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Der Abschied von einem geliebten Menschen ist einer der schwersten Momente im Leben. Während dieser Zeit sind wir oft angespannt und fühlen uns gelähmt vor Schmerzen. Musik hilft diese Anspannung zu lösen und die Trauer fließen zu lassen. Seit vielen Jahren begleitet die ausgebildete Cellistin Stefanie John Trauerfeiern und Beerdigungen. Saskia Rienth sprach mit ihr darüber, wie Musik Trauernden beim Abschiednehmen hilft.

Saskia Rienth: Warum begleitest du Trauerfeiern musikalisch?

Stefanie John: Trauernde zu unterstützen und mit ihnen einen persönlichen und würdevollen Abschied zu gestalten gibt mir ein gutes Gefühl. Für mich gehört das Sterben als natürlicher Teil zum Leben dazu. Ich fühle mich auch geehrt, in diesem intimen Moment dabei zu sein, und freue mich, wenn dann durch die Auswahl der Stücke eine ganz individuelle Zeremonie entsteht. Vor allem während der freien Improvisationen kann ich mich ganz auf die Stimmung vor Ort einlassen. Musik kann mehr als nur einen feierlichen Rahmen bilden. Sie gibt Raum und Zeit für die oft widersprüchlichen Emotionen, die auftauchen können. Victor Hugo hat mal gesagt: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Schöner könnte ich das nicht beschreiben.

 

Jede Beerdigung ist persönlich – wie sehr gehst du auf individuelle Wünsche ein?

Stilistisch bin ich sehr offen: Ob ein Tango, „Stairway to heaven“ oder „Hinterm Horizont“ von Udo Lindenberg – wichtig ist mir, dass es einen Bezug zum Verstorbenen gibt und eine Umsetzung für mich musikalisch vorstellbar ist. Es ist auch möglich, dass ich Melodien in freie Improvisationen einfließen lasse. Eine besondere Herausforderung und auch meine Spezialität ist es, Songs oder Orchesterwerke für ein Solocello zu arrangieren.

 

Wie bereitest du dich auf so eine Trauerfeier vor?

Die Angehörigen, die sich mit mir in Verbindung setzen, erzählen mir meist im Vorgespräch von den musikalischen Vorlieben des verstorbenen Menschen. So bekomme ich einen ersten Eindruck. Manchmal gibt es ein Stück, welches in der Familie eine Tradition hat. Auf einer Trauerfeier für einen Großvater war das die neunte Sinfonie von Beethoven. Deren Aufführung hat er mit seinen Enkeln jedes Jahr besucht. Oder es gibt Lieder, die für die Erfahrungen einer ganzen Generation stehen, wie „Sag mir wo die Blumen sind“. Solch eine Melodie kann zum Ausgangspunkt für eine Improvisation werden.

Manchmal entwickle ich die Musik aber auch komplett aus dem Moment heraus. Auf jeder Beerdigung wird ja das Leben der Persönlichkeit geschildert – oft ist ein Bild aufgestellt – da erhalte ich viele Informationen über die Wesenszüge dieses Menschen. Auch die Art der Gestaltung der Reden und weiterer Beiträge und der Umgang der Angehörigen untereinander erzeugen eine ganz eigene Stimmung, die mich inspiriert.

 

Wie wirkt deine Musik auf Trauernde, gab es da Rückmeldungen?

Ja, da gab es einige. Die Rückmeldungen haben mich sogar erst dazu bewegt, aktiv Trauermusik anzubieten. Mein Spiel wird allgemein als sehr wohltuend und harmonisierend empfunden. Manches Mal werden erst in diesem Moment des Innehaltens Emotionen berührt und Trauer kommt hoch, weil sich die Menschen von den Klängen getragen und getröstet fühlen. Die Trauer zuzulassen ist ja wichtig für den Prozess, den Verlust zu verarbeiten und das seelische Gleichgewicht wiederzufinden. Das improvisatorische Untermalen finden auch viele hilfreich während der Beisetzung und den Beileidsbekundungen. Statt bedrückender Stille schafft die dezente Musik eine entspannte und gleichzeitig gefühlvolle Atmosphäre.

 

Wie sehr nimmt dich so eine Beerdigung emotional mit?

Ich bin oft sehr berührt, weil ich trotz all des Schmerzes und der Trauer die Liebe im Raum spüre. Mich macht das dankbar für das große Geschenk Leben

www.stefaniejohn-cello.de

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