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Erwachsenwerden als Beitrag zum Frieden

Gerade habe ich mir nach vielen Jahren wieder einmal den Antikriegsfilm „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick angesehen, in dem der Irrsinn des Militarismus sehr gut dargestellt wird – ohne allerdings auf die Hintergründe einzugehen. Die werden vielerorts immer noch nicht wirklich erkannt: Die Ursachen für menschenverachtendes, gewalttätiges Verhalten suchen Wissenschaftler meist in der aktuellen Umwelt statt in der in unseren Zellen festgefrorenen Vergangenheit, die uns davon abhält, im Moment präsent und mitfühlend zu sein. Was nützt es als alleinige Vorgehensweise, der Gesellschaft gut gemeinte Veränderungen überzustülpen, während Eltern weiterhin ihre Kinder schlagen, wenn gerade keiner zuschaut? Von diesen geschlagenen Kindern werden die sozialen Errungenschaften dann irgendwann wieder ausgehebelt, weil Gewalt für sie normal ist, da sie die innere Verbindung zu ihrem selbst erlebten Leid gekappt haben, um zu überleben.

In der TAZ vom 15./16. Juni 2013 beispielsweise kann man eine Reportage über eine Firma lesen, die Heime für schwer erziehbare Jugendliche unterhält, in denen brutaler Drill herrscht. Wer sich der bestehenden „Ordnung“ nicht unterwirft, riskiert Fesselungen bis hin zu gebrochenen Knochen. Protokolle schildern keine Überreaktionen einzelner Erzieher, sondern nur das Festhalten an formalisierten Regeln. Heißt: Wo wir nicht mehr fühlen, sondern nur noch Regeln befolgen, ist der Boden für jegliche Art menschenverachtender Ideologie bereitet – das war sowohl im Dritten Reich so als auch in der Osho-Kommune im amerikanischen Oregon, wie das Buch „Die erwachende Göttin“ aus dem Jahr 1988 von Ex-Sanyasin Silvia Winter anschaulich und erschreckend beschreibt.

Körperliche wie psychische Gewalt sind nach vielen äußeren Revolutionen und Reformen der letzten Jahrhunderte heute keine Ausnahme, sondern eher die Regel, wie ein kurzer Blick auf Spiegel-Online am 20. Juni um 18 Uhr 45 zeigt. Headline: „WHO-Studie: Jede dritte Frau wird Opfer körperlicher Gewalt.“ Auch die blutigen Amokläufe der letzten Jahre sind keine Erscheinung der Neuzeit, sondern ein generationenübergreifendes Problem, das so lange auftauchen wird, bis wir unsere psychischen Kriegsschauplätze endlich befriedet haben. Headline etwas weiter unten: „Bremer Schulmassaker 1913 – Onkel, erschieß uns nicht!“ Eine weitere Überschrift: „Aussteiger bei den Rechtsextremen: Hass ohne Ende, Angst ohne Ende.“

Krieg: Ausdruck von Selbsthass

Krieg, Militarismus und Gewalt jeglicher Art sind nur möglich, wenn wir uns der unterdrückten Wut, der Angst, des Hasses und Selbsthasses in uns nicht bewusst sind. Überall, wo abgespaltene Gefühle in uns „lagern“, haben wir den Kontakt zum Leben, zur Realität verloren. Denn an diesen Punkten können wir nicht mehr fühlen, was gerade ist, und machen dann oft Dinge, die uns und anderen schaden – vor allem, wenn das Gegenüber diese verminten Zonen in uns gerade aktiviert. Einige Menschen sind regelrechte Atombomben, die durch die kleinste Erschütterung hochgehen können. Anstatt den Schmerz zu spüren, wenn wir abgelehnt werden und uns unverstanden, ausgegrenzt, allein gelassen und ungeliebt fühlen, schlagen wir zurück und grenzen wiederum die aus, die uns weh getan haben. Aus dem nicht erkannten und verstandenen Krieg gegen unsere eigenen ausgegrenzten Gefühle, die wir oft nur mit Alkohol, Tabletten oder anderen unterdrückenden Drogen niederhalten können, entsteht der Krieg gegen Menschen und Gruppierungen, die eine alternative Weltsicht haben. Aus unbewusstem Selbsthass wird Hass gegen andere, wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das alles ist offensichtlich, doch nur für die, die bereits einige Tretminen aus der eigenen Seele geräumt haben. Für die anderen – die meisten – besteht der Weg in eine bessere Welt im Kampf gegen äußere Gegner, deren Ziele den eigenen entgegenstehen und die deshalb „falsch“ und „böse“ sind.

Aufräumen der eigenen Psyche

Aus diesem Grunde gehört für mich zum Erwachsenwerden und -sein das Aufräumen der eigenen Psyche – eine unabdingbare Voraussetzung, um Kinder liebevoll zu erziehen, Führungspositionen einzunehmen und Verantwortung zu tragen, denn wohl keiner von uns ist unbeschadet, leicht und frei durch seine Kindheit getanzt. Jeder trägt seelische Verletzungen und Narben. Viele haben sich bereits im Mutterleib die unaufgelösten Dramen der Vorfahren ins eigene Energiefeld runtergeladen sowie kollektive Traumata wie die der Nazizeit (was Familienaufstellungen eindrucksvoll offenbaren). So etwas löst sich nicht einfach aus dem kollektiven Energiefeld, nur weil wir wollen, dass es jetzt mal ein Ende damit hat, sondern will gefühlt, betrauert und dadurch wirklich verabschiedet werden. Jeder von uns ist in diesem Sinne ein kleiner Energietransformator, der Verdrängtes und Abgespaltenes auf allen Ebenen verarbeitet und damit das Energiefeld der Erde reinigt. Was wir also in dieser Hinsicht für unser eigenes Wohlgefühl und unsere Heilung tun, kommt der ganzen Welt zugute.

Die Entscheidung dafür ist eine erwachsene, denn dieser Weg ist kein Kinderspiel. Den eigenen inneren Dämonen zu begegnen ist äußerst unbequem, der Reinigungsprozess dauert Jahre oder gar  Jahrzehnte und erfordert eine Menge Geduld, die oft nicht vorhanden ist, weil Geduld eine Spiegelung von Liebe und Entspannung ist – Schätze, die auf dem Weg erst gehoben werden wollen.

Erwachsen ist auch die Erkenntnis: Veränderung fängt bei mir selbst an – und die reine Absicht reicht dafür nicht aus. Ebensowenig wie Mantrasingen, das Lesen gechannelter Botschaften oder spiritueller Bücher. Inspiration ist der Anfang, aber der Weg ins Einssein erfordert immer wieder eine oft anstrengende ­Konfrontation mit all den lebensfeindlichen Strukturen in uns, die sich über Jahrzehnte ­angesammelt haben und die ums Überleben kämpfen, wenn wir ihnen zu nahe kommen. Kein Wunder, dass sich über die Jahrtausende immer nur einige wenige auf diesen Pfad begeben haben. Wir Deutsche leben heute in einer Gesellschaft, die zwar noch lange nicht perfekt ist, aber trotz vieler Ungerechtigkeiten ein hohes Maß an Sicherheit für den Einzelnen bietet. Wenn nicht jetzt, wann sonst ist die beste Zeit, unsere Schritte auf diesen Pfad zu lenken – statt zu warten, dass sich die Gesellschaft um uns herum so verändert, dass wir uns besser fühlen?


Abb: CC BY-ND 2.0 – flickr – click|click

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