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Vielen von uns ist die Annahme geläufig, dass alles, was uns in irgendeiner Form im außen begegnet, eine Spiegelung unserer selbst ist. Das Wissen darum ist eine Sache, das Erleben des Spiegelgesetzes in Verbindung mit unseren Kindern jedoch ist eine der essenziellsten Erfahrungen, die wir uns kreieren können, und mit ihrer Annahme ist ein unglaubliches Wachstumspotential verbunden, wie in kaum einem anderen zwischenmenschlichen Konstrukt. Allein durch die Tatsache, dass die Verbindung zu unseren Kindern im Gegensatz zu Freundschaften oder Mann-Frau-Beziehungen lebenslänglich besteht, eröffnet uns ein unbegrenztes Lernfeld.

Mein Spiegel wird nun bald zwei Jahre alt und hat nicht nur vom ersten Tag an mein Leben in völlig ungeahnten Dimensionen auf den Kopf gestellt, nein, auch bin ich nicht mehr die Frau, die ich vorher war.

 

Nichts mehr, wie es war.

Schon mit Beginn der Schwangerschaft, wenn die kleine Seele sich entschlossen hat, selbst unter den aus unserer Sicht schwierigsten Bedingungen in unser Lebensgebilde zu reinkarnieren, werden wir auf eine neue Art mit uns selbst konfrontiert. Es ist sozusagen ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn wir das neue Leben im Arm halten. Insbesondere als Frau, vor allem wenn du in deinem bisherigen Leben in keinem spirituellen Kontext gelebt, gedacht und gefühlt hast, wirst du unweigerlich damit konfrontiert, bisher als wahr und richtig Erachtetes in Frage zu stellen, deine Prioritäten zu überdenken und deiner vermeintlichen bisherigen Lebendigkeit ehrlich zu begegnen. Deine Definition von Äußerlichkeit und Schönheit bekommt Risse, deine Prioritäten verlagern sich und mit zunehmendem Bauchumfang bekommst du eine Vorahnung davon, auf welches Abenteuer du dich eingelassen hast. Auch wenn es mir zumindest möglich war, all die Umwälzungen, die ihre Vorboten schickten, noch eine Weile zu verdrängen, spätestens mit dem Tag der Geburt wurde in mir ein diffuses Gefühl real, dass nichts in meinem Leben mehr annähernd so sein würde, wie zuvor.

 

Kinder spüren vom ersten Tag an unsere Defizite auf

Davor war mein Leben eine Aneinanderreihung von Ablenkungsmanövern in ständiger Suche nach Glück und Zufriedenheit, um meine innere Leere auf eine für mich möglichst erträgliche Weise zu verdrängen. Nun gab es dafür nicht mal den Funken eines Raumes mehr. Da war ein Wesen in mein Leben getreten, dass in jeder Sekunde meine volle Präsenz (er-)forderte, in körperlicher, seelischer und emotionaler Hinsicht, ohne mir jemals die Möglichkeit zu lassen, dem auch nur für einen Moment zu entfliehen. Kinder sind in jeder Sekunde ihr Bedürfnis, sie fragen nie, ob es gerade passt oder in welchen Prozessen sich ihre Eltern gerade befinden. Alle bisherigen Strategien, der oftmals schmerzlichen Präsenz und dem vollkommenen Spüren unserer Leere, Blockaden und Defizite zu entfliehen, sie hatten ihre Funktion von heute auf morgen verloren. Das gewohnte Löcherstopfen war unmöglich geworden.

Nichts in meinem Leben hatte mich bisher so gezwungen, der Wahrheit klar ins Auge zu sehen, all die Bereiche bewusst zu blicken, in denen ich nichts zu geben habe, weil da nichts war, als das eindringliche, fordernde Schreien meines Kindes. Kinder verlangen all unsere tiefe Liebe und Aufmerksamkeit, in jedem Moment. Umso kleiner sie sind, und umso weniger sie davon bekommen, umso mehr und nachdrücklicher verlangen sie danach.

Allein die Erkenntnis, dass von der in meiner Phantasie erschaffenen und von der Gesellschaft als Maßstab definierten liebevollen Übermutter im Alltag nicht wirklich viel übrig blieb, zwang mich zum nüchternen Ansehen und Annehmen meiner Lücken und Löcher in der absoluten Präsenz, die Kinder forcieren. Ein aus allen Leibeskräften schreiendes Neugeborenes lässt keinerlei Abgleiten in ein Gestern oder Morgen zu. Alle Gefühle, die in uns hochkommen, müssen gezwungenermaßen im Hier und Jetzt durchlebt werden. Ein höchst scherzhafter Prozess, zumal Kinder, insbesondere Babys, unsere ganze Anspannung und all unsere Ängste und Unsicherheiten in der Spiegelung ausleben. Als Mutter bist du auf solch enge Weise energetisch mit deinem Kind verbunden, dass es wenig Möglichkeiten gibt, sich den eigenen Gefühlen nicht zu stellen: Dein Kind macht sie in jeder Minute sichtbar. Es gab oft Momente, da hat meine Tochter meine gesamte Anspannung schon heraus geschrien, bevor ich mir dieser überhaupt gewahr wurde.

 

Momente der Selbstheilung

Da Kinder die pure Liebe in ihrer göttlichsten Form verkörpern, spiegeln sie uns all unsere Blockaden, die das Fließen unserer eigentlichen Essenz, der Liebe, stören. Momente, in denen wir auf unsere Kinder mit Angst, Wut oder Rückzug, übertriebenem Mitleid oder Teilnahmslosigkeit reagieren, sind ebenso Momente, die ein unglaubliches Heilungspotential in sich bergen. Wenn wir bereit sind, diese Gefühle zuzulassen, ohne uns dafür schuldig zu fühlen, wenn wir diese Momente als Geschenk unserer Kinder annehmen können, die uns zur Heilung alter Verletzungen dienen, erleben wir, wie Liebe wieder fließen kann, vielleicht in einem Maß, wie wir es bisher nicht kannten. Jeder Versuch unsererseits, dieser Erkenntnis durch Kompensation oder Rückzug zu entfliehen, wird von unseren Kindern gnadenlos aufgedeckt. Innerhalb kürzester Zeit stehen wir vor der existenziellen Entscheidung, diese einzigartige, in göttlicher Liebe eingeflochtene Möglichkeit der Selbstheilung anzunehmen, die durch die großen Seelen unserer noch so kleinen Kinder in unser Leben getragen wird, oder unseren Kindern in eine inszenierte heile Welt voller Leere und Floskeln zu bieten.

Authentizität und mütterliche Intuition

Zum Schluss noch ein Wort zur Authentizität. Werdende Eltern werden oft sintflutartig mit einem beachtlichen Arsenal an Ratgebern, Elternzeitschriften, Babybüchern und ähnlich gearteten Schriften zugeschüttet, von dem gut gemeinten Rat anderer „erfahrener“ Eltern mal abgesehen. All das soll in uns das Idealbild von treu sorgenden Eltern manifestieren, basierend auf dem Maßstab unserer Gesellschaft sowie den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Für mich war es aufgrund der Konfrontation mit der bunten Vielfalt unterschiedlichster Meinungen anfänglich extrem schwierig, Zugang zu meiner eigenen natürlichen mütterlichen Intuition zu bekommen. Erst als ich mich entschlossen habe, alle Ratgeber zu verbannen und Müttergruppen zu meiden, begann langsam ein roter Faden zu erscheinen, der mich mit zunehmender Sicherheit meinem Kind und seinen Bedürfnissen gegenüber sensibel und empfänglich machte und es mir ermöglichte, zunehmend intuitiv zu agieren.

Ein Teil dieses Prozesses ist der Abschied von irgendeinem Ideal, was durch die Außenwelt in uns erzeugt wird. Wir erlauben uns dadurch auch, mehr uns mehr nach unserer inneren Wahrheit zu leben und zu handeln. Und wir schenken unseren Kindern eine wahrhafte, echte Begegnung, fernab von gut gemeinten Elternrollenspielen. Kinder haben sehr feine Antennen für aufgesetztes Verhalten, für Situationen, in denen wir etwas vorgeben, was wir nicht sind oder haben. Indem wir uns mit all unseren Schwächen zeigen, unseren Kindern ein Einblick in unserer Inneres in Aufrichtigkeit und Authentizität gewähren, ermöglichen wir das Wachsen von tiefer Nähe und eine von Liebe geprägte Begegnung auf der Herzensebene.

 

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Über den Autor

Avatar of Jasmin Dorogi

ist 34 Jahre alt, arbeitet als freie Autorin und baut zusammen mit ihrem Partner gerade ein spirituelles Netzwerk auf (www.den-weg-gehen.de).Die vielfältigen Herausforderungen und Konfrontationen, die das Mutterdasein mit sich bringt, haben sie dazu gebracht, immer mehr von dem, was unsere Gesellschaft insbesondere den Umgang mit unseren Kindern betreffend als „normal“ betrachtet, kritisch zu hinterfragen.

Eine Antwort

  1. Yvonne
    Artikel Unsere Kinder – unsere Spiegel

    Hallo Jasmin Dorogi, vielen Dank für Deinen Artikel. Anfangs war es schwer für mich, in deine Sprache reinzukommen, da die Sätze sehr lang und komplex sind. Aber besser hätte man es nicht schreiben können. Ich hatte heute morgen einen schmerzhaften aber einleuchtenden Tag und Dein Artikel hat alles beschrieben und auf den Punkt gebracht, was ich heute gefühlt, gelebt und gedacht habe. Vielen Dank für das „in Worte fassen“. Wieder daran erinnert zu werden, worauf es wirklich ankommt, ist sehr wichtig. Ich bin Mutter von bald 3 Kindern, ich habe die ersten Jahre intuitiv gehandelt, das war das Beste, was ich tun konnte, das wusste ich auch. Jedoch mit dem Kindergarten-Start, die Bewertungen Jahr für Jahr, Schulvorbereitungstests haben mich seit letztem Jahr abrutschen lassen, eben das von der Gesellschaft erschaffene Idealbild zu sehen und darauf wie gestört hinzuarbeiten.
    Doch heute ist ein gesegneter Tag – wurde wieder wach gerüttelt – und ich sehe die Dinge wieder klar.

    Vielen Dank nochmals für Deine Unterstützung. Ich besuche gleich Deine Homepage.

    Liebe Grüße, Yvonne

    Antworten

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