Anzeige

Bezogen auf die Stadtentwicklung Berlins ist der Mauerfall so etwas wie ein historischer Nullpunkt. Ich nehme an, dass einige Leser noch wissen, wie es vor rund 25 Jahren hier aussah. Parkplatz- oder Wohnraummangel waren unbekannt. Im Gegenteil: Es gab Parkplätze und Wohnungen im Überfluss, der Potsdamer Platz war eine große Brachfläche und darauf stand das Zirkuszelt des Tempodroms. Bis Investoren und Geldgeber aus aller Herren Länder kamen. Es wurde saniert und gebaut … und gebaut … wie heute jeder überall sehen kann. Nach 25 Jahren derartiger „Stadtentwicklung“ stehen wir allerdings vor dem Dilemma, dass das Fass am Überlaufen ist.

Grün- und Freiflächen werden immer weniger. Der Verkehr hat gewaltig zugenommen und die Mieten sind extrem gestiegen. Schaut man sich Mitte an – beispielsweise die Friedrichstraße rund um den Checkpoint Charlie, findet man kaum noch Bäume. Ein Betonklotz am anderen, fast keine Freiflächen, extremer Verkehr, ganz zu schweigen von Parkplätzen …. und das soll das Zentrum der Stadt sein oder sogar noch als Beispiel für Stadtentwicklung dienen? Nein danke!

Der sogenannte Mietpreisspiegel, der damals in der Wendezeit eingeführt wurde, wird im Eiltempo nach oben getrieben durch Mieterhöhungen bei Neuvermietungen und die Ausrichtung der Mieten an der Obergrenze. Meine Miete betrug vor 25 Jahren für zwei Zimmer (ca. 50 m²) 26,20 Mark, bei einem Nettoeinkommen von 500 Mark. Das waren rund fünf Prozent meines Einkommens. Heute beträgt meine Miete ungefähr das Zwanzigfache von damals und ich muss dafür fünfzig Prozent meines Einkommens aufbringen.

Mietpreiswucher

Warum gibt es eigentlich nach 25 Jahren sogenannter „Stadtentwicklung“ heute kaum noch freie Wohnungen, die man sich als Normalverdienender auch leisten kann? Weil es einerseits inzwischen rund 10 000 Ferien- und Touristenwohnungen in Berlin gibt. Und weil es sich andererseits kaum noch jemand leisten kann, die alte Wohnung zu verlassen und umzuziehen. Eine Bekannte hatte kürzlich ihre Vier-Zimmer-Wohnung in Neukölln gekündigt. Der Vermieter setzte bei der Neuvermietung die Miete von 630 auf 1100 Euro herauf, einfach, weil das im Rahmen des Mietpreisspiegels möglich war. Hier ist die Politik gefragt, bei Neuvermietungen der Profitgier Zügel anzulegen.

Meine Meinung: Miete über fünf Euro/m² kalt ist Wucher, eine Warmmiete von bis zu sieben Euro sozial und preisgünstig. Vorerst müssen sich die Bürger noch selbst helfen. Bezüglich des Freudenbergareals (siehe Artikel in SEIN 11/14) konnte ein Bürgerbegehren auf Bezirksebene rund 10 000 Unterschriften gegen eine Bebauung sammeln, die sich rein nach dem Gewinnstreben der Investoren richtet.

Mitgestaltung der Bürger gefragt

Was wäre die Alternative? Die Stadt der Zukunft ist eine Stadt mit sozialem und ökologischem Gleichgewicht, wo nicht das Geldverdienen an erster Stelle im Leben steht, sondern ein respektvolles, entspanntes Miteinander, wo Wohnen existenzielle Grundlage ist … und nur noch gebaut werden darf, wenn das Gleichgewicht mit Erholungs,- und Freiflächen gesichert ist, also wenn Bauen dem Allgemeinwohl dient und nicht den Interessen von Aktionären und Fondsanlegern.

Schaut auf andere Großstädte, zum Beispiel Bangkok, wo das ökologische Gleichgewicht schon gekippt und die Luftverschmutzung so extrem ist, dass man das Blau des Himmels nicht mehr sehen kann. Im Zweiten Weltkrieg wurde Berlin durch Bombenabwürfe zerstört – heute durch Geldgier. Die sozialen Spannungen verschärfen sich dabei zunehmend. Das soziale und ökologische Gleichgewicht kippt! Früher sah man keine Verkäufer von Obdachlosenmagazinen, auch darum, weil es kaum Bettler und Obdachlose gab.

Was die Menschen in Friedrichshain, im am dichtesten besiedelten Teil Berlins, wollen, sind Park- und Erholungsflächen, ein Stadtteilzentrum, eine große Kita, einen großen Spielplatz und günstige Sozialwohnungen. Weil dies Dr. Jürgen Leibfried, den Geschäftsführer der Firma Bauwert, den Investor des Freudenbergareals, bis jetzt nicht interessiert – der derzeitige Bebauungsplan des Investors wirft einen geschätzten Gewinn von zirka 40 Millionen Euro für die Fondsanleger ab! –, wurde eine Verbandsklage der Bürgerinitiative „Naturfreunde“ eingereicht gegen den Bauvorentscheid des Senats, damit die Bürger, die hier wohnen, mitentscheiden können bei der Gestaltung ihrer Lebensfläche.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*