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Im Laufsport bezeichnet man jede Wettkampfstrecke, die länger als die klassische Marathondistanz von 42 Kilometern ist, als Ultralangstrecke. Die 100 Kilometer von Biel oder der Swiss Alpine Marathon (zirka 67 Kilometer plus viele Höhenmeter) sind mittlerweile Klassiker. Bei Extrem-Ultras legen die Läufer auch schon mal über zwei Wochen jeden Tag mehr als einen Marathon zurück. Was macht den Reiz derartiger Grenzerfahrungen aus? Sind die Teilnehmer Spinner und Masochisten? Bill Nickl über die spirituelle Dimension von „Ultras“.

 

Mein Weg zu den Ultras war kurz und direkt. Im Alter von 43 Jahren bin ich in Berlin meinen ersten Marathon gelaufen, im Frühjahr darauf war ich am Rennsteig und gleich danach in Biel. Diese ersten Läufe waren richtige Geschenke. Ich musste mich nicht durchkämpfen, sondern erlebte eine Leichtigkeit und Freude wie selten danach. Meine Motivation, überhaupt mit dem Laufen zu beginnen, deckt sich wahrscheinlich mit der vieler anderer Läufer: Man wird 40 und merkt, dass man einfach abschlafft, wenn man jetzt sportlich nichts macht. Ein zweiter Grund war, dass ich in den österreichischen Bergen aufgewachsen bin und viel Zeit dort verbrachte – mit Hochtouren, Klettern, Skitouren. Nach meinem Umzug in den Hohen Fläming (höchster Berg ist der Hagelberg mit zirka 200 Metern) bei Potsdam suchte ich ein neues Betätigungsfeld, und da bot sich das Laufen an. Hier kann man hunderte Kilometer durch einsame Wälder und Felder laufen, ohne jemandem zu begegnen – außer Hasen, Rehen und gelegentlich Wildschweinen.

Das Unbekannte

Was mich an den Ultradistanzen am meisten reizt, ist die Begegnung mit dem Unbekannten. Ein Marathon ist meist kalkulierbar. Mal läuft’s besser, mal schlechter, mal ist man ein paar Minuten schneller, mal langsamer. Beim Marathon ist es meist die Zeit, auf die ich fokussiere. Bei langen Ultradistanzen und schwierigem Gelände ist der Lauf stets ein Rendezvous mit dem Unbekannten. Die Kraft erschöpft sich ja nie so linear, wie Gas aus einer Flasche entweicht und voraussehbar irgendwann eine leere Flasche zurücklässt. Jeder Ultraläufer kennt die energetische Berg- und Talfahrt bei langen Läufen. Auch wenn man schon ganz am Ende war, gibt es meist wieder einen neuen Anfang, und dieser Prozess hat viel mit dem mentalen Aspekt des Laufens zu tun. Derartige Prozesse sind nicht planbar und klar vorhersehbar, man muss sich dem Unbekannten anheim geben und vertrauen. Und dieser Vorgang hat für mich eine hohe Attraktivität. Ich werde oft gefragt, was ich denn mache, wenn es nicht mehr geht. Darauf kann ich nur antworten: Ich gehe einfach weiter, bis es wieder geht. Das klingt zwar paradox, ist aber eine Erfahrung, die ich schon sehr oft machen durfte. Vor allem bei Etappenläufen habe ich das erlebt. Nach den langen Etappen beim Isarlauf konnte ich mir am Abend nicht vorstellen, am Morgen auch nur einen Kilometer zu laufen. Doch am Morgen läuft es dann plötzlich wieder.

Laufen ist intensives Da-Sein. Der Organismus ist wach, durchblutet, gut mit Sauerstoff versorgt, die Muskeln angenehm angespannt. Ich laufe durch die Landschaft, in mir wird es immer ruhiger, ich lasse meinen Blick in die Weite schweifen, Wind kommt auf, vor mir laufen einige Rehe aus dem Wald, ich nehme das alles wahr und laufe weiter. In mir denkt es so vor sich hin, mal dies, mal das, Gedanken kommen, Gedanken gehen wieder, ich bleibe nirgends lang haften, Landschaften wechseln, langsam beginne ich zu schwitzen, Intensität entsteht.

Ich fühle mich verbunden mit den Vorgängen in der Natur. Ich fühle mich verbunden mit meinem Körper. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr werden wir eins – die Landschaft und ich. Es läuft. Nüchterne Wahrnehmung und Freude am Dasein verbinden sich. Glück. Einfach.

 

The power of mind

Wenn wir uns vornehmen, zehn Kilometer zu laufen, und dann noch mal zehn laufen sollen, erscheint uns das unmöglich. Wenn wir zwanzig Kilometer laufen wollen und nach den zwanzig Kilometern noch weiterlaufen sollen, erscheint uns das als unmöglich. Wenn wir 42 Kilometer laufen, geht es uns im Ziel ebenso – man glaubt keinen Kilometer mehr laufen zu können. Das geht nicht nur Menschen so, die noch nie mehr als beispielsweise die 42 Marathon-Kilometer gelaufen sind, sondern auch anderen. Man nimmt sich eine bestimmte Strecke vor, und das Energiereservoir wird dann genau so weit geöffnet wie notwendig. Und wenn wir im Ziel sind, ist das erst mal aufgebraucht. Je größer unser Vorhaben, umso größer auch der Energievorrat, der uns dafür zur Verfügung gestellt wird.

Jedes Ziel ist also auch eine eigene Energiequelle. Große Visionen – hohe Energie.
Wichtig dabei ist, dass wir wirklich voll entschieden haben, die Strecke auch zu laufen, und nicht nur denken: „Ich probiere halt mal einen Marathon, und wenn’s nicht geht, steig ich halt auch früher aus.“ – Das wird anstrengend, weil man dann diesen Energievorschuss nicht bekommt. Körper und Geist sind irritiert.

Jeder wahrhaft und voll getroffene Entschluss birgt in sich auch die Energie, die zu seiner Einlösung notwendig ist. Das kann man gerne auch auf alle anderen Lebensbereiche übertragen. 

 

Respekt

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Respekt zu sprechen kommen.
Jeder Lauf verdient seinen Respekt. Egal, wie lang er ist und wie oft ich ihn schon gelaufen bin, ich muss ihm mit Respekt begegnen. Der Gedanke „Na ja, die Strecke kenn´ ich eh schon gut“ oder „Ist ja nur ein Halbmarathon“ hat mir schon des öfteren Probleme beschert. Das Resultat dieser Haltung bedeutet nämlich auch weniger Spannkraft, weniger Konzentration, weniger Energie von Anfang an. Man soll immer so laufen, als wäre es das erste Mal – mit  ganzer Aufmerksamkeit dabei sein.

In diesem Sinne gibt es auch kein Training. Wenn ich jeden Morgen eine Dreiviertelstunde laufe, so ist das eigentlich keine Vorbereitung auf meine Wettkämpfe. Es ist halt ein kürzerer Lauf, aber nicht bedeutender oder unbedeutender als ein Wettkampf. Das ist eine gute Übung in Achtsamkeit.

„Jenseits der extremsten Erschöpfung und Qual stoßen wir auf ein Ausmaß an Mühelosigkeit und Kraft, das wir uns nie erträumt hätten, auf Quellen der Stärke, die niemals in Anspruch genommen wurden, weil wir niemals die Hindernisse überwinden.“       
William James (1842-1910)

Beim Laufen, so lernt man mit der Zeit, soll der Geist Herr im Haus sein. Unser Körper nutzt gewohnheitsmäßig gerne alle möglichen Anlässe, um zu signalisieren: „Ich kann nicht mehr.“ Wenn wir das dann ernst nehmen und langsam werden oder Pausen machen, verlieren wir oft Energie und Motivation. Man muss dann gegensteuern – so tun, als ob man fit wäre, und schneller laufen. Oft merkt man dann, wie die Müdigkeit verschwindet und die Energie wieder zurückkehrt. Das alles ist ein sehr sensibler Prozess, der nicht mit einem Holzhammer-Willen funktioniert. Es können ja auch durchaus ernstzunehmende Warnsignale sein, die uns unser Körper sendet – aber sehr oft ist es eben auch nur die Trägheit unserer Zellen, die uns eine Müdigkeit vorspiegelt. Wenn wir durch diese Prozesse durchgehen, bekommen wir einen ganz intimen Kontakt mit unserem Körper und einem Riesen-Energie-Potential, über das wir verfügen können.

Ein weitere Lernlektion des Laufens heißt: Schmerz ist nicht gleich Leiden. Bei allen längeren Läufen treten irgendwann die unterschiedlichsten Schmerzen auf.

Wenn ich auch da die Schmerzen einfach wahrnehme und mich nicht damit identifiziere, dann sind die Schmerzen zwar da, aber ich leide nicht darunter. Ich laufe einfach weiter und die Schmerzen vergehen wieder, andere kommen und auch die vergehen wieder. Das ist in der Zwischenzeit ein Wissen, das mich mit viel Vertrauen in alle Wettkämpfe gehen lässt.

 

Das Ziel ist im Weg

Je weiter das Ziel noch entfernt ist, umso genussvoller ist das Laufen an sich. Man läuft erst mal nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um des Laufens willen. Natürlich nähert man sich dem Ziel. Und es gibt auch bei allen langen Läufen einen Punkt, wo das Ziel, die Entfernung zum Ziel, wieder ins Zentrum rückt. Doch obwohl das Ziel notwendig ist, ist es nicht das Wichtigste. Wettkämpfe sind dazu da, das Beste aus mir rauszuholen. Es geht nicht um den Wettbewerb mit anderen – es geht nur um mich. Ich will mein Bestes kennen lernen und geben.

„Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings.“
Albert Einstein

Spannende Erkenntnis: Ultralangläufe erfordern erst einmal nicht noch mehr Anstrengung, sondern mehr Loslassen und Hingabe. Hingabe schafft Verbindung – wir schließen uns dadurch an einen größeren Energiekreislauf an. Hier geht es um den weiblichen Aspekt. Nicht linear auf ein Ziel zulaufen, sondern ganz in der Gegenwart sein. Notwendig sind beide Aspekte – der männliche und der weibliche. Es geht um die Harmonie der Gegensätze.

Laufen ist auch Meditation. Bei langen Läufen werden die Gedankenströme ab einem bestimmten Punkt immer spärlicher. Man nähert sich der Quelle. Da, wo man am Anfang noch überschwemmt wurde von Gedanken, da tritt so nach und nach Schweigen ein, einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, laufen, schauen…

 

Heilung durch Belastung

Ich habe im Laufe der letzten Jahre viele Erfahrungen gemacht, die allen herkömmlichen Vorstellungen von Heilung widersprechen. Bei auftretenden Schmerzen ist der Tipp der normalen Medizin meist die Ruhestellung. Erst mal  Pause und warten, bis es wieder gut ist. Das ist bei bestimmten Verletzungen auch ratsam. Aber es gibt ebenso viele Situationen, wo der Heilungsprozess die Belastung braucht, weil der Schmerz daher kommt, dass sich an bestimmten Punkten des Körpers die Energie staut. Das tritt vor allem in den ersten Jahren auf, wenn man mit dem Laufen beginnt. Meine Theorie ist, dass sich durch das Laufen, das den Körper ja kräftig durchvibriert und mit Sauerstoff versorgt, Energie­staus zu lösen beginnen, und das bezeichnen wir dann als Schmerz. Dann ist es notwendig, weiter zu laufen und die Energie zu verteilen, damit sie sich nicht wieder materiell manifestiert. Oft merkt man dann, dass zum Beispiel Knieschmerzen nach einiger Zeit von selbst verschwinden. Das ist ein Vorgang, der viel Erfahrung, Selbstbeobachtung und Sensibilität braucht, denn es geht dabei um die Unterstützung von Heilungsvorgängen und nicht um ein „die Zähne zusammenbeißen und durch“. Ich habe selber die Erfahrungen gemacht, dass sehr heftige Knieschmerzen, die ich mir bei einem extremen Downhill in den Bergen zuzog und die mich ein halbes Jahr beim Laufen behinderten, nach einem langsam absolvierten 72-Kilometer-Lauf total weg waren und auch nicht mehr wiederkehrten. Erlebnisse dieser Art, bei denen nicht die Ruhigstellung, sondern die Belastung zur Heilung führt, hatte ich in der Zwischenzeit mehrere, und aus Gesprächen mit vielen Läufern weiß ich, dass das nicht nur meine Erfahrungen sind.

 

Laufen als freundschaftsbildender Faktor

Wer lange läuft und das nicht alleine macht, hat viel Zeit für Gespräche, zum Reden und Zuhören. Es ist eine gute Möglichkeit, durch regelmäßige Läufe mit denselben Laufpartnern Freundschaften auf- und auszubauen. Man redet nicht nur miteinander – man tut auch was zusammen. Das heißt, man hat eine gemeinsame Erfahrung. Und das ist meiner Erfahrung nach eine wichtige Grundlage zum Wachstum von Freundschaften. Man hat Zeit, sich über interessante Themen zu unterhalten, wofür man sich sonst vielleicht nicht so die Zeit nehmen würde. Darüber hinaus beginnen Ultraläufe nicht am Start und enden nicht im Ziel. Der Lauf beginnt mit dem ersten Gedanken daran und trägt auch nach dem Zieldurchlauf weiter durch das Leben.


Abb: © q-snap – Fotolia.com

Über den Autor

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lebt seit 1991 in der Gemeinschaft ZEGG in Bad Belzig und leitet dort den Tagungsbetrieb. Er läuft seit 1997 und hat an 150 Ultra-Langläufen und Mara­thons teilgenommen. Seine Läufe führten ihn in viele Länder – von der Sahara bis nach Reunion im Indischen Ozean und oft in die Berge Frankreichs, der Schweiz, Österreichs und Italiens.

Der Artikel erschien zuerst im ZEGG-Reader 2010

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