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Über den Umgang mit ’schwierigen Klienten‘

Von der Notwendigkeit, bei Training und Coaching regelmäßig in den Spiegel zu schauen. The Work of Byron Katie als Instrument für (Selbst)Supervision.

 

The Work als Coaching für den Coach

Da sitzt sie vor mir – die schwierige Teilnehmerin. Meine Herausforderung für heute. Das Seminarthema: The Work of Byron Katie. Vier Fragen und Umkehrungen von stressigen Gedanken bzw. Glaubenssätzen. Die Dame hat bereits von der Methode gehört, die sich für Coaching und Selbstcoaching einsetzen lässt. Sie kennt die vier Fragen, hat sich eingehört, eingelesen, Videos auf Youtube gesehen. Eine Kundin also (im Sinne von Steve de Shazer) – eigentlich prima, sie sollte motiviert und offen sein.
Nur: bei der Anwendung der vier Fragen hat sie schon ihren eigenen Freestyle entwickelt. Die Fragen werden eingebaut in ein therapeutisch wertvolles Gespräch und die Darlegung der eigenen, spirituell aufgeladenen Weltsicht. Hier und da ein Hinweis auf den eigenen Weg der Heilung, gewürzt mit Informationen über die bereits besuchten Kurse und ansonsten angewendete Methoden. Uffz.

Aus Sicht eines erfahrenen Coach für The Work also dringender Handlungsbedarf. Höchste Zeit, die Dame „auf Kurs“ zu bringen. Das muss viel puristischer werden. Schließlich geht es um die innere Weisheit des Klienten, die ans Licht befördert werden soll, und nicht um „Weisheitssauce“ und gute Ratschläge von außen.

Aber halt. Welche Knöpfe drückt sie jetzt eigentlich bei mir, dem Seminarleiter (bzw. dem Meistercoach, der es viel besser gemacht hätte)? Was denke ich über sie? Und welche Auswirkungen haben meine Gedanken über die Frau auf meinen Umgang mit ihr und auf die Arbeitsatmosphäre, die im Seminar entsteht?

 

Selbstcheck mit Byron Katies The Work

Also: erst mal ein Selbstcheck. Wie lief mein Seminar bisher? Nach meiner knackig klaren Erklärung der Methode habe ich zugehört, wie Frau Z eine andere Seminarteilnehmerin mit den vier Fragen gecoacht hat. Dabei ist sie mehrfach von der puren Begleitung abgewichen und in ein Gespräch mit der Klientin abgeglitten. Das „Ideal“ wäre gewesen: die vier Fragen zu stellen, die Umkehrungen bilden zu lassen, und freundlich und bestimmt immer dann zu stoppen, wenn der Klient nicht mehr die Fragen beantwortet (respektive Beispiele für die Umkehrungen findet), sondern stattdessen argumentiert, „ja, aber…“ sagt und seine stressige Geschichte „abspult“. Was ich hörte war eine Unterhaltung, in deren Verlauf meine Befürchtung wuchs, dass die Anregungen von Frau Z den Klienten weder aus seiner Opferrolle rausholen noch ihm neue Erkenntnisse bescheren würden. Eine weitere Sorge mache ich in mir aus: beide Teilnehmer werden so vermutlich nicht die Erfahrung machen, wie wirkungsvoll und elegant The Work sein kann.

Kurz und knackig finde ich den Gedanken in mir, der zu meiner emotionalen Schieflage passt:
Frau Z. ist eine Schwätzerin.

Schon klar. So darf ich natürlich keinesfalls über meine Teilnehmer denken. Ein Glück, dass ich gut erzogen bin und diesen verletzenden Gedanken für mich behalten habe. Und zudem bin ich nicht nur in The Work gut ausgebildet, so kann ich Frau Z auf Ihrer Landkarte lassen. Aber bin ich jetzt schon fertig? Der Gedanke ist nun mal da – auch wenn ich ihn jetzt wegschicken oder unterdrücken möchte. Also was nun: den Gedanken ins Exil schicken? Die Gefahr ist groß, dass dieser als Bumerang zurückkommt (bei Frau Z oder einem ähnlichen Typ Mensch), statt sich in Wohlgefallen aufzulösen. Also bekommt der Gedanke die Zeit, die er verdient. Wie ein quengelndes Kind, das erst dann Ruhe gibt, wenn es ein paar Minuten auf den Schoß durfte.

 

Ist das wahr? Die vier Fragen

In einer Seminarpause nehme ich einen Arbeitsbogen zur Hand und untersuche den Gedanken (das schnelle Urteil) über Frau Z. nun gründlicher mit Hilfe der vier Fragen und Umkehrungen von The Work.

Die erste Frage lautet: Ist das wahr?

Ich bleibe äußerlich still und werde nun auch innerlich leise – statt stumm in Gedanken vor mich hinzuzetern. In der Stille finde ich als ehrliche Antwort mein Ja. Für mich ist es so: Frau Z ist eine Schwätzerin. Ja. So erlebe ich sie.

Nun die zweite Frage: Kannst Du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Ich gehe innerlich wieder zurück in die Situation, die ich beobachtet habe. Frau Z tut was sie tut, sagt was sie sagt. Ich lausche in mich hinein. Nehme mir Zeit. „The Work is meditation.“, das sagt Byron Katie immer wieder. Nun taucht eine andere Antwort auf. Eine Instanz in mir meldet ein Nein.

Wie reagierst Du – was passiert, wenn Du den Gedanken glaubst? (Frage 3):

Frau Z ist eine Schwätzerin… Wenn ich diesen Gedanken glaube, werde ich ungeduldig, angespannt, höre nicht mehr richtig zu. Ich bin genervt. Dieser Gedanke bringt Stress in mein Leben, welches ich in diesem Moment gemeinsam mit einer Seminargruppe verbringe. Was für Bilder tauchen auf, wenn ich den Gedanken glaube? Es taucht ein Bild aus der Zukunft auf, dass das Seminar komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Ich habe als Seminarleiter versagt und sehe mich selber nach dem Seminar – allein und mit hängendem Kopf.
Wie fühle ich mich, wenn ich den Gedanken glaube – und wie agiere ich? Die Liste füllt sich schnell: kontrollierend, überheblich, zurechtweisend, respektos, verurteilend, aggressiv, von meinen Teilnehmern abgeschnitten.
Wie behandele ich Frau Z, wenn ich den Gedanken glaube? Ich werde streng, harsch und kontrolliert. Und wie behandele ich mich selber? Auch hier werde ich kontrollierend. Ich bin nicht mehr im Fluss und nicht mehr herzlich – nicht mit mir selbst, nicht mit Frau Z.

Wer wärst Du ohne den Gedanken? (Frage 4).
Ich wäre in der gleichen Situation verständnisvoller, ein besserer Zuhörer, geduldiger, interessierter, offener. Ich wäre mehr im Moment – nicht so auf dem Sprung. Ich wäre ansprechbar, gefestigt, aufgeschlossen, nicht urteilend. Ich wäre verbunden, empfänglich, wäre nicht nur bei einer Person, mehr mit der ganzen Gruppe verbunden. Ich wäre gelassener und meine Stimmung wäre heiterer.

 

The Work und die Umkehrungen

Nun kehre ich den Gedanken um und suche nach Beispielen für die Umkehrungen.

Eine mögliche Umkehrung ist: Ich bin ein Schwätzer.
Was für Besipiele dafür kann ich finden?
1. In der Tat – ich rede mehr als Frau Z (und während ich das Beispiel finde registriere ich, wie mein Ego vermeldet: Musst Du ja wohl auch – Du bist schließlich der Seminarleiter!! Recht haben ist sooo sexy. Ich schmunzele still und suche weiter.)
2. Ich habe nicht genau ihre Erfahrungen. Und gerate bisweilen ins schwätzen über meine Erfahrungen.
3. Ich komme in meinen Seminaren bei meinen Erklärungen bisweilen zu wenig auf den Punkt. Nicht alle meiner Teilnehmer können mir jederzeit folgen – hier und da gibt es Rückfragen.

Ich bilde eine weitere Umkehrung: Frau Z ist keine Schwätzerin.
Auch hier finde ich Beispiele:
1. Sie hat äußerst interessante und bereichernde Gedanken geäußert.
2. Sie hat eine ruhige und angenehme Art.
3. Sie wiederholt sich nicht.
4. Sie weiß, wovon sie redet. Sie beschäftigt sich mit verschiedenen Dingen, die ich auch nicht alle im Detail kenne.

Der Trainer ohne den Gedanken (siehe Antworten auf Frage 4) gefällt mir deutlich besser. Diese Art, mit mir selber und meinen Teilnehmern umzugehen, ist für mich professionell und angemessen. Und das fühlt sich viel besser und effizienter an.

 

Projektionen vermeiden

Nun also die Frage an die werte Leserschaft. Wann hatten Sie zuletzt einen Schwätzer im Seminar? Oder sonst einen (aus Ihrer Sicht) schwierigen Klienten?
Welche nervigen Typen kommen immer wieder zu Ihnen ins Coaching bzw. ins Training? Sind es die Alphatiere, mit denen Sie dann um die Leitung ringen (wie zwei Hirsche, die die Geweihe ineinander verhaken – der Rest der Herde kann in der Zeit ja dann grasen gehen…)?

Oder die Co-Trainer, die alles besser wissen? Oder…?

The Work bietet sich aus meiner Erfahrung an als ein effizientes Instrument, sich als Coach und als Trainer um Projektionen und Übertragungen auf den sog. „schwierigen Klienten“ effektiv zu kümmern. Byron Katie hat das „Judge your neighbor“ Arbeitsblatt entwickelt und stellt dies kostenfrei auf ihrer Webseite thework.com zur Verfügung. Damit lassen sich rund um eine Person bzw. eine stressige Situation eine Fülle an Glaubenssätzen aufspüren, die dann untersucht werden können. Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei – Ihre Kunden, Besucher und Klagenden werden es Ihnen danken.

 

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5 Responses

  1. Mylène Alt
    Ganz lieben Dank,

    lieber Ulrich, für diesen Beitrag. Ja, das kenne ich sehr gut und merci, dass du das so offen kommuniziert.

    Aufgeräumte Grüsse aus der Schweiz
    Mylène
    www.aufraeumen.ch

    Antworten
  2. David

    Super schöner Artikel und Danke für die Ehrlichkeit des Coach. Mir kommt die Situation mehr als bekannt vor und ich hatte vor kurzem im Anschluss an eine Telefon-Sitzung den Gedanken: Darf ein Coach überhaupt noch solche Gedanken haben, oder zeigt er damit Schwäche? Ist das wahr? Ich liebe The Work.
    www.theworkwithdavid.com

    Antworten
  3. Miroslav Großer

    Danke für das Teilhaben-Lassen an diesen wertvollen Selbstreflektionen. Für mich als Workshop-Anbieter sehr gut nachvollziehbar und in allen Aspekten anwendbar.

    Antworten

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