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Matthias A. Weiss ist freischaffender Theologe – ein Pfarrer außerhalb der Kirche. Und er ist nicht der Einzige seiner Art, wie er herausgefunden hat. Nachdem seine eigene spirituelle Reise ihn aus dem Schoß der Kirche in eine eigene, freiere Form des Glaubens geführt hat, begann er zu erforschen, ob es auch anderen so geht.

Warum verlassen gläubige Christen trotz ihres Glaubens die Kirche? Oder ist es gerade wegen ihres Glaubens? Was ist der Unterschied von Spiritualität und Religiosität? Was bedeutet es wirklich, ein Christ zu sein? Spannende Fragen, die Matthias versucht hat, zu ergründen. Sein Buch „Sprung über den Kirchenrand. 21 Theologinnen und Theologen außerhalb der Kirche“ bietet in sehr persönlichen Interviews einen Einblick in das Leben von Menschen, die vom Leben aus der Kirche herausgeführt wurden, ohne dabei ihren Glauben hinter sich zu lassen.

Ein Pfarrer außerhalb der Kirche – gibt es sowas überhaupt?

Diese Frage wird mir immer wieder von Neuem gestellt, wenn ich davon erzähle, dass ich als freischaffender Theologe, also als Pfarrer außerhalb der Kirche, tätig bin. Im Laufe der Jahre bin ich auf zahlreiche Kolleginnen und Kollegen gestoßen, die ihren Weg ebenfalls außerhalb der Institution und der Mauern der Kirche gesucht und gefunden haben. Dies hat in mir das Interesse und die Neugier geweckt, diesen Wegen genauer nachzugehen und zu schauen, wie „es“ andere machen; wie sie ihre Arbeit im neuen Gefüge wahrnehmen und wie sie gerade dort glauben und hoffen.

 

Also eigentlich eine Recherche aus persönlichem Interesse?

Ja. Und so gesehen ist mein Buch zunächst einmal ein Austausch unter Theologinnen und Theologen. In einem zweiten Schritt aber auch Modell für Leben und Glauben außerhalb des kirchlichen Rahmens.

 

Kommt das heute häufiger vor als früher? Und ist das eine Provokation gegenüber der Kirche?

Wahrscheinlich wird Glauben heute tatsächlich öfter außerhalb der Kirche gelebt. Aber wenn ich mir die Kirchengeschichte anschaue, so hat es dieses Aus-der-Kirche-Herausgehen eigentlich seit der Geburt der Kirche schon immer gegeben, beispielsweise bei den Wüstenvätern, den Mystikerinnen und Mystikern des Mittelalters oder den unzähligen Nonnen und Mönchen in ihren Klöstern. Und auch in der jüngeren Vergangenheit ist ein solches Herausgehen aus dem festen Gefüge der Institution Kirche keine Seltenheit, wie beispielsweise die Arbeiterpriester anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt haben. Sie alle haben ihren Glauben und ihr Leben mehr oder weniger bewusst außerhalb der amtlichen Kirche praktiziert. Insofern ist der Rahmen, den sich Theologinnen und Theologen außerhalb der Institution Kirche suchen, einfach ein anderer, möglicher und ebenso gangbarer Weg des Lebens und des Glaubens, wie derjenige innerhalb der Kirche. Aber natürlich fordern solche Wege heraus, da sie aus der Sicht der bestehenden Institutionen immer auch als Stachel wahrgenommen werden, der in Frage stellt.

Ich will auch dazu anleiten, sich kritisch mit der Kirche und dem Glauben auseinanderzusetzen, in der Hoffnung, dass eine solche Kontroverse Früchte bringt. Mich selbst jedenfalls haben diese Interviews verändert und gewandelt. Sie haben mich noch näher zu dem gebracht, was ich bin und sein möchte; nämlich ein glaubender Mensch.

 

Warum hast du dich – und warum haben sich die Menschen, die du interviewt hast – entschlossen, der Kirche den Rücken zu kehren und den Glauben frei zu leben? Frei von was, oder wozu überhaupt?

Aus den mannigfachsten Gründen. Teils, weil sie dazu von außen „gezwungen“ wurden (z.B. bei Hans Jellouschek oder bei Jürgen Fliege), teils, weil sie nicht mehr anders konnten (z.B. bei Lea Söhner oder auch bei meiner Person), teils, weil „es“ sich einfach so ergeben hat (z.B. bei Rahel Diener oder bei Uwe Lang).
Der zweite Teil dieser Frage ist bedeutend schwieriger zu beantworten: ja, frei wovon? Von starren Systemen vielleicht? Von Menschen, deren Ansichten man/frau nicht mehr teilen konnte und wollte? Oder aber auch weniger als Bewegung „gegen“ etwas, sondern eher „für“ etwas, wie z.B. einem Bauernhof in Bosnien (Helen Jäggi Kosic), dem Lieder schreiben (Linard Bardill) oder dem Händeauflegen (bei meiner Person).

 

Gerade gab es eine große Meinungsumfrage, die ergab, dass Menschen sich zunehmend eher als spirituell, denn als religiös betrachten und das mit Religion zunehmend negative Assoziationen verbunden werden, während individuelle Spiritualität fast eher einen Boom erfährt. Inwiefern ist diese Unterscheidung für dich und deine Interviewpartner wichtig? Und was macht den Unterschied aus?

Für diejenigen, die dazu gezwungen wurden oder auch diejenigen, die sich aus freien Stücken aufgemacht haben, ist diese Unterscheidung sicherlich zentral. Was den genauen Unterschied ausmacht, kann ich auch nicht sagen. Von mir her meine ich, dass ich mich als „spirituell Glaubender“ einfach freier fühle, als als „religiös Glaubender“. Der „Pfarrer“ in mir ist sich aber bewusst, dass das eine, rein auf der Gefühlsebene basierende Unterscheidung ist. Vom Verstand her weiß ich, dass diese Freiheit, zumindest in den evangelischen Kirchen der Schweiz, ebenso vorhanden ist, wie in den individuell ausgelebten Formen.

Hinzu kommt, dass es wahrscheinlich ein Stück weit auch unserem Zeitgeist entspricht, sich alles möglichst selbst zurechtzimmern zu wollen (und auch zu können!). Das ist einerseits eine Errungenschaft, andererseits geht dabei aber natürlich auch immer etwas verloren – z.B. eine Form von Gemeinschaft. Diese lässt sich aber ohnehin weder einfach so herstellen, noch befehlen.

Und trotzdem – um wieder zu mir und meiner Art und Weise, Glauben zu verstehen und zu leben, zurückzukehren – sehe ich dieser Individualisierung positiv und auch mit Hoffnung entgegen. Meines Erachtens ist dieses Phänomen in der Geschichte der Menschheit einmalig und von daher ein spannendes Experiment, auf dessen Resultate wir gespannt sein dürfen. Einzige Gefahr besteht in meinen Augen darin, dass die ganzen „Ergebnisse“ im Ego verhaften bleiben, dass also kein Austausch über die Errungenschaften und Einsichten privater Spiritualität (mehr) stattfindet. Das wäre natürlich nicht der Sinn der Sache.

Welchen Stellenwert nimmt das „Christ-sein“ nach diesem Schritt noch ein? Geht es gerade auch darum, Spiritualität als ein universelles Phänomen zu begreifen, das nicht in einer Kirche zuhause ist, und sich auf viele verschiedene Arten ausdrückt? Also eine Gleichwertigkeit der spirituellen Ansätze? Oder geht es eher im Vergleich mit der Kirche um inhaltlich andere Vorstellungen, was es bedeutet, ein Christ zu sein?

Hier kann und will ich nur für mich sprechen: „Gleichwertigkeit des Glaubens“, das tönt für mich gut. Ich bin und bleibe Christ und empfinde mein „Christ-sein“ nach wie vor als den besten, eindrücklichsten und auch umfassendsten Glauben, den es gibt. Das darf ich zum Beispiel auch immer wieder feststellen, wenn ich Osho zu diesem Thema lese.

Nichtsdestotrotz käme es mir nie und nimmer in den Sinn, andere Glaubensrichtungen minder zu bewerten. Natürlich gehe ich gerne in den Austausch und versuche, Ansichten auszutauschen, mitunter auch zu widerlegen und zu streiten. Das heißt in meinen Augen aber niemals, dass ich den anderen Ansatz als minderwertig betrachte. Im Gegenteil: Erst, wer sich auch auseinandersetzen kann und will, ist in meinen Augen gleichwertig und verdient Respekt. Und, gerne lasse ich mich auch immer eines Besseren belehren, wenn die Argumente des Gegenübers stichhaltiger, bzw. dem Leben näher sind – wie ich es z.B. immer wieder bei dem schon einmal zitierten Osho, der sich selbst ja wahrscheinlich kaum als „Christ“ bezeichnet hätte, erfahren durfte und darf.

Jesus selbst hat ja quasi mit seiner Religion gebrochen, war fast ein Revolutionär. Kirche hingegen ist heute fast das Sinnbild für Konservatismus geworden und steht mit ihren Bauten, Bräuchen und ihrem institutionellem Charakter doch eigentlich im krassen Widerspruch zum Leben Jesu. Wie ist das als Theologe überhaupt auszuhalten?

Diese Frage trifft den Nagel auf den Kopf. Ich hielt es nicht mehr aus. Und viele andere tun es auch nicht. Ich bewundere aber trotzdem alle, die weiterhin Jesu Botschaft innerhalb der Kirchen weitertragen können und mögen. Hut ab!

 

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Buch

Sprung über den Kirchenrand.

21 Theologinnen und Theologen ausserhalb der Kirche

Bestellungen an: sprung@kirchenrand.ch

Preis: ca. 30 € (+ Versandkosten)

Mehr Infos unter: www.kirchenrand.ch

 

 

 

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