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Hinter der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen stehen mehr Menschen als hinter seiner gängigen Begründung. Dies rührt daher, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein Prinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist und nicht nur das einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft, wie es oft dargestellt wird. Zum bedingungslosen Grundeinkommen gehört noch eine zweite Bedingungslosigkeit: die Möglichkeit der bedingungslosen Teilnahme an der gesellschaftlichen Arbeit entsprechend den individuellen Möglichkeiten. Doch grau, mein Freund, sind alle schönen Grundsätze. Der Teufel liegt im Detail.

Freiheit der Arbeit

Die übliche Begründung für das bedingungslose Grundeinkommen lautet, dass niemand gezwungen werden soll, einer Arbeit nachgehen zu müssen, die er nicht verrichten will.(1 Zu behaupten, dass der Mensch versorgt sein müsse, um tätig sein zu können, heißt, dem Leben vorzuwerfen, dass es zum Leben gehört, sich zu versorgen, was nicht für Kinder, Kranke und alte Menschen gilt. ) Damit steht, so seltsam es auf den ersten Blick klingen mag, nicht der Versorgungsgedanke im Mittelpunkt, sondern die Freiheit. Folgerichtig hat Herr Roland Blaschke vom Netzwerk Grundeinkommen auf dem Evangelischen Kirchentag 2011 in einer Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach und Prof. Dr. Niko Paech in seltener Freimütigkeit erklärt: Wenn niemand Stoffe weben will, dann wird es auch für niemanden Kleider geben. Das sei die natürliche Schlussfolgerung aus diesem Freiheitsgedanken. (Jemanden mit Geld dazu zu bewegen, eine Arbeit zu übernehmen, die er eigentlich nicht verrichten möchte, hieße, die Freiheit zum Verkauf anzubieten. Auch dies wird leider immer wieder als Methode genannt, wenn es darum geht, Menschen für bestimmte Arbeiten „einzukaufen“, weil man auf die Früchte nicht verzichten will. Für Geld findet sich gewiss schon jemand, der Spargel sticht.)

Für viele Menschen besteht der erste Impuls darin, diesem Freiheitsideal die Notwendigkeit von Kleidern entgegenzuhalten. Doch das geht an der eigentlichen Problematik vorbei. Würde man das Freiheitsideal etwa mit der Tatsache des drohenden Winters konfrontieren, dann würde einem ganz zu Recht entgegengehalten, dass die Freiheit dem Menschen mehr wert sein kann und darf als ein warmes Kleiddungsstück. Für die Freiheit war der Mensch erfreulicherweise schon immer bereit, Opfer aller Art zu bringen (auch für manche Scheinfreiheit). Daher ist eine bestimmte materielle Notwendigkeit kein Argument gegen eine Freiheit. Zusätzlich würde in diesem Zusammenhang eingewandt werden können, wer denn wen zwingen dürfe, Weber zu werden oder zu sein, wenn nun partout keiner weben will. (Leider wird in vielen Debatten nicht zwischen antikapitalistischen Forderungen und grundsätzlichen Überlegungen unterschieden.) Man scheint somit in einer Argumentationsfalle zu sitzen, dem keinerlei Zauber innewohnt, sondern vielmehr die blanke Argumentationsnot. Wo liegt also das Problem? Die Antwort hierauf muss lauten: in der Freiheit selber.

Freiheit und Beziehungsfähigkeit

In der hier genannten Freiheit geht es um Unabhängigkeit. Man möchte frei sein von bestimmten Dingen und von den Menschen, auch möchte man zu nichts gezwungen werden können. Diese Freiheit hat ihre Berechtigung. Doch es gibt noch eine andere Freiheit, nach welcher der Mensch strebt und wonach er sich sehnt, ohne die jene genannte Freiheit nur eine halbe Freiheit ist. Es ist die Freiheit zu den Dingen und den Menschen, ein anderes Wort für Beziehungsfähigkeit. (Die Unterscheidung zwischen der Freiheit von und der Freiheit zu stammt von Erich Fromm aus seinem bekannten Werk „Haben oder Sein“)

Wenn man so will, geht es um das Spannungsfeld zwischen dem männlichen Prinzip der Freiheit, der Unabhängigkeit, und dem weiblichen Prinzip, der Beziehungsfähigkeit. Die eine Freiheit ohne die andere bedeutet entweder Macht oder aber Ohnmacht, in der allerdings auch Macht im Spiel ist, die zu Machtspielen führt. (Nicht die Industrie will Atomkraftwerke, sondern die Menschen wollen nichts anderes. Wollen ist etwas anderes als Wünschen. Als die Menschen begonnen haben, die AKW’s nicht mehr zu wollen, haben „die anderen“ begonnen, sie abzustellen. Wo kein Wille ist, da hilft auch kein System weiter. Der Kapitalismus sind wir.)

Das männliche Freiheitsprinzip besagt: Ich habe die Freiheit zu entscheiden, ob ich weben will oder nicht, unabhängig davon, ob ein anderer darauf angewiesen sein sollte. Diese Freiheit haben wir. Ohne sie werden wir zu Lakaien anderer. Die Vollmacht zu dieser Freiheit müssen wir uns selber geben. Sie wird uns von niemandem gegeben und niemand braucht sie uns zu geben, denn sonst hört sie auf, unsere Freiheit zu sein.

Das weibliche Freiheitsprinzip besagt: Ich habe die Freiheit, etwas für einen anderen Menschen zu tun, auch wenn ich diese Tätigkeit vielleicht nicht tun will und nichts dafür erhalte. Der Andere ist Grund genug für meinen Dienst am Nächsten.(Dies bildet den eigentlichen Hintergrund für die so genannten Schenkgemeinschaften.) Auch diese Freiheit gibt uns niemand, auch sie müssen wir in uns erobern. Ohne diese Freiheit treten Entfremdung und Isolierung ein und wir beginnen, mit dem Leben Geschäfte zu machen. Daher könnte man sagen: Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein männliches Prinzip, die bedingungslose Grundversorgung das weibliche Gegenstück. Beide haben ihre Berechtigung.

Der Dienst am Nächsten

Wenn wir beide Dinge miteinander verknüpfen und auch immer wieder zu trennen verstehen, dann kommen wir zu dem, was die Arbeit für den Menschen in einer Gemeinschaft an Freiheit bedeutet: Zum eigenen Dienst am Nächsten. Wir sind weder Selbstversorger noch Fremdversorger, sondern wir versorgen uns gemeinsam. Wir könnten auch von Wir-Versorgern sprechen. Der Mensch muss nicht versorgt werden, um leben zu können, sondern er lebt, um die Wir-Versorgung zum Leben zu erwecken. Daran möchte ein jeder und eine jede teilnehmen und nicht nur an den Früchten der Arbeit teil-haben.

Gesellschaftliche Arbeitsteilung heißt, auf der Grundlage unseres freien Willens ökologische und menschliche Beziehungen einzugehen. In diese Beziehungen bringen wir unsere Fähigkeiten und Interessen ein. Dazu gehört unsere Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen, und zu fordern, was immer wir wollen, soweit wir dem Leben noch nicht trauen. Nichts Menschliches ist darin unmöglich. Diese beiden Freiheiten treffen auf die gleichen Freiheiten bei unserem Nächsten. Das freie Spiel der Kräfte ist gleichsam ein menschliches Naturschauspiel. (Der Kapitalismus dagegen versteht unter dem freien Spiel der Kräfte ausschließlich das Spiel um Unabhängigkeit, nicht das Spiel um Beziehungen. Doch deshalb sollten wir das freie Spiel der Kräfte nicht verdammen, im Gegenteil: Wir sollten endlich beginnen, es mitzuspielen und den anderen Teil einbringen.)

Das Bewusstsein ist entscheidend, nicht die Spielregeln

Nun braucht jede Gemeinschaft bestimmte Spielregeln für ein solches freies Spiel der Kräfte. Bei diesen Spielregeln kann es nur um die Frage gehen, wie und nicht welche Entscheidungen getroffen werden sollen. Diese Spielregeln können und müssen immer wieder geändert und den verschiedenen Gegebenheiten angepasst werden. So haben wir in der Demokratie die Spielregel, dass bestimmte Dinge mit einer einfachen Mehrheit, andere mit einer Zweidrittelmehrheit usw. entschieden werden sollen. Wichtig ist jedoch Folgendes: Weder im politischen noch im wirtschaftlichen Leben der Menschen kann es Spielregeln geben, die für „gerechte“ Entscheidungen sorgen.

Der Mensch ist mit einem freien Willen ausgestattet. Das heißt, er muss und kann entscheiden, was er für „gerecht und ungerecht“ halten will. Die Spielregeln können uns diese Auseinandersetzung nicht abnehmen. Abstimmen genügt nicht, sondern man muss sich mit den Fragen und den Mitmenschen auseinandersetzen, damit es zu jenen Entscheidungen kommt, die wir wollen. Andere Entscheidungen wird es in keinem System geben.

Heute müssen wir nicht mehr über das Wahlrecht der Frauen diskutieren, doch die Debatte um ein gleiches Einkommen für Frauen muss noch immer geführt werden, damit endlich „positiv“ entschieden wird. Die demokratischen Spielregeln innerhalb einer Demokratie sind keine „gerechten“ Spielregeln, sondern mit ihnen entscheiden wir über das, was wir für einen bestimmten Zeitraum für „gerecht“ halten oder „schweigend“ wollen. Es kommt daher nicht so sehr auf die Spielregeln an, sondern auf das Bewusstsein der Mehrheit. So gesehen leben wir ständig in einer Demokratie. Undemokratisch ist es, wenn man Entscheidungen, die man selber für falsch hält, für undemokratisch erklärt. Das heißt, das Bewusstsein der anderen nicht zu respektieren. Akzeptieren heißt nicht hinzunehmen, sondern sich damit auseinanderzusetzen.

Gegenseitige Abhängigkeit

Nun wird in diesem Zusammenhang immer wieder vom Menschenbild gesprochen, das den „Wirtschaftstheorien“ zugrunde liegen soll. Dabei wird stets nur zwischen zwei Menschenbildern unterschieden, das dritte fällt dabei meistens unter den Tisch. Der Mensch ist weder „gut noch böse“ und er kann auch nicht zum „Guten oder Bösen“ „erzogen“ oder „gezogen“ werden, er ist vielmehr ein Werdender. Er ist jemand, der zu seinen Freiheiten (siehe oben), seinen Fähigkeiten und zu seinen Bedürfnissen finden will bzw. soll. Und hier gilt der bekannte Gedanke Martin Bubers: „Nur im Du wird der Mensch zum Ich.“ Das heißt, wir benötigen Beziehungen, und das heißt auch immer Abhängigkeiten. Das hören wir zwar nicht gerne, aber so ist es. Wer die Abhängigkeiten verdrängt, der verdrängt auch den Weg zum eigenen Ich, der darin liegt, dass wir uns mit unserem Willen und dem Willen der anderen auseinandersetzen, um zum eigenen Ich zu gelangen. Wo keine Auseinandersetzung ist, kann nur schwer Entwicklung stattfinden.

Der Mensch denkt viel zu viel über Freiheit statt über seine Beziehungen nach, die bereits in elementaren Verhältnissen sichtbar werden wie in seiner Beziehung zur Luft, die er zum Atmen benötigt: Wir sind „luft-abhängige“ Wesen. Wir können uns nicht aus der Beziehung mit der Luft, dem Wasser und dem täglich Brot herausnehmen und uns von ihr befreien. Wir können nur mit der Natur in Beziehung treten, die für uns die dazu nötigen Dinge bereithält. Innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist Arbeit Beziehungsarbeit – mit der Natur und den Menschen.

Ökonomie existiert nicht

Wenn ein Mann einer Frau einen Heiratsantrag stellt und gleichzeitig erklärt, er werde aber keine seiner Freiheiten aufgeben, so weiß sie, wenn sie mit Ja antworten sollte, welche Beziehungsarbeit ihr bevorsteht. Vor dieser Beziehungsarbeit stehen wir innerhalb des menschlichen Wirtschaftslebens, das aus den beiden genannten Beziehungen besteht und aus nichts sonst. „Die“ Ökonomie existiert nicht. Alles, was wir „Ökonomie“ nennen, ist einem theologischen Gedankengebäude gleich, das uns davon abhält, uns mit unserem Willen in das menschliche Wirtschaftsleben einzubringen und offen mit dem Willen und den Interessen der anderen in Beziehung zu treten. „Ökonomie“ ist Ökologie und Ethik. „Ökonomie“ ist kein Drittes neben Ökologie und Ethik. „Ökonomie“ sind die Rauschwaden, mit denen wir uns von unseren schlechten Umgangsformen mit der Natur und den Menschen abzulenken versuchen.

Die Frage ist nicht, ob eine bedingungslose Grundversorgung und bedingungslose Teilnahme entsprechend den individuellen Fähigkeiten der Menschen am Wirtschaftsleben möglich ist, sondern vielmehr, was uns eigentlich davon abhält, zu wollen, was wir uns wünschen. Es ist unser „ökonomisches“ Bewusstsein, das voller theologischer Spitzfindigkeiten ist, hinter dem unsere kollektiven Beziehungsängste stecken.

So unterscheiden wir zwischen Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit, statt vom Dienst am Nächsten auszugehen. So martern wir unseren Kopf mit der Frage, wie die Renten finanziert werden können, statt zu fragen, ob wir hier und jetzt produzieren können und wollen, was die Rentner – und das sind unsere Eltern – benötigen. Wir können ihnen Geld geben, damit sie kaufen können, was wir für sie produziert haben. Heute Geld sparen, um als Rentner kaufen zu können, was die Kinder später produzieren müssen, damit wir es kaufen können – das nennt man Ökonomie. Sich von derartigen Denkstrukturen zu befreien, ist dringend notwendig, um handlungsfähig zu werden. Wenn wir unseren Kindern weiterhin erzählen, dass es vom Geld abhängt, ob sie uns als Rentner versorgen können, dann liefern wir ihnen die Munition, um uns nicht versorgen zu müssen. Wir ernten, was wir gesät habe – die Früchte unseres ökonomisches Bewusstsein, Mangel im Überfluss – im doppelten Sinne des Wortes.

Eine Antwort

  1. René Wolf

    Das alles halte ich für esotherischen Unsinn.
    Was heißt „Der Kapitalismus sind wir“ ?
    Bestimmt das Bewusstsein das Sein?
    Brecht ist mir da näher:
    „Der Mensch wär´ so gern gut und gar nicht roh.
    Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

    Ich kann es mir einfach nicht schön- halluzinieren, wenn mich diese Gesellschaft zwingt, am täglichen Massenmord teil zu nehmen.
    Einfach nur dadurch, dass ich etwas kaufen muss, um leben zu können.
    Dadurch, dass 10 Prozent meiner Steuern für Rüstung missbraucht werden.
    Unser materieller Wohlstand beruht auf dem Leid anderer.

    „Es kann daher nicht darum gehen, den Kapitalismus zu bekämpfen und abzuschaffen,
    sondern es geht darum,
    die zutiefst menschlichen Werte, die dem menschlichen Marktleben innewohnen,
    zum Leben zu erwecken und auszuleben.“ Das sagt Pawelke- Klaer auf seiner Website.
    Die „zutiefst menschlichen Werte“ zeigen sich also auch darin, dass jedes Jahr- unnötiger Weise-
    so viele Menschen durch Kriege, Krankheiten und Hunger sterben, wie im gesamten 2. Weltkrieg.

    Der Kapitalismus sind wir?

    Nein, ich bin nicht der Kapitalismus! Ich bekämpfe ihn, so gut ich kann.

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