Ort gefunden habe. Sowie ich auf einem Boot ankomme, fällt das Stress-Gefühl wie durch Zauberei von mir ab.

Wenn ich nachts an Deck liege
und der Sternenhimmel mein gesamtes Blickfeld füllt,
ahne ich es, das Nichts.

Das Wasser scheint für viele Menschen eine ähnliche Magie zu besitzen, wie das Feuer: Wir werden ruhig, versonnen, friedlich und kommen zu uns. Wir fühlen uns zuhause. Bei den meisten Menschen, mit denen ich unterwegs bin, beobachte ich das Gleiche: Ihr Wesen verändert sich, sie werden wie Menschen, die versonnen in ein Feuer schauen. Und aufatmen.

Wenn wir etwas schaffen wollen und nicht wissen, wie wir es schaffen können, ist das Leben spannend.

Das Verfolgen eines Ziels, also das Schauen in die Zukunft, hält uns in einem Spannungsmodus. Dieser Nervenkitzel scheint lebensnotwendig zu sein, wir brauchen Herausforderungen.

Wenn die Spannung zum Dauerzustand wird, wenn wir diesen Modus nicht mehr verlassen können, werden wir krank.

Aggregatzustände und Grenzflächen

In meiner Vorstellung ist das Leben vor vielen Millionen Jahren im Wasser entstanden. Später hat es sich auf das Festland ausgebreitet und in die Lüfte.

Wir Menschen bewegen uns auf dem Erdboden und atmen Luft. Wir leben an der Grenzfläche zwischen dem festen und dem gasförmigen Aggregatzustand.

Auf meinen Stille-Reisen wechseln wir die Unterlage, wir bewegen uns auf der Grenzfläche zwischen dem flüssigen und dem gasförmigen Aggregatzustand

Wir benutzen ein Segelboot. Das Wesen eines Segelbootes besteht darin, dass es einen großen Flügel in das gasförmige und einen kleinen Flügel ins das flüssige Medium streckt. Der große Flügel heißt Segel und treibt das Boot an, der kleine heißt Schwert oder Kiel und macht, dass das Boot vorwärts segelt und nicht seitwärts abdriftet.

Auf dem Segelboot zu sitzen und zuzuschauen, wie genial es die natürlichen Kräfte in Fahrt umsetzt und sich sogar gegen die Windrichtung bewegt, wirkt erhebend und zugleich beruhigend. Nun müssen wir nichts mehr tun, als die sanften Schwingungen zu genießen, die dabei entstehen.

Schwingungen in uns und Schwingungen außerhalb von uns

Unsere menschliche Existenz zwischen Leben und Tod ist Schwingung. Unser Atem, unser Herzschlag, jeder unserer Schritte, die Moleküle, Atome und die Bestandteile der Atome, aus denen unsere Körper bestehen, sind Schwingung. Unsere Gedanken und Gefühle und unsere Spiritualität – all das ist in Schwingung. Auch unsere  Außenwelt, die wir Umwelt nennen, das ganze Universum – alles ist in Schwingung.

Doch in dieser Trennung zwischen Innen und Außen liegt aus meiner Sicht die große Gefahr, in sich die Menschheit hinein verkopft hat. Wenn uns allen bewusst werden wird, dass es keine Umwelt gibt, sondern nur eine Welt, von der wir ein Bestandteil sind, werden wir aufhören können, zu verbrauchen.

Ich stelle mir vor, dass die Schwingungen in uns in Harmonie sind, wenn wir uns im Einklang mit der Welt befinden. Hektik, Streit und Leistungsdruck machen unsere Harmonie zu einem disharmonischen Chaos. Das betrifft nicht nur unser Lebensgefühl, auch unsere Organe und die kleinsten Bestandteile unserer Körper schwingen nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander.

Die Wasser-Wellen kämmen die Seelen-Wellen glatt

Wenn wir uns den natürlichen Schwingungen des Wassers aussetzen und dabei in eine innere Ruhe kommen, kommt es zu einer Resonanz zwischen den natürlichen Wellen-Bewegungen des Wassers und dem Zusammenspiel aller Schwingungs-Wellen in uns.

Die Wind-Wasser-Wellen können das Chaos der Körper- und Seelen-Wellen synchronisieren. Wir spüren das durch eine magische Ruhe, die uns wohlig innehalten lässt. Eine Mitreisende sagte, sie sei in einem anderen Selbst aufgewacht.

Und wenn das Boot vor Anker liegt?

Kochen und lange und genussvoll essen.
Lange und genussvoll schweigen.
Auf den Trampolinen liegen.
Mit dem Schlauchboot an Land rudern, am Strand sein oder die Landschaft erkunden.

Meditieren, Schreiben, Erfinden, Schlafen, Lieben oder Visionen Suchen – dafür ist das ankernde Boot ein guter und sehr sicherer Ort. Auch für Einzelpersonen und Paare, die ich gern auf dem ankernden Boot allein lasse.

Das geht so:
Nachdem wir im Hafen alles Nötige für die vereinbarte Zeit an Bord genommen haben, segeln wir zu der Stelle, die wir im Vorfeld gemeinsam ausgewählt haben. Dort setze ich mit besonderer Sorgfalt den Anker. Dann gibt es eine Einweisung, wir prüfen meine telefonische Erreichbarkeit, und dann lasse ich mich vom Gast mit dem Beiboot an Land bringen. Der Gast rudert zurück und der Trimaran ist fortan sein Hausboot mit zwei Terrassen. Ich bin Tag und Nacht telefonisch erreichbar und im Notfall in einer Stunde an Bord.

Stille-Reisen im Alltag

Das Zauberwort dafür haben die Erfinder des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) der Seefahrt entliehen: „Anker“.

Psychologisch gesehen ist ein solcher Anker eine assoziative Verbindung zwischen einem Reiz und einer Reaktion. Diese Verbindungen entstehen meist unbewusst, wir können sie aber auch bewusst setzen. Das befähigt, Gefühle abzurufen.

Du sitzt im Büro, schließt die Augen und schaukelst ganz leicht auf deinem Stuhl. Schon ist sie wieder da, die Entspannung.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*