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Indianische Stammeskulturen zeigen: Geschlecht ist eine Frage der Sichtweise

Soziale Arbeiten sind Frauensache, Kriegswesen und Planung – natürlich – männliches Ressort. Doch ist es wirklich so simpel? Schon vor Jahrhunderten war bei den Ureinwohnern Amerikas ein drittes Geschlecht bekannt und akzeptiert, das von der heterosexuellen Norm abwich und nicht als „krank“, sondern sogar als spirituell besonders begabt galt.

Schockierend musste für die braven europäischen Einwanderer in Nord- und Mittelamerika die Begegnung mit einer Form der menschlichen Existenz sein, für die es in den europäischen Sprachen bis heute keine wirklich passende Begriffsapparatur gibt: Die Ureinwohner Amerikas nämlich kannten mehr als zwei Geschlechter: Je nach Ethnie ein drittes, oft auch ein viertes, also etwa Männer, Frauen und ein Drittes. Oder aber männliche Männer, weibliche Männer, weibliche Frauen und männliche Frauen.

Diese Geschlechterordnungen definierten sich in erster Linie über individuelle Neigungen zu einem Rollenverhalten, das sich mit »cross gendered« vielleicht am besten beschreiben lässt. Wer als »biologischer Knabe« besondere Affinität zu als weiblich definierten Arbeiten zeigte, wer als »biologisches Mädchen« Talente auf männlichen Arbeitsfeldern zeigte, wuchs selbstverständlich in eine Geschlechterrolle hinein, die auf Ojibwa »niizh manidoowag«, two spirit, genannt wurde. Eine Rolle, die sich primär auf die soziale und kulturelle Dimension von Geschlecht, oft aber auch auf Sexualität bezog. Festgelegt auf zwei Geschlechter und Heterosexualität waren die europäischen Kolonisten weniger feinsinnig in ihrer Wortwahl: In zwangsläufiger Verkennung des Phänomens bezeichneten sie die two spirit people mit dem aus dem Arabischen Raum entlehnten Begriff »Berdache« (Lustknabe /Prostituierter) und sahen in dem Tatbestand ihrer Existenz nur einen Beweis mehr für die Minderwertigkeit der amerikanischen Ureinwohner.
Anders als die Europäer jener Epoche vermochten die »Indianer« offenbar biologisch-sexuelle und ökonomisch-sozial-kulturelle Geschlechtlichkeit voneinander zu trennen. Und wiewohl die Mehrzahl aller »Berdaches« in Partnerschaften mit »biologisch«, nicht aber sozial-kulturell(!) gleichgeschlechtlichen Menschen lebten, wäre es falsch, die two spirit people nur unter dem Aspekt ihrer sexuellen Orientierung zu betrachten.

 

Die Verbindung zum Göttlichen

Weil ihre transgender-Identität häufig in Zusammenhang mit besonderen Talenten auf den Aufgabengebieten des jeweils biologisch anderen Geschlechts lag, kam jenen, die diese Identität lebten, besondere ökonomische und soziale Bedeutung im Kontext der Stammeskultur zu. Und nicht nur das: Da der Geschlechtsrollenwechsel in zahlreichen indianischen Ethnien als Resultat der Einwirkung übernatürlicher Kräfte gedeutet wurde, galten die Individuen oft als Verbindungsträger zum Übersinnlichen. So galten etwa den Lakota die Mann-zu-Frau-»Berdaches« als heilige Wahrsager, bei den Crow bekleideten viele von ihnen heilende Funktionen und bei den Cheyenne leiteten sie den Skalp-Tanz. Die Frau-zu-Mann-Individuen indessen wurden häufig als besonders erfolgreiche Krieger verehrt und konnten in einer Reihe von Ethnien die Rolle des Häuptlings (woman chief) übernehmen.

 

Das dritte Geschlecht heute

Die Geschichte indianischer Geschlechterkultur ist durch die Kolonisierung Amerikas gewaltsam beendet worden. Häufig verachtet von einer zunehmend von europäischen Normen geprägten Umwelt, sind die letzten »Berdaches« noch vor dem Zweiten Weltkrieg in den Reservaten gestorben. Die Rolle der transgender-Indianer beschäftigt gleichwohl heute noch populäre wie wissenschaftliche Diskurse: Vor allem schwullesbische Indianerorganisationen erklären die two spirit people heute gerne zu den ersten Schwulen und Lesben Amerikas und versuchen mit Hilfe des »Berdache«-Konzeptes den freieren und humaneren Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität in den alten Stammeskulturen zu belegen. Völlig schlüssig ist dies freilich nicht, denn im Kontext der Indianerkultur galten two spirit people nicht im heutigen Wortsinne als queer, sondern als durchaus straight, hatten sie doch einen sozialkulturellen Geschlechterwechsel vollzogen. Mit einiger Mühe versuchen Kulturanthropologen heutzutage zu rekonstruieren, was gewesen und verloren gegangen ist. Was sich aus derlei Forschung lernen lässt, ist, dass scheinbar »natürliche« Kategorien wie Sexualität und Geschlechtlichkeit kulturell gemacht und somit formbar sind, und dass menschliches Sein und Anderssein sozial und kulturell unterschiedlich bewältigt werden können. Einsichten, die nicht nur dazu anregen können, unsere Bewertungen abweichender Lebensentwürfe kritisch zu reflektieren, sondern auch eigenes Sosein selbstbewusst neu zu verorten.


Abb.1: Pine Leaf, „woman chief“ des Stammes der Crow. Aus: „The Life and Adventures of James P. Beckwourth“, edited by Thomas D. Bonner, Harper & Brothers Publishers, New York, 1856

Literatur zum Weiterlesen:

Sabine Lang: Männer als Frauen – Frauen als Männer: Geschlechtsrollenwechsel bei den Indianern Nordamerikas. Hamburg
(Waabasbah) 1990

Will Roscoe: The Zuni Man-Woman. Albuquerque (University of New Mexico Press) 1991

Will Roscoe: Changing Ones: Third and Fourth Genders in Native North America. Palgrave (St. Martin’s Press) 1998

Über den Autor

Avatar of Dr. Peter F. N. Hörz

studierte Empirische Kulturwissenschaft/Volkskunde und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Tübingen und Wien. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Arbeit und Ökonomie, jüdische Kultur sowie Geschlechterforschung.

3 Responses

  1. Sonja

    Danke für diesen Artikel. Ich würde so gerne mehr darüber erfahren. Dagegen sind doch die ach so aufgeklärten westlichen Gesellschaften, von anderen ganz zu schweigen, Lichtjahre von dieser Normalität entfernt. Dieser Teil der Geschichte, die ohnehin überwiegend eurozentrisch betrachtet wird, zeigt einmal mehr die unwissende arrogante Ignoranz der selbsternannten „Herrenmenschen“, die heute nicht von ungefähr eben von Nordamerika wieder zurückschlägt.

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  2. Josephine Schwarzer

    Whow, das ist so schön zu lesen, wenn man wie ich selber Transgender ist. Ich fühle mich als Frau, will aber meinen Schwanz behalten, somit bin ich eine Minderheit in der Minderheit. Aber ich fühle mich gut so, wie ich bin, das ist die Hauptsache.

    Es ist doch interessant, dass viele Völker geschichtlich gesehen teilweise genauso offen oder offener waren bzgl. der Geschlechtsdefinition. Vielleicht ist ja doch etwas dran, dass wir alle ursprünglich mal eingeschlechtlich waren?

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  3. Sofie Sibler

    Wissen Sie, ob es in der europäischen Kulturgeschichte etwas wie two spirit gegeben hat? Sie haben in Wien studiert. Dort gibt es den ersten Lehrstuhl für Keltologie. Oder im frühen Mittelalter. Das wäre bedeutend.
    Ich habe Zeit. Es ist Zeit. Ich bin bereit, zu recherchieren. Aus eigenem Anliegen. Wir müssen aufwachen. Schreiben Sie mir, wenn Ihnen die Sache etwas bedeutet, nicht rein akademisch.

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