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Wir leben in einer Welt der Gegensätze – rechts und links, oben und unten, gut und böse. Unser Ich, das krampfhaft nach Orientierung verlangt, sucht innerhalb dieser dualen Welt nach dem „richtigen“ Weg, um das eigene Leben erfolgreich und erfüllend zu gestalten. Doch irgendwann stoßen alle Strategien, Grundsätze und Konzepte an ihre Grenzen. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?

Die Gedanken drehen sich im Kopf: Wie soll ich mich entscheiden?

Gerade habe ich auf meinem Spaziergang ein kostbares Geschenk empfangen. Ich lief durch den duftenden Wald hinter unserem Haus und dachte über einige zukünftige Projekte nach. Da blieb für einige Sekunden (oder Minuten?) die Zeit stehen. Kennst du das? Kein Denken mehr, nur noch die unbeschreibliche Schönheit des Augenblicks. Alles bewegte sich weiter, die Vögel in der Luft, der Hund auf dem Weg, die Gräser im Wind – und doch ist alles durchdrungen von tiefer Stille.
Das sind die kostbarsten Momente meines Lebens. Zeit-Tore. Sie ziehen mich in einen Raum, in dem ich nicht mehr denke, dass die Welt schön ist, sondern ohne Worte, mit jeder Faser meines Seins weiß, wer ich bin und dass die Dinge perfekt sind, wie sie sind. Eine kostbare Qualität dieser Erfahrung ist die Verbundenheit mit Allem. In dieser Zeitlosigkeit gibt es keine Trennung mehr zwischen mir und den Vögeln, dem Hund, dem Weg und den Gräsern. Alles ist ich – ich bin alles.
Wenn sich unser Bewusstsein für die eigene unermessliche Weite öffnet, ist das wie eine Implosion. Unsere Sicht der Welt und über uns selbst fällt in sich zusammen. Alle Anstrengungen, uns zu verändern oder die Welt zu verbessern, erscheinen angesichts der Perfektion, welche die Stille offenbart, zutiefst lächerlich.

Selbstverantwortung contra Hingabe?

Diese Erfahrung ist nicht nur schön. Sie kann ein heftiges Nachbeben in unserem Leben auslösen, verbunden mit Verwirrung, Schmerz und Angst.
Wir sind darauf konditioniert zu wissen und zu verstehen. Verstehen bedeutet Kontrolle. In unserer Gesellschaft gibt es ein mächtiges Konzept der Selbst-Verantwortung. „Du hast die Wahl. Du bist der Schöpfer deines Lebens. Kreiere deine eigene Realität.“ Wer einmal mit der Unermesslichkeit der Existenz in Kontakt gekommen ist, für den gerät das Fundament der Allmacht kräftig ins Wanken.
„Habe ich nun die Wahl oder nicht?!“ Plötzlich scheinst du zwischen zwei Stühlen zu sitzen und glaubst, dich für eine Lebensvariante entscheiden zu müssen.

Ich habe einige der scheinbaren Gegensätze aufgelistet, vielleicht erkennst du dich wieder:

  • Selbstverantwortung – Hingabe an das Leben
  • Ich habe die Wahl – ich habe keine Wahl.
  • Ich plane mein Leben – ich nehme das Leben wie es ist.
  • Ich strenge mich an – ich entspanne mich.
  • Ich bin verantwortlich – ich bin es nicht.
  • Es ist wichtig, Ziele zu haben – Ziele nähren das Ego.
  • Ich kämpfe für die Beziehung – wenn es nicht sein soll, soll es nicht sein.

Viele Menschen in unseren Seminaren berichteten uns von diesem Konflikt. Die Verwirrung ist perfekt, wenn du dich auf der Suche nach Antwort an verschiedene Lehrer wendest. Zuerst besuchst du ein Selbstmanagementseminar und es scheint so logisch, was du dort hörst über „… Verantwortung übernehmen, eigene Realität kreieren usw., usw … .“ Eifrig beginnst du, an deinen Glaubenssätzen zu arbeiten und dich neu zu programmieren. Manchmal scheint es zu funktionieren – doch dann stößt du wieder auf eine von diesen unsichtbaren Grenzen. Du wählst deine Ziele und willst und tust – und nichts geschieht. Es liegt bestimmt an deinen Blockaden.
Dann landest du im Satsang und erfährst: „… du hast keine Wahl. Alles geschieht, wie es geschieht. Gib dich hin.“ Jetzt ist die Konfusion komplett. Dann liest du noch ein paar Bücher darüber und stellst fest, dass manche Lehrer auf der einen Seite das eine, auf der nächsten das andere behaupten. Jetzt bist du wirklich frustriert. Gut so! Denn du gräbst an der falschen Stelle nach Wasser.

Widersprüche sind Kopfgeburten

Der Widerspruch existiert tatsächlich nur in unserem Kopf. Unser Verstand erschafft Gegenpole, um sich zu definieren. Weiß – Schwarz, Gut – Böse, Richtig – Falsch, Entweder – Oder. Klare Definitionen erschaffen ein Gefühl von trügerischer Sicherheit – so verlockend, dass wir uns nur allzu gern im Labyrinth unseres Denkens verlieren.
Wir müssen uns darüber klar werden, dass unsere Begriffe nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Unterscheidungen wie „oben“ oder „unten“ können uns helfen, uns kurzzeitig zu orientieren. Aber wo, bitte schön, ist in diesem Universum „oben“ und wo „unten“. Genauso egal ist es der Wirklichkeit, ob du dich gerade als Schöpfer oder kleinen Baustein des Lebens erfährst. Unsere geistigen Kategorien gelten nur im Schuhkarton unseres Verstandes. Wir benutzen sie nur allzu oft, um vor dem zu fliehen, was uns Angst macht. Jemand, der sich sehr stark auf seine Selbst-Verantwortung beruft, hat vielleicht eine tiefe Angst vor dem Verlust seiner Kontrolle und der Hingabe an das Unbekannte. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich in Meditationsretreats flüchten, weil es zu schmerzhaft für sie ist, sich mit ihren Finanzen oder Beziehungen auseinander zu setzen.
Gott sei Dank, kann selbst das überzeugendste Konzept die Wirklichkeit nicht umarmen. Das Leben tanzt. Manchmal fordert es heraus, uns bedingungslos hinzugeben und zu vertrauen. Dann wieder taucht der klare Impuls in uns auf, dass es Zeit ist, klare Ziele für unser praktisches Leben aufzustellen und sie umzusetzen. Wenn du ein tiefes Vertrauen in die Existenz gefunden hast und still genug bist, offenbart sich in jedem Augenblick sehr deutlich, was das Leben durch dich ausdrücken möchte.

Einmal schenkt es dir die Erfahrung deiner Winzigkeit im Universum, um dich gleich darauf die Bedeutsamkeit jeder deiner Schritte zu lehren. Der Grenzenlosigkeit öffnen

  • Aus dem hin-und-her-gerissen-sein wird ein Tanz, der alles umschließt.
  • Die Hingabe an die Wahl und die Wahl zur Hingabe.
  • Die Stille auf dem Marktplatz der Welt.
  • Die Askese in der Fülle und die Fülle in der Askese.
  • Mein Bestes geben und dem Leben vertrauen.
  • Selbstfindung in der Selbstaufgabe.

Dann stehen zum Beispiel effektive Techniken des Selbstmanagements nicht mehr isoliert und allmächtig im Raum. Sie haben ihren wertvollen Platz in einer größeren Perspektive gefunden. Ruhig und entspannt betrachtet sind sie sehr nützliche, kraftvolle Begleiter, die auf dem Weg des Managers genauso effektiv einsetzbar sind wie auf dem Weg des spirituell Suchenden.
So lange wir in unserem Verstand nach zeitlosen Antworten suchen, werden wir Verwirrung erfahren. Unser Denken ist nur ein begrenzter Aspekt unseres Wesens. Wenn du den Kampf auf dieser Ebene loslässt, die Angst vor dem Unbekannten zulässt und in die Gegenwart sinkst, eröffnet sich eine größere Dimension des Seins, die alles umfasst – Wahl und Hingabe – Schwarz und Weiß – Gut und Böse. Es ist nicht mehr nötig zu verstehen – weil du jenseits aller Worte weißt.
„Selbst das beste Konzept kann die Wirklichkeit nicht erfassen“

Über den Autor

Avatar of Veit Lindau

wirkt seit 22 Jahren als Teacher, Speaker und Autor. Er versteht sich als liebevoll-konsequenten Reformer, achtsamen Businesspunk und Freigeist. Er gilt im deutschsprachigen Raum als Experte für eine integrale Selbstverwirklichung des Menschen. Sein gegenwärtiges größtes Projekt ist der Ausbau des humantrust, einer integralen Coachingund Vernetzungsplattform mit mehreren tausend Mitgliedern. Seine Bücher, einige Bestseller („Werde verrückt“, „SeelenGevögelt“, „Heirate dich selbst“, „Liebe Radikal“, „NO Prblem“), sind provokante, liebevolle Weckrufe.

Tägliche Inspirationen findest du auf Facebook und www.veitlindau.com

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