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Eigentlich hatte ich ja gar kein Kind vor. Jedenfalls nicht jetzt, später vielleicht. Es würde mich nur in meiner Spontaneität & Selbstentfaltung behindern. Endlich hatte ich mich von „Familienbanden“ und deren Vorschriften frei gemacht, konnte tun und lassen, was und wie ich wollte (vor allem natürlich ganz anders sein als meine Eltern), ohne mich rechtfertigen zu müssen – und das wollte ich genießen. Sicherlich würde ich noch durch die Welt reisen wollen, einfach so, ungebunden und frei, mal eben den Rucksack packen, Abenteuer erleben, interessante Leute kennenlernen.

Ich weiß nicht, wann es genau anfing, aber irgendwann überkam mich ein tiefes Sehnen danach, solch ein kleines Wesen in meinen Armen zu halten. Ich wollte es an mich drücken, mit meinem eigenen Körper nähren, für es verantwortlich sein, an ihm riechen, mit ihm schmusen und spielen; lange und ausgiebig – nicht nur geborgt. Ich stellte mir vor, wie es mich anlächeln würde und ich (wenn auch nur für begrenzte Zeit) die wichtigste Person in seinem Leben wäre. Ich malte mir all diese Dinge aus und geriet nahezu in Verzückung darüber. Auf einmal wußte ich, daß ich mir ein Baby wünschte.

Schon immer hatten mich schwangere Frauen beeindruckt – sie waren von etwas Geheimnisvollem umgeben, was mir zugleich (Ehr-) Furcht einflößte und mich magisch anzog. Als ich dann selbst schwanger wurde, war ich glücklich. Jeden Zentimeter meines sich rundenden Körpers präsentierte ich stolz und ließ mich fotografieren. Die stärkere Aufmerksamkeit, die mir nun zuteil wurde, genoß ich in vollen Zügen. Ich wollte meine Freude auf dieses Kind mit anderen Menschen teilen und spürte gleichzeitig eine wachsende emotionale Abhängigkeit von der Harmonie meiner Umgebung – insbesondere der Beziehung zu meinem Partner.

Manchmal konnte ich es kaum noch erwarten, endlich mein Kind im Arm zu halten – ich träumte oft, es wäre schon da. Trotz meiner problemlosen Schwangerschaft und der vielen Bücher, die ich inzwischen gelesen hatte, erschien mir die bevorstehende Geburt wie eine große Unbekannte. Doch dann vertraute ich meinem Körper, der im entscheidenden Moment mehr wissen würde als mein Kopf, und überließ mich den Urgewalten des Lebens.
Ich brachte mein Kind zu Hause zur Welt – mit Unterstützung meines Partners, meiner Freundin und zweier Hebammen.

Nun, wo meine Tochter geboren ist und ich jeden Tag mit ihr teile, ändert sich auch mein Blick auf die Dinge.
Meine (Lebens-)Zeit mit meinem Kind zu verbringen, ist eine andere Art Selbstverwirklichung, als ich sie bisher verstanden habe. Ich „verwirkliche“ eine ganz neue Seite – die umsorgende, beschützende, unterstützende Seite meiner selbst. Nun bin ich verantwortlich für dieses junge Mensch-lein, welches ich das erste Stück auf seinem Weg zur erwachsenen Frau begleiten darf. Dies habe ich so gewählt. Im täglichen Umgang mit meiner Tochter verändere ich mich und meine Ansprüche. Mein Glück ist abhängig geworden von ihrem Glück. Um meinem Kind und mir gleichermaßen gerecht zu werden, bin ich zunehmend bereit, meinen Tagesablauf nicht mehr nur nach meinen eigenen spontanen Vorstellungen zu gestalten, sondern ihn in Einklang zu bringen mit den Bedürfnissen meiner Tochter. Dabei ist über- raschend viel Spontaneität gefragt, Flexibilität und Kreativität, Geduld, Liebe, Verständnis, Kommunikation…  Und dies ist kein Wochenend-Workshop, sondern das tägliche Leben – eine zugegebenermaßen mit- unter große Herausforderung für mich. Eine Herausforderung, an der ich wachsen und reifen kann, wenn ich sie annehme.

Das Leben mit meiner Tochter läßt auch Erinnerungen an die Menschen wach werden, mit denen ich selbst als Kind gelebt habe und einst tief verbunden war. Momente und Situationen mit meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester. Ich erkenne mich in meinem Kind wieder – bin Mutter und Tochter zugleich.
Was hat meine Mutter für mich getan, was ich jetzt für meine Tochter tue?
Sicher habe auch ich meine Mutter mitten in der Nacht geweckt, um ihre Nähe zu spüren und zu trinken. Da gab es jemanden, der mich vielleicht einmal so geliebt hat, wie ich jetzt meine Tochter liebe …  In diesen Momenten sehe ich meine Mutter mit anderen Augen als zuvor.

Nun ist meine Mutter Oma geworden, und ich bin nicht mehr nur ihre Tochter, sondern auch selbst Mutter – dies fühlt sich noch immer unwirklich an. Vor wenigen Wochen ist meine Oma gestorben, sie hat ihr Ur-Enkelkind nur einmal gesehen. Eine kurze Überschneidung. Auch meine Oma hatte einst eine Oma, und meine Tochter wird vielleicht einmal Enkel haben. So löst eine Generation die andere ab, und das Leben wird immer weitergereicht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von jetzt zu jetzt…
Plötzlich erkenne ich: ich bin nicht allein – ich bin Glied einer Kette, ja Teil eines Netzes, das sich irgendwo im dunkeln verliert – etwas, was ich nie wahrhaben wollte. Was bedeutet das für mich? Ich wollte doch so unabhängig sein.
Selbständig und dennoch eingebunden, lebe und verändere ich mich, finde ich meinen Weg – manchmal begleitet und unterstützt von anderen, manchmal ganz für mich allein.
Eine Gratwanderung.

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