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Brant Secunda ist ein Schamane und Heiler in der ­Tradition der Huichol-Indianer aus Mexiko. Er hat eine ausführliche Lehrzeit bei dem bekannten Schamanen Don José Matsuwa abgeschlossen, der 1990 im Alter von 110 Jahren verstorben ist. Als Direktor der Dance of the Deer Foundation – Zentrum für schamanische Studien Kalifornien – leitet er seit 1979 Seminare und Zeremonien in Europa, den USA und Japan. SEIN sprach mit Brant Secunda über seine Auffassung von Schamanismus.

 

Was ist der zentrale Aspekt des Schamanismus?
In der langen Zeit bei den Huichol-Indianern habe ich gelernt, dass es im Schamanismus darum geht, in Harmonie und Balance zu leben. Nicht nur im Einklang mit sich selbst, sondern auch mit der Natur. Dafür ist es wichtig, eine Beziehung zur spirituellen Welt der Natur und zu Mutter Erde zu entwickeln.

Was ist die Aufgabe eines Schamanen?
In der Welt der Huichol sind die Schamanen spirituelle Führer. Wir versuchen, uns selbst und unsere Gemeinschaft zu verbessern und den Menschen, die zu uns kommen und uns um Hilfe bitten, zu helfen.

Kann jeder Schamane werden?
Jeder kann es versuchen, aber nicht jeder wird es schaffen, denn das hängt von den Göttern ab.

Wie wird man Schamane?
Man kann nicht nur ein Buch darüber lesen und plötzlich Schamane sein. Das ist nichts, was in einem Wochenendworkshop vermittelt werden kann. Man geht durch eine Lehrzeit mit jemandem, der genug weiß, um dich den Weg des Schamanen zu lehren. Wenn du Schamane bist, gehört dein Leben nicht mehr länger dir. Man muss sein Leben dem Schamanismus widmen und den Aufgaben, die es mit sich bringt, ein Schamane zu sein.

Wie bist du Schamane geworden?
Am Tag nach meinem 18. Geburtstag verließ ich mein Elternhaus, ich hatte das Gefühl weggehen zu müssen, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Zuerst reiste ich eine Weile durch die USA, Mexiko und Guatemala, aber ich fand nicht das, wonach ich suchte, auch wenn ich gar nicht genau wusste, was ich suchte …

Ich schloss Freundschaft mit einem jungen Huichol-Lehrer, der mich einlud, das Dorf seiner Familie zu besuchen – das Land der Huichols ist nicht öffentlich zugänglich, man braucht eine Einladung, um hinein zu kommen. Er sagte mir allerdings auch, dass der Weg dorthin fünf Tage dauert, zu Fuß. Kein Problem für mich, dachte ich. Am dritten Tag hatte ich mich komplett verlaufen, meine Wasser- und Essensvorräte waren aufgebraucht und ich litt sehr unter der Sonne und der Dehydrierung. Ich lag im Sterben und begann Visionen zu bekommen, wie man sie auch auf den Huichol-Garnbildern sieht. Irgendwann wurde ich bewusstlos. Ich wachte davon auf, dass zwei Indianer über mir standen, mir Wasser ins Gesicht spritzten und mich fragten, warum ich hier herumliegen würde wie ein Betrunkener. Später erfuhr ich, dass die beiden vom Schamanen ihres Dorfes bereits vor zwei Tagen losgeschickt wurden, um mich zu retten. Sie nahmen mich mit zurück in ihr Dorf, und ein paar Tage darauf wurde ich in das Dorf von Don José gebracht, der mich als seinen Enkelsohn adoptierte und mich durch eine zwölfjährige Lehrzeit führte.

Während dieser Zeit wanderten wir zu vielen Kraftplätzen in den Bergen der Sierra Madre. Unter anderem auch zur Höhle von Großmutter Wachstum, wo meine Initiation stattfand.  Don José schickte mich für fünf Tage und Nächte in diese Höhle, ohne Essen und ohne Wasser. Ich kam aus einer modernen Familie, mein Großvater war Arzt und ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass man fünf Tage ohne Wasser nicht überlebt. Außerdem war das Erlebnis auf dem Weg zu den Huichols noch frisch und ich also keinesfalls begeistert.  Als Don José merkte, dass ich Angst hatte, beruhigte er mich mit den Worten: „Mach dir keine Sorgen – das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du stirbst.“ Das hat mich nicht wirklich beruhigt, aber ich bin, wie man sieht, ja auch nicht gestorben. Wir machten im Lauf der Jahre auch viele Pilgerreisen zum Berg, an dem die Sonne geboren wurde – auch das bedeutete lange Märsche ohne Essen und Wasser.

Die Huichols leben verstreut in kleinen Dörfern. Don José war sehr bekannt und hochgeachtet, und so kam es, dass er sehr oft zu den abgelegensten Orten gerufen wurde, um dort Heilungen oder Zeremonien zu machen. Diese Heilungen zu beobachten war für mich sehr beeindruckend. Er war ein unglaublicher Heiler, er half Menschen, die gelähmt waren oder bereits im Sterben lagen. Das ging oft über meine Vorstellungskraft.

Was kann der Schamanismus uns Menschen in der modernen Welt geben?
Der Schamanismus bietet Werkzeuge, um mit Gefühlen wie Angst, Ärger und Eifersucht richtig umzugehen – das ist für den „modernen“ Menschen genauso wichtig wie für die Angehörigen eingeborener Kulturen. Gebete, gute Gedanken und Taten, Zeremonien und Pilgerschaften tragen dazu bei, die Welt in Harmonie zu bringen, Harmonie sowohl auf zwischenmenschlicher Ebene als auch in der Welt der Natur.

Veranstaltungen: 
Erlebnisabend und Zeremonie
Mi, 21.8. um 19 Uhr, Karten 20/25 €, keine Anm. erf.
Tagesworkshop Do, 22.8. 10-17 Uhr, Karten 85/95 €

Beide Veranstaltungen finden im GLS Sprachenzentrum, Kastanienallee 82, 10435 Berlin statt.

Mehr Infos über Utah Dörsch, Tel.: 0821-24 32 330 oder schamanismus@huichol.eu, www.shamanism.com

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Über den Autor

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ist Huichol-Schamane, Lehrer und Heiler. Die Huichol-Indianer leben in den Bergen der Sierra Madre in Mexiko, verstreut in kleineren Stammesgruppen. Durch ihren Rückzug in die Berge konnten sie sich ihre präkolumbianische, schamanische Tradition unverfälscht erhalten. Vor rund 40 Jahren begann Brant Secunda dort bei einem ihrer Ältesten und einem ihrer größten Schamanen, Don José Matsuwa, eine zwölfjährige Lehrzeit. Seit deren Abschluss führt er weltweit Retreats durch.

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