Anzeige

Nicht jeder kann seinen Körper zu einer Brezel biegen und anmutig auf der Matte in den Sonnengruß gleiten. Viele, die an Yoga interessiert sind, schrecken vor einem Kursbesuch zurück, weil sie sich die körperlichen Anforderungen nicht zutrauen – vielleicht aufgrund ihres Alters, ihres Gewichts, aus Krankheitsgründen oder eventuell wegen Einschränkungen des Körpers. Stuhl-Yoga wurde genau hierfür entwickelt und holt die Menschen da ab, wo sie stehen – beziehungsweise sitzen. Roman Steiner berichtet hier von seinen Erfahrungen mit Berliner Seniorinnen und Senioren mit Yoga auf dem Stuhl.

Zu steif, zu alt, zu krank, zu schwer – all das gilt nicht mit Stuhl-Yoga, das sogar damit wirbt, dass das Verletzungsrisiko gering und die Hemmschwelle niedrig ist. Stuhl-Yoga wurde in den achtziger Jahren von Erika Hammerström entwickelt. Die gängigsten Übungen hat ihre Schülerin Edeltraud Rohnfeld systematisiert und in dem Buch „Yoga auf dem Stuhl“ zusammengefasst.

Asanas für alle

Bei Stuhl-Yoga handelt es sich um den Versuch, Asanas (Yoga-Positionen) auf eine Weise aufzubereiten, die sie körperlich eingeschränkten – oder eben älteren – Menschen, die nicht oder nicht mehr auf dem Boden üben können, zugänglich macht. Dafür werden die meisten Haltungen auf einem Stuhl sitzend ausgeführt. Auch Entspannungssequenzen finden auf dem Stuhl statt, so dass zwischen der aufrechten Sitzhaltung und einer angelehnten Entspannungshaltung variiert werden kann. Einige Übungen werden im Stehen ausgeführt. Grundsätzlich lassen sich auf diese Weise Asanas auch an Menschen mit körperlichen Einschränkungen anpassen, sogar Rollstuhlfahrer/ innen können so eine Yoga-Praxis ausüben und Nutzen aus den Übungen ziehen.

Die Übungen sind für den Menschen da

Stuhl-Yoga ist die konsequente Weiterführung eines Unterrichtsstils, in dem den Vorbereitungen und der Zugänglichkeit der Stellungen eine größere Bedeutung beigemessen wird als der minutiösen Umsetzung der klassischen Haltungen, frei nach dem Motto: „Die Stellungen sind für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für die Stellungen.“ Einige Teilnehmer/innen der Stuhl-Yoga-Kurse im Alter bis zu 103 Jahren bestätigen die häufig gemachte Behauptung, dass Yoga wirklich keine Altersbegrenzung kennt.

Sonnengruß für Senioren

Im Stuhl-Yoga gibt es viele Übungen für die Füße und Beine. „Der Mensch altert über die Beine“, wussten schon die alten Chinesen. Kraftund Kreislaufübungen wechseln sich ab mit sanften Dehnungen und Atemübungen. Die Bewegungen sind einfach. Ab und zu erkennt man eine klassische Stellung wie den Tanz, das Boot oder eine Variation der Vorbeuge wieder. Einige der Übungen lassen sich sogar zu einem Sonnengruß auf dem Stuhl zusammenfassen.

Achtsamkeit versus Wettbewerb

Die geringere Bedeutung komplexer Bewegungsabläufe wird durch erhöhte Achtsamkeit wettgemacht. Das Spüren, die Pausen gewinnen an Bedeutung. Den TeilnehmerInnen, die Körperübungen häufig mit Leistung und Wettbewerb verbinden, erscheint das zu Beginn oft komisch – nach einiger Zeit wird das Prinzip der Achtsamkeit jedoch gerne angenommen.

Gong statt OM

Außerdem kommen im Stuhl-Yoga Mudras und Mantras zum Einsatz (Hier gilt es langsam zu beginnen: „Klang“ oder „Gong“ sind zugänglicher und nachvollziehbarer als „OM“, weisen aber dieselbe Schwingungsfrequenz auf). Es kann visualisiert und meditiert werden; progressive Muskelanspannungen oder Übungen mit gedachten Widerständen – wie sie im chinesischen Yoga üblich sind – spielen häufig eine Rolle. Auch Haltungsübungen, zum Beispiel aus dem ägyptischen Yoga, sind gut einsetzbar. Für all diese Übungen gilt, dass die Bereitschaft des Lehrenden, Sinn und Zweck der Übung zu erklären, die Motivation der Teilnehmenden deutlich erhöht. Unter diesen Bedingungen dankt die Zielgruppe 65+ es dem Lehrer mit großer Zuverlässigkeit und hoher Motivation.

Bewegung im Beruf

Aber nicht nur Senior/innen oder körperlich eingeschränkte Menschen können Nutzen aus dieser Yoga-Form ziehen: Auch für Menschen, die ihren Berufsalltag hauptsächlich eingeklemmt hinter dem Schreibtisch verbringen, bieten sich die Übungen an, um so mehr Bewegung und Lockerung in den Arbeitstag einzubringen.

Honig in den Schultern

Und die Wirkung? Frau L., die seit über vier Jahren Stuhl-Yoga übt, erzählt, dass sie inzwischen oft in ihrem Lieblingscafé sitzt, die Leute beobachtet und sich vorstellt, wie sie warmen Honig durch Schultern und Arme fließen lässt, während sie mit den Füßen im Boden wurzelt. Andere Teilnehmer/innen berichten, wie sie in Augenblicken großer Angst an den Kurs dachten und ruhiger wurden. Erstaunlich ist auch, wie offenherzig und dankbar diese doch aus einer anderen Tradition stammenden Übungen – nach anfänglicher Unsicherheit – von den Senior/innen angenommen werden.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*