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Sehnsucht nach Bindung

Immer wieder geistern Meldungen durch die Presse, in denen schockiert über Teenagerschwangerschaften, sexuelle Exzesse Minderjähriger oder Vergewaltigungen unter Teenagern berichtet wird. Der bekannte Bindungforscher Prof. Dr. Gordon Neufeld sagt, was dahintersteckt.

 

Auf einem Symposium des Familiennetzwerks (www.familyfair.de ), an dem ich als Redner teilnahm, berichtete ein Frankfurter Taxifahrer von dem, was er am Wochenende so erlebt: junge Mädchen, die ohne Slip durch die Diskotheken ziehen, Teenager, die auf dem Taxirücksitz Geschlechtsverkehr haben und sich dann beim Aussteigen nach dem Namen fragen. In meinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns“ beschreibe ich einen Vorfall, der so leider auch in Deutschland stattgefunden haben könnte: Die dreizehnjährige Jessica vertraute ihrer Freundin Stacey an, sie werde von den anderen in der Schule unter Druck gesetzt, während einer bevorstehenden Party einen Jungen aus ihrer Klasse oral zu befriedigen. »Sie sagen, ich kann so beweisen, dass ich zu ihnen gehöre«, sagte sie. Jessica selbst hatte kein sexuelles Interesse an dem Jungen, aber es reizte sie, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, denn die Frage »Wird sie es tun oder nicht?« – wurde in der Schule heiß diskutiert.

Jessica war übergewichtig und hatte noch nie zu denen gehört, die »in« waren. Stacey war angesichts der Verantwortung, ihre Freundin in einer emotional so aufgeladenen Angelegenheit zu beraten, ebenfalls verwirrt, und sie erzählte ihrem Vater von Jessicas Dilemma. Der Vater hielt es nach einiger Überlegung für das Beste, Jessicas Eltern zu informieren. Diese waren schockiert, denn sie hatten keine Ahnung gehabt. Als sie mit Jessica sprachen, war es bereits geschehen. Sie hatte nachgegeben: in diesem Fall nicht einmal, um auf die sexuellen Forderungen eines Jungen einzugehen, dem sie gefallen wollte oder zu dem sie eine Beziehung aufzubauen hoffte, sondern einfach nur, weil ihre Gleichaltrigen sie dazu überredet hatten.

 

Sex statt Nähe

Wie uns allen klar ist, geht es beim Sex selten nur um Sex, und in Jessicas Fall ganz gewiss nicht. Fast immer geht es beim Sex jedoch, in der einen oder anderen Form, um Bindung. Im Leben unserer Jugendlichen ist Sex meist ein Ausdruck unerfüllter Bindungsbedürfnisse.

Jugendliche werden immer früher sexuell aktiv. In einer im Jahr 2000 veröffentlichten kanadischen Studie wurde festgestellt, dass in den 90er Jahren 13 Prozent der Mädchen vor ihrem 15. Geburtstag Sex hatten, was im Vergleich zu einer entsprechenden Statistik aus den frühen Achtzigern eine Verdoppelung darstellt. Einzelberichten aus Kanada und den USA zufolge lassen sich sehr viele Teenager als Ersatz für Geschlechtsverkehr auf Oralsex ein, ohne überhaupt zu erkennen, dass es sich dabei um Sex handelt. »Wir beobachten eine beunruhigende Veränderung bei der Einstellung zu Oralsex, Analverkehr und allem außer dem Einen« hat Eleanor Maticka-Tyndale, Professorin für Soziologie an der Universität Windsor geäußert.

 

„Machen doch alle!“

Eine neunzehnjähriger angehender Baseballprofi wurde für schuldig befunden, Minderjährige zu sexuellen Handlungen aufgefordert zu haben, und zu 45 Tagen Gefängnis verurteilt. Der junge Sportler hatte sich von zwei Mädchen, die 12 und 13 Jahre alt waren, oral befriedigen lassen. Es gelang ihm, das Urteil erfolgreich anzufechten, indem er argumentierte, dass nicht er den Kontakt initiiert hatte, sondern die Mädchen. Und warum? Die beiden angeblichen Opfer sagten vor Gericht aus, es wäre bei ihnen unter den Siebtklässlerinnen gang und gäbe, Jungen Oralsex anzubieten. Eine von ihnen sagte, sie hätte mitgemacht, weil »alle anderen es auch taten und [sie] nicht ausgeschlossen sein wollte.«
Die allzu frühe sexuelle Aktivität führt zu einer Entwertung der Sexualität. Es gibt einen großen Unterschied zwischen sexuellem Kontakt als Ausdruck echter Intimität und sexuellem Kontakt als primitiver Bindungsdynamik. Das Ergebnis der letzteren Form ist zwangsläufig Unzufriedenheit und eine süchtig machende Promiskuität.

Jessica hatte sich emotional von ihren Eltern entfremdet. Ich konnte sie kaum dazu bringen, über ihre Eltern zu reden, und wenn sie doch über sie sprach, dann ging es einzig und allein darum, wie sie ihr Leben störten – ein Leben, das sich um ihre Gleichaltrigen drehte. Ihre Gleichaltrigenorientierung zeigte sich in ihrem unstillbaren Bedürfnis nach Akzeptanz, einer Besessenheit von Instant Messaging via Internet und ihrer tiefen Verachtung für die Werte der Erwachsenen, wie Schule und Lernen. Für sie gab es nichts Wichtigeres, als bei ihren Freunden beliebt, begehrt und gefragt zu sein.

 

Don-Juan-Syndrom bei Jugendlichen

Für Jessica war Oralsex ein gesellschaftlicher Initiationsritus, der Preis, den sie bezahlen musste, um in einen Kreis aufgenommen zu werden, dem sie unbedingt angehören wollte.

Für die vierzehnjährige Heather ging es beim Sex darum, die Jungs für sich in Besitz zu nehmen, ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung auf sich zu ziehen und die Konkurrenz auszustechen. Heather war ebenfalls ein Kind, das sich sehr stark an Gleichaltrigen orientierte; sie war sehr beliebt und ausgesprochen stolz auf ihre Fähigkeit, Jungen für sich zu interessieren. Sie wurde im Alter von zwölf Jahren sexuell aktiv, und es gelang ihr, dies vor ihren Eltern geheim zu halten. Als sie zu mir kam – sie wurde von ihren Eltern zu mir geschickt, da diese nicht mehr mit ihr zurechtkamen – war sie für ihr Alter ungewöhnlich erfahren. Sie prahlte mir gegenüber damit, wie sie, schon bevor sie auf die High School kam, gleichzeitig an drei verschiedenen Schulen nach den »schärfsten Jungs« Ausschau gehalten und diese durch ihr gekonntes, frühreifes sexuelles Verhalten für sich gewonnen hatte. Voller Verachtung sprach sie über andere Mädchen, die das nicht fertig brachten, und bezeichnete sie als dumme Verliererinnen. Sie bezeichnete einen ihrer gegenwärtigen Sexualpartner als ihren Freund, schien aber wegen ihrer Untreue ihm gegenüber keinerlei Schuldgefühle zu haben. »Wir reden nicht viel«, sagte sie, »und was er nicht weiß, kann ihn nicht verletzen«, wobei sie hinzufügte, dass es sie wirklich störte, dass er einen guten Zentimeter kleiner war als sie. »Außerdem ist der Sex mit den anderen Typen rein körperlich.« Sie bezeichnete ihren Freund als die eine Person auf der Welt, der sie sich am nächsten fühlte, aber diese Nähe schien weder emotional noch psychisch ein Gefühl der Intimität zu umfassen.

 

„Viel zu persönlich!“

Wie weit Teenager-Sex von Intimität entfernt sein kann, illustriert die folgende Anekdote von Dr. Elaine Wynne, Ärztin an einer Jugendklinik. »Eine Fünfzehnjährige kam zur Vorsorgeuntersuchung zu mir. Während der vaginalen Untersuchung erwähnte sie beiläufig, dass sie nie wüsste, ob ihr Freund beim Sex ejakuliere. Es stellte sich heraus, dass ihr dies Sorgen machte. ›Hast du dir schon einmal überlegt, ihn zu fragen?‹, sagte ich. ›Soll das ein Witz sein?‹, antwortete sie, ›das wäre eine viel zu persönliche Frage!‹«

Es ist beunruhigend mit anzusehen, wie sich Sex auf Kinder, die sich an Gleichaltrigen orientieren, auswirkt und wie sich umgekehrt die Gleichaltrigenorientierung auf die Sexualität auswirkt. Natürlich werden nicht alle an Gleichaltrigen orientierten Jugendlichen sexuell aktiv oder leben ihre Sexualität auf dieselbe Weise aus, aber sie leben in einer Kultur, die durch eine bizarr pervertierte, pseudo-weitentwickelte, unreife Sexualität geprägt ist und in der Jugendliche ihre Intimität körperlich ausleben, ohne dass sie die nötige psychische Reife haben, um mit den Folgen zurechtkommen zu können.

Der entscheidende Faktor ist nicht das sexuelle Erwachen während der Adoleszenz, sondern die Tatsache, dass an Gleichaltrigen orientierte Jugendliche sexuelle Wesen sind, die zur Befriedigung ihrer Bindungsbedürfnisse bereit sind, alle Mittel einzusetzen. Je unreifer die Jugendlichen sind, desto eher wird ihr Bindungstrieb sexuellen Ausdruck finden.

 

Sex als Alleskleber

Sex wird zu einem Instrument der Bindung zu Gleichaltrigen. Bei Kindern, die ihre Eltern durch Gleichaltrige ersetzt haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sexuell aktiv oder auf Sex fixiert sind, am größten. Wenn ihnen ein Gefühl der Intimität in der Beziehung zu ihren Eltern fehlt, suchen sie mit größter Dringlichkeit in den Beziehungen zu ihren Gleichaltrigen nach Intimität, nun allerdings über Sex anstatt über Worte oder Gefühle. Sie versuchen ihr tiefes Verlangen nach Verbindung und Zuneigung über Sex mit Gleichaltrigen zu stillen.

Teenager spielen bei der Sexualisierung ihrer Bindungen unwissentlich mit dem Feuer. Sex ist ein mächtiges Bindemittel, ein menschlicher Kontaktzement, da er ein Gefühl der Einheit und der Verschmelzung hervorruft. Egal wie kurz oder unschuldig die sexuelle Interaktion war – durch Sex wird aus den Beteiligten ein Paar. In Studien hat sich bestätigt, was die meisten von uns wahrscheinlich schon selbst festgestellt haben: dass der Liebesakt einen natürlichen verbindenden Effekt hat und im menschlichen Gehirn mächtige Emotionen der Bindung hervorruft.

 

Wenn Kinder Kinder kriegen

Wenn bei Kindern mit Gleichaltrigenorientierung zu ihrer sexualisierten tiefen Sehnsucht nach Bindung der ernstlich verbindende Effekt hinzukommt, den selbst »lockerer« Sex hat, so sind die Ergebnisse nur allzu vorhersehbar. In Ländern mit ausgeprägter Gleichaltrigenorientierung nehmen die unerwünschten Teenagerschwangerschaften extrem zu, trotz all unserer Bemühungen um Sexualaufklärung und Geburtenkontrolle. Kinder mit Gleichaltrigenorientierung sind nicht sexuell aktiv, weil sie sich lieben oder ein Baby wünschen, sondern weil sie in den Armen des anderen das suchen, was sie eigentlich in der Beziehung zu ihren Eltern finden sollten, nämlich Kontakt und Verbindung.

Erwachsene versuchen typischerweise mit der Hypersexualität von an Gleichaltrigen orientierten Jugendlichen so umzugehen, wie sie mit tyrannisierendem Verhalten und Aggression umgehen: Sie legen den Schwerpunkt auf die Interaktion zwischen den Jugendlichen und versuchen durch Ermahnungen, Belehrungen, Belohnungen und Strafen Verhaltensänderungen zu bewirken. Unsere Bemühungen sind auch in diesem Bereich fehlgerichtet, denn solange die Jugendlichen sich an Gleichaltrigen orientieren, haben wir kaum Möglichkeiten, ihre fehlgeleitete Sexualität zu korrigieren. Wir haben aber, zumindest wenn es sich um unsere eigenen Kinder handelt, viele Möglichkeiten, die fehlgeleitete Orientierung verfrüht sexualisierter Jugendlicher anzugehen. Um ihre Sexualität zu beeinflussen, müssen wir sie zunächst dahin zurückholen, wohin sie wirklich gehören – zu uns.


Abb.: © endostock – Fotolia.com
Abb.: © NorthShoreSurfPhotos – Fotolia.com

Über den Autor

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Der kanadische Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Gordon Neufeld ist einer der renommiertesten Bindungsforscher weltweit und Autor des international erfolgreichen Buches „Unsere Kinder brauchen uns!“ (Genius Verlag, 2006), aus dem dieser Text Auszüge wiedergibt. Neufelds fast vierzigjährige Erfahrung mit Kindern, Jugendlichen und den für sie verantwortlichen Erwachsenen hat er als fünffacher Vater, in seiner therapeutischen und beratenden Praxis und in der Arbeit mit straffälligen Jugendlichen erworben.

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