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Die faszinierende Lebensphilosophie der Taoisten

Einer der schillerndsten Begriffe der chinesischen Philosophie ist „WU WEI“.
Er stammt aus der taoistischen Tradition und ist daher sehr vieldeutig – woran Taoisten ein Vergnügen haben. Er kann nur schwer übersetzt werden, daher gibt die Übersetzung nur eine Umschreibung, im Deutschen etwa „Tun durch Nicht- Tun“ oder „Nichts-tun“, „Handeln, ohne einzugreifen“, „Tun durch Geschehenlassen“. Ein Begriff, der mit einem Widerspruch spielt, wie vieles aus dem „Tao Te King“ des Laotse. Ohne viele Worte zu machen, entfaltet sich spontan ein komplexes Bild verschiedener Inhalte, das zu vielen Interpretationen führt. Aber der Begriff lebt, er führt ein eigenes Leben in jeder Zeit, die ihn je nach Zeitgeist ablehnt oder aufgreift. Das Denken wird durch die immanenten Widersprüche aus seinen eingefahrenen Bahnen gestoßen, die Welt kann neu gesehen werden.

Heute, wo viele Menschen überlastet sind mit Aktivitäten in Beruf, Haus, Familie, Gesellschaft, Hobby und ein bis ins Absurde übersteigerter Ehrgeiz (Guiness-Buch der Rekorde!) als das Natürlichste von der Welt gilt, hat dieser Begriff eine besonder Faszination. Wäre es nicht toll, wenn es eine Methode gäbe, wie wir unsere tausendundeins Dinge erledigen könnten, ohne etwas tun zu müssen, einfach indem wir nichts tun? Ins Buch der Rekorde kommen, ohne etwas zu tun! Stellt man die Frage so, dann wird klar, daß es so nicht gemeint sein kann. Irgendein Tun wird schon nötig sein. Eine mögliche Auflösung des Widerspruchs erreicht man, wenn man begreift, daß ein anderes Handeln als das Übliche gemeint sein könnte.
Wenn wir etwas Schwieriges zu erledigen haben, reagieren wir leicht mit Abwehr, Ängsten, Grübeln, wir machen uns Sorgen, befürchten das Schlimmste und schieben die Sache erst einmal beiseite, solange, bis ein gravierendes Problem daraus geworden ist, das uns zu überwältigen droht. Dann geraten wir in Hektik und tun unüberlegt irgendwas, oft etwas, was uns jemand geraten hat, der uns vielleicht gar nicht kennt oder eigene Interessen verfolgt. Oder wir haben den Zeitpunkt des richtigen Handelns verpaßt. Andere haben die Initiative ergriffen, wir müssen akzeptieren, was sie sich ausgedacht haben, ob wir wollen oder nicht. Oder wir stemmen uns mit all unserer Kraft gegen das Unvermeidliche und bleiben erschöpft zurück. Oft haben wir einfach nicht den Mut, nicht zu tun, was man tut. Auf unsere innere Stimme hören wir nicht, weil wir Angst vor dem haben, was die anderen sagen oder denken könnten. Also machen wir nur, was alle tun, das normale, konventionelle, auch wenn wir dadurch unglücklich werden. Wir vertrauen nicht auf unsere innere Fähigkeit, ohne viel Grübeln spontan das für uns Richtige tun zu können. Uns fehlt der Mut zu einer wahrhaft eigenen Entscheidung.

So könnte das „Nichttun“ gemeint sein: Handle nicht so, wie man üblicherweise handelt. Strenge dich nicht auf so absurde Weise an, etwas zu erreichen, was du letztlich gar nicht willst. Es gibt Methoden, wie alles leichter geht. Handle auf andere Weise! Dort stecke alle Anstrengung hinein, dann wird es dir ganz leicht werden, die Dinge zu tun, die dir wirklich wichtig sind und du wirst sie richtig tun.

Eine erste Voraussetzung wäre, meinen die Taoisten, sich von übertriebenem Ehrgeiz, von Gier, Unersättlichkeit und Konvention, dem Üblichen zu verabschieden, insbesondere von dem Dauergefühl, wenn man das Übliche nicht tut, etwas zu verpassen.
Laotse sagt: „Deshalb sucht der Weise Freiheit von allen Begierden und mißt schwer zu erlangenden Gütern keinen Wert bei.“
Üblich ist heute, die Gier nach den Gütern anzuheizen und keine Anstrengung zu scheuen, zur Not auch illegale, um sie zu bekommen. Dazu eine andere innere Haltung einzunehmen heißt, sich gegen das Normale zu stellen, und stattdessen einen eigenen Weg zu gehen. Das kostet Anstrengung und Mühe. Hat man es aber einmal geschafft, sind viele Probleme einfach keine Probleme mehr. Mehr Reichtum, beruflicher Aufstieg, Ruhm und Geltung in der Gesellschaft, man nimmt sie hin, wenn sie kommen, man braucht sie aber nicht. Das heißt, wir haben unser Tun auf etwas anderes gerichtet.
Wir haben nicht an einem Problem, sondern an uns selbst gearbeitet und erhalten nicht eine Einzellösung, sondern die Lösung für alle Probleme dieser Art.

Wenn wir gelernt haben, uns von den Ängsten zu verabschieden, die durch Ehrgeiz, Gier, durch das, was man tut, ausgelöst werden, wird unser Leben leicht und einfach. Dann haben wir den Mut, nicht die Begierden der „normalen“ Menschen zu haben, die Dinge nicht so zu tun, wie man es tut. Laotse nennt diesen Menschen den „Weisen“.Wir müssen also nur weise werden. Das bedeutet „WU WEI“. Dann können wir handeln (wie wir wollen), ohne zu handeln (wie man es tut). Hänge dein Herz an nichts und du verlierst nichts. Einfach und wahr, aber schwer zu erreichen, doch es würde die Mühe lohnen.

Doch wir sollen nicht nur lernen, sein zu lassen, loszulassen.
Wir können auch lernen, mit den Dingen so umzugehen, daß wir sie leicht verändern können.
„Befasse dich mit den Dingen, bevor sie geschehen, bringe sie in Ordnung, bevor sie durcheinander sind“. Wieder ein Widerspruch: wie kann ich mich mit den Dingen befassen, bevor sie geschehen? Kann man aufetwas einwirken, bevor es da ist?
Laotses Antwort darauf lautet etwa: hilf den zehntausend Dingen, ihre eigene Natur zu finden und tu nicht zuviel. D.h., versteife dich nicht darauf, etwas gegen ihre Natur mit ihnen zu machen. Damit ist eine bedeutungsvolle Handlungsanweisung gegeben: tue etwas, aber tue das Richtige. Tue nicht nichts, doch tue nichts. Nämlich nichts, was nicht der Natur der Dinge entspricht. In unserer modernen und technischen Welt gibt es unendlich viele Dinge, die gegen ihre Natur eingesetzt werden (der BSESkandal ist ein Beispiel). Der Auftrag lautet also nicht, wie er gern verstanden wird: leg die Hände in den Schoß, laß den Dingen ihren Lauf und kümmere dich um nichts. Sondern: erkunde, erforsche die Lebensgesetze, die Natur der Dinge, einschließlich deiner eigenen, und wirke auf die Dinge in diesem natürlichen Sinn ein. Und wirke zur rechten Zeit auf sie ein, dann, wenn sie sich noch verändern lassen. Wenn du die Natur der Dinge kennst, kennst du auch die richtige Zeit. Man könnte sagen „Wer zu früh oder zu spät kommt, den bestraft das Leben“. So schaffst du Ordnung, eine natürliche, dem Leben abgelauschte Ordnung.
Du ruderst nicht mehr gegen den Strom, sondern läßt dich geschickt und kenntnisreich von der Strömung tragen und greifst nur dort ein, wo eine Korrektur nötig ist.

Der Auftrag lautet: erkenne die Natur der Dinge. Und erkenne deine eigene Natur, deinen eigenen Weg. Doch dies ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Spätestens hier wird klar, daß „WU WEI“ kein Alibi für Uninteressierte, Bequeme und von Gelegenheit zu Gelegenheit hopsende Zeitgenossen ist.
Mit dem „Tun durch Nichttun“ ist ein raffiniertes und durchaus anstrengendes Handlungskonzept gemeint: wir arbeiten zunächst nicht an den Dingen, sondern an uns. Wenn das gelungen ist, wird alles Handeln einfach: ein Tun ohne etwas zu tun. Und der „Erfolg“ ist gewiß, denn wir wissen, was wir tun.

Wir können erfahren: Ich bin Bestandteil des Lebens, durch mich realisiert sich Leben. Ich brauche nichts (besonderes) zu tun (als zu leben) und nichts bleibt ungetan (in meinem Leben). Vorausgesetzt ich habe diese Arbeit zuvor geleistet, meinen Weg, das Tao, in mir zu entwickeln und seine Wirkung zuzulassen. Dann wird WU WEI zur Kunst des anstrengungslosen und absichtslosen Handelns. Nur soviel wird getan, daß die Dinge sich natürlicherweise in die richtige Richtung bewegen. In gewisser Weise ist es die sublimste Form des Erledigens durch „Liegenlassen“. Man überläßt alles der Führung des Tao. Allerdings werden die zu lösenden Probleme nicht tatsächlich liegengelassen, ignoriert oder weggedrängt, sondern bewußt zur Kenntnis genommen und, ohne daran herumzugrübeln, auf geistige Wiedervorlage gelegt, nämlich dann, wenn die Situation am günstigsten ist. Ohne angestrengt darüber nachzudenken bleibt das Problem im Unterbewußtsein gespeichert, so daß Intuition, Kreativität, Phantasie und Träume, unsere natürlichen vom Denken unabhängigen geistigen Kräfte daran arbeiten können, um uns zur rechten Zeit die optimale Lösung einzugeben, die im Einklang mit der Natur, dem Gang der Dinge ist.

Alle wichtigen und bedeutsamen Probleme in unserem Leben können auf diese Weise mühelos gelöst werden. Vorausgesetzt wir haben uns der Mühe unterzogen, uns diese Prozesse durch geeignete Methoden zu erschließen. Die taoistischen Meister haben eine große Fülle ganz praktischer Methoden und Übungen auf allen Ebenen entwickelt. Denn für sie war dies eine Kunst, die höchste Kunst überhaupt, die der Selbstkultivierung. Meister zu werden in der Kunst des Fließens mit dem Gang der „zehntausend Dinge“ (Leben). Dazu bedarf es eines lebenslangen Übens mit Geduld und Disziplin in schrittweiser Annäherung an das Ideal. Wie auf jedem geistigen Weg.

Was wäre dein erster Schritt dazu?

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