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Durch Vereinzelung und Individualisierung in der Gesellschaft und unseren Beziehungen verlieren die Menschen sich immer stärker. Wie können wir uns wiederfinden und echte Empathie in unseren Beziehungen leben? Eine anthroposophische Perspektive von Holger Niederhausen.

Der Mensch verliert den Menschen

Sowohl auf gesellschaftlicher Ebene, als auch in der unmittelbaren Begegnung verliert der Mensch den Menschen immer mehr. Allein schon die ungeheure Arbeitsteilung und Anonymisierung unserer Welt führt dazu – aber auch die reale Entwicklung des Menschen zu immer stärkerer Individualität. Diese bewusstseinsgeschichtliche Entwicklung führt dazu, dass der Mensch sich „auf die Spitze seiner Persönlichkeit“ stellt, wie Rudolf Steiner es einmal formulierte. Damit verbunden ist aber nun zunächst das objektive Wirken immer stärkerer anti-sozialer Impulse, einfach durch die immer stärkere Selbstbezüglichkeit des menschlichen Bewusstseins. Immer stärker erlebt der Mensch sich im Mittelpunkt, und immer schwächer oder abstrakter wird das Erleben des anderen Menschen. Will man sich grob ausdrücken, so müsste man sagen: Der andere Mensch wird zwar noch „registriert“, aber er ist einem vollkommen egal – solange man nicht persönliche Interessen und Gefühle an ihn anknüpft.

Die Gewalt-Exzesse, in denen Jugendliche oder sogar schon Kinder andere Altersgenossen oder sogar Erwachsene „zusammenschlagen“, zeigen, dass in diesen Fällen jegliches Mitleid ausgeschaltete ist – es wird bei der Erscheinung Mensch nichts mehr empfunden!

Ein anderes, mehr triviales, aber beliebig herausgegriffenes Beispiel ist dieses: Es ist noch nicht allzu lange her, dass sich Menschen, die im Urlaub auf einer Wanderung einem anderen Menschen begegneten, sich gegenseitig gegrüßt haben. Dies war noch recht normal – der Andere wurde noch wahrgenommen, man nahm innerlich ein wenig Anteil daran, dass hier ein anderer Mensch kam, dass er vielleicht auch ein Urlauber war und so weiter. Heute ist dies eher die große Ausnahme.

Man geht stattdessen aneinander vorbei. Es gibt vielleicht noch ein merkwürdiges Gefühl, eine leise innere Stimme: „Das war auch ein Mensch“ – aber darauf wird eigentlich nicht geachtet. Man geht einfach weiter, ohne innere Beteiligung. Wird auch auf die leise innere Stimme nicht mehr geachtet oder ist sie nicht mehr da, so ist der andere Mensch eigentlich nicht interessanter oder anders, als wenn am Wegesrand ein Kaugummipapier gelegen hätte, an dem man ja auch bisweilen vorbeigeht.

Entfremdung und Vereinzelung

Aber selbst dort im Alltagsleben, wo ein Mensch den anderen kennt, kennt er ihn nur äußerst vage, vielleicht nur vom Sehen oder nur vom Namen her oder in einigen anderen, wenigen äußeren Erscheinungsformen. Wir kennen heute oft unsere nächsten Nachbarn nicht näher – und oft auch die Arbeitskollegen nicht. Sie mögen uns sympathisch sein, wir arbeiten vielleicht sogar gerne mit ihnen zusammen – aber kennen wir wirklich irgendetwas von ihnen? Irgendetwas Wesentliches?

Es ist diese absolute Vereinzelung, die Konflikte aller Art geradezu unausweichlich werden lässt. Denn auch wenn vielleicht äußere Sympathien es nicht so erscheinen lassen – ein wirklicher Zusammenhang zwischen den Menschen ist oft nicht da. Nicht so da, dass er es verhindern könnte, dass bei der kleinsten Gelegenheit die Menschen einander total fremd werden können, weil sie durch irgendetwas aneinandergeraten und einander verletzen. In diesen Konflikten wird dann unmittelbar erlebbar, wie wenig einen verbindet.

Es ließen sich viele weitere Beispiele beschreiben – bis in die engsten Beziehungen hinein, bis in die Ehen, die Partnerschaften, die Freundschaften hinein. Der Mensch wird dem Menschen immer fremder. Und er kann dies zunächst natürlich auch deshalb nur sehr schwer erleben, weil er ja keinen „Vergleich“ hat.

Die Leugnung der Einsamkeit

Die Schwierigkeit ist nun, dass diese menschliche Tragik heute noch immer nicht wahrgenommen wird – dass man sich eigentlich fürchtet, sie wirklich wahrzunehmen. Noch mehr aber fürchtet man sich davor, die Konsequenzen wahrzunehmen. Denn angesichts des Verlustes des anderen Menschen kann es ja doch nur eine Konsequenz geben, nämlich den anderen Menschen wiederzufinden!

Nun versuchen viele Menschen dies zwar, sie versuchen es aber meist nur in ihrem engeren privaten Umkreis – und schon da sind die Probleme oft riesengroß. Wie ein Naturereignis können einen die menschlichen Katastrophen, das Scheitern von Begegnungen ereilen – und der Mensch hat nicht die Kraft, sie zu verhindern, geschweige denn zu mildern oder gar wieder zu heilen. Umgeworfen von solchen Katastrophen kann man sich wieder aufrappeln und sein Möglichstes versuchen, um doch irgendwie wieder zusammenzufinden – oder man gibt es einfach auf, hofft auf die übriggebliebenen Beziehungen oder andere Begegnungen.

Es muss sich natürlich nicht in Form solcher Katastrophen zeigen, es kann auch viel subtiler ablaufen. Man kann ohne „heiße“ Konflikte mehr oder weniger aneinander vorbeireden, sich immer weniger verstehen, sich auch immer weniger zu sagen haben – bis die Beziehung dadurch auseinandergeht, dass sie einfach sozusagen einschläft oder vereist oder austrocknet.

Die Menschen können aber auch lange Zeit das Gefühl haben, sie hätten sich etwas zu sagen. Man kann lange Zeit aneinander vorbeireden, ohne es wahrhaben zu wollen. Dann tragen die Menschen jeder die eigene Anschauung herbei, hören das, was sie hören wollen und so weiter. „Gespräche“ sind dann eine Aneinanderreihung eigener Meinungen. Man kann dann trotzdem lange Zeit, vielleicht ein ganzes Leben lang, der Meinung sein, man arbeite gut zusammen. Und doch kann man das ganze Leben lang aneinander vorbeileben.

Wenn man nicht erkennt, in welchem Maße heute der Mensch den Menschen verloren hat, wird man auch nicht erkennen und real erleben, wie sehr es heute notwendig ist, den anderen Menschen wiederzufinden.

Versteckter Egoismus

Doch es gibt zwei Arten, den anderen Menschen wiederzufinden: eine ebenfalls egoistische und eine vollkommen reale.

Der heutige Mensch, der sich so sehr vereinzelt hat, empfindet selbstverständlich zugleich eine Sehnsucht nach dem anderen Menschen. Ganz ohne Menschlichkeit und ohne menschliche Beziehungen würde der Mensch zu Grunde gehen – und wir sehen solche „gestorbenen“ Menschen heute bereits – „seelische Wracks“, die, verlassen von allem, was menschliches Empfinden sein kann, ihr Leben fristen, in welcher Form auch immer. Die Sehnsucht nach dem anderen Menschen ist also da. Aus dieser heraus sucht der Mensch Anknüpfung und Beziehungen zu anderen Menschen.

Und aus einer gewissen Sehnsucht heraus kann man auch versuchen, sich selbst zu einem „besseren Menschen“ zu machen, toleranter zu werden, verständnisvoller, „kommunikativer“, „beziehungsfähiger“ und so weiter. Es gibt für all dies heute unendlich viel Literatur und auch Kurse. Man kann also viel Wissen und auch Fähigkeiten erwerben.

Und doch ergibt sich hier ein entscheidender Punkt, der zunächst kaum greifbar, jedenfalls nur sehr schwer begreiflich zu machen ist. Man kann in all dies weiter seine Persönlichkeit und seine Selbstbezogenheit hineintragen. Zunächst sucht man den anderen Menschen deshalb, weil man selbst Beziehungen möchte. Dies müsste man sich tief klar machen, um begreifen zu können, dass man sehr wohl kommunikativer, toleranter, beziehungsfähiger werden kann, ohne dass dies um des anderen Menschen willen geschieht, sondern dass man dies um seiner selbst willen entwickelt. Man selbst will mehr sozialen Zusammenhang haben und spüren – und man macht sich fähig, dies zu haben. Und selbst diese Fähigkeiten können die Persönlichkeit weiter steigern – denn der Stolz darauf, dass man ja so sozialfähig sei, kann erheblich sein. Und je mehr man die Meinung nährt, anderen hier sogar etwas voraus zu haben, desto mehr kann auch der Stolz die Seele durchtränken, ohne dass man bemerkt, wie sehr dies das Ego nährt und stärkt – denn man ist ja, im Gegensatz dazu, gerade der Meinung, man habe so selbstlose soziale Fähigkeiten entwickelt!

Die Schwierigkeit besteht darin, dass man alles auf verschiedene Weise tun kann. Man kann sogar die sozialsten Fähigkeiten so verkehren, dass sie im Grunde nur sozial erscheinen. Man kann zum Beispiel sehr empathisch zuhören – und der Andere mag sich sogar sehr verstanden fühlen! – und dennoch kann die ganze Empathie eine Illusion sein, weil es der subtile, verborgene Stolz ist, der zuhört; die eigene Persönlichkeit, die sich mit diesem Zuhören so eng verbindet, dass man immer und immer doch zu sehr man selbst bleibt und nie und niemals wirklich bei dem anderen Menschen ist. Man kann sich noch so sehr einbilden, wie sehr man doch Anteil nimmt, mit leidet und so weiter – aber eines wird man auf diese Weise nie haben: das volle, umfassende, reine Erlebnis des Anderen. Immer wird man sich selbst im Anderen fühlen – und nie den Anderen in sich.

Und dies ist die absolute Scheidewand zwischen dem noch mit dem Persönlichen, Selbstischen vermischten Empfinden und dem realen, reinen Erleben des anderen Menschen. An diesem Punkte entscheidet es sich, wie tief man den anderen Menschen zu suchen in der Lage ist.

Wahre Empathie

Zu empfinden, wie man selbst sich anstelle des Anderen fühlen würde, ist schon viel – es gibt ein gewisses Verständnis des Anderen und ist die Grundlage für die Möglichkeit des gewöhnlichen Mitleids. Aber das Geheimnis des anderen Menschen wird sich einem auf diese Weise nicht offenbaren können. Denn man nimmt immer sich mit. Man hat seine Vorstellungen über das Denken und Fühlen des Anderen, und diese richten sich nach dem, was man selbst denkt und fühlt oder fühlen würde, wenn man sich in seiner Situation vorstellt. Man geht von sich aus – im Verstehen und auch in der Empathie.

Gewöhnliche Empathie beruht darauf, sich in den anderen hineinzuversetzen – aber das ist es eben: sich in den anderen hineinversetzen. Es ist eine Illusion, dass man nun wirklich bei und im Anderen wäre – man ist, egal, wie man es bezeichnet, doch noch immer auch bei sich, denn sich nimmt man ja gerade mit.

Hier wird der entscheidende Schritt eben noch nicht gemacht. Aber, so mag man sich fragen, – ist denn etwas anderes überhaupt möglich? Ja, das ist es. Statt sich in den Anderen „hineinzuversetzen“, kann man noch etwas tun. Man kann den Anderen in der eigenen Seele aufleben lassen. Das ist genau die umgekehrte Bewegung. Man vertiefe sich einmal darin, um diese Bewegung wirklich zu erleben.

Wenn man sich in den Anderen hineinversetzt, kann man sich selbst bequem immer mitnehmen. Wenn man dagegen dieses geschehen lassen will: den Anderen in der eigenen Seele aufleben zu lassen – so ist dies ja doch nur unter einer Bedingung möglich. Man muss dem Wesen des Anderen in seiner Seele Raum geben! Das bedeutet gerade, sich selbst zurückzuziehen. Nicht sich selbst in den Anderen hineinversetzen, sondern sich aus sich selbst so weit zurückziehen, dass das Wesen des Anderen in der eigenen Seele aufleben kann. Das Wesen des Anderen. Nicht in irgendeiner Weise will ich mich an seiner Stelle fühlen, sondern ich will gerade den Anderen in mir fühlen.

Selbstlosigkeit als Bedingung wirklicher Empathie

Real ist dies nur unter einer Bedingung möglich: unter der Bedingung wirklicher und voller Selbstlosigkeit. Nur dann hört das Sich-selbst-Fühlen auf, nur dann hören die Illusionen auf, nur dann wird das wirkliche Erleben des Anderen real. Sich selbst muss man für dieses Erleben völlig loslassen; man muss aufhören, an sich zu denken, an irgendetwas, was mit einem selbst zu tun hat; ja, überhaupt selbst zu denken – man muss wirklich und wahrhaftig mit dem Anderen mitdenken. Man muss seine Gedanken denken, nicht die eigenen. Und man muss sie so denken, wie er sie denkt, nicht wie man selbst sie denken würde. Und dasselbe mit dem Fühlen: nichts Eigenes mehr fühlen, sondern die Gefühle des Anderen fühlen, sein Fühlen in sich aufleben lassen. Und dasselbe mit dem Wollen, mit den Willensimpulsen des Anderen, diese in sich empfinden wollen.

Auf diese Weise würde man gleichsam wirklich der Andere werden. Man wird es tatsächlich, und so, nur so, kann man den Anderen in seiner eigenen Seele erleben. Aber man wird nicht vollständig der Andere – denn es gibt ja eine Instanz, die dieses Geschehen erlebt und zulässt: das eigene Ich. Indem es sich zurückzieht, soweit zurückzieht, dass es dem Anderen vollkommen Raum gibt, um sein Wesen zu erleben, ist das Ich die Instanz, die dies alles ermöglicht. Es ist derjenige, der erlebt – und es erlebt, indem es sich dem Anderen, dem es Raum gibt, anverwandelt. Das reale Erleben von etwas Anderem durch das Ich beruht immer darauf, dass das Ich dasjenige, was es auf diese Weise real erlebt, in gewisser Weise selbst wird.

Das Ich macht sich selbst bzw. die Seele, die es sonst immer mit seinem Wesen und Wirken ausfüllt, leer und durchlässig, um das Wesen des Anderen einzulassen. Indem das Ich sich diesem Anderen dann ganz anverwandelt, erlebt es nun wirklich das Andere – und zwar durch und durch von innen heraus, das Andere seiend.

Selbsterziehung zur Selbstlosigkeit

Die Möglichkeit zu diesem Schritt kann der Mensch nur durch innere Selbsterziehung erwerben – und diese Selbsterziehung kann nur einen spirituellen Charakter haben, denn es geht um nichts Anderes als um das Geheimnis der Selbstlosigkeit. Solange der Mensch nicht real diejenigen Wege der inneren Entwicklung betritt, die ihn dazu führen, selbstlos zu werden – bei bewusst bewahrter Ich-Kraft, aber diese selbst muss selbstlos-durchlässig werden können -, so lange wird alles zuvor Geschilderte eine Illusion bleiben. Der Mensch wird nicht die Kraft dazu haben, er wird nicht das Verständnis dafür haben – und er wird es auch gar nicht wollen.

Unter welchen Bedingungen wird man den Willen fassen können, die hierfür notwendige Selbsterziehung zu beginnen? Zum einen wird man eine solche Selbsterziehung und innere Vertiefung der eigenen Seele als tiefe Notwendigkeit unserer Zeit erleben müssen. Man wird sich mit der Erkenntnis durchdringen müssen, dass das Weiterrollen der zu Beginn geschilderten Entwicklung immer nur eine Entwicklung zum Schlimmeren bringen kann – und dass eine Umkehr dieser Entwicklung nur durch energische innere Umkehr der einzelnen Menschen möglich sein wird.

Aber nicht eine allgemeine Erkenntnis wird einem solchen Entschluss zur inneren Vertiefung zugrunde liegen, sondern eine konkrete ureigene zweifache Sehnsucht: Eine wirkliche Sehnsucht nach dem anderen Menschen, nach der Fähigkeit, dem anderen Menschen wirklich und immer tiefer begegnen zu können. Und eine Sehnsucht nach einer Heiligung der eigenen Seele.

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Eine Antwort

  1. Nikolaus H.
    Wie steht es um die Abgrenzung vor Menschen, die einem schaden?

    Sehr interessanter Beitrag. Ich beschäftige mich schon länger mit ähnlichen Herangehensweisen u. a. der Gewaltlosen Kommunikation nach Rosenberg. Doch wo ist die Schwelle zum sich selbst verlieren? Ich kenne Menschen, die einen völlig vereinnahmen. Es gibt gesunde eigene Grenzen, die unbedingt zu schützen sind. Darüber lese ich ihn Ihrem Text leider nichts. Dieses Thema ist in unserer Welt, in der es nur so von Narzissten und Soziopathen wimmelt und die nur auf eine Schwäche des anderen warten, von großer Bedeutung.

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