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Essen bedeutet nicht einfach nur Nahrungs­auf­nahme, sondern ist verbunden mit einem jahrzehntelangen Be­wusstwerdungs­prozess. Sta­tionen einer Reise von Jörg Engelsing

 

Als ich vor 20 Jahren mein Vegetarierdasein begann, war nicht etwa mein Mitleid für die Tiere die Ursache für diesen Schritt, sondern schlicht und einfach mein Unwille, weiterhin Antibiotika, Steroide, Hormone – und was weiß ich noch alles – in Form von Fleisch in mich hineinzustopfen. Ich fand Fleisch zwar lecker (ja, sogar MacDonalds), aber den gratis mitgelieferten Chemiecocktail schlicht und ergreifend eklig. Es erwies sich als relativ einfach, ohne Fleisch auszukommen, und brachte mich auf viele nette Ideen in der Küche – mich, der sich bisher eher als subaltern schnippelnden Handlanger für die Kochtopf-Kreativen sah und sich in dieses Schicksal willig fügte. Einzig Besuche bei meiner Mutter gestalteten sich etwas schwierig: „Junge, was soll ich denn jetzt für dich kochen?“ hörte ich noch mindestens zehn Jahre lang. Vor jedem Besuch geht meine Mutter heute noch mit mir ihre Einkaufsliste durch, damit ich nicht etwa verhungere (Mutter, ich liebe dich!). Mit Tipps gegen die Gefahr einer schleichenden Mangelernährung wurde ich jahrelang ungefragt und zahlreich versorgt. Meine auf einer breiten Literaturrecherche beruhenden Argumente für eine vegetarische Ernährung konnten sich allerdings in den entstehenden Diskussionen bei der Gegenseite an keine einzige Gehirnzelle andocken – zu groß war die Kluft zu den über Generationen „angefütterten“ Lebensanschauungen. Auch als ich in Zeiten von BSE (der Rinderseuche, man erinnert sich) anklingen ließ, dass sich das Problem in einfachster Weise lösen ließe, wenn man Fleisch ersatzlos von der Speisekarte streichen würde, drang ich nicht bis ins zentrale Verhaltens-Steuerungszentrum der Menschen vor, denen ich es vorschlug. Ich wunderte mich nur über die Empörungswellen, die über Europa zusammenschlugen, knabberte weiter meine Möhrchen und bastelte leckere Veggie-Burger.

 

Anstoß zur Bewusstwerdung

Am Beispiel BSE konnte ich erkennen, wie platt es ist, sich nur auf der Symptomebene zu bewegen, die es durch radikale Maßnahmen zu bereinigen galt. Zigtausende Rinder wurden damals vorsorglich getötet, um sie als Ansteckungsherd auszuschließen, statt eine Krankheit, die durch Fleischessen übertragen wird, als Anstoß zur Bewusstwerdung dessen zu begreifen, was wir rund um unsere Ernährung so treiben. Dementsprechend nahm bei mir mit der Zeit der Aspekt, Tiere als Mitgeschöpfe zu erkennen, die man nicht heute streichelt und morgen gefühllos auf die Gabel spießt, immer mehr Raum ein. Nicht, dass ich friedlicher geworden wäre – was viele Vegetarier ja von sich behaupten, weil sie keine Tiere mehr für ihre Ernährung töten und dadurch feiner schwingen –, aber man macht sich ja schon so seine Gedanken. Immer wieder überlegte ich mir, was geschähe, wenn ich irgendwo in der Wildnis säße und nur überleben könnte, wenn ich mich von Fleisch ernährte. Mir fiel auf, dass die reine Qualität des Fleisches nur ein Aspekt ist. Ein genauso wichtiger Punkt ist die Art, wie wir ein Tier töten. Der respektvolle Umgang mit einem erlegten Tier, bei dem man sich bedankt, dass es für einen sein Leben gelassen hat – wie das die Indianer praktizieren –, hat eine ganz andere Qualität, als nach eingeschweißten Würstchen aus dem Supermarktregal zu greifen. Ich behaupte mal, dass die Hälfte der Menschen, die jeden Tag gedankenlos Fleisch essen, kein Schwein, Rind oder Kalb töten könnten. Ein Tier zu töten ist nämlich schwerer, als man denkt, wenn man diesem Lebewesen dabei in die Augen schauen muss. Ich erinnere mich, dass ich vor 25 Jahren auf dem Weg zu einer Party mit meinem Auto ein Kaninchen angefahren hatte. Zu dritt stiegen wir aus und sahen das verletzte Tier zitternd vor uns liegen. Wir wussten: Wenn wir ihm Leid ersparen wollen, müssen wir es töten. Keiner von uns wollte „derjenige“ sein. Zum Schluss suchten wir einen großen Stein, den wir zu dritt nahmen und auf das Kaninchen fallen ließen. Wir waren nur am Heulen, die Lust auf Party war uns gründlich vergangen.

Interessanterweise gibt es auf youtube.com jede Menge Videos über Massentierhaltung: gequälte, auf engstem Raum zusammengepferchte Tiere in Megaställen, Küken, die zu Tausenden auf einem Förderband zu einer Barriere aus Schreddermessern transportiert werden, die sie lebendig zerfetzen, weil sie für die Zucht gerade nicht gebraucht werden, Bilder von Legebatterien, bei denen einem das Grausen kommt. Wer das anschaut, kann eigentlich kein Fleisch mehr essen, der muss nur noch heulen und kotzen. Aber anscheinend sind die meisten Menschen zu einer selektiven Wahrnehmungsweise fähig: Einerseits wissen sie um den brutalen, würdelosen Umgang mit Tieren, andererseits berührt sie das wenig, wenn sie in ihre leckere Currywurst beißen.

 

Ernährung: Spiegel des Bewusstseins

Ich nehme mich davon gar nicht aus. Vor längerer Zeit kündigte sich bei mir der Schritt an, auch noch die Milchprodukte wegzulassen. Schließlich esse ich die ja auch auf Kosten der qualvoll gehaltenen Tiere und unterstütze ein System, das Lebewesen einfach für den eigenen Profit in riesigem Maßstab ausbeutet. Lange gelang mir dieser Shift nicht, bis ein Kollege in einem Artikel beschrieb, dass viele Milchkühe – allein 25 Prozent in den USA – mit dem Wachstumshormon RgBH gefüttert werden, damit sie mehr Milch produzieren. Das RgBH führt dazu, dass sich die Euter entzünden. Werden diese Tiere dann gemolken (was für sie extrem schmerzhaft sein muss), gelangt der Eiter aus den entzündeten Eutern in die Milch. Um dem zu begegnen, verwendet man wiederum Antibiotika. Beim Lesen dieser Zeilen wurde mir erst einmal richtig klar – über den Ekelaspekt hinaus –, dass ich auch mit jedem Milchprodukt dieses ganze System aus Schmerz, Schrecken und Leiden unterstütze. Vorher hatte ich das irgendwie ausgeblendet. Seitdem esse ich weitestgehend vegan, von der Butter kann ich aber bisher noch nicht lassen – da ist meine eigene Sucht nach Wohlgefühl übers Essen noch stärker als meine Berührbarkeit für das Leiden anderer Wesen. Von daher denke ich, dass unsere Art der Ernährung auch ein Spiegel unseres Bewusstseins ist: Wie weit sind wir selbst von alten Traumen geklärt, um mit der ganzen Existenz wieder mitfühlen zu können und unser Verhalten zu ändern? Wie weit sind wir auf unserem spirituellen Weg, wie offen ist unser Herz? Ernstgemeinte Argumente in Diskussionen über Ernährung wie „Ich esse weiter Fleisch – ich tue den Tieren einen Gefallen, indem ich ihnen zur nächsthöheren Inkarnation verhelfe“ zeigen mir nur, dass da mehr Kopf als Herz im Spiel ist. 

 

Berührbarkeit für andere Wesen

Letztes Jahr habe ich drei Monate nur von Rohkost gelebt, fand es sehr lecker, bin aber wieder auf meine fast-vegane Ernährung zurückgekommen, weil Essen für mich auch ein soziales Event ist – und wenn alle um einen herum warm essen, is(s)t man als Rohköstler immer die kalte Gemüse-Extrawurst. Das macht auf die Dauer keinen Spaß. Interessant an meiner Rohkostzeit war, dass ich Vergleiche ziehen konnte zu einer Zeit vor zehn Jahren, als ich dieses Experiment schon mal gemacht hatte. Damals musste ich Unmengen essen, um satt zu werden, und zudem ständig aufs Klo wegen des hohen Wassergehalts von Obst und Gemüse (als ich mit einer Mitfahrgelegenheit nach München fuhr, waren meine Mitfahrer wegen der dauernden Stopps ziemlich genervt). Jetzt war das Erleben völlig anders. Das Wasserproblem tauchte nicht auf, ich aß weniger als sonst und fühlte mich dabei gesättigt. Warum, weiß ich nicht – vielleicht, weil mein Körper das Licht in der Nahrung jetzt besser aufnehmen kann?

Die Berührbarkeit für andere Wesen endet nicht bei unserer Nahrung – schließlich verwenden wir für Jacken, Schuhe, Gürtel usw. ja das Leder von Tieren, höchstwahrscheinlich genau von solchen aus der Massentierhaltung. Letztens stand ich in einem Second-Hand-Laden und sah dort eine wirklich coole Lederjacke, die auch noch perfekt saß. Sofort kam der Gedanke: Also das passt ja wohl gar nicht, wenn du es mit deinem Mitgefühl für Tiere ernst meinst. Überraschenderweise war da aber auch noch eine Stimme, die sagte: Es ist okay, wenn du sie kaufst! Nach einigem Hin und Her vertraute ich der Botschaft und erstand das gute Teil. Zu Hause angekommen kam ich auf die Idee, die Jacke von den Energien ihres Vorbesitzers zu reinigen – schließlich konnte ich sie ja nicht  durch den Vollwaschgang jagen. Ich setzte mich also hin, verband mich mit der höchsten Quelle und schickte der Jacke Licht und Liebe. Was dann kam, warf mich fast vom Stuhl: Zuerst spürte ich emotionalen Schmerz, dann kam ein „Endlich“, dann ein „Danke, dass ich gesehen werde“ und nach rund zehn Minuten stellte sich ein Gefühl des Friedens und des Nach-Hause-gekommen-Seins ein. Ich konnte spüren, dass in dem Leder noch der Schmerz des gequälten und geschlachteten Tieres steckte und auch ein Stück seiner Seele.

 

Die innere Leere füllen

Seitdem mache ich das mit allen Dingen aus Leder in meinem Haushalt – so lange, bis ein Gefühl von Liebe auftaucht und mir sagt, dass sich an diesem Ort die aus der Balance geratene Lebensharmonie wieder eingestellt hat. Ich habe das sogar schon mit einem Wollpullover gemacht und gespürt, dass das Tier, von dem die Wolle stammte, tief unglücklich war. Darüber habe ich gelernt, wie einfach wir mit Bewusstheit und unserer Absicht die Vergangenheit heilen können. Was am meisten Zeit in Anspruch nimmt, ist, Essen auf mehr als ein neutrales Niveau zu bringen. Bis ich beim Energetisieren eines Nicht-Bio-Lebensmittels das Gefühl von Liebe spürte, verging manchmal eine Viertelstunde. Für mich ist Ernährung mittlerweile ein wichtiger Teil des spirituellen Weges und der eigenen Bewusstseinsentwicklung geworden. Wir können andere Menschen weder überzeugen noch drängen, ihre Lebensweise in Richtung vegetarisch, vegan oder rohköstlich zu verändern, weil Ernährung Ausdruck einer ganz persönlichen Weltsicht und darum auch einer Bewusstseinsebene ist. Der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand braucht Zeit, manchmal Jahrzehnte. Themen wie BSE werden sich auf die eine oder andere Weise so lange wiederholen – vor kurzem sind gerade wieder 14000 Enten im Oderbruch getötet worden, weil in einem der Mastbetriebe die Vogelgrippe ausgebrochen war –, wie wir als Kollektiv keine neue Bewusstseinsebene erklommen haben. Vegetarisch, vegan oder Rohkost als Haupternährungsart des Großteils der Menschen ist für mich noch ein sehr fernes Ziel, weil wir letztlich nicht aus materieller Notwendigkeit essen – wie erfolgreiche Versuche der Ernährung nur mit Licht zeigen –, sondern weil wir mit dem Essen im Grunde eine tiefe innere seelische Leere füllen wollen, die wir noch nicht fähig sind zu fühlen…


Abb: © verwickelt13 – Fotolia.com

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