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Visonssuche: In der Einsamkeit der Natur nach der eigenen Wahrheit zu suchen kann eine tief transformierende Erfahrung sein, die das Leben nachhaltig verändert. Für Shanti E. Petschel, einem der Pioniere in der Visionssuche-Arbeit, kam die Berührung mit dieser Form der Selbstfindung in einer tiefen persönlichen Krise. Im Interview berichtet er über seinen persönlichen Weg und seine Zeit mit dem Schamanen und Medizinmann Huaute Chumash.

 

Was ist Visionssuche und wie ist der schamanistische Hintergrund deiner Arbeit?

In meinen Leben gab es eine bedrohliche Krise. Vor 25 Jahren hatte ich Familie in Niederbayern, wir lebten in einem kleinen Selbstversorger-Anwesen in Niederbayern. Als das zerbrach, fiel ich in eine tiefe Verzweiflung. Beratungsgespräche und Psychotherapie halfen mir nicht weiter, doch in mir war seit der Jugend eine Sehnsucht nach Rückzug in die Natur, da ich dort oft Halt gefunden hatte.

Ich war über den Zusammenbruch meiner „alternativen Welt“ so sehr verzweifelt, dass ich depressiv wurde. So fasste ich den Plan, mich in den Bergen in eine Gletscherspalte zu setzen und ein angenehmes Hinübergleiten in den Tod zu suchen. Im Similaun-Gletscher, dort wo ich früher mit meinem berg-erfahrenen Vater war, wollte ich einsam sterben.
Ich hatte nur feste, warme Kleider am Leibe und einen kleinen Rucksack mit dem Allernötigsten. Als ich, dem tief in den Talboden eingeschnittenen Bachlauf folgend, bereits bis weit über die Baumgrenze aufgestiegen war, wurde es dunkel.
Die schäbige Ruine eines verlassenen Schafstalls bot einen ungemütlichen Unterschlupf. Bald zwang mich Durst, im Dunkel nach Wasser zu suchen. Der Bach toste tief in der Schlucht, dort gab es keinen Pfad hinab. Also suchte ich entlang des Randes und fand schließlich ein Rinnsal, klares Wasser, ein Labsal…

Im östlichen V-Ausschnitt des Tales, fuhr gerade mächtig der volle Mond auf, verschlang unwiderstehlich die Dunkelheit. Erst jetzt begann ich die Schönheit zu sehen: in der Schlucht drunten, in die steilen, kantigen Felsen gekrallt, standen schwarz, im Mondlicht schimmernd, kräftige uralte Arven! In der engen Schlucht waren sie Überlebenskünstler. Dass sie überhaupt da waren, war ganz außergewöhnlich. Für Baumbestand zu hoch gelegen. Mit offenem Mund verfiel ich in staunende Betrachtung:
…dann hörte ich im Rauschen des Baches das Murmeln und Flüstern der Bäume, das Raunen des Windes. Ich meinte zu hören, was sie sprachen…

In der ungekämmten Natur habe ich, bei aller eingetretenen Leere in mir, neuen Lebensmut gefunden, das Schlüsselerlebnis für meine spätere Arbeit „Visionssuche“, Natur-Klausur…

Das war tief gehende Lektion über Lebenskraft. Lebensmut. Lebensfreude.

 

Was passierte weiter?

Morgens fasste ich einen  Entschluss. Bei Sonnenaufgang ging ich zwei Tage, als einsamer „Pilger“ durch die großartige Gletscherwelt und zum 3650 m hohen Gipfel. Minimal-Ausrüstung! Ich lief diesen alten Schmerz aus mir heraus, es war ein Büßergang, immer noch in der Bereitschaft, vollständig dieses Leben loszulassen. Der Wunsch zu sterben, wandelte sich in den Wunsch leer zu werden. Als ich zurück kam, hatte ich eine beginnende Gelenkentzündung in den Knien. Ich konnte kaum mehr laufen, fühlte Demut und Dankbarkeit für das, was ich bin und was ich habe.

 

Wie lange warst du unterwegs?

Dreieinhalb Tage lang immer über 1800m. Ich aß nichts und sprach auch zunächst mit keinem Menschen. Während der Wanderung malte ich zwei Aquarelle, die einfachen Utensilien hierzu bekam ich von einem Maler geschenkt, der mir unterwegs begegnete. Das war für mich wichtig, eine bildliche Dokumentation meiner unaussprechlichen Erfahrung. Ich hatte Glück, das Wetter war warm und freundlich.

 

Was hat sich dann verändert?

Zurückgekehrt sprach ich lange mit niemandem über das Erlebnis. Zwei Jahre später traf ich den indianischen Medizinmann, Semu Huaute Chumash, aus Kalifornien. Bei der ersten Begegnung sagte er zu mir: „From where do I know you?“ und lächelte verbindlich.
Wie aus dem Bilderbuch, indianischer Großvater, 80 Jahre alt, mit langen weißen Zöpfen – ich vertraute ihm von Anfang an. Um diesen weisen Mann begleiten zu können, von ihm zu lernen, wurde ich sein Fahrer. Meinen Job gab ich auf, frei für das Wesentliche, während ich mit ihm zusammen sein konnte. Ich lernte von ihm, mit Unterbrechungen, mehrere Jahre, bevor er, 90-jährig „hinüber ging“.

 

Wie lehrte er dich?

Das Erste, was er mich fragte, als er vorne neben mir im Toyota Bus saß (Arlberg-Pass): „How was it, when you wanted to die?“: ein Blitzschlag! Intuitiv schien er zu wissen, was passiert war, ohne dass ich etwas davon preisgegeben hatte! Er hörte sehr konzentriert und doch entspannt zu. Erstmals konnte ich die ganze Geschichte erzählen, das Gefühl haben, dass jemand mich völlig ernst damit nimmt!

Er wiederholte in seinen Worte, was ich berichtet hatte, „spiegelte“ mich! Er verdeutlichte mir, dass ich eine Vision-Quest (= Visionssuche) gemacht hatte, wohl unbewusst. Weil ich mein Scheitern erkannt hatte, tiefsten Schatten begegnet und infolgedessen bereit war, das „alte Leben“ aufzugeben. Bereit für jedwede Veränderung ins Unbekannte hinein. Ja, ich hatte vorher alles aufgeräumt und geregelt: Meine Familie hätte von der Versicherung eine Zahlung erhalten, hätte in dem gemeinsamen Häuschen bleiben können. Man hätte mich nie gefunden. Und ich war auf einer sehr tiefen Ebene dem wildesten, festesten Kern eigenen Lebenswillens begegnet, der aus illuminierter Nacht zu mir sprach…
…und so konnte mein Leben weitergehen!

Das alles war, nach Semus Worten, genau die richtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Übergangs-Ritual – man schließt mit seinem Leben ab und schafft damit Platz für wirklich Neues.

In seiner Gegenwart begann ich zu ahnen, was eine heilsame, rituelle Haltung sein könnte. So lernte die von ihm ganz schlicht durchgeführten Rituale in ihrem Prinzip sehr genau kennen. Sein „Unterrichts-Stil“ war durch Erzählen von einfachen Geschichten und langen, gemeinsam ausgetragenen Schweigezeiten geprägt. Oft wiederholte er die Aufforderung, von der Landschaft das „verlorene Wildnis- und Medizinwissen“ wieder zu erbitten. Er bestand darauf, dass alles in der Landschaft „gespeichert“ sei und sich demjenigen erschließen werde, der sich lange genug und in offener, demütiger Herzens-Haltung auf seinen Podex setzen und den Stimmen, „out there“, lauschen würde! Raus aus den Häusern, in das wilde Land schickte er mich mit Nachdruck!

 

VisionssucheVisionssuche: Vorher und nachher

 

Man muss aber nicht sterben wollen, um eine Visionssuche zu machen?

Nein, aber es ist gut, sich leer zu machen, innerlich alles, was war, fallen zu lassen. Man sollte , wenn man auf eine Visionssuche gehen will, neugierig und offen sein und wir bieten entsprechende rituelle Übungen und Erfahrungen, um in diese Freiheit des Denkens und Fühlens unmittelbar vor dem Hinausgehen zu kommen. Im Grunde ermöglichen wir so einen Modus der Gehirn-Aktivitäten, der sehr fein und präzise auf die Anforderungen des meist als völlig neu zu erfahrenden „Wildnis-Erlebens“ reagieren kann. Wie wir heute durch jüngste, sehr aktuelle Forschung auf dem Gebiet der Neurobiologie wissen, sind Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren von einem als „sehr gravierend“ zu beschreibenden Umbau des Gehirns tief verunsichert, schwer beeinträchtigt. Dieser Umbau muss von den Eltern und allen mitwirkenden Erwachsenen, die mit dem jungen Menschen zu tun haben, in seiner Tragweite erst einmal verstanden werden! Das damit verbundene „Absterben“, von bis dahin entstandenen neuro-biologischen Vernetzungsstrukturen braucht vor allem das liebevolle Erkannt-Werden und gute, ruhende, sowie sichere Begleitung aus der Umgebung der jungen Menschen. Damit kann das Vertrauen entstehen, dass etwas Neues, etwas von großer, wirklich erwachsener Tragkraft an seine Stelle treten kann. Das richtige Ritual kann da sehr hilfreich sein!

Das symbolische Abschneide-Ritual, das mich Semu gelehrt hat, ist so ein Beispiel. Es dient dazu, die „klebrigen“ Beziehungsfäden der Eltern und Ahnen abzulösen. Hier ist „Sterben“ als ein geistig-energetischer Loslösungsprozess zu verstehen. Eine Visionssuche nach dem transkulturellen Modell, das wir heute benutzen, ist zwar eine große Herausforderung, doch ist es prinzipiell jedem möglich und sollte enormes Reifungspotential freisetzen.

 

Der gemeinnützige Verein CreaVista Academy e.V. wurde im Juli 2009 in Potsdam gegründet. Er ist Träger einer international tätigen Akademie für integrales Lernen und Natur-Bewusstheit vor allem für Menschen in Veränderungs- und Wachstums-Krisen. Die Akademie baut auf der langjährigen Arbeit von Shanti E. Petschel auf, Pionier in der Visionssuche-Arbeit und Buchautor.

Das Interview führte Connection-Mitarbeiterin Irene Siegl.

 

 

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Über den Autor

Avatar of Shanti E. Petschel

gestaltet und leitet seit 1994 VisionsSuche- Erfahrungen für Jugendliche und Erwachsene in alpiner Wildnis. Er lernte bei Semu Huaute, einem Chumash Medizinmann aus Kalifornien und bei Jalum Baigal Banjalaam einem Aborigine Healer. 1996 gründete er die CreaVista Academy.

Mehr Infos

Norditalien, Alpe Fela: 1.-9. 4. Ausbildung zum VisionsSuche-Leiter
Tessin: 07.04. – 11.04. „Zauberhafte Frühlingsblüte“
Berlin: 29.4. „Klingender Vollmond“ – Gong- und Klangkonzert
Berlin: 30.4. „Reifeprüfung Wildnis“
Rostock: 30.4. „Visionssuche in der Wildnis“
Schwarzwald: 29. 4. – 2.5. ,,Walpurgis Feuer“
Berlin: Sa, 1.5. „Die Magie des Kreises“
Berlin: So, 2.5. „Shamanic Grooves“
Norditalien, Alpe Fela: Mai bis September Visionssuchen für Jugendliche, Männer, Frauen und gemischte Gruppen

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