Anzeige

Wie wichtig sind unsere Wünsche? Und kann uns ihre Erfüllung in der Tiefe wirklich glücklich machen? Oder sind sie nur Ausdruck menschlichen Mangelbewusstseins? Gedanken des spirituellen Lehrers Christian Meyer über ein verwunschenes Thema.

 

Alle Menschen möchten glücklich sein. Aber was macht glücklich? Der Mensch wünscht sich ein neues Auto, eine neue Wohnung, eine neue Beziehung, er – oder sie – wünscht sich ein besseres Aussehen, eine schönere Arbeit. Menschen wünschen sich Liebe und Anerkennung, Sicherheit, sie wünschen sich Nähe und Intimität. All diese Wünsche sind mit der Idee verbunden, dass sie glücklich machen, wenn sie erfüllt sind. Genauso gibt es viele Wünsche, die sich darauf richten, dass man etwas behält: Gesundheit, Jugendlichkeit, die Wohnung und die Arbeit, Beziehungen zu anderen Menschen, das eigene Leben. Die Vorstellung, auf diese Weise Wichtiges zu verlieren, macht Angst, zum Beispiel die Angst allein zu sein oder die Angst um existenzielle Sicherheit, die Angst vor dem Tod. So ist der Wunsch der Bruder der Angst. Viele Menschen werden mehr von der Angst regiert als von Wünschen; sie trauen sich nicht, sich wirkliche Ziele zu setzen, sie trauen sich nicht, das Leben zu ergreifen.

 

Warum wünscht du was?

Was sollen die einzelnen Wünsche mir geben? Die neue Arbeit, die gewünscht wird, soll sie mir mehr Erfüllung geben durch größere Herausforderungen und eine spannendere Aufgabe, oder soll sie mir mehr Sicherheit oder vielleicht mehr Prestige und Ansehen geben? Es lohnt sich also – wenn man seine eigenen Wünsche untersucht und wirklich kennen lernen möchte –, bei jedem Wunsch zu fragen:
Was soll er mir geben? Was werde ich davon haben, wenn er sich erfüllt hat?

Dadurch entdeckst du die Intention, die Motive hinter den Wünschen und lernst dich besser zu verstehen. Einstein sagte einmal: „Wenn du glücklich werden willst, dann widme dein Leben einem Ziel, das dir wichtig ist.“ Und Freud sagte ungefähr: „Wer nicht bereit ist, sein Leben für das, was ihm wirklich wichtig ist, aufs Spiel zu setzen, nimmt sein ganzes Leben nicht ernst.“ Über die Wünsche nach den einzelnen Objekten hinaus gibt es also auch grundlegende Wünsche oder Ziele, die den Sinn deines Lebens ausmachen. Die meisten Menschen machen sich darüber wenig Gedanken. Wenn man jedoch das erforscht, was einem im Leben wirklich wichtig ist, die Antwort, die man geben würde, wenn es hieße: Du hast noch einen einzigen Wunsch für dein Leben frei. Was also ist das wirklich Wichtige, das, für das du dein Leben aufs Spiel setzen würdest? Wenn man das entdeckt hat, fühlt es sich so an wie auf einem Schiff, auf dem bisher die Segel ganz zufällig in verschiedene Richtungen gesetzt waren und das jetzt plötzlich ein Ruder bekommt, dessen Segel alle in derselben Richtung stehen und das deswegen plötzlich Fahrt aufnehmen kann.

 

Wünsche aus Mangelgefühl

In Bezug auf alle wirklich wichtigen Dinge, nämlich Liebe, Einklang mit sich, den anderen und der Welt, Anerkennung und Sicherheit erlebt der Mensch sich grundlegend als ein Mangelwesen. Er glaubt, zu wenig zu haben; vielleicht sogar, dass immer zu wenig davon da sein wird. Aber es ist ein Irrtum: Er sucht Liebe von anderen zu bekommen und hat nicht entdeckt, dass er selber Liebe ist, überfließend.

Gleichzeitig erlebt der Mensch eine tiefe innere Sehnsucht, die viel größer ist. Es ist eine Sehnsucht nach Ganz-Sein, nach Eins-Sein, eine unbestimmte Sehnsucht, zu Hause anzukommen, die Sehnsucht nach wirklicher Freiheit. Diese Sehnsucht wird in der späten Jugendzeit stärker; weil sie aber so unbestimmt ist, wird sie dann leicht ersetzt durch Wünsche nach konkreten Objekten: dem Beruf, der Beziehung, vielleicht Kindern und dem nächsten Urlaub. Dadurch werden diese Ziele, die an sich das Leben bereichern und wunderschön machen, überfrachtet, und der Mensch ist überfordert. Die Liebe und die Beziehungen sind wunderschön, aber sie können nicht wirkliche Erfüllung bringen und das Ganz-sein bewirken – das überfordert die Beziehung, die Enttäuschungen sind vorprogrammiert, die Partner beschuldigen sich wechselseitig, und doch können sie gar nichts dafür. Wenn ich weiß, dass ich wirkliche Erfüllung in mir finden kann, in einer größeren Tiefe, dann kann die Beziehung zum anderen Menschen wunderschön sein, gerade weil sich beide nicht überfordern.

 

Haben-wollen

Alle Objekte sind umso erstrebenswerter, wenn ich sie nicht habe, aber andererseits haben könnte oder vielleicht sogar besessen habe und sie mir genommen wurden. Es ist wie im Kindergarten: Spielzeuge liegen unbeachtet herum, aber sobald ein Kind ein Spielzeug ergreift, gibt es mit Sicherheit andere, die es jetzt gerade haben wollen. Die größte Befriedigung gibt dem Menschen eigentlich die kurze Zeitspanne, wenn das Objekt in greifbare Nähe kommt und es schon sicher ist, dass er es haben kann. In dieser kurzen Zeitspanne gibt es eine Überflutung von Adrenalin und Endorphinen. Wenn er das Objekt erst einmal hat, dann beginnt der Glanz bereits abzublättern. Das Haben-wollen scheint dem Menschen wichtiger zu sein als das Haben. Die Menschen sind Adrenalin- und Endorphin-Junkies.

Das Glück, das von Objekten oder anderen Menschen kommt, ist vergänglich und flüchtig. Es ist zwangsläufig mit anderen Gefühlen gemischt. Tatsächlich ist dieses Glück davon abhängig, dass es nicht zu viel davon gibt: Das erste Eis im Sommer schmeckt besonders gut oder das seltene Eis nach einem langen anstrengenden Tag. Diese Glücksgefühle sind flüchtig, so wie alle Gefühle flüchtig sind. Zugleich sofort mit Angst gemischt: Das Glück über ein erlangtes Objekt mischt sich sofort mit der Angst, es wieder zu verlieren. Es ist aus diesem Grunde eine jahrtausendealte Entdeckung, dass mich all die Objekte nicht wirklich glücklich machen.

 

Auf dem Weg zum wahren Glück

Wäre denn dann die Suche nach dem Glück von vornherein zum Scheitern verurteilt? Sicher nicht, sobald der Mensch nicht im Außen sucht, sondern innen. Der Mensch lebt innerlich in zwei Sphären. Die obere Sphäre kennen alle: Das sind die Gedanken, Gefühle, das ist die Welt der Bilder und der Körperempfindungen. Darunter jedoch ist eine zweite und unendlich tiefere und weitere Sphäre. Jeder hat eine Ahnung davon: Wenn er nach innen geht, ausatmet, den Atem ruhiger und langsamer werden lässt, dann beginnt der Wahrnehmungsraum weiter zu werden, stiller und friedlicher. Diesen tieferen Raum entdeckt man nicht, wenn man die Bewegungen und Gefühle der oberen Sphäre beiseite schiebt. Dann wird man nicht wirklich leer, entspannt und losgelöst. Sondern dann, wenn man diesen Gefühlen ihren Raum gab und ihre innere Bewegung. Dann wird man still und es öffnet sich dieser tiefere Raum. Es ist etwas Wichtiges für alle, die sich durch Meditation näher kommen wollen: Dabei besteht die Gefahr, nur zu beobachten und sich dadurch von den Gefühlen und inneren Erfahrungen abzuspalten. Es gibt einen besseren und tieferen Weg nach innen.

Diese tiefere innere Sphäre gibt die direkte Erfahrung von Freude, Frieden und Freiheit. Diese Erfahrungen sind viel intensiver und gleichzeitig ruhiger als die Gefühle der oberen Sphäre. sie sind wie eine tiefe Glut im Unterschied zu einem bloßen Strohfeuer. Solange der Mensch von den Gedanken, Bildern und den dadurch hervorgerufenen Gefühlen gefangen genommen ist, hat er keinen Zugang zu dieser tieferen Sphäre. Aber jeder findet durch einfache Schritte den beginnenden Zugang zu ihr. Und kann sich dort immer mehr zu Hause fühlen. Er oder sie kann entdecken, dass es in Wirklichkeit seine oder ihre wesentliche und eigentliche Natur ist – Freude, Liebe und ein tiefer, durch nichts zerstörbarer Frieden.

 

Der wichtigste Wunsch

Seit Tausenden von Jahren gibt es Menschen, die diese Transformation, die „Erleuchtung“ oder das „Aufwachen“ erfuhren und dann andere auf dem Weg unterstützten. Die Wege sind der Form nach verschieden, dem Inhalt und dem Ziel nach völlig gleich. Der wichtigste Schritt, diese Erfüllung in der eigenen Tiefe zu finden, besteht darin, dass mir alle anderen Wünsche verhältnismäßig unwichtig werden. Sie haben ihre Bedeutung: eine gelingende Partnerschaft, ein schöner Beruf, Freunde, Sexualität oder einfach Sonnenstrahlen auf der Wiese an einem Vormittag. Wenn jemand auf der Suche nach wirklicher Erfüllung ist, auf der Suche nach der inneren Freiheit und dem inneren Grund, auf der Suche nach dem Aufwachen, dann wird er sich für diese Ziele nicht mehr verkaufen und ihnen nicht hinterher rennen. Er wird sie als Geschenke des Lebens nehmen und genießen, aber er weiß, dass das Glück von ihnen nicht abhängt. So bekommt alles seine Bedeutung und verliert gleichzeitig die Wichtigkeit.

Tatsächlich – und das ist die grundlegendste und wichtigste Einsicht all dieser Weisen – findet er das wirkliche Glück und wirkliche vollständige Erfüllung gerade dadurch, dass er nichts will. Dadurch, dass er sich dem Leben hingibt. Er glaubt nicht mehr, dass sich das Leben nach ihm zu richten hätte. Sogar der Wunsch, glücklich zu sein, hat aufgehört. Stattdessen ist er interessiert an der Freiheit und der Wahrheit. Wenn man nichts will, kann man alles bekommen. Über diese Glückseligkeit, die in dieser tieferen Sphäre zu finden ist, schreibt der berühmte persische DichterRumi: Für nur einen einzigen Augenblick dieser Glückseligkeit bin ich bereit, alle Vergnügungen der Welt hinzugeben. Und Rumi hatte bereits erfahren, wovon er sprach.

 


Abb.: © Foxy_A – Fotolia.com

2 Responses

  1. Rosa

    Hallo,
    freue mich über einen Kontakt. Möglicherweise können wir zusammen arbeiten:http://meinewuensche.blogspot.com/
    Beste Wünsche*

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*