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Was, wenn ich stattdessen über die Zweifel sprechen will, die auf Zehenspitzen deinen Rücken emporklettern, sich zwischen deinen Wirbeln einnisten und deine Wirbelsäule aufweichen? Was, wenn ich dich fragen will, was dich nachts wach hält, wenn der Rest der Welt schlafen gegangen ist, und nach diesem immer wiederkehrenden Traum und was du glaubst, was er bedeutet? Was, wenn ich etwas über die rosa Narbe an deinem Kinn wissen will und woher du sie hast und warum du versuchst, sie mit deinem Schal zu verstecken?

 

Was, wenn es mich nicht kümmert, was im Fernsehen oder im Finale deiner Lieblingsserie passiert?

Was, wenn ich mich stattdessen für den heimlichen Song interessiere, der in deiner Lunge lebt, den niemand hört, außer dir? Was, wenn ich dich bitte, ihn zu mir zu atmen und dir verspreche, zuzuhören und das auch wirklich mache? Was, wenn ich neugierig bin, wann du das letzte Mal verloren, das letzte Mal getrauert hast und ob es etwas in dieser Welt gibt, für das du sterben würdest? Was, wenn ich mich für den Augenblick deines größten Stolzes interessiere, dein tiefstes Bedauern, das Gesicht, von dem du dachtest, du würdest es immer erinnern, das du aber jetzt vergessen hast?

Was, wenn ich nicht in einer lauten Kneipe sitzen und Bier saufen will, bis die Nacht zu einem verschwommenen Nebel wird?

Was, wenn ich stattdessen mit dir in einem Park sitzen will, in der Dunkelheit, während wir kleine Bissen des Mondes schlucken und Erinnerungen an unsere Mütter teilen? Was, wenn ich deine Hand in meine nehme und die Knochen berühren will, die dort wohnen, die knotigen Gelenke, die rauen Stellen, die Falten am Handgelenk? Was, wenn ich meine Finger an deinem Arm auf und ab laufen lasse, dem Weg deiner Venen nachspüre, den Blutstrom ehre, der dich am Leben hält? Was, wenn ich – eine ganze Minute, eine ganze Stunde lang – in deine Augen schauen will ohne zu blinzeln, um zum wahrhaftigsten Teil von dir zu reisen, diesen Ort, der nicht sterben kann?

Was, wenn ich dein Brustbein aufbrechen, einen Blick in dein zerrissenes Herz werfen und dir sagen will, dass es vielleicht zerrissen ist, aber dass es dein schönstes Organ ist und dass dort ein blutroter Garten wächst?

Was, wenn ich nicht auf Facebook chatten und deine Foto-Alben durchblättern will?

Was, wenn ich stattdessen deine kaputten Anteile und Makel sehen will? Was, wenn ich all die Schichten abstreifen und mich mit dir hinstellen will, Haut und Seelen entblößt, das Knochige hervorstehend, die hässlichen Stellen enthüllt? Was, wenn ich meinen Kopf auf deinen Bauch legen und hören will, wie deine Leber Zwiesprache mit deiner Milz hält und ich das Gurgeln deines Darms und die Ahnungen deines Instinkts spüre? Was, wenn ich dir die Frage stelle, die du am meisten fürchtest und wenn ich schwöre, dass ich nicht weglaufen werde, wenn ich deine ehrliche Antwort höre? Was, wenn ich nicht weglaufe?

Was, wenn ich an dieser ganzen Künstlichkeit ersticke und das Gefühl habe, dass wir etwas verpassen, weil wir mit den Fragen hinter den Fragen gerade mal an der Oberfläche kratzen, das Furnier aber dick ist und wir kaum einen Eindruck hinterlassen? Was, wenn wir alle hier sind, auf diesem perfekten Planeten zu dieser Zeit, zusammen, weil wir Schätze füreinander sind, die es zu entdecken und wiederentdecken gilt, aber was, wenn wir von unseren Twitter-Feeds zu abgelenkt sind, um das wahrzunehmen?

Was, wenn es mir vollkommen egal ist, wo du studiert hast oder welchen Job du hast oder wie viel Geld du verdienst?

Was, wenn es mir stattdessen nicht vollkommen egal ist, wann dir die Liebe begegnet ist und wie es war, als sich deine Zellen verschoben haben, um Platz für dieses neue Gefühl zu machen, das eher eine Kraft als ein Gefühl war? Was, wenn mir das Tattoo auf deinem Oberschenkel nicht vollkommen egal ist und warum du es hast und wann du es bekommen hast, und ob es dir wehgetan hat und ob du es liebst? Was, wenn es mir nicht vollkommen egal ist, was dich antörnt, was dich abtörnt, wie du gerne berührt werden möchtest und wie du betest? Was, wenn es mir nicht vollkommen egal ist, was dich in Erstaunen versetzt, was dich erfüllt, was dich zu Tränen rührt, was dich bewegt dich zu bewegen, was dich staunen lässt, was dich zum Leuchten bringt und dich langsam gehen und nach oben schauen und die Sterne sehen und die Sterne in dir fühlen lässt?

Was, wenn Du mir nicht vollkommen egal bist, bemerkenswertes, zerbrechliches, gefährliches Du?

 Aber was, wenn ich nicht über das Wetter reden will? Was dann?

Denkst du, wir könnten Freunde sein?

 

“Lie beside me and let the seeing be healing. No need to hide. No need for either darkness or light. Let me see you as you are.”

~ Jeanette Winterson, Art and Lies.

 


Text: Vicky Rivard
Nachruck mit freundlicher Genehmigung von Elephant Journal
Übersetzung: Sein.de

Autoreninfo

 


Vicki Rivard ist eine Seele auf Reisen (manchmal schreibt sie darüber in ihrem Blog). Meditation hält sie stark. Liebe hält sie offen. Die chinesische Medizin ist ihr Handwerk. Ihr Herz gehört dem Ozean. Wer daran interessiert ist, ihr beim Retten der Wale, Delfine und Schweinswale dieser Welt zu helfen, sollte Swim Wild Canada auf Facebook besuchen.

14 Responses

  1. Robert

    Diese Worte tauchen unter die Oberfläche, die dem Ego aufbaut gehört und auf der es meisterlich schwimmt. Es will nicht nach unten sehen, denn hat es dies nicht gelernt und spürt Angst. So redet es lieber über das Wetter (= SmallTalk). Du kannst darin ein Meister werden. Aber ein Meister des wahren Leben bist du dann nicht. Traurige einsame Menschen begegnen sich, reden über das Wetter, und gehen wieder traurig und einsam auseinander. Aber ein Frage unter der Oberfläche (=“Gürtelllinie“) würde sicherlich etwas bewegen – vielleicht ein Beben im Anderen. Probiere es. Habe Mut.

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  2. Jonny

    Suche Repräsentanten, Tänzer und Musiker für 2 Tages Sommerworkshop:

    Lebensfreude mit den 4 Elementen
    „Was du nicht in deinem Körper findest, wirst du auch anderswo nicht finden.“
    Lebensfreude tanzen ist ein Geschenk an uns selbst und an die Menschen, die uns umgeben. Lebensfreude ist ein Kind des Seins in unterschiedlichsten Formen: unbekümmert, spontan, wild, zart, sinnlich, kraftvoll, liebend, lebendig, sehend, fühlend, wahrnehmend und voll unendlicher Freude.

    Wir tanzen mit der Erde, dem Feuer, dem Wasser und der Luft bis der Tanz der vier Qualitäten in unserem Inneren und dem größeren Ganzen weitertanzt.
    Erde
    Hier arbeiten wir mit dem Boden, fühlen uns verbunden, getragen, genährt, willkommen, ursprünglich und weiblich. Ohne Boden scheint alles unüberwindbar und übermächtig. Den Erdboden nehmen wir als Ausgangspunkt, der uns trägt, wiegt, nährt, fühlt und berührt.

    WasserWasser:

    Hier bringen wir in Bewegung was festsitzt, lassen es wild, rauschend, klärend, plätschernd, loslassend, dem Fluss des Wassers hingebend sich transformieren und tanzen. Die Energie befreit sich so, wie es ihr in den Sinn kommt – es gibt kein Halten, Lenken mehr. Es geschieht, fließt und bahnt sich seinen ureigenen Weg.

    FeuerFeuer:

    Hier tanzen wir das Feuer in uns, heiß, lodernd, sprühend, knisternd, brennend, männlich und kraftvoll. Verbrennen im Feuer, was unsere Kraft hindert, um frei und stark zu sein, und zünden an, was befeuert werden möchte. Wir tanzen mit unserer Kraft, verwurzeln uns in ihr und zeigen uns mit ihr.
    Luft
    Hier erfahren wir uns spielerisch, leicht, unbekümmert, frei und unbeschwert. Tanzen mit dem Wind, der Luft, dem Spirit und dem, was uns beflügelt und beschwingt. So, wie gesunde, glückliche Kinder, die im Jetzt spielen – ohne Zeit und Raum, dennoch in jedem Moment wachsam und präsent sind. Der Moment:Nachdem wir intensiv getanzt haben, ist es Zeit, zart und bedachter zu werden, zu ruhen, zu entspannen und sich einen langen friedvollen Moment zu nehmen, sich hinzugeben, um Nähe zu spüren.Info´s unter 03096080950 J.Schönberg

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  3. pole

    wow! meine Augen glänzen, mein Herz pocht, meine Umgebung voller Harmonie, mein Geist erwacht. vielen dank für dieses Meisterwerk

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  4. FranKKo

    Was, wenn ich in der Lage wäre, meine Gefühle und Empfindungen auch auf eine so wundervolle Art und Weise zu formulieren.
    Ich bin zutiefst berührt und darf weinen.
    Danke

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  5. susanne

    genauso ist es oft….was, wenn ich nicht übers wetter reden will? meist schweige ich dann und fühle mich manchmal nicht wohl dabei

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  6. Funny

    Ich habe gedacht, ich bin gemeint. Das ist nicht nur Seelengeflüster, das ist laut und deutlich angekommen (in meinem Herzen, in jeder Zelle von mir). Danke Gott für solch reine Seelen!

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  7. gold-dna

    Was, wenn mich all das interessiert, was ich im Internet nicht finden kann, egal, wie sehr ich suche ?

    http://faszinationmensch.com/2013/10/19/das-internet-die-groste-party-der-menschheit-come-in-or-beat-it/#comment-30831

    ”Etwas suchen heisst wegrennen von dem was ist.”
    – Samarpan

    Gruß

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