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Erfüllung – oder die Fülle des Lebens – nimmt so viele Gestalten an, wie es Menschen gibt. Doch für viele bleibt Erfüllung ein Traum von der Zukunft, in dem sie an verschiedenen Bedingungen festhalten, unter denen sich Erfüllung einstellen sollte. Damit sind sie von diesen Konditionen abhängig – bis sich diese verändert haben. Das kann schon mal ein Leben lang dauern – ein Irrweg.

 

Unsere Be-Ding-ungen für Erfüllung beziehen sich meist auf Dinge im Außen und hängen von unserer Konditionierung ab. Erfüllung ist aber nicht auf der Ebene zu finden, auf der du deinem Leben etwas hinzufügen kannst. Hängst du dich an eine Fülle von Dingen, Umständen oder Bedingungen, auf deren Realisierung du hoffst, wirst du ernst, dicht, eng, schwer, zwanghaft, ängstlich. Dein Bewusstsein zieht kleine Kreise, denn du identifizierst dich mit Gedanken, die wie in Umlaufbahnen um ihre Objekte (Themen) kreisen – eine „seelische Schwerkraft“. Das Bewusstsein hat den weiten Raum hinter den Dingen vergessen.

Fülle findet sich allerdings nur in der Leere. Im Freiraum, in der Leere des Nichtwissens, kann sich Bewusstheit ausdehnen. Die Leere ist leicht. Sie fällt uns nur deshalb schwer, weil wir in einer Leistungs- und „Hinzufügegesellschaft“ aufgewachsen sind, die uns seit der Kindheit auf das Erreichen von Dingen und Zielen (Wissen, Geld, Erfolg, Ruhm) konditioniert hat. So nehmen wir Leere zunächst nur als eine Situation des Mangels oder der Langeweile wahr, in der wir uns zunächst scheinbar wertlos fühlen.

 

Die Wüste durchqueren

Langeweile spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die meisten Menschen erfahren Langeweile nicht wirklich. Kinder quengeln, damit Eltern ihnen vorschlagen, was man doch alles machen kann, um Langeweile nicht zu fühlen. Erwachsene lenken sich ab. Aber wer verweilt fühlend in Langeweile? Wer durchquert diese „Wüste“? Wenn ein Kind quengelt: „Mir ist langweilig“, hörst du dann Eltern antworten: „Langweilig, tatsächlich? Gut, und wie fühlt sich das an?“ Unsere Gesellschaft hat überall da, wo wir uns langweilen könnten, vorsorglich Ablenkung installiert: TV in der U-Bahn, Zeitungen im Wartezimmer, und an der Supermarktkasse kann man sogar Suchtstoffe gegen die Langeweile erwerben: Zigaretten und Alkohol für Erwachsene, Süßigkeiten für Kinder. Es ist kein Zufall, dass diese Drogen genau in der Wartezone vor den Kassen platziert sind, wo wir mit der Langeweile konfrontiert werden. Aber Langeweile muss nicht automatisch in die Ablenkung führen. Langeweile ist die Schnittstelle, an der wir zwischen „Außenreiz-Erhöhung“ (also hier kaufen) oder „Innenraum-Sensibilisierung“ wählen könnten, wenn wir bewusst genug sind, um nicht automatisch den Weg des Ausweichens, der Ablenkung zu wählen. Langeweile erscheint uns nur dann öde, solange wir uns noch nicht auf sie eingelassen haben. Lassen wir uns auf sie ein, hören wir in der Abwesenheit von unterhaltsamen Reizen genau den „inneren Sound“ lauter, den wir mit Außenreizen überdeckt haben. Leere füllt sich zunächst mit den noch ungehörten inneren Stimmen und Gefühlen, die gehört und gefühlt werden wollen. Es mag zunächst unangenehm erscheinen, doch das, was da kommt, gehört zu dir und es kann sich integrieren und erlösen, wenn du es nicht mehr bekämpfst. Insofern haben wir den freien Willen, uns, so lange es geht, abzulenken, doch weil du bist, wie du bist, wirst du dir irgendwann begegnen. Nimm zu dir, was in dir erscheint, denn es wird dich ganz werden lassen.

 

Leere ist nicht gleich Mangel

Erfüllung, eine liebevolle und grundsätzlich frohe Haltung deinem Leben gegenüber, lässt sich auf der Ebene des äußeren Hinzufügens nicht erreichen oder leisten. Leer sein meint frei sein von Bedingungen. Das Wesen der Liebe ist bedingungslos. Erreichen lassen sich nur Dinge, und das damit scheinbar verbundene Glück ist nicht von Dauer. Selbst ein begehrter Partner wird nerven, wenn du dein Glück von seiner/ihrer Liebe abhängig machst. Sich auf die Leere als inneren Zustand einzulassen, bedeutet nicht, dass du Asket wirst und nicht haben darfst/kannst/solltest, was du wünscht. Es bedeutet nur, dass du deinen Selbstwert nicht an die Vorstellungen hängst, die dir deine Konditionierung vorgibt.

Leere erscheint vom Blickwinkel des denkenden Verstandes aus als Mangel – leer und öde. Der Verstand sieht seinen höchsten Wert bestenfalls darin, mal ­eine Pause zu machen oder sich zu begnügen und abzufinden. Leere ist allerdings völlig anders, etwas Undenkbares. Zu finden hinter den Toren, die man Stille oder Gegenwart nennt. Lässt man sich tiefer auf Leere, Stille, die Gegenwart ein, ist sie sehr viel mehr als eine Pause oder ein banaler Wellness-Tipp, der den Leistungs- und Oberflächenalltag angenehmer gestalten soll. Es ist die absolute, reichhaltige Fülle unseres Selbstes, die Tiefendimension allen Seins. Da eröffnen sich Ebenen, die nicht „woanders“ sind, sondern dem gegenwärtigen Sein Tiefe und somit erst Sinn und Leben geben. Dann wird offensichtlich, dass die Realität des denkenden Ichs das eigentliche „Woanders“ ist. Denn in dem Kontext einer Geschichte aus Interpretationen, Urteilen, Bewertungen und Schlussfolgerungen zu leben, die ein Verstand für wahr hält, der nichts außerhalb des Verstandes kennt, nicht Gegenwart kennen kann, nicht Gefühl ist, ist sehr irreal. Ich könnte ewig weiterschreiben, um das Unbeschreibliche zu beschreiben, doch Worte sind Instrumente des Verstandes. Aber es macht mir Freude und ich fühle tiefer, was ich meine. Vielleicht fühlst du es beim Lesen ja auch. Worte sind schön, oder?

 


Eine Übung

Löse deinen Geist immer wieder von den Dingen, Objekten, Themen, bzw. lasse deinen Geist sich auf die Leere beziehen, die überall zu finden ist. Leere existiert nicht nur zwischen Atomen und Himmelskörpern, auch zwischen zwei Atemzügen, zwischen zwei Worten, zwischen zwei Gedanken, zwischen einer Frage und einer Antwort. Dehne diesen gedankenfreien Raum oder diesen „Freiraum für Bewusstsein“ in deinem Leben aus. Wenn du an der Kasse stehst, auf den Bus wartest, wenn du küsst, isst, arbeitest, tanzt, gehst, dann richte dein Bewusstsein auf seine eigene Quelle: die Leere, aus der die Fülle all dessen, was es gibt, entspringt.


Abb: © roxcon – Fotolia.com

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