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Nachhaltige regionale Vernetzung ist das Gebot der Stunde

Wer kennt sie nicht, die berühmte Tante Emma, die noch bis in die siebziger Jahre den Kolonialladen vor Ort führte? Die Koseform Emma kommt aus dem Germanischen ­ermana und bedeutet so viel wie allumfassend, mächtig und groß. Unter der Linde trafen sich die Menschen  zum Ausklang der Arbeitswoche, um Freya, der Fruchtbarkeitsgöttin, zu huldigen. Es wurde gesungen und getanzt und gemeinsam gegessen. Tatsächlich hatte Tante Emma im traditionellen Dorfleben eine überaus wichtige Rolle inne, gleich nach dem Pfarrer und dem Bürgermeister. Sie war die Mutter für alle, die bestinformierte Person im Ort, und in ihrem Laden konnte man das Neueste erfahren oder seine Sorgen und Nöte mitteilen. Oft wusste Tante Emma guten Rat.

Mit der Einführung der Supermärkte und dem gesetzlichen Verbot der Preisbindung im Jahre 1974 war das Schicksal der Tante-Emma-Läden besiegelt. Schlagartig verschwanden die vielen kleinen Läden von der Bildfläche. Preisdumping, Tiefkühltruhen und Personenkraftwagen gaben den kleinen Dorfläden den Todesstoß. Im Osten Deutschlands blieb Tante Emma in der Form des Konsumladens bis zur Wende erhalten.

Mit dem Verlust der großen Kommunikatorin im Ort wurde die dörfliche Alltagskultur empfindlich getroffen. Viele Ortschaften gleichen heute Geisterdörfern. Das Leben auf der Straße findet kaum mehr statt. Stattdessen sind die Deutschen heutzutage im Schnitt neun Stunden mit Medien beschäftigt.

Wie wäre es, wenn wir Tante Emma neu erfinden? Nicht unbedingt als Einzelakteurin, sondern in Form einer kleinen Gemeinschaft im Dorf, die sich nachhaltige regionale Vernetzung zum Ziel setzt – und einen zukunftsfähigen Tante-Emma-Laden mit einem vielschichtigen Konzept entwickelt?

Viele Menschen sehnen sich nach lebendiger regionaler Lebenskultur, ob auf dem Dorf, in den Städten oder dem Großstadtkiez. Tante Emma hat wieder Konjunktur – aber diesmal wird es eine Gemeinschaft sein. Und das geerdete Internet wird dabei eine große Rolle spielen. Tante Emma 2.0 hat immer ein Smartphone zur Hand und vernetzt die Region – Menschen bestellen über sie nachhaltige Produkte, werden über neueste Trends informiert, erhalten im Laden ausgewählte Waren und vor allem regional angebaute Produkte zum Kauf und zum Tausch. Tante Emma führt einen Veranstaltungskalender und vernetzt Personen, Projekte und Produkte auf unserem neuen Internet-Forum www.nachhaltig-sein.net. Die regionale Tante-Emma-Gemeinschaft bietet Social Gardening, ein ökologisches Ackerkonzept mit Gemüsekistenservice, ein Repair-Café, ist Poststation und Paketdienst, Leihstation, Internet-Café, Tourismus-Info, ­Redaktion und Vermittler vielfältiger Produkte und Dienstleistungen in der Region. Die Vielfalt der Wertschöpfungspotentiale dieses besonderen regionalen Kommunikationszentrums ermöglicht es einer Gruppe von Menschen, ­ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die beste Form für die flächendeckende Umsetzung eines Tante-Emma-2.0-Konzepts ist eine Genossenschaft. Es handelt sich um die demokratischste Unternehmensform, die wir kennen, da jedes Mitglied unabhängig von der Höhe seiner Einlagen gleiches Stimmrecht hat. Wer weiß schon, dass EDEKA ursprünglich einmal eine Einkaufsgenossenschaft der Kolonialhändler war, die 1898 im Kaiserreich von 21 regionalen deutschen Einkaufsvereinen gegründet wurde? Viele kleine Tante-Emma-Läden haben sich damals zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Auch Greenpeace Energy, die GLS-Bank und die Tageszeitung sind Genossenschaften, in denen über kleine Anteilsscheine viele Menschen organisiert sind, um gemeinsam einen sinnhaften Geschäftszweck zu verfolgen.

Im Sommer 2014 werden wir für unser Projekt NACHHALTIG SEIN eine bundesweite Genossenschaft gründen, die über viele Mitglieder die entsprechende wirtschaftliche Kraft entwickelt, um Tante-Emma-2.0-Projekte in vielen Dörfern, Städten und Großstadtbezirken zu entwickeln. Die politische Basis für unser gemeinsames Wirken ist die Erdcharta der Vereinten Nationen: Achtung des Lebens, ökologische Ganzheit, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden sind die Leitlinien unseres Engagement für die Regionen. Durch Bildung von Stadt-Land-Achsen werden wir vielen genossenschaftlich zusammengeschlossenen Menschen die Möglichkeit geben, mit einem geringen Anteilsbeitrag an unseren Tante-Emma-2.0-Projekten, die in einem erweiterten Sinne Gemeinschaftsprojekte sind, teilzuhaben. Wir können die Aufgaben der Zukunft nur dann bewältigen, wenn wir uns lokal und regional wieder mehr zusammenschließen und solidarisch und teilweise autark leben lernen. Und Tante Emma, die all­umfassende, gütige und weise Erdmutter unter der Dorflinde, ist unser Erinnerungsbild. Und mit ­jedem Garten-Eden-Projekt werden wir symbolisch eine Dorflinde pflanzen.

 


Wer sich für ein solches Projekt interessiert, mitmachen möchte oder auch einen guten Standort weiß, kann sich gern bei uns melden: mitmachen@sein.de


Abb: I. Rasche_pixelio

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