Wohnen ist ein Menschenrecht – ein Kiez trauert um einen Nachbarn, der nach seiner Zwangsräumung im Mai 2021 sein Leben verlor…

von Lena Grabowski

Am Sonntag, den 27. Juni 2021 drückten Kreuzberger Nachbarn und andere erschütterte Menschen ihr Mitgefühl für Peter H. aus, der sich nach seiner Zwangsräumung Ende Mai 2021 das Leben nahm. Und zeitgleich wurden Gefühle der Wut und der Verzweiflung über das Prinzip der Enteignung, der Verdrängung aus Wohnraum und Wohnraum zu Kapitalanlagen zu machen zum Ausdruck gebracht. Dieser Trauerzug erinnert uns alle daran, dass Wohnen ein Menschenrecht ist.

Wohnen ist ein Menschenrecht

Im April 2019 gab es eine große Mietenwahnsinn – Demonstration mit über 40.000 Teilnehmern allein in Berlin. Damit wude erstmals in der Größe und Vehemenz ein Thema auf die Straße gebracht, das uns alle schon seit langer Zeit immer massiver betrifft: Die Verdrängung aus Wohnungen bei explodierenden Mieten.

Davon sind nicht nur Menschen in Berlin betroffen. Auch Dresden, Leipzig, Frankfurt, München, Hamburg oder Köln müssen mit diesen erschwerten Bedingungen umgehen, um nur einige Städte in Deutschland zu nennen. Es ist zu einem weltweites Problem herangewachsen, denn auch in anderen Ländern und Städten kämpfen Menschen um ihr Recht auf bezahlbaren und angemessenen Wohnraum. Manche führen Prozesse und kämpfen mitunter erfolgreich um ihr Zuhause. Andere wiederum geben auf und ziehen freiwillig an die Stadtränder und geben ihr gewohntes Leben auf. Andere wiederum kämpfen und bleiben im Widerstand, bis sie zwangsgeräumt werden. Und etliche finden erst gar keinen bezahlbaren Wohnraum. Selbst die Zahl an Obdachlosen ist gestiegen, darunter befinden sich zunehmend mehr junge Menschen unter 30 Jahren als noch vor 10 Jahren.

Ganz besonders betroffen vom Mietenwahnsinn sind Alleinerziehende, Rentner*innen, von Rassismus betroffene Menschen, Migrant*innen, Geflüchtete, junge Erwachsene, Studenten und Auszubildende und natürlich alle Menschen mit einem geringem Einkommen.

Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht. Dies ist festgelegt in Artikel 11 des Internationalen Pakts über soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte. Der Artikel 11 besagt, dass jeder Mensch ein Recht auf angemessenen Wohnraum hat. Doch mittlerweile ist es in vielen Ländern, insbesondere in großen Städten für viele Menschen schwer geworden, bezahlbaren Wohnraum in geeigneter Größe und Ausstattung zu finden.

Wohnen ist keine Ware – Menschen sind es ebensowenig

Explodierende Mieten sind das Ergebnis einer finanzmarktorientierten und kapitalistischen Wohnungspolitik. Das Recht der Immobilienkonzerne, hohe Profite mit kleinem Wohnraum zu erwirtschaften, wird dabei höher eingeschätzt als das Menschenrecht auf angemessenen und bezahlbaren Wohnraum.

Mieten – Beispiele: Bei Immobilienscout wird beispielsweise eine 1 – Zimmer Wohnung in Kreuzberg bei einer Größe von 52 qm für 990,- Kaltmiete angeboten. Die Warmmiete liegt bei 1200,- Euro. Eine weitere möblierte 1 – Zimmer – Wohnung bei einer Größe von 31qm wird für 899,- Euro Kaltmiete. Eine 2 – Zimmer – Wohnung bei einer Größe von 68 qm wird für 1.069,- Kaltmiete angeboten. Die Warmmiete leigt bei 1329,- Euro.

Einkommens – Beispiel: Aus einem Datensatz von etwa 3600 Erziehern in Berlin in diversen Altersstufen und mit unterschiedlichen Tarifverträgen wurden Durchschnittswerte ermittelt. Das errechnete Brutto – Durchschnittsgehalt einer beispielsweise unverheirateten Erzieherin ohne Kinder mit etwa 10 Jahren Berufserfahrung liegt bei 2.413,35 Euro. Nach Abzug aller Steuern und Sozialabgaben bleiben 1.614,35 Euro Netto übrig. Zieht diese Erzieherin in eine der oben genannten Wohnungen ein, bleiben ihr im Wohnungs – Beispiel 1 exakt 414,35 Euro zum Leben übrig. Dieses Geld fliesst mit großer Wahrscheinlichkeit in lebenserhaltende Maßnahmen wie Nahrungsmittel. Oder in weitere laufende monatliche Kosten wie Telefon, Strom etc.

Dieser Mensch hat keine Möglichkeit Rücklagen zu bilden. Zu reisen oder sich Hobbies zu finanzieren. Seine soziale Teilhabe wird dadurch massiv eingeschränkt. Zwar sind zu geringen Prozentsätzen steigende Löhne zu erkennen. Doch gleichermassen steigen sämtliche Lebenshaltungskosten. Die Menschen stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie haben auf Dauer schlichtweg keine Chance, sich ein menschenwürdiges Leben in den Städten aufzubauen oder dieses zu erhalten.

Wir alle sind betroffen

Peter H. war einer von diesen Mietern, der von einem profitstrebenden Menschen in eine für ihn ausweglose Situation „getrieben wurde“. Hinter dieser Vorgehensweise verbarg sich kein Immobilienkonzern, sondern nur eine Eigentümerin, die eine Etage in seinem Haus gekauft hatte. Sie kündigte der Familie, die in der benachbarten Wohnung lebte, und Peter H.

Peter H. war alleinstehend, lebte seit den 80er Jahren in Berlin. Er war zeit seines Lebens als Musiker tätig. In dieser Wohnung lebte er seit 40 Jahren, hier wollte er in Ruhe alt werden. Seite an Seite mit seinen Nachbarn. Seite an Seite mit seinen Freunden im Kiez. Jahrzehntelang lebte er in vertrauensvollen Zusammenhängen, die ihm mit der Kündigung auf Eigenbedarf genommen wurden.

Zu Beginn kämpfte er alleine für sein Recht auf Wohnraum. Die Eigentümerin drohte in letzter Konsequenz mit Zwangsräumung. Die jahrelange Auseinandersetzung, der Kampf um sein Zuhause und das erschütternde Gefühl, seine Wurzeln sowie seine gesamten sozialen Zusammenhänge aufgeben zu müssen, stürzten Peter H. in eine tiefe Verzweiflung und Ohnmacht.

Ohne Peter H. eine entsprechende psychologische Betreuung während dieser Prozedur zukommen zu lassen, verkündete ihm der sozialpsychiatrischen Dienst lediglich, dass er in nur wenigen Tagen seine Wohnung zu verlassen habe. Und alles Hab und Gut aus seiner Wohnung geräumt werden würde. Für Peter war dies sein persönliches Todesurteil, und er nahm sich daraufhin das Leben.

Mit diesem Text möchten wir einem Menschen gedenken, der wie so viele andere Menschen auch in Ruhe in seinem sozialen Gefüge und in seinem Zuhause alt werden wollte. Mit seinem Suizid macht er auf die sozialpolitischen Mißstände in unserer Gesellschaft aufmerksam. Wohnen ist ein Menschenrecht und MUSS sobald als möglich aus dem kapitalistischen Kontext herausgelöst werden.

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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Eine Antwort

  1. Holger Roloff
    Öffentliche Aufgabe!!!

    Toller Artikel!!! Vielen Dank!

    Wohnen sollte politisch gesehen eine öffentliche Aufgabe sein, so wie Straßenbau. Warenförmig geht das nicht. Den bürgerlichen Parteien, die nur in den Kapital-Kategorien Ware, Geld, Arbeit denken können, geht diese grundlegend humanistische Einsicht bislang leider völlig ab. Sie sind allein deshalb für mich schon unwählbar, wobei noch zahlreiche weitere Gründe dazu kommen (Haltung zur Natur, zu Kriegseinsätzen usw.).

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