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Brückenschlag zwischen traditionellem Heilwissen, Medizin und Spiritualität

Die Weltkonferenz der Ethnotherapien in München vom 11. bis 13. Oktober 2002

Erst kam der Ethnopop – dann die Ethnomedizin. Und spätestens seit Clemens Kubys Kinoerfolg „Unterwegs in die nächste Dimension“ scheint der Boden bereitet für eine neue Begegnung zwischen den zivilisationsgeprägten Weltbürgern des Nordens und des Westens und den naturverbundenen Heilern des Südens und des Ostens – den Schamanen und Medizinmännern aus Afrika, Asien und Amerika. Globalisierung einmal anders herum. Statt weiterhin die Völker der zweiten und dritten Welt mit den vermeintlichen Segnungen der westlichen Zivilisation beglücken zu wollen, sind immer mehr Menschen in unseren Breiten bereit, von deren alten Weisheiten zu lernen.

Und sie kommen auch zu uns, die Heiler des Südens und des Ostens, immer mehr und immer häufiger. Paradebeispiel ist die in München vom 11. bis 13. Oktober stattfindende Weltkonferenz der Ethnotherapien. Das Münchner Institut für Ethnomedizin Ethnomed will damit den „Austausch zwischen authentischem traditionellem Heilwissen, aufgeschlossenen wissenschaftlichen Disziplinen und modernen Therapiemethoden“ fördern. Ein Brückenschlag zwischen Medizin und Spiritualität soll es also werden. In Vorträgen und Workshops beschäftigt sich der Kongress unter anderem mit Musiktherapie und Sufismus, der Medizin der Azteken, den Ritualen der Amazonas-Indianer sowie mit nepalesischen und mongolischen Schamanenkulturen. Dabei werden mehrere Geistheiler, Medizinmänner und Schamanen ihre Arbeit vorstellen. Zu ihnen gehören etwa Indradhoj Gurung aus Nepal, der als Schamane am Universitätskrankenhaus von Katmandu arbeitet und Nopaltzin, Medizinmann und Schamane der Azteken in Mexiko. Ethnomed erwartet rund 300 Teilnehmer.

Es geht um Begegnung. Kubys Film scheint dabei als Katalysator zu wirken. Von den Heilern und Heilerinnen, die er vorstellt, ist es vor allem die koreanische Schamanin Hi-Ah Park, die auch hierzulande Furore macht. Mehrmals ist sie im letzten Jahr bereits durch Deutschland gereist. Hi-Ah Park heilt durch Tanz und im Tanz. Sie ist ein Beispiel für die kulturübergreifende und kulturverbindende Botschaft der neuen Heiler an die „entzauberte“ Alte Welt. Nach einem Studium am College of Music der Universität von Seoul ging sie in die USA, um dort Ethnomusik und Ethnotanz zu studieren und zu lehren. Erst dann wandte sie sich dem Schamanismus zu. Vom 10. bis 23. Oktober ist diese Wanderin zwischen den Welten auch wieder in Hamburg und Berlin zu erleben, wo sie Vorträge und mehrere Workshops veranstalten wird, einen davon nur für Frauen.

Die Nachfrage nach tradtionellen Heilmethoden wächst

Tatsächlich ist das Thema Ethnomedizin so neu nicht. So ist Ethnomed aus der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin (AGEM) hervorgegangen, in der rund um die Zeitschrift curare bereits seit 1970 Wissenschaftler aus Medizin, Kultur- und Sozialwissenschaften interdisziplinär zusammenarbeiten. Neu dagegen ist die Breite und Tiefe der Begegnungen zwischen den Kulturen. Vieles deutet auf einen neuen Boom hin, vor allem bei den immateriellen Heilmethoden, die mit dem Unfassbaren arbeiten. „Wunderheiler“ werden deren Vertreter auch heute oft noch genannt. Und in der Tat muss es dem auf „Fakten, Fakten, Fakten“ trainierten, rational gestrickten Abendländer schier „wunderbar“ erscheinen, wenn Menschen ohne Einsatz von sicht- und greifbaren Hilfsmitteln geholfen wird, selbst von schwersten Krankheiten zu genesen.

Der Bedürfnis nach Heilung ist also groß, das Vertrauen in die Allmacht der Apparatemedizin erschüttert. Viele Menschen suchen nach alternativen, sanfteren und humaneren Methoden – dies allerdings manchmal auch mit typisch westlicher, oft rabiater Ungeduld. So berichtet Christine E. Gottschalk-Batschkus von Ethnomed, dass ihr Verein durch die große Anzahl von Anfragen schnell an seine Kapazitätsgrenzen gelangt, gleichwohl „viele der anfragenden Personen sofortige Hilfe und Heilsitzungen durch die von uns eingeladenen Heiler und Schamanen erhoffen.“ Andere Kenner der Szene beklagen eine gewisse „Konsummentalität“ bei den Besuchern entsprechender Tagungen und Kongresse. Statt die Methoden der heilenden Botschafter aus fernen Ländern mit Geduld zu studieren und zu lernen, gingen viele mit dem Anspruch auf die Bühne: „Ich will Heilung und zwar sofort.“ Das kann nun – leider – auch dem Münchner Kongress blühen.

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