Der Verlust eines geliebten Menschen wirft viele Fragen auf. Eine Suche nach Antworten in der Trauer von Silvia Fink-Eisinger…

„Suche im Leiden den Samen deines künftigen geistigen Wachstums, sonst ist das Leben sehr bitter.“ Als ich dieses Zitat von Leo Tolstoi las, wurde mein Schmerz noch größer. Ich empfand es als Hohn, dass ich ein Samenorn suchen sollte, das mir zur Heilung und so- mit einer neuen Sichtweise auf mein Leid die- nen könnte.

Meine geliebte Tochter Tamina war mit ihren herrlichen 18 Jahren durch einen Reitunfall plötzlich gestorben. Ihr Verlust hatte eine solch ungeheuerliche Wucht in sich, dass nichts mehr seine Ordnung hatte. Und trotzdem begann der Satz Tolstois in mir zu wirken und Fragen zu erzeugen. Bedeutet das Zitat, dass es für alles eine sinnvolle Antort gibt, auch wenn immenses Leid über einen Menschen hereinbricht? Hat alles, was geschieht, einen tieferen Grund? Steht jeder und alles in einem Zusammenhang? Nie zuvor hatte ich mich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt, geschweige mich mit dem Thema auseinandergesetzt, dass meine Kinder vor mir sterben könnten.

Der Kreislauf des Lebens bedeutete für mich, dass der Mensch älter wird und sich eines Tages, nach einem erfahrungsreichen Leben, daraus verabschiedet. Dass der Lebensplan meiner Tochter früher zu Ende war als der meinige, nahm mir daher jede Zuversicht, je wieder Lebensfreude zu empfinden. Die Unfähigkeit anzuerkennen, dass eine Veränderung unwiderruflich stattgefunden hatte, zog beinahe komplett den Lebenswillen aus mir heraus. All das konnte nur geschehen, weil ich das Bewusstsein, dass ein Kommen immer ein Gehen beinhaltet, verdrängt hatte.

Leider fügen wir das Sterben nicht natürlich in unser Dasein mit ein, sondern lassen es zu einem Tabu werden. Dadurch verlieren wir auch immer mehr das Urwissen und das Urvertrauen in den Gesamt- prozess Leben, mit dem wir geboren werden. Wir trennen uns somit von der wahrhaftigen Liebe, die alles einschließt.

Lebensfragen

Wir wissen alle, dass unsere Zeit hier begrenzt ist. Unser Verhalten ist allerdings meist so, als sei unser Verbleiben auf der Erde unendlich. Wir verdrängen das Bewusstsein unserer Endlichkeit nur allzu gerne. Wir verschieben ein geplantes Wiedersehen mit einem geliebten Menschen oder setzen ein wichtiges Gespräch auf der Prioritätsiste nach hinten.

Sollte es uns dann nicht mehr möglich sein, diesem Menschen noch einmal zu begegnen, entsteht zum persönlichen Schmerz meist noch ein Schuldgefühl. Das Wesentliche, das echte Leben im Jetzt, verlieren wir dabei aus den Augen. Für jeden Menschen gibt es eine individuelle Lebensdauer. Die Geburt und das Lebensende stehen wahrscheinlich unwiderruflich fest. Das, was wir dazwischen erleben und erfahren, ist alllerdings veränderbar. Der Mensch kann sich durch Gedanken, Ansichten, Worte, Gefühle und Taten entwickeln. Ist es vielleicht sogar möglich, dass der Mensch eine individuelle Aufgabe bekommt, wenn er das Geschenk Leben erhält? Und ist seine Lebenszeit zu Ende, wenn er sie erfüllt hat? Das Ja auf diese Fragen entwickelte sich eines Tages zu meinem Glauben, und der wurde meine fundamentale Stärke. Meine Haltung bezüglich des Lebens und Sterbens hat sich seitdem grundlegend verändert.

Die Frage nach dem Warum stellt sich bei mir nicht mehr, da alles eine tiefgehende Bedeutung in sich trägt, auch wenn diese Bedeutung vielleicht auf ewig ein Geheimnis für mich bleibt. Elementar ist dagegen für mich geworden, wie ich mit dem, was mir das Leben präsentiert, umgehe. Was zu der Erkenntnis geführt hat: Die Annahme, dessen, was ist, ist die schwerste Prüfung und die höchste Kunst des Menschseins.

Wir dürfen Menschen begegnen, sie begleiten, unterstützen und verabschieden – und können sie für immer in Erinnerung behalten. Der Kern einer echten Verbindung zwischen den Menschen heißt Liebe, und die ist sogar unsterblich. Ist diese Erkenntnis in unserem Bewusstsein lebendig, können wir Menschen, die vorausgegangen sind, mit nur einem Gedanken ganz nah zu uns „herbeifühlen“. Meine Tochter ist mir auf diese Weise nur einen Schritt voraus und nur einen Gedanken weit weg. Wir sind für immer eng miteinander verbunden, da die Liebe ewig ist. Ich werde meine Tochter niemals verlieren, weil sie immer in meiner Erinnerung bleibt! Diese Einstellung lässt mich das tiefe Tal der Trauer verlassen.

Author: Oliver Bartsch

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