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Das Beispiel der Elektrizitätswerke Schönau im Südschwarzwald zeigt: Es lohnt, sich für ein Ziel zu engagieren, dafür zu kämpfen – und durchzuhalten, auch wenn die Schwierigkeiten unüberwindlich scheinen. Es offenbart, welche Kraft, Kreativität und Freude eine ­große Aufgabe in jedem Menschen freisetzen kann. Und dass uns ein Weg, den wir mit ­vollem Engagement und Herz gehen, weiter tragen kann, als wie uns je hätten vorstellen können.

 

Heute träumen viele Menschen davon, in ihre eigene Energieversorgung zu investieren, quasi selbst Energieversorger zu werden und über saubere Energie zu verfügen. Das war früher nie mein Traum. Als kleines Mädchen wollte ich Tierärztin werden, später Rechtsanwältin, in der Realität wurde ich dann Lehrerin, Frau eines Landarztes und Mutter von fünf Kindern.

Doch Tschernobyl platzte 1986 wie eine Bombe in unser behagliches Leben auf dem Lande. Das Reaktorunglück von Tschernobyl rüttelte uns auf und es lag nahe, sich nicht nur darum zu kümmern, wie man die Kinder mit unverstrahlter Nahrung versorgt, sondern wie Energie überhaupt hergestellt werden und wie eine zukünftige Energieversorgung optimalerweise aussehen sollte. Da wir in unserer Gruppe „Eltern für atomfreie Zukunft“, die sich nach Tschernobyl zusammengefunden haben, alle nicht viel von Energie wussten, mussten wir uns zunächst einmal kundig machen. Natürlich haben wir damals überhaupt nicht daran gedacht, einmal Energieversorger zu werden, das ergab sich sozusagen. Zunächst einmal wurde uns klar, dass die Energieverschwendung ein sehr großes Problem ist – damals wie heute. Also haben wir uns als Erstes mit Energieeffizienz und Energieeinsparung beschäftigt, auch heute noch sehr wichtige Themen für die aus unserem Engagement hervorgegangenen Elektrizitätswerke Schönau (EWS). 

 

Ungewöhnliche Initiative

Die Eltern für atomfreie Zukunft hielten Stromsparberatungen ab, veröffentlichten Energiespartipps und schrieben Stromsparwettbewerbe aus, die von vielen Initiativen und Kommunen übernommen wurden. In einem zweiten Schritt gründeten Schönauer Bürger eine Firma, um kleine Wasserkraftwerke zu reaktivierten und Bürger zu unterstützen, die in Blockheizkraftwerke und Photovoltaik­anlagen investierten. Der örtliche Energie­versorger und Atomkraftwerksbetreiber KWR jedoch behinderte die Aktivitäten der Bürger und bot 1990 der Stadt 100 000 Mark, wenn diese den Konzessionsvertrag frühzeitig für 20 Jahre verlängert – natürlich sollte der Vertrag die ökologischen Forderungen der Bürger nicht einmal ansatzweise berücksichtigen. Die Initiative bot der Stadt daraufhin die gleiche Summe, wenn die Stadt den Vertrag nicht verlängern würde. Doch der Gemeinderat entschied, das ungewöhnliche Angebot der Bürgerinitiative abzulehnen und den Vertrag mit dem bisherigen Energieversorger KWR sofort zu verlängern. Aber die Initiative leitete einen Bürgerentscheid in die Wege.

Es entbrannte ein harter Wahlkampf, bei dem um jede Stimme gekämpft wurde – mit Erfolg: Die Bürgerinitiative gewann und die Verlängerung des Konzessionsvertrags wurde gestoppt.

 

Sieg der Stromrebellen

Im Januar 1994 wurden die Elektrizitätswerke Schönau GmbH (EWS) gegründet. Einziger Gesellschafter war die Netzkauf GbR, an der über 650 Bürger beteiligt waren. Jetzt wollten sie die Schönauer Energieversorgung und den Netzbetrieb übernehmen und bewarben sich um die Strom-Konzession der Stadt. Da sich im Stadtrat inzwischen die politischen Mehrheiten verändert hatten, wurde im November 1995 tatsächlich die Konzession an die EWS vergeben. Nun witterten die Gegner der Bürgerinitiative ihre letzte Chance und leiteten einen zweiten Bürgerentscheid in die Wege, um dies rückgängig zu machen. Der Wahlkampf wurde noch heftiger geführt als 1991, doch abermals siegten die “Stromrebellen”.

Nun versuchte der bisherige Versorger und Atomkraftwerksbetreiber KWR mit einer hohen Geldforderung für das Netz die EWS in die Knie zu zwingen: über 8,7 Mio. DM sollten sie für das Schönauer Stromnetz bezahlen – ein “Phantasiepreis”. Bald musste KWR jedoch eingestehen, viel zu hoch gepokert zu haben: Statt 8,7 Millionen sei das Netz nun doch nur 6,5 Mio. Mark wert. “Peinlich, peinlich”, kommentierte daraufhin die “Badische Zeitung”. Zwar fanden die Netzkäufer, dass auch dieser Kaufpreis noch zwei Mio. Mark zu hoch sei, dennoch wollten sie getreu der Strategie „erst kaufen, dann klagen“ bezahlen, um nicht von einem langjährigen Rechtsstreit aufgehalten zu werden. Der überhöhte Teil des Kaufpreises ließ sich aber nur über Spenden finanzieren, da sonst die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens und so die notwendige Zulassung als Energieversorger gefährdet worden wäre.

 

Wie treibt man zwei Millionen auf?

Wieder schien ein Scheitern wahrscheinlich: Wie sollten über zwei Millionen Mark gesammelt werden? Man kam auf die Idee, die größten deutschen Werbeagenturen zu bitten, eine kostenlose Spendenkampagne zu entwickeln. Und tatsächlich sagten mehrere Agenturen zu. Die Energie-Initiativen entschieden sich für die „Störfall-Kampagne“ – diese brachte bundesweite Resonanz und einen überwältigenden Erfolg: Zeitungen veröffentlichten kostenlose Anzeigen, Umweltschutzverbände riefen zur Unterstützung auf, bei Privatfeiern wurde für Spenden auf Geschenke verzichtet. Nach wenigen Monaten waren rund zwei Milionen Mark und damit das zusätzlich benötigte Geld für den Netzkauf zusammengekommen. Vor Gericht bekamen die Stromrebellen, lange nachdem sie schon die ökologische Stromversorgung in Schönau übernommen hatten, Recht: Das Schönauer Stromnetz war nur 3,5 Mio DM wert und KWR musste das zu viel verlangte Geld mit Zins und Zinseszins an EWS zurückzahlen.

Ab Juli 1997 waren die EWS Schönaus Energieversorger und boten ihren Kunden energiesparfördernde Tarife und gute Vergütungen für ökologische Stromerzeugung. Die größte Solaranlage im Ort wurde auf der evangelischen Kirche errichtet. Mit der Installation der ersten Module am Jahrestag der 1848er-Revolution ist auch eine „solare Revolution“ verbunden: In Revolutionskostümen wurden Module der vom Denkmalamt abgelehnten Anlagen unter „prophetischer Vorwegnahme der Genehmigung“ errichtet. Das Medieninteresse sorgte für ein kleines Wunder: Die Genehmigung erfolgte am gleichen Tag. Aber nicht nur in Schönau entstanden in der Folge neue Ökokraftwerke: Mit dem Förderprogramm „Sonnencent“ unterstützen die EWS mittlerweile bereits rund 2150 kleine dezentrale Bürgerkraftwerke in Bürgerhand, die nicht dem Unternehmen, sondern dessen Kunden gehören.

 

Mut zur Eigeninitiative

1998 wurde der Strommarkt liberalisiert: Seither hat jeder Stromkunde in Deutschland das Recht, selbst zu entscheiden, woher er seinen Strom bezieht. Und die EWS waren eines der ersten Unternehmen, die bundesweit Ökostrom angeboten haben. Viele Mitstreiter aus Bürgerbewegungszeiten wechselten sofort zu den „Stromrebellen“, und immer mehr Menschen entscheiden sich gerade heute für eine atomstromlose und ökologische Energieversorgung, um einen Beitrag zur proklamierten Energiewende zu leisten. Mittlerweile sind rund 142.000 Haushalte und Hunderte von kleinen und großen Unternehmen und Institutionen zu den EWS gewechselt, denen die Stiftung Warentest (2/12) im Ökostromtest ein starkes ökologisches Engagement bescheinigt.

Von einem kleinen Betrieb mit einer Handvoll Mitarbeiter hat sich die EWS zu einem mittelständischen Betrieb mit 100 Mitarbeitern entwickelt. Die Elektrizitätswerke Schönau sind ein bürgerschaftliches Unternehmen, das neben Atomausstieg und Klimaschutz die Dezentralisierung und Demokratisierung der Energiewirtschaft mit aller Kraft vorantreibt. Die EWS sind selbst aus einer Bürgerinitiative entstanden und daher wohl nicht nur der ungewöhnlichste Stromversorger des Landes, sondern auch der mit den engagiertesten und weitreichendsten Zielen. Die Elektrizitätswerke Schönau wollen nicht nur den Wechsel zu sauberem Strom ermöglichen, sie wollen den Menschen Mut machen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, zu verändern und zu gestalten. Und es gelingt: Überall in Deutschland finden sich immer mehr Menschen, die nicht nur Ökostrom beziehen, sondern selbst Zeichen setzen und Veränderungen anstoßen. 

 

Nachhaltige Energiezukunft

Über die Jahre entwickelte sich ein stetig wachsender Kreis von bundesweit vernetzten Mitstreitern, Initiativen und Umweltorganisationen, die gemeinsam mit den EWS neue Ideen und Projekte planen und in vielen regionalen und bürgernahen Aktionen verwirklichen. Die Vision einer nachhaltigen Energiezukunft wird dabei ebenso anschaulich und erlebbar wie durch die 2150 ökologischen Bürgerkraftwerke, die von den EWS bereits gefördert werden.

Der Erfolg der Projekte und die damit verbundene Medienöffentlichkeit ist auch eine wichtige Werbung für die Energiewende, denn sie hat eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Botschaft: Es kommt auf jeden Einzelnen an! Jeder kann am Umbau der Energiewirtschaft hin zu einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Energieversorgungsstruktur mitwirken und durch die vielfältigen Angebote der EWS ein aktiver Teil der Veränderung werden. Er kann mit Unterstützung der EWS in eigene Stromproduktionsanlagen investieren, sich über genossenschaftliche Beteiligungen an Strom- und Gasnetzen beteiligen oder sich in einer der vielfältigen Aktionen und Kampagnen für die Energiewende einsetzen.

Der Erfolg der EWS misst sich daher auch nur zum Teil an Zahlen von Kunden und geförderten Anlagen. Nicht messbar und bezifferbar ist die große Motivations- und Ausstrahlungskraft, die von Schönau ausgeht und in ganz Deutschland und darüber hinaus Aktivitäten auslöst.

Energieversorger zu werden war nicht geplant. Aber heute ist es ein tolles Gefühl, Vorstand der EWS zu sein und eine Aufgabe zu haben, die wirklich Sinn macht: an der Energiewende mitzuarbeiten, die Energieversorgung für heutige und kommende Generationen umweltfreundlich und unabhängig zu gestalten, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und Menschen für das gleiche Ziel zu begeistern. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass mich diese Arbeit sogar bis ins Weiße Haus zu Präsident Obama bringt, oder dass nach Fukushima beinahe wöchentlich japanische Gruppen nach Schönau kommen, um sich hier bei uns Rat und Ermutigung zu holen. Nun träume ich davon, dass die Energiewende wirklich umgesetzt wird – meinen Teil werde ich dazu beitragen.

2 Responses

  1. Daniela Kittner

    Ja Wunder,

    enstehen durch Visionen, die jedoch mit Mut, Geduld und Kampfesgeist erst zum Leben erweckt werden.

    Meine grösste Hochachtung für dieses Wunder.

    Ganz herzliche Grüsse!

    Antworten

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