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Dieser Überblick über die Aussagen der Religionsstifter der fünf großen Weltreligionen – Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus – gibt deutliche Hinweise auf die Rolle der fleischlosen Ernährung, des Vegetarismus, für die spirituelle Fortentwicklung.

 

Barmherzigkeit und Mitgefühl gegenüber Schwächeren sind grundlegende ethische Werte, die von sämtlichen Religionen der Welt hoch geachtet werden. Aber warum werden sie heutzutage nicht mehr auf die Tiere bezogen? Warum fordert keine der großen Religionen der Gegenwart von ihren Gläubigen, mit dem Schlachten und Essen von Tieren aufzuhören? Die modernen religiösen Institutionen verschließen jedoch ihre Augen vor dieser Sünde, ja manche behaupten sogar in ihren offiziellen Lehrmeinungen, das Schlachten und Schächten von Tieren sei dem Menschen von Gott erlaubt. Wenn wir allerdings die ursprünglichen Lehren der einzelnen Religionen untersuchen, sehen wir, dass das Schlachten von Tieren nirgendwo gutgeheißen wurde.

Vegetarismus im Christentum

»Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! […]
Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun,
wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.«
(Apostel Paulus, Römerbrief 14,20-21)

Aus der frühchristlichen Geschichtsschreibung geht hervor, dass die ersten Generationen von Urchristen in der direkten Nachfolge Jesu meist nur fleischlose Nahrung zu sich nahmen.

Wie der Fleischverzehr »christlich« wurde

Bis ins 4. Jahrhundert weisen die Spuren der frühchristlichen Gemeinden aus Palästina, Byzanz, Griechenland, Karthago und Alexandria (Ägypten) deutlich darauf hin, dass alkoholische Getränke und Fleisch weitgehend abgelehnt wurden. Die damaligen Christen bezogen ihr Wissen über die Lehren Jesu aus den zahlreichen zugänglichen heiligen Schriften. Die meisten dieser urchristlichen Dokumente wurden später jedoch vom »kirchlichen« Christentum, dem neuen Zweig mit Rom als Zentrum, ignoriert oder abgelehnt. Die Jesus-Bewegung verbreitete sich in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus trotz massiver Verfolgungen im gesamten Mittelmeerraum und bis nach Indien. Zu einer folgenschweren Wende kam es, als sich der damalige römische Kaiser Konstantin (280-337) entschied, diese neue Religion nicht mehr zu bekämpfen, sondern zu instrumentalisieren, indem er sie zur Staatsreligion im römischen Imperium ausrief und sich selbst zum Christentum »bekehrte«. Konstantin, der nicht auf Fleisch und Wein verzichten wollte, ließ nur noch die römische Form des Christentums gelten und begann, die andere, ursprüngliche (!) Form des Christentums zu bekämpfen, oftmals mit brutaler Gewaltanwendung.

Vegetarismus im Judentum

»Du, der du Erbarmen mit einem Lamm hast,
sollst der Hirte meines Volkes Israel werden.«
(Midrasch Rabbah, Exodus II,2)

Nicht nur viele urchristliche Kirchenväter der ersten Jahrhunderte nach Jesus lebten vegetarisch, sondern auch verschiedene jüdische Mönchsorden vor und während Jesu Lebzeiten, wie beispielsweise die Essener und die Nazaräer. Vertreter dieser Orden und auch einzelne jüdische Propheten übten bereits in den Jahrhunderten vor Christus heftige Kritik am institutionalisierten Brauchtum der Tieropfer, das eng mit dem priesterlich sanktionierten Fleischkonsum zusammenhing. Das Opfern und Schlachten von Tieren gilt laut diesem Prophetenwort als »übles Treiben« und »böses Tun«! Warum? Weil dies dem ursprünglichen Gesetz Gottes widerspricht, wie es gleich zu Beginn der Genesis vom Schöpfergott selbst ausgesprochen wird (siehe Gen 1,29).

Vegetarismus im Islam

»Wer gegenüber einem Tier Mitleid fühlt,
dem wird auch Allah Mitgefühl schenken.«
(Prophet Mohammed)

Nach der Tradition des Islam soll in Mekka, dem heiligen Geburtsort des Propheten Mohammed (570-632), kein Geschöpf Gottes geschlachtet werden, und es soll dort unter allen Lebewesen jederzeit vollendete Harmonie herrschen. Die islamische Tradition kennt viele und umfangreiche Äußerungen über die enge Verbundenheit von Mensch und Tier.

Wir finden in den Lehren des Koran zahlreiche Textstellen, die von universaler Barmherzigkeit sprechen und die Gerechtigkeit für alle lebenden Wesen fordern. So heißt es in der Sechsten Sure: »Keine Tiere gibt es auf Erden und keinen Vogel, der mit seinen Schwingen fliegt, die nicht Geschöpfe wie ihr seid.« (6,38)

Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben. (Leo Tolstoi)

Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.
(Leo Tolstoi)


Vegetarismus im Buddhismus

»Der Fleischverzehr tötet den Keim des großen Mitgefühls mit allen Lebewesen.«
(Mahaparinirvana-Sutra)

In seinen Lehren führte Buddha, »der Erleuchtete « (um 560-480 v.Chr.), das Prinzip des Ahimsa (Gewaltverzicht) und damit den konsequenten Vegetarismus als einen der fundamentalen Schritte auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ein. In der Tat bestand eines seiner hauptsächlichen Anliegen darin, dem Laster der Tieropfer und des Fleischessens Einhalt zu gebieten. Noch heute ist die buddhistische Lehre für ihre Friedfertigkeit und Nächstenliebe berühmt – wenngleich längst nicht mehr alle Buddhisten Vegetarier sind. In einem uralten Gedicht, laut Tradition dem einzigen Text, der je von Buddha selbst verfasst wurde, heißt es: »Meine Liebe gehört den Kreaturen, die keine Füße haben; auch denen mit zwei Füßen, und ebenso denen, die viele Füße haben. Möge alles Geschaff ene und Lebendige, mögen alle Wesen, welcher Art auch immer sie seien, nichts erfahren, wodurch ihnen Unheil droht. Möge ihnen niemals Böses widerfahren.«

Vegetarismus im Hinduismus

»Es ist bereits im Namen der Kuh enthalten,
dass sie nicht geschlachtet werden darf,
denn einer ihrer Namen ist › aghnya‹ (die nicht zu Tötende).
Wer könnte sich also erdreisten, sie zu töten?
Wer eine Kuh oder einen Stier tötet,
begeht ohne Zweifel ein äußerst abscheuliches Verbrechen.«
(Mahabharata, Shantiparva 262,47)

Hinduismus ist der moderne Sammelbegriff für die zahlreichen aus Indien stammenden Philosophien und Glaubensströmungen. Die Tradition, die später zur Entstehung der ältesten Veda-Schriften führte, geht weit über 5000 Jahre zurück. Von allen großen Weltreligionen ist der Hinduismus somit nicht nur die älteste Tradition, sondern auch diejenige, unter deren Anhängern die meisten religiös motivierten Vegetarier zu fi nden sind. Schon seit Jahrtausenden sind die ethischen Ideale des Ahimsa (Gewaltverzicht) und des Respekts vor allen Geschöpfen Gottes Grundlage der indischen Kultur. Erst durch den Einfl uss des Islam (ab dem 12. Jhd.) und des Christentums (etwa ab 1600) begann auch dort eine zunehmende Zahl von Menschen, Tiere zu töten und Fleisch zu essen. Doch obwohl heutzutage auch in Indien Schlachthöfe betrieben werden, weist die Bevölkerung Indiens noch immer den weltweit höchsten Vegetarieranteil auf.

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Über die Autoren

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Armin Risi
Geb. 1962, Dichter, Philosoph und Sachbuchautor; lebte für 18 Jahre in vedischen Klöstern in Europa und Indien; seit 1998 als freischaffender Schriftsteller und Referent
tätig. Jüngstes Buch: Der radikale Mittelweg.

 

 

 

 

roland-zoerrer

 

Ronald Zürrer
Geb. 1961. Studium der Germanistik, Philosophie und vergleichenden Religionswissenschaften, Universität Zürich. Mehrjähriger Klosteraufenthalt als Veda-Mönch. Heute: Verleger (Govinda- Verlag), Buchautor, Dozent und Referent.
www.vegetarisch-leben.de
www.vegetarisch-leben.ch
www.7-gute-gruende.de

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