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Von allen spirituellen Konzepten gibt es wahrscheinlich wenige, die so subtil Leid und Schaden anrichten können, wie die Idee des Akzeptierens. Es ist immer wieder erschreckend, wie sehr sich Menschen selbst quälen oder emotional abspalten können, nur um dieses Konzept aufrecht zu erhalten.

Falsch verstandene Akzeptanz

Falsch verstandene Akzeptanz kommt in zwei Extremen: entweder ein perfektioniertes Ertragen, oder eine als spiritueller Gleichmut verklärte emotionale Abspaltung.

Häufiger scheint mir letztere Variante zu sein. Dahinter steht vermutlich meist die Idee, das spirituelle Menschen keine negativen Gefühle haben und den Film ihres Lebens überhaupt aus der sicheren Entfernung gleichmütiger, passiv Präsenz betrachten sollten.

Nach einiger Zeit einer solchen Praxis hat man das so sehr perfektioniert, dass man tatsächlich keine Widerstände mehr merkt. Der Emotionalkörper ist quasi völlig abgekoppelt und man existiert in einem gleichgültigen und blutleeren Zustand, den man sich selbst als spirituelle Präsenz verkauft.

Man hat erfolgreich gelernt, Widerstände und Emotionen einfach „wegzumachen“ und flüchtet sich in einen Raum kühlen, mentalen Friedens, der dann als oftmals als besonders präsent oder non-dual umetikettiert wird. Gefühle nimmt nicht mehr tief im Körper wahr, sondern nur noch dumpf aus der Ferne.

Der Preis dafür ist hoch: Sowohl natürliche Freude, als auch Sanftmut, Empathie und echte menschliche Nähe sind in diesem Modus nicht mehr zugänglich. Die eigene Kälte und Härte merkt man aber selbst nicht mehr und versteckt sie auch nach außen meist recht gut hinter einer hübschen spirituellen Fassade, die mit reichlich schlauen Zitaten geschmückt ist.

Das Schlimmst ist jedoch, das auch echtes spirituelles Wachstum in diesem Zustand ab einem bestimmten Punkt fast nicht mehr möglich ist, weil er die Integration von Seele und Körper verhindert.

 

Der Seele zuhören

Die sogenannten negativen Emotionen sind immer ein Zeichen, dass wir durch einen Filter sehen, und mit etwas identifiziert sind, was nicht in Übereinstimmung mit unserem wahren Wesen und unserer höchsten Wahrheit ist. Das können Emotionen aus der Vergangenheit sein, Karma, alte Glaubenssätze oder wie immer man es nennen möchte – im Kern ist es irgendeine Form von Verspannung und Identifikation.

Negative Emotionen treten auf, wenn „etwas nicht stimmt“, wenn wir uns aufgrund unserer Identifikation, Filter oder alter Glaubenssätze ein Erleben kreieren, was nicht in Resonanz mit unserem Selbst ist. Sie sind immer ein Hinweis und eine Aufforderung an uns, etwas in uns anzuschauen und eine neue Art zu sein und zu handeln in uns zu entdecken. Als solches sind negative Emotionen wichtige Hinweise auf unserem Weg, die nicht unbeachtet bleiben sollten.

Der natürliche Verlauf unserer Entfaltung ist stetige Bewegung, Veränderung und Expansion. Wenn wir auf dieser Reise an Punkte geraten, wo wir stagnieren, uns im Kreis drehen und in alten Mustern verstrickt bleiben, vergangene Erfahrungen sich aktivieren, sinkt unsere Energie und negative Emotionen setzen ein.

Wenn man nun beginnt, diese Emotionen entweder zu „ertragen“ oder wegzuakzeptieren, sie also entweder nicht wirklich anschaut oder aber in spiritueller Würde erträgt und reglos in der Situation verharrt, ist das Ergebnis in beiden Fällen absolute Stagnation und völliger Stillstand auf dem spirituellen Weg. Dies führt dazu, dass die gleiche Situation immer und immer wieder erlebt wird.

 

Heilsames akzeptieren

Aber Moment: Sagt nicht jedes spirituelle Buch, das man Gefühle akzeptieren muss, um sie zu heilen?

Das stimmt, sogar sehr, aber akzeptieren heißt eben nicht wegmachen. Akzeptieren heißt anerkennen und fühlen, nicht der Versuch, den Widerstand loszulassen, sondern tief in den Widerstand hineinzufühlen und zu schauen, wo seine Quelle ist. Die Verspannung in unserem Körper und unserem Feld wahrzunehmen und dabei extrem fein und wach zu bleiben.

Heilung passiert in meiner Erfahrung dann, wenn ich eine Spannung absolut intim fühlen und gleichzeitig die Frequenz meiner Seele halten kann – wenn ich also wach bleibe und mich selbst in, durch und jenseits dieser Spannung wiederfinden kann . Wenn ich mich an mich selbst erinner.

Akzeptanz bedeutet auch nicht, das damatische suhlen in Emotionen, sondern wirklich wach zu bleiben in den Emotionen. Beide Teile sind wichtig: Bloß zu fühlen erzeugt nur Leid, bloß die höhere Wirklichkeit zu betrachten Stagnation.

Der Weg des Akzeptierens

Ich verwende dafür oft das Bild eines Wirbelsturms: Außen ist es ruhig, die Wand des Sturms ist Chaos und im Auge des Sturms ist es wieder ruhig.

Wenn wir die Wand des Sturms berühren und sofort wieder einen Schritt zurücktreten, bleibt der Sturm wo er ist und wir können nicht weiter, weil der einzige Weg durch den Sturm hindurch führt. Wir haben dann zwar unsere Ruhe, werden aber in regelmäßigen Abständen immer wieder an den selben Punkt kommen.

Wenn wir in die Wand des Sturms treten, dort stehenbleiben und zu zappeln und zu jammern anfangen, haben wir zwar enorme Schmerzen, heilen aber gar nichts, sondern kreieren nur sinnloses Drama.

Wenn wir in den Sturm treten, die Wand absolut wach fühlen, gleichzeitig aber die Verbindung zu unserem Frieden halten und noch einen Schritt weiter in den Sturm hineintreten, erreichen wir das Auge des Sturms und alles fällt in sich zusammen.

Die oberen beiden Varianten werden oft als Akzeptieren verkauft, wobei sie eigentlich im ersten Fall Flucht und in zweiten sinnloses Drama sind. Akzeptanz ist weder Abspaltung noch Ertragen, sie ist bewusstes und liebevolles spüren und wahrnehmen von dem, was ist. Sie ist der absolute Mittelpunkt zwischen völliger Hingabe und völligem Willen zur Transformation.

Von Akzeptanz zu Stillstand

Zuletzt führt die Praxis des Wegakzeptierens auch dazu, dass wir den evolutionären Impuls zu Veränderung gleich mit wegmachen.

Um es etwas zu vereinfachen, könnte man sagen, Emotionen kommen aus der Vergangenheit, Gefühle aus der Gegenwart. Es gibt durchaus Widerstände und Verspannungen, die authentische Gefühle sind, die uns helfen, zu fühlen, was für uns stimmig und in Resonanz und was falsch ist.

Eine Überbetonung von Akzeptanz kann dazu führen, über die Zeit passiv zu werden, das Gefühl für die eigene Leidenschaft und Liebe und damit den eigenen Lebensweg zu verlieren. Passivität ist keine spirituelle Tugend, auch wenn die moderne Spiritualität das oftmals zu suggerieren scheint. Vielmehr nimmt sie uns den Kontakt zum evolutionären Impuls nach Wachstum, Ausdruck und Veränderung, der in uns allen wohnt und wirkt. Wenn Akzeptanz zu „Ertragen“ mutiert, hält sie uns in einer völlig destruktiven, endlosen Schleife fest. Wenn der Glaube, alles akzeptieren zu müssen in ein Konzept ausartet, geht leicht das Gefühl für den authentischen Impuls zu handeln verloren.

Wir alle fließen aus einer kreativen Quelle und der Strom unserer Seele hat einen starken schöpferischen, gestaltenden Impuls. Wir sind Ausdruck dieser Quelle, die sich durch uns sprudelnd in der Welt entfaltet. Gefühle sind unser spirituelles Navi, dass uns zeigt, wann wir in diesem Strom sind und wann auf dem Holzweg.

Zu versuchen, ständig gleichgültig zu sein, ist in meinen Augen ein völliges Missverständnis unseres Wesens als Seele. Ja, im tiefsten Inneren sind wir die Quelle, reines Gewahrsein, völlige Leere und Stille, aber der eigentliche Witz ist, dass diese Quelle uns erschaffen hat, um sich zu erfahren und auszudrücken. Es geht nicht darum, dass Wasser rückwärts gegen den Strom zurück in die Quelle zu drücken, sondern die Quelle zu sein, während wir fließen.

Und wenn das Wasser sich einmal in einem Wirbel verfangen hat, hilft es nicht, diesen zu ignorieren, sondern es braucht ein waches Fühlen, wo in uns der Staudamm liegt. Wenn wir nicht wach sind, gehen wir im Wirbel verloren, wenn wir nicht fühlen, hören wir auf zu fließen.

Akzeptanz ist weder Ertragen noch noch Wegmachen, sie ist der fühlende, wache Strom unseres Bewusstseins durch die menschliche Erfahrung hindurch.

 

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12 Responses

  1. Brigitte Brausam-Hansen
    Akzeptanz des göttlichen Willens und der menschlichen Verletzbarkeit

    Die größte Akzeptanz meines Lebens geschah, als ich erkannte, dass ich als Mensch letztendlich nichts aus eigener, persönlicher Kraft machen und gestalten kann, sondern es einen göttlichen Willen und Plan gibt, dessen Teil ich bin und der widerum Teil in mir ist. Wenn ich diesem Plan auf tiefster Einheitsebene in aller Freiheit zustimme, ihn bejahe, ihn akzeptiere, akzeptiere ich auch, dass nicht alles was mir in der menschlichen Existenz z.B schmerzliches widerfährt, seinen Ursprung (Resonanz) in mir hat bzw. mangelnde Selbstliebe ist, sondern durchaus von anderen, zugefügt werden kann (also wenn mich zum Beispiel jemand schlägt, tut das weh und die Ursache dafür liegt in dem, der schlägt und nicht, in dem der die Schläge abbekommt, und er fühlt deutlich durch den Schmerz, dass hier ein Fehlverhalten des Anderen vorliegt) kann ich akzeptieren, dass dies geschieht (da/wenn ich es nicht ändern kann) und gleichzeitig in Liebe bei mir bleiben, in dem Wissen, dass es nicht durch mich bedingt ist und sogar in Liebe darauf reagieren, dh. weder mit denselben Waffen zurückschlagen, noch weglaufen, sondern da sein in Liebe, wo es Sinn macht, für die Liebe, die Wahrheit und den Weg des Lebens mutig einzustehen. Das ist für mich die tiefe Bedeutung Jesus, der sich in Akzeptanz des göttlichen Plans, der Verletzlichkeit menschlichen Seins in aller Liebe gestellt und Schmerz akzeptiert (nicht geliebt) hat, der von Nicht-Liebenden verursacht wurde, weil nur Liebe als Antwort dazu führen wird, dass Liebe die stärkste Kraft auf Erden ist und bleibt.

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  2. AmLernen
    AmLernen

    Ich finde den Text im Grossen und Ganzen eher negativ geschrieben. Allein schon der Titel widerspricht ja der schlussendlichen Meinung des Autors, dass es unterschiedliche Interpretationen bzw. Ausübungen der Akzeptanz gibt und die einen Stagnation auf dem spirituellen Weg bedeuten und andere durchaus ihren Sinn haben.
    Die im Buddhismus bzw. in der Achtsamkeitspraxis und der achtsamen Meditation gelehrte Akzeptanz finde ich gut. Ich denke nicht, dass ich dadurch emotionslos oder weniger mitfühlend bin, im Gegenteil genau darum geht es ja: Mitgefühl und Freundlichkeit zu entwickeln auch den Dingen gegenüber, die man „weghaben“ will. Mich nähme also insofern wunder ob der Autor und auch die Kommentarverfasser die Akzeptanz im buddhistischen Sinne ablehnen oder bloss die Art wie sie interpretiert oder umgesetzt wird. Vielen Dank für reichlich Meinungen, welche nicht zu kompliziert geschriben sind 😉 Lg

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  3. Kristina

    @Thomas Wirth
    dein Kommentar beinhaltet Denkfehler, da Akzeptanz/Nichtakzeptanz nur auf Taten, Verträge, Programme etc. anwendbar ist und nicht auf Menschen, denn der Mensch und seine Würde ist unantastbar.
    Auch ist ein großer Fehler, Kinder als „schwierig“ zu bezeichnen.
    Alle Kinder sind Individuen die ihren Raum und Zeit brauchen um zu wachsen.
    Falls dieser Raum/Zeit willkürlich eingeschränkt wird (wie oft durch die Schule), wird das Kind es nicht akzeptieren, sondern rebellieren oder erkranken.
    Kinder benötigen elterliche/familiäre Liebe, Geborgenheit und Schutz, da sie sonst Gefahren ausgeliefert sind und ihre Orientierung verlieren können.
    Wenn ein Kind Zwang/Gewalt/Not erlitten oder gesehen hat, wird es analog reagieren und ähnliche Ausdrucksformen suchen/manifestieren.
    Falls Kinder absichtlich etwas zerstören oder klauen, dann wäre es absolut falsch dies zu akzeptieren, zu tolerieren oder zu bestrafen, da sich diese Symptome verstärken können und früher oder später Gefängnis oder Psychiatrie droht.
    Daher müssen Eltern schnell rausfinden was ihrem Kind fehlt, welche Ungerechtigkeit es erfahren hat und den Mangel sofort kindergerecht ausgleichen.

    @Shumil.de
    ich finde deine Interpretation über Nepal anmassend und naiv (Zitat: „in der nepalesischen Sprache gibt es kein Wort für unser ’stören‘, denn nichts stört,
    alles soll so sein wie es ist…“).
    Begreife doch, dass arme Menschen (ob im Nepal oder in Deutschland) viel Störung und Ungerechtigkeit ertragen, da sie keine Änderungs-/Umzugsmöglichkeit haben und deinen Luxus-Vorschlag praktisch nicht umsetzen könnten.
    So versuchen sie sich mit jeder Störung/Ungerechtigkeit abzufinden und nicht zu beklagen, da selbst wenn sie dafür Worte finden, werden sie nicht angehört und nicht ernst genommen.

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  4. Julia

    Ich fände „Warum Wegakzeptieren nicht akzeptiert“ besser. Du zeigst ja den Weg auf und es gibt klare spirituelle Praktiken, die zu wirklicher Akzeptanz führen, was aber immer wieder der Erneuerung bedarf.
    Ich selbst habe an mir und an spirituell orientierten Menschen immer wieder beobachten können, wie gefährlich es ist, wenn spirituelle Theorien und Versatzstücke auf unreflektierte, nicht integrierte Persönlichkeitanteile treffen. Aber ich bin auch nicht die erste, die darauf hinweist. Was ich immer wieder einfach traurig und schade finde, wenn zwischenmenschlicher Kontakt deshalb nicht mehr möglich ist. Das ist z.B. der Fall, wenn ein so starres positives Selbstbild von einem bestimmten Punkt des Bewusstseins aufgebaut wurde, aber nonverbal, verbal und in Handlungen etwas völlig Anderes zum Tragen kommt, über genau diese Diskrepanz aber keinerlei Reflexion auf der Metaebene möglich ist. Das ist das, was in dem Artikel „Eine Satsangeleherin steigt aus“ beschrieben wird, denke ich: Für andere ist das Ego noch sehr gut zu erkennen, aber für denjenigen nicht mehr und der nimmt absolut nichts mehr an, was dem eigenen Selbstbild widerspricht.
    Anderes Beispiel: Ich nenne das seit neuestem „spirituelle Gnadenlosigkeit“ – die eigene Menschlichkeit wird keine Bedeutung mehr beigemessen. Das passiert m.E. v.a. den Lehrern, die die Herzebene vernachlässigen und sich nur noch auf die höheren Chakras verlassen oder auf der provokativen Ebene arbeiten und den Leuten, die tatsächlich denken, sie würden etwas Gutes bewirken, wenn sie Anderen spirituelle Phrasen um die Ohren schlagen (à la „Du weißt, dass du dir das kreiierst“, wenn der Andere gerade in einer probelamtischen Situation ist). Viele Spirituelle haben auch Probleme, sich gerade in ihrer menschlichen Schwäche zu zeigen.
    Was können wir tun in Zeiten des spirituellen Chaos, wo die meisten vor sich hintappen auf ihrem Weg? Diesen Austausch finde ich sehr konstruktiv und ehrlich, so klären wir auf Augenhöhe. Als Form gibt es dafür z.B. Redekreise, wo man sich nichthierarchisch austauschen kann. Jeder, der sich in seiner Menschlichkeit und vielleicht auch Hilfebedürftigkeit mitteilt, ist ein Geschenk in meinen Augen, und jeder der darauf menschlich reagiert auch. Wir sind hier ALLE, um eine Erfahrung zu machen und uns weiter zu entwickeln, ohne Ausnahme. Für mich ist ganz entscheidend, wie jemand ist und handelt, als was er sagt.

    Liebe liebt, sie redet nicht darüber, dass sie es ist oder was sie tun wird.

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  5. Thomas Wirth

    Sehr schöne Gedanken, David. Falls ich dich richtig verstehe, könnte dies ein gutes Anschauungsbeispiel sein: Angenommen, ich habe ein -nach offizieller Darstellung- „schwieriges“ Kind. Nun habe ich drei Möglichkeiten: 1. Ich versuche es zu verändern (tun). 2. Ich akzeptiere, dass es schwierig ist (nichtstun = ebenfalls tun!). 3. Ich lasse die Idee fallen, dass mein Kind schwierig ist und begreife, dass das Kind, so wie es ist, vollkommen ist (weder tun noch nichtstun, also sein) – und begegne es aus dieser Warte. Ich nehme einen Blickwinkel ein, aus dem es erst gar nichts zu akzeptieren gibt, weil gar nichts verkehrt ist. Ich meine, erst hier ist wirklich Liebe am Werk (Spirituelle Liebe kennt keine Absicht). Bei den anderen beiden Varianten ist es Manipulation (der Versuch zu verändern) oder Pseudoliebe (akzeptieren, dass etwas nicht so ist, wie es eigentlich sein sollte). Das gleiche Prinzip kann ich nun auch bei mir selber anwenden – das Kind steht nun für Eigenschaften, Krankheit etc.: Betrachte ich mich prinzipiell als vollkommen und spüre das auch – kreiere ich Vollkommenheit. Betrachte ich mich als nicht ganz 100, kreiere ich auch stets einen Zustand von nicht ganz 100. Kurz gesagt: Es geht nicht ums Akzeptieren, sondern um das Loslassen meines eigenen Widerstands gegenüber meiner Vollkommenheit. Hier liegt der Unterschied.

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  6. shumil.de

    Es gibt immer drei Möglichkeiten, mit einer unangenehmen Situation umzugehen (frei nach Ekkehart Tolle – ‚Jetzt, die Kraft der Gegenwart‘):

    1. sie akzeptieren als so gegebenen Lern- und Erfahrungsweg
    2. sie verändern
    3. weggehen

    Leider gehen wenige Menschen diesen konsequenten Weg, sondern wählen die 4. Möglichkeit:

    Die Situation nicht akzeptieren können, da sie Schmerzen macht, sie nicht verändern können aber auch nicht weggehen – so bleibt man in einem Zustand des Haderns und sich Grämens, und das macht KRANK, denn Krankheit ist Ausdruck einer misshandelten Seele, die unglücklich ist.

    Das Akzeptieren ist also durchaus eine Möglichkeit, aber das muss man dann auch wirklich voll und ganz vollbringen, ohne insgeheim doch sauer oder wütend zu sein – eine sehr schwierige Übung!

    Ein Beispiel: der Nachbar hört ständig Musik, die zu laut ist und die anderen nervt – 1. ich kann drauf Vertrauen, dass auch das so sein soll und auch er nur ein Mensch auf seinem Weg ist und schon irgendwann einsichtig werden wird – 2. mit ihm reden, die Polizei rufen, ihm den Strom abklemmen, Ohrstöpsel besorgen usw. – 3. Wenn 1. nicht funktioniert und 2. auch nicht, dann bleibt nur noch 3.: Umziehen (und das hat NICHTS mit Flucht zu tun!)

    Da kommt aber von so vielen Menschen dieses „Ich kann ja nicht, weil … die Kinder, das Haus … usw.“

    Zu 1.: in der nepalesischen Sprache gibt es kein Wort für unser ’stören‘, denn nichts stört, alles soll so sein wie es ist, damit alle Beteiligten ihre Erfahrungen machen können und dran wachsen können – Meditieren bei Strassenlärm ist eine Kunst und hat nichts mit ‚Wegakzeptieren‘ zu tun.

    Alles Liebe

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  7. Kristina

    Akzeptanz ist sehr verhängnisvoll und wird zu leichtsinnig, unüberlegt erteilt.
    Die Problematik liegt im falschen, ideologisch geprägten Sprachgebrauch, in welchem Begriffe wie Akzeptanz, Toleranz, Vertrauen etc. pauschal als „positiv“ gelten. Daher um „positiv“ zu wirken, versuchen viele vorzutäuschen, dass sie tolerant und akzeptierend wären, auch wenn die Wahrheit anders ist und sie sich nach Überlegung völlig anders entschieden hätten.

    Im Gegensatz dazu, wird Nichtakzeptanz und Kritik als „negativ“ missverstanden.
    So werden Menschen die Kritik/Beschwerde/Widerspruch erheben, ignoriert und zum Schweigen gebracht.
    Und ausgerechnet Menschen die keine Ungerechtigkeit, keine Gewalt und
    keinen Betrug dulden (z.B. keine Umweltschädigung, Tiermord, Kriegsbeteiligung), werden paradoxerweise bekämpft, bestraft und als Störenfried verleumdet.

    Diese kollektive Verlogenheit hat verheerende Folgen für unser Leben, Wirtschaft, Gesundheit sowie für inneren und äußeren Frieden.
    Oft werden intelligente, mutige, wertvolle Menschen kriminalisiert, ausgegrenzt
    und verfolgt, während korrupte Hochstapler die jede Ungerechtigkeit akzeptieren, leicht an die hohen Posten, Geld und Macht kommen.

    Da uns Gefühle und Emotionen aufgrund falscher Schulerziehung und Konditionierung täuschen können, ist es wichtig sachlich/verantwortlich zu sein und genau zu prüfen bevor wir etwas akzeptieren und die Gefahren unterschätzen.

    Die Akzeptanz beginnt schon bei den Produkten die wir täglich kaufen und sie als „Lebensmittel“ akzeptieren, ohne den Inhalt auf Schadstoffe und Ethik zu prüfen.
    Doch selbst wenn wir gesunde und ethische Produkte kaufen, akzeptieren wir,
    dass wir dabei zusätzlich 19% bzw. 7% Steuer zahlen (z.B. Kuhmilch 7% und Sojamilch 19%), welche dann willkürlich auch für schädliche, unethische und kriegstreibende Entscheidungen ausgegeben werden.

    Denn wir alle als Steuerzahler akzeptiert es, dass wir bei den Steuerausgaben
    kein Mitspracherecht haben.
    Es ist üblich, dass die Mehrheit ihre Stimmen stets leichtsinnig abgibt und sich
    von Politikern, Beratern, Betreuern steuern lässt, was bedeutet, dass sich die Mehrheit selbst nicht akzeptiert.

    Antworten
  8. Tanja Faust

    Wunderbar in Worte gefasst!
    Die vielen spirituellen Mißverständnisse sollten noch mehr in den Fokus rücken, weil sie so weit verbreitet sind. Dies hier ist ein weiser Beitrag dazu.

    Antworten
  9. Udo

    Super, danke dir für den sehr klaren Artikel!

    Ich finde es hilfreich die Vokabel „akzeptieren“ innerlich mit „genießen“ zu ersetzen. Da kommt man nicht so leicht zum „weg-akzeptieren“. Mich zu fragen wie ich meinen Schmerz, meine Trauer usw. genießen kann lenkt viel mehr den Blick auf das positive Geschenk, das magische Tor in die eigene Tiefe und Sinnlichkeit.

    Antworten
  10. Mariam

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel.
    Er kam gerade zum richtigen Zeitpunkt.
    Immer wieder ertappe ich mich dabei,
    wie ich den spirituellen Weg als Flucht nutzen will,
    um mich mit den negativen Emotionen nicht mehr auseinander setzen zu müssen. Was ja auch verständlich ist-
    denn oftmals muss man sich erst Schicht um Schicht durch viele Widerstände hindurcharbeiten.
    Ja, richtige Arbeit ist es- da ist die Möglichkeit all dies zu „überspringen“ doch sehr verlockend.

    In diesem Sinne wünsche ich allen ein gutes Perspektivenspiel-
    zwischen persönlicher und transpersonaler Betrachtung des eigenen Seins!

    Antworten
  11. Axel Wartburg

    Ein Weg aus der Gefühlsflucht kann sein, dass wir aufhören in Gut und Böse, bzw. wie auch hier, in gute und negative Gefühle zu unterscheiden.

    Spiritualität kann dazu beitragen Erkenntnisse über Systeme, hier erwünschtes Fühlen, Denken und Handeln zu produzieren und das Hinterfragen von Systemen zu ver- oder behindern, zu erhalten und sich aus eben diesen zu befreien.

    Nehm ich das System „Herrschaftssprache“, erfasse ich, dass gut und böse/negativ vor allem dazu genutzt wird, um sich wohl oder unwohl zu fühlen. Wohl, wenn ich mit der Meinung der Herrschenden konform gehe und unwohl, wenn ich eine andere Meinung habe. Extrem unwohl, wenn ich diese dann auch noch trotzdem beibehalte.

    Es sei denn, ich habe mich befreit. Dann nämlich ist mir meine eigene Moral wichtiger, als die die aufoktruierte.

    Wenn ich an Stelle von sogenannt „guten und negativen Gefühlen“ nun von „direkt und indirekt hilfreichen Gefühlen“ rede, breche ich diese Art der Manipulation durch die Wortwahl auf. Womit ich es mir zeitgleich ermögliche, alle meine Gefühle als wichtig anzuerkennen.

    Dachte ich früher tatsächlich für einige Jahre: Mist, ich darf so nicht fühlen, da ich mir damit nur das Negative erschaffe! Und ich möchte doch Wohlsein erschaffen!“, denke ich heute immer öfter: „Ah, super, ich bin sauer/wütend/neidisch (etc.)“ und übe mich darin, diese Gefühle anzuerkennen und mich sogar über sie zu freuen, da ich erst durch sie einen Filter / eine Reflektion erlebe, die für mich wichtig ist. Erst durch das Annehmen dessen, was ich früher viel öfter nicht wollte, erschaffe ich mir Zugang zu den dahinter liegenenden ursächlichen Strukturen (Glaubenssätze), die solche Gefühle auslösen und dank derer ich Verhaltensweisen an den Tag legen kann, wenn ich diese Gefühle missachte oder verdränge, die mich noch weitaus kranker (und sei es auch nur auf der Gefühlsebene) machen, als ich es zu dem Zeitpunkt noch wahr, zu dem ich meine sogenannt negativen Gefühle noch nicht verdrängen wollte.

    Alles in allem ein interessanter Weg, denke ich:

    1. Schritt der Entwicklung:
    Gefühle in gut und schlecht einteilen (wodurch gar nicht erst gefragt wurde, wieso ich mich so oder so fühle)

    2. Schritt der Entwicklung:
    Nur noch gute Gefühle fühlen wollen und sich für schlechte Gefühle verurteilen (wodurch noch mehr Unwohlsein entstand)

    3. Schritt der Entwicklung:
    Alle Gefühle als wichtig annehmen und sich darüber zu freuen lernen, dass ich noch so sensibel bin, um sie fühlen zu können (um dem Schulddenken zu entkommen)

    4. Schritt der Entwicklung:
    Die Ursache der Gefühle in sich finden und lösen (um emotional noch gesünder werden zu können)

    5. Schritt der Entwicklung:
    Fällt mir grad nicht ein. Möglich, dass ich den noch gar nicht gemacht habe. In dem Fall freu ich mich darauf ihn zu machen und über mich darin achtsam zu sein, so ich ihn erlebe, damit ich ihn als wertvoll erfassen und annehmen kann. ;o)

    Herzliche Grüße
    Axel

    Antworten

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