Traumaheilung und Menschenwürde gehören zusammen. Ein tief verwundeter Mensch benötigt erfahrungsgemäß vor allem eines, damit das alte Trauma schrittweise ausheilen kann: Neue, vertrauensvolle Lebenserfahrungen, die ihm seine menschliche Würde zurückgeben. 

Von Lena Grabowski

Der Begriff Trauma entspringt dem Griechischen und heisst wörtlich übersetzt „Verwundung, Verletzung“ oder auch „Niederlage“. Und so ähnlich empfinden es viele Überlebenskünstler: Das Trauma legt ein tiefes Empfinden frei, im Leben versagt zu haben und es nicht wert zu sein, etwas besseres, zuweilen auch würdevolleres zu erfahren. Ein Trauma kann durch unterschiedliche Einwirkungen entstehen. 

Traumaformen

Im Kinderschutz werden Traumatisierungen in diverse Bereiche unterteilt, um eine halbwegs klare Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung vornehmen zu können. Dazu zählen die körperliche Misshandlung, die seelische/psychische Misshandlung, Formen der Vernachlässigung, sexualisierte Gewalt, die Auswirkung von psychischen Erkrankungen von Bezugspersonen auf ihre Kinder, kindliche Zeugen von Gewalt unter Bezugspersonen oder auch hohe Streitigkeit unter Eltern. Bei jeder Form von Gewalt haben wir jedoch immer mit einer seelischen Verwundung zu tun. Diese Verwundung ist meist tief vergraben und wirkt von dort aus den meist unbewussten Schichten. 

Desweiteren wird ein Entwicklungstrauma von einem Schocktrauma unterschieden, wobei Erstgenanntes eine sich wiederholende traumatisierende Dynamik über einen längeren Zeitraum in der kindlichen oder jugendlichen Entwicklung darstellt. Und ein Schocktrauma ist meist ein einzelnes, tief wirksames traumatisches Ereignis für einen Menschen. Ein Entwicklungstrauma kann sich beispielsweise durch eine jahrelange bindungslose, vernachlässigende Haltung der Eltern oder auch durch jahrelange körperliche Gewalt am Kind entwickeln. Ein Schocktrauma kann durch den plötzlichen Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder durch eine Unfallkatastrophe entstehen. 

Ob und wie ein Mensch seine traumatisierenden Erfahrungen verarbeiten kann, hängt von diversen Faktoren ab. Hierbei spielt die Resilienz eine Rolle, die sich aus dem lateinischen Verb resilire ableitet und „zurückspringen“ oder „abprallen“ bedeutet. Die menschliche Resilienz setzt sich aus unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen. Hierzu zählen eine situative Verhaltensanpassung mit entsprechenden Bewältigungsstrategien (Coping), seelische Ressourcen zur Verhandlung und Verarbeitung des Ereignisses sowie ein natürlich angelegtes Verantwortungsbewusstsein, die lebensverändernden Konsequenzen, die sich meist aus traumatischen Ereignissen ergeben, tragen zu können. Auch ein tiefer Glaube an eine höhere Instanz und der Zugang zu einer erweiterten Sichtweise auf das Leben kann bei der Verarbeitung von Traumata eine entscheidende Rolle spielen. 

Dem Bestreben unseres Immunsystems ganz ähnlich, bestmöglich mit der Umwelt zu interagieren und zu kooperieren – um die Gesundheit und das eigene (Über)-Leben zu sichern – tragen wir eine seelisches Tendenz in uns, „uns selbst zu organisieren, zu erhalten und stetig weiter zu entwickeln“. In der Humanistischen Psychologie wird dies als Selbstaktualisierungstendenz beschrieben. Dies besagt, dass unser Organismus von einer einzigen zentralen Energie, der angeborenen Tendenz zur Selbstaktualisierung, Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, gesteuert wird. Die Selbstaktualisierung ist somit das grundlegende Motiv für das Tätigwerden des Menschen, um Autonomie und Selbstständigkeit zu erlangen, wobei er dabei eine zunehmende Bereitschaft entwickelt, sich für jede Art von Erfahrung zu öffnen und sich und andere so anzunehmen, wie sie sind.

Traumaheilung und Menschenwürde

Wer sich mit dem Leben bewusst auseinandersetzt, ahnt vielleicht, dass wir mit der Geburt nicht unbedingt in einem vollkommenen und friedvollen Paradies landen. Wir münden in einem bunten und lauten Leben, einem komplexen und facettenreichen Wunderwerk, das aus vielzähligen Systemen besteht, in denen wir uns behaupten und mit denen wir uns zuweilen auch arrangieren müssen. Die einen werden in Kriegssituationen hinein geboren und kämpfen von Geburt an um ihre existenziellen Bedürfnisse, die anderen in einen sozialen Brennpunkt mit erschwerten sozialen Rahmenbedingungen. Manche andere wiederum wachsen im Wohlstand auf, müssen jedoch ihre Eltern aufgrund hoher Arbeitsbelastungen häufig entbehren und zuweilen auf eine emotionale Bindung verzichten. 

Jenseits der unzähligen positiven und ressourcenvollen Erfahrungen, die bei jedem Menschen auf seinem Lebensweg stets zu finden sind, geht bei Traumatisierung ein besonderer Prozess vonstatten: die menschliche Würde kann bei Gewalterfahrungen zutiefst verletzt werden und der Blick auf etwas Gutes und Positives im Leben kann dabei stark in den Hintergrund rücken.

Je jünger der Mensch, umso stärker die Verletzung

Je jünger ein Wesen ist, umso unschuldiger, zierlicher und abhängiger ist es. Und umso mehr ist es auf einen zutiefst würdevollen und liebenswerten Umgang angewiesen. Insbesondere im pränatalen Zeitraum (Schwangerschaft), als auch in den – wie in der Psychologie häufig zitierten – ersten drei Lebensjahren brauchen die jungen Menschen Schutz, Geborgenheit, Zuwendung, Nähe und Bindung zu den wichtigsten Bezugspersonen. Um ein Gefühl von innerer Sicherheit und Stabilität entwickeln zu können. Und sie benötigen all diese Vertrauen gebenden und würdevollen Erfahrungen, damit sich ein echtes Urvertrauen in das Leben entfalten kann.

Bei Traumatisierungen werden diese substanziellen Erfahrungen sowie ihre Bedürfnisse danach in einen unbewussten Urgrund allen Seins verschoben und fallen dort in einen tiefen Dämmerschlaf, sofern sie nicht regelmässig berührt und als leibhaftige Erfahrung geweckt werden. Es werden stattdessen entwürdigende Spuren in Seele und Körper sowie nachweislich im neuronalen Netzwerk hinterlassen (dies ist als ganzheitlicher und parallel verlaufender Prozess zu begreifen). Gefühle wie „ich bin nichts wert“, „ich habe es nicht besser verdient“, „das Leben hat mich vergessen“, Schuld, Scham, Angst, Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, Resignation, Einsamkeit, Isolation und mehr reifen in dieser Verwundung heran und regen sich – bewusst, teilbewusst oder zutiefst unbewusst – im menschlichen Gemüt. 

Die Überlebenskünstler 

Je nach Resilienz und stärkenden seelischen Anlagen kann die Traumatisierung, dank unseres Überlebenswillens, entweder noch rechtzeitig verdaut werden und ist im Verlauf nur noch als Narbe zu erkennen und hat das eigene Leben und Weltbild in eine neue, möglicherweise sogar positive Bahn gelenkt. Oder sie wird – auch dem Überlebenswillen sei Dank – zunächst tief verdrängt und meldet sich, in zahlreichen Erkrankungsformen zum Ausdruck gebracht, zu einem späteren Zeitpunkt im Leben wieder. Hierzu zählen Posttraumatischen Belastungssymptome, Dissoziationsstörungen, Depressionen, Autoimmunerkrankungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch im Kontext von Krebserkrankungen (die auch als Autoimmunerkrankung gelten), sind Traumatisierungen in der Biografie zu finden und verweisen in der therapeutischen Begleitung nicht selten auf einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und das traumatische Erleben hin.

Wer sich mit Psychosomatik, Psychoneuroimmunologie und Epigenetik auseinandersetzt und bereit ist, den Menschen in seiner Gesamtheit zu betrachten und anzuerkennen (so wie es die Chinesische Medizin und andere altehrwürdige Heilkunden seit Jahrtausenden erfolgreich tun), kann einen Zusammenhang zwischen den ursprünglichen Erfahrungen und den körperlich-seelischen Ausdrucksformen erkennen. 

Was ich persönlich in Menschen mit Traumatisierungen sehe: sie alle sind wahre Überlebenskünstler, die wie Sisyphus immer und immer wieder einen großen runden und schweren Stein – in diesem Fall hinter sich herziehen. Und aus irgendwelchen Gründen einfach nicht aufgeben, auch wenn es ihnen mehrmals durch´s Gemüt weht und sie am Liebsten alles hinwerfen würden, einschliesslich ihr eigenes Leben. Es beeindruckt mich zutiefst, dass gerade diese Menschen, die zum Teil unendlich schreckliche Erfahrungen gemacht haben, bestrebt sind, immer weiter zu gehen, trotz massiver Symptome und einem enormen Leidensdruck. 

Trauma in Krisenzeiten

Bei traumatisierten Menschen haben wir es oftmals mit besonders dünnen Nervenkostümen zu tun, sie können mit gesteigerten angstvollen Gefühlen auf eine unsichere Zeit wie beispielsweise diese Corona-Krise reagieren. Selbst bei nicht traumatisierten Menschen treten seit 2020 vermehrt diffuse Ängste, dissoziative Reaktionen, Panik- und Angstattacken sowie extreme Unsicherheiten auf, wie ich es in meiner Praxistätigkeit immer häufiger erlebe. 

Die Diversität der individuellen Weltbilder und Sichtweisen auf die Krise, die unterschiedlichen Umgangsformen mit dieser sowie die staatlich angeordneten, zum Teil isolierenden Auflagen haben zudem ihre Finger in die tieferen Wunden gelegt und berühren auf eine sehr unangenehme Weise die Verletzlichkeit unseres Menschseins. 

Dies möchte ich anhand eines Beispieles etwas näher beschreiben: Hat ein Mensch in Form eines Entwicklungstraumas häufig körperliche Gewalt erlebt, der er nie aufgrund seiner kindlichen Abhängigkeit zu den Bezugspersonen entkommen konnte, können sich Gefühle wie „ausgeliefert sein, Hilflosigkeit, Ohnmacht, „es gibt kein Entrinnen“ und Ähnliches in die menschliche Seele eingravieren. Wird diesem Menschen seine zuweilen mühsam entwickelte Lebensstruktur, die seinem Leben bislang etwas Halt gegeben hat, nun vollkommen entzogen, wird er zudem in seinem eigenen Zuhause zur Isolation aufgefordert, kann er seinen ihm sonst kraftspendenden Aktivitäten nicht nachgehen, und besteht die Gefahr den Arbeitsplatz zu verlieren oder hat er diesen bereits verloren, kann dies sein gesamtes Innenleben überfordern. Und seine bisher gestaltete Welt, die ihn zunächst getragen hat, zum Zusammenbruch führen.

Obwohl ich eine Affinität zu den Potenzialen von Krisen und Wandlungssituationen bin, meinen Blick so gut es möglich ist auf das Bestmögliche lege und zutiefst an Menschen und ihre Kräfte glaube, so sehe ich doch, vor welch extremen Herausforderungen gerade so viele Menschen stehen. An dieser Stelle wird bei mir nicht nur ein Gefühl für das Zitat „Krise als Chance“ ausgelöst, sondern vor allem ein traumawürdiges und noch  mitfühlenderes Verständnis für all jene, die sich gerade neben ihren existenziellen Ängsten und zukunftsbezogenen Unsicherheiten sämtlichen brodelnden inneren Themen stellen müssen und dabei nicht selten in eine Überforderung geraten. 

Traumakompetente Unterstützung

Menschen, die zum Teil erstmals ihren bislang unbewussten Gefühlen begegnen müssen, empfehle ich eine fachlich kompetente und angemessene Begleitung. Selbst wenn diese aus eigener Hand finanziert werden muss, lohnt es sich für einige Sitzungen eine traumakompetente Unterstützung anzunehmen. 

In dem Artikel „Traumatherapie in der Corona-Krise“ haben wir eine Liste mit kompetenten Beratungszentren und Traumatherapeuten sowie einen akuten „Notfallplan“ für den Umgang mit Traumasymptomen angelegt. 

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*