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Yoga ist in unseren Ländern populär geworden, man kann sagen, Yoga ist ‚in’. Er hat zwar immer noch einen Hauch von Exotik und Räucherstäbchen, aber er ist endgültig bei uns angekommen. Mit Yoga wird bei uns meist die körperorientierte Form des Hatha-Yoga verbunden, die sich im Westen großer Beliebtheit erfreut. Dabei ist im Ursprungsland des Yoga, in Indien, die klassische Form der Yoga der Meditation. Er ist viel mehr als eine Sammlung von Körperübungen oder Meditationstechniken, um die Menschen zu innerer Harmonie und körperlichem Wohlbefinden zu führen. Er ist vor allem eine Methode zur Entwicklung, zur Befreiung und Emanzipation des Menschen.

 

Die Philosophie des Yoga

Im Unterschied zu unserem neuzeitlichen westlichen, anthropozentrischen und materialistischen Weltbild kann das indische Weltbild, auf dem der Yoga aufsetzt, als theozentrisch bezeichnet werden. Theozentrisch bedeutet, dass alles vom Göttlichen her gedacht wird und dass der gesamte Weltablauf wie der Ablauf des menschlichen Lebens als vom Göttlichen bestimmt angesehen wird. Gott gilt als das Absolute, Höchste, Wirkliche – da Unveränderliche. Gott ist das höchste Geistige, aber nicht Denk- oder Benennbare, dennoch im eigenen Inneren Erfahrbare. Das Göttliche ist Ausgangspunkt und steht im Zentrum der Realitätsbetrachtung. Als real wird nicht das angesehen, was mit den Sinnen erfasst, sondern das höchste Geistige, Göttliche, das in seinem Sosein unveränderlich ist. Diesem ewigen höchsten Geistigen kommt allein Wirklichkeit zu.

Obwohl Gott eine so zentrale Stellung in der indischen Philosophie hat, versucht sie nicht, Gott logisch, mit den Mitteln der Vernunft, zu beschreiben oder zu definieren. Definieren heißt ja schon von der Bedeutung des Wortes her ein- beziehungsweise ausgrenzen – ein derartiges Vorgehen verbietet sich der streng logisch aufgebauten indischen Philosophie von vornherein. Sie entwickelte früh den sehr reifen Gedanken, dass jede Definition, jeder Versuch, sich eine Vorstellung von Gott zu machen, eine unzulässige Verengung und Einschränkung des Wesens des Göttlichen wäre.

Der Gott indischer Philosophie steht also jenseits jeglicher Personalisierung. Das Göttliche wird allerdings als erfahrbar angenommen, da jeder Mensch Anteil am Göttlichen hat. Der Ort der Erfahrung liegt in uns, genauer, in unserem Herzen. Die Annahme einer je eigenen Gotteserfahrung für alle Menschen ist die zentrale Botschaft des Yoga. Mit dieser Vorstellung stimmt der Yoga mit den meisten mystischen Traditionen überein.

Das Göttliche ist nicht nur oberstes Prinzip, alle Manifestationen des Kosmos haben an ihm Teil. Das ist buchstäblich zu nehmen. Indische Philosophie und Religion gehen davon aus, dass alle Wesen der Schöpfung Teil des Göttlichen sind. Dieser göttliche Kern in uns muss allerdings zuerst bewusst gemacht und freigelegt werden. Die Arbeit daran ist Gegenstand des Yogawegs. Ziel des Yoga ist es, das Göttliche unverstellt im eigenen Innen zu erfahren.

Verwirklichung heißt für den Yoga, in den Zustand des Göttlichen einzutreten. Das bedeutet, gleichzeitig höchster Seinserfahrung, höchster Erkenntnis und größter Glückseligkeit teilhaftig zu werden (Sat-Chit-Ananda in der Terminologie des Yoga). Das Wort Verwirklichung, das Ziel yogischen Strebens, bekommt aus dieser Sicht eine völlig andere Bedeutung, als wir es ihm in unserer Kultur zuschreiben.

Da der Ort der Gotteserfahrung in uns liegt, nähert sich die indische Philosophie Gott auf dem Weg der eigenen fühlenden Erfahrung, der liebenden Verehrung (Bhakti). Während sich die westliche Philosophie dem Transzendenten über die Erforschung der weltlichen Phänomene und mit den Mitteln der Logik und der Spekulation annähert, geht also die indische Philosophie direkt auf das zu, womit allein Wirklichkeit erlangt werden kann, das reine Bewusstsein, das sich aus dem inneren Zustand ergibt. Die verschiedenen Formen des Yoga sind im Grunde Versuche, im menschlichen Bewusstsein den unmittelbaren Kontakt mit dieser inneren, höheren Wirklichkeit herzustellen.

Indische Philosophie – wie auch der Yoga und indische Spiritualität ganz allgemein – ist bei aller Orientierung am Göttlichen ausgesprochen lebenspraktisch ausgerichtet. Die spirituellen Lehren, die zahlreichen Formen des Yoga, stellen eine Anleitung dafür dar, wie das Einssein mit dem Göttlichen in der individuellen Lebenswirklichkeit und Lebenszeit erreicht werden kann. Bei den Übungen des Yoga geht es darum, den eigenen inneren Zustand so zu verfeinern, dass aus dem inneren Zustand heraus die Wahrnehmung ‚höherer’ Bewusstseinsformen möglich wird. Das ‚Höhere’ des Bewusstseins drückt sich jedoch nicht darin aus, dass unglaubliche oder sensationelle Erkenntnisse oder Erleuchtungen erzielt würden, sondern dass das, was unserer normalen Wahrnehmung unterliegt, also das Alltägliche, auf einer ‚höheren’ Ebene wahrgenommen werden kann, losgelöst von den eigenen Interessen und Gefühlslagen. Die Art der Erfahrung ergibt sich also aus dem eigenen inneren Zustand.

 

Prinzipien indischer Welterkundung

Dass Indien schon immer Weltzentrum der Spiritualität war, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass schon sehr früh – lange vor der Zeitenwende – differenzierte Konzepte zu Psychologie und Philosophie entworfen und erprobt wurden und dass gleichzeitig ausgefeilte Vorstellungen zur kosmischen und menschlichen Evolution entwickelt wurden, die für uns angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine erstaunliche Aktualität besitzen.

Diese Vorstellungen basieren jedoch auf einer Ontologie oder Lehre von den Grundstrukturen der Wirklichkeit, die sich von der unseren unterscheidet. Insbesondere die Unterscheidung von Geist und Materie ist anders, als sie in unserer Kultur seit den griechischen Naturphilosophen überliefert ist.

Real, da unveränderlich, ist das höchste Geistige, während die Materie ständiger Änderung unterliegt und daher den Charakter des Scheinbaren hat (Maya). Alles, was sich im Kosmos manifestiert, ist aus dem Geist entstanden, sei es Materie, die sich aus der energetisch-geistigen Form der Urmaterie (Prakriti) manifestiert hat, seien es unsere menschlichen Schöpfungen, die aus unserem eigenen Geist geboren werden.

Im Yoga wie in aller indischen Philosophie liegt also der Primat auf dem Geistigen – in den Vorstellungen über den Kosmos und seine Entwicklung wie in den Vorstellungen über die persönliche und die kulturelle Entwicklung.

Diese Verursachung aller Entwicklung aus dem Geistigen macht das indische Weltbild sehr modern, da wir in unserer westlichen Wissenschaft gerade beginnen, das Geistige als Grundbestandteil und Ausgangspunkt des Kosmos anzuerkennen. Auf der Ebene der Elementarteilchen der Materie finden wir mit unserer westlichen Wissenschaft ebenfalls nurmehr Energie, also etwas Immaterielles.

Es sind also gerade die neuen wissenschaftlichen Entdeckungen, vor allem in der Quantenphysik, in der Biologie, in den Neurowissenschaften, in der Psychologie, die uns diesen grundlegenden Aspekt des Yoga erschließen können: nämlich das Verständnis von Geist und Materie. Und während unsere westliche Wissenschaft diese Themen in der objektivierenden Außensicht erschließt, wendet sich der Yoga denselben Themen aus der Innensicht der eigenen Erfahrung zu. Man kann durchaus davon sprechen, dass es auf diese Weise zu einer Annäherung der dem Yoga zugrunde liegenden Philosophie mit westlicher Wissenschaft kommt. Damit ist erstmals die Möglichkeit eröffnet, den geistigen Yoga für den Westen vollends zu erschließen.

Da nach allgemein akzeptierter Vorstellung indischer Philosophie das Göttliche in allem enthalten ist, was existiert, geht der Yoga davon aus, dass es eine geistige Verbindung mit allen anderen Wesen gibt und dass wir mit allen Wesen in Resonanz sind. Das Geistige im Yoga ist allerdings mehr eine Geistigkeit, die wir mit dem Herzen, als eine, die wir mit dem Verstand wahrnehmen. Indische Philosophie und Religion betonen in allem das Verbindende, Gemeinsame, die Harmonie, die Liebe. In allen Wesen wird der gemeinsame Kern, der gemeinsame, unzerstörbare Anteil am Göttlichen gesehen. Nicht zuletzt darin wurzelt die Toleranz indischer Kultur anderen Vorstellungen und Gedankengebäuden gegenüber und die Gelassenheit, die indischen Menschen zu eigen ist.

 

Integrale Prinzipien des Yoga

Im Yoga sind also Prinzipien und Muster zu erkennen, die selbst für unsere heutige Zeit revolutionär sind. Sie nehmen vieles von dem vorweg, was der Philosoph Jean Gebser dem heraufkommenden integralen, ganzheitlichen Paradigma zuordnet.

Der Yoga ist durch und durch energetisch gedacht – und auch deshalb ganzheitlich und modern. Die göttliche Energie ist auch in den Energien der Materie, den Gunas, manifest. In der Beobachtung und Aufzeichnung ihrer Wirkungen – sowohl im geistigen als auch im materiellen Bereich – werden deren Qualitäten festgestellt und den Menschen nutzbar gemacht. Diese energetische Sicht des Yoga kann in der modernen westlichen Wissenschaft in ähnlicher Form wiedergefunden werden, so in der Quantenphysik mit ihrem Konzept des Quantenfelds und mit den Vorstellungen über die kleinsten Elementarteilchen, aber auch in den Konzepten der Thermodynamik – etwa im Satz von der Erhaltung der Energie, oder in der Idee von übergreifenden formgebenden Feldern, die von Rupert Sheldrake als so genannte morphogenetische Felder postuliert werden.

 

Ganzheitlich und energetisch ist auch das Bild, das sich die Psychologie des Yoga vom Menschen macht. Sie unterscheidet sehr genau zwischen verschiedenen geistigen Bereichen – die übrigens von den Neurowissenschaften in ganz ähnlicher Form gefunden wurden – und zeigt eine Hierarchie von Ursachen und Wirkungen auf, die unser Verhalten bestimmen.

Das Geistige wird im Yoga in einer größeren Tiefe und Vielfalt kultiviert, als dies bei uns üblich ist. Das betrifft zunächst den kognitiven Bereich des Menschen, wo immer schon im Yoga das Vor- und Unbewusste wahrgenommen und in seiner Bedeutung für die Urteilsbildung und Entscheidung gesehen wurde. Das betrifft auch das Wahrnehmen der verursachenden Rolle des Geistigen und damit unserer eigenen Verantwortung für alles, was uns im Leben zustößt. Schließlich betrifft es das Wahrnehmen des Geistigen als Ausgangspunkt aller kreativen Prozesse. Und natürlich betrifft es das Höchste Geistige, Göttliche, auf das im Yoga alles ausgerichtet ist.

Für die Bereiche Kreativität/ Intuition, Ich-Instanz oder Instanz der Identifikation und der Bereich der Gedanken und Gefühle werden jeweils adäquate praktische Wandlungs- und Entwicklungsstrategien aufgezeigt. Intuition und Kreativität werden durch Meditation und Innenschau entwickelt, die Ich-Instanz kann durch die Übung der Loslösung von ihrer Egozentrik befreit werden, Gedanken und Gefühle werden durch Meditation und durch die Arbeit an den Prägungen oder Samskaras – also durch die Beseitigung der Hindernisse im eigenen Inneren – so modifiziert und gelenkt, dass das Ziel des Yoga erreicht werden kann.

Ganz wird der Mensch also nicht, indem er etwas erwirbt, sondern indem er sich von all seinen Projektionen, Vorurteilen, Wünschen und Begierden freimacht. Erst dann kann die göttliche Energie ungehindert durch ihn hindurchfließen – wieder steht ein energetisches Prinzip im Zentrum des Yoga. Ganzheitlich ist auch das Prinzip, in allem Streben von der Erfahrung und Verantwortung des eigenen Inneren auszugehen und nicht von dem, was im Außen vorgefunden wird. Ganzheitlich und energetisch gedacht ist schließlich auch die Einstellung, Unerwünschtes, Schlechtes nicht zu bekämpfen, sondern das Ganze durch Hinzufügung von Gutem, Erwünschtem ins Gleichgewicht zu bringen. Dies alles mündet in ein Konzept der Charakterbildung, wofür der Yoga ebenfalls Lernwege aufzeigt. Die Schulung und Bildung des Charakters kann nur in einer Entwicklung aller geistigen Bereiche und durch wiederholte Übung erreicht werden, wie dies etwa neuerdings die positive Psychologie feststellt. Intellektuelle Einsicht allein reicht dafür nicht aus. Nur in diesem ganzheitlichen Verständnis von Entwicklung lässt sich das hohe Ziel des Yoga erreichen.

Aus dieser Sicht auf die Welt, die sich die eigenen Energien – in Form von Interessen und Gewohnheiten, wie der Mechanismen der eigenen Haltungen und Entscheidungen – bewusst macht und sie in den Dienst des Ganzen stellt, können Harmonie und Ausgleich der Fähigkeiten und Einstellungen im Menschen sowie ein Bewusstsein der persönlichen Verantwortung entstehen. Daraus kann ein Paradigma erwachsen, welches eine ganzheitliche Einstellung zur Welt aufweist.

 

Skizze eines geistigen Yoga für den Westen

Die im Yoga angewendeten Methoden haben sich im Lauf seiner jahrtausendealten Tradition immer wieder gewandelt und modernen Lebensumständen angepasst. Seine Prinzipien sind freilich die gleichen geblieben. Aus der Tradition der Bhagavad Gita hat sich so etwas wie ein ‚mittlerer Weg’ herausgebildet, dem viele der neuen Schulen und Systeme des Yoga folgen. Mittlerer Weg heißt etwa, dass die Menschen – wie dies schon Vivekananda gefordert hat – in Gesellschaft und Familie ihren Aufgaben mit Verantwortung nachkommen, während sie dem Yogaweg folgen. Vivekananda hat in diesem Zusammenhang von dem Vogel gesprochen, der nur mit zwei Flügeln fliegen könne. Ebenso bedürfe der Mensch zweier Flügel, des spirituellen wie des weltlichen.

Der mittlere Weg bezeichnet aber auch eine Gleichwertigkeit und Ausgewogenheit der verschiedenen Praktiken, die den Yogaweg begleiten. Alle menschlichen Äußerungen: Liebe, Erkenntnis und Handeln – also Bhakti, Jnana und Karma in der Terminologie des Yoga – können zur Gottesverwirklichung führen. Jeder Mensch wird innerhalb der verschiedenen Formen des Yoga für sich das rechte Maß finden. Der eine wird mehr zum Handeln neigen, der andere zum Erkenntnisweg, wieder ein anderer zur reinen Gottesverehrung.

Auch die Extreme der Lebensführung sind zu meiden, weder Askese noch übertriebener Sinnengenuss führen zum Ziel. Es gibt keine Ausschließlichkeit in der Verfolgung des Yogaweges – „alle Wege führen zu mir“, sagt Krishna in der Bhagavad Gita. Er gibt allerdings deutliche Hinweise darauf, dass Bhakti – der liebevollen Gottesverehrung – der höchste Rang zukommt.

Die Elemente des geistigen Yogawegs im engeren Sinn, also die konkret zu praktizierenden Übungen, sind in Anbetracht der Universalität der Bemühung vergleichsweise einfach:

Da ist zum Einen die Meditation: Hier lernen wir, uns so anzunehmen, wie wir sind. Wir nehmen Fühlung auf mit der höheren Ordnung, dem Höchsten Geistigen und üben uns darin, uns beständig darauf auszurichten. Die Meditation wird ergänzt durch die Arbeit an unserem Schatten, an unseren Projektionen: Dies erfolgt wieder durch konkrete Übungen zur Reinigung der Projektionen und durch Charakterarbeit im Sinne der Prinzipien und Lebensregeln des Yoga. Man kann es so formulieren: Die Meditation schafft die Voraussetzung für die Entwicklung, die Entwicklung selbst müssen wir tun, durch die Charakterarbeit, durch das Wahrnehmen unserer Verantwortung in der Gesellschaft. Das alles in der eigenen freien Verantwortung.

Wenn wir uns also auf diese Universalität des Geistigen einlassen, kann uns die Lebensform des Yoga – philosophisch gesprochen – aus der Überbetonung des Verstandesmäßigen und Materiellen, aus der Fixierung auf das Ich befreien und in die integrale Zukunft führen – jenseits der Schranken der Subjektivität. Damit wird die Lebensform des Yoga für uns westliche Menschen überaus aktuell. Sie verspricht inneren Frieden und Harmonie in einer Welt, die immer schnelllebiger und chaotischer wird. Sie erfüllt die Sehnsucht nach Transzendenz in einer Form, die in ihrer inneren Ausrichtung verbindlich und dennoch frei ist von äußeren Vorschriften und Geboten.

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Über den Autor

Avatar of Friedel Marksteiner

macht seit 26 Jahren Raja-Yoga und ist seit 21 Jahren zertifizierter Lehrer des Raja-Yoga.

Mehr Infos

Vortrag zu dem Buch: Yoga – Die Kunst des Wandels, erschienen im Scorpio-Verlag
Autor und Referent: Friedel Marksteiner
Ort: Buchhandlung Friedrichshain, Berlin-Mitte, Warschauerstr. 74
Zeit: Freitag, 19.3.2010, 19.00 Uhr,
Infos unter Tel. 030- 29 66 98 93 bei Herrn Jäger

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