Gähnen wie ein Baby, leichte Bewegungen, Atem, Stimme und Berührungen, die Resonanzen im Körper wahrnehmen und mit spielerischen Übungen zu unserem Wohlbefinden und unseren Ressourcen zurückfinden. Ist Zapchen so einfach?

von Andrea Hellmich

Zapchen heißt diese Technik, auf die ich so neugierig bin. Allein der Name, der ursprünglich aus dem Tibetischen kommt, ist ja schon ungewöhnlich, aber sehr heilig scheint es nicht zu sein. Es bedeutet so etwas wie „jemand, der eindeutig zu weit geht“, und dies ist hier durchaus positiv zu deuten. Denn es geht auch darum, die eigenen sich meist unangenehm und verspannt anfühlenden Grenzen, zu denen wir darum gerne Abstand halten, (wieder) zu spüren und zu achten.

Brummen, summen, gähnen und seufzen – schaukeln, schütteln und sich sanft wiegen. Nein es ist kein Besuch in einer Krabbelgruppe am Prenzlauer Berg, sondern wir befinden uns in einem buddhistischen Meditationszentrum in Mitte. Doris Grimm, Psychotherapeutin und autorisierte Leiterin des Zapchen-Kurses, macht all diese Dinge vor unseren erstaunten Augen und Ohren, und sie strahlt dabei so eine Zufriedenheit und genussvolle Freude aus, dass ich sofort neidisch werde. Dr. Julie Henderson, Schülerin von Milton Erickson (amerikanischer Hypnotherapeut)), hat diese spielerischen Körperübungen in den neunziger Jahren in den USA entwickelt und seitdem immer weiter erforscht und präzisiert.

Erkenntnisse der Neurobiologie, Erfahrungen aus der (Körper)-Psychotherapie und Techniken aus dem tibetischen Buddhismus fließen ein in ihre Arbeit, die sie auch in dem Buch „Embodying well-being, wie man sich trotz allem wohlfühlen kann“ (AJZ, Verlag, 2001), beschrieben hat. Sich wohlfühlen durch die Aktivierung der Selbstregulationskräfte im Körper und unserer feinstofflichen Energien, damit alles wieder anständig fließen kann.

Besonders anständig allerdings sieht es nicht aus, wenn eine Gruppe von Übenden die Münder aufreißt zu einem herzhaften und geräuschvollen Gähnen, sich laut seufzend und anschließend wild stampfend durch den Raum bewegt. Nach anfänglich zaghaften und etwas scheuen Übungsversuchen stellt sich schon ein leichtes Entspannungsgefühl ein – der beste Zeitpunkt für ein erstes „Nickerchen“, was bei all dem eine zentrale Rolle spielt. Begleitet von einem tiefen und lauten Ahhh lassen sich alle gerne nieder und kuscheln sich in warme Decken. Die in Fluss gebrachten Energien und Flüssigkeiten können sich nun neu sortieren. Das gesamte gestresste System Körper, Geist und Seele entschleunigt, und alles sinkt in eine tiefe Ruhe, Stille breitet sich aus – innen und außen –, nur zart unterbrochen von wohligem Schnaufen.

Tiefe Schichten berühren

Deutschland ist das einzige Land, wo sich diese Technik zu einer eigenständigen Form weiterentwickelt hat. „Zapchen-somatics“ wird auch unterstützend zum Beispiel in der Traumatherapie und in der Psychosomatik eingesetzt und hat erstaunliche Wirkungen gezeigt. Doris Grimm praktiziert und lehrt diese Übungen schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren und gehört zu dem engen Kreis der Mitarbeiter von Julie Henderson, die diese stetig weiterentwickeln und Neues entdecken.

Sie ist eine von den wenigen weltweit zertifizierten LehrerInnen und seit einigen Jahren in Berlin zu Hause. Auf unsere erste Runde folgen weitere Atemtechniken, Körperübungen, gemeinsames Tönen, Summen und Gähnen, und ich ahne jetzt schon, dass es tiefe Schichten in mir berührt. Verspannungen und Blockaden werden spürbar und innere Räume dehnen sich aus. Räume, die ich lange schon nicht mehr wahrgenommen habe. Genau: Kleine Kinder bewegen und verhalten sich so, und eine weit entfernte Erinnerung daran schwebt durch den Raum.

Die Leichtigkeit, an meinem großen Zeh zu nuckeln, habe ich natürlich im Laufe der Jahre eingebüßt, aber so manch anderes kennt mein Körper noch. Lautes Brabbeln, um den Geist zu reinigen, schlürfen und sich ausgiebig räkeln und strecken – auch wenn es ein wenig knirscht und knackt, ist das einfach befreiend.

Nichts müssen

„Die Last der Welt ablegen“, heißt eine Basisübung, und sie sorgt dafür, dass Spannung aus den Muskeln im Nackenund Schulterbereich gepumpt wird, so dass neue Kraft hindurchfließen kann. Hierbei werden beide Arme hoch über den Kopf gehoben und die Finger beider Hände leicht ineinander gehakt, während die Ellbogen zu Seite zeigen. Nach einer kurzen Zeit in dieser Position werden die Arme bis auf Schulterhöhe gesenkt und die Ellbogen so weit nach hinten geführt, bis die Schulterblätter sich annähern. Die Unterarme werden nach außen gebracht, die Hände fallen locker nach unten und die Arme bewegen sich langsam auf und ab, wie ein Geier, der Flugübungen macht.

Es ist eine sanfte Massage und Reinigung für die Schulterblätter und die Rückseite des Herzens. Nach einigen leichten „Flugbewegungen“ können die Arme vollständig gesenkt werden, begleitet von befreiendem Ächzen und Stöhnen, und die neue Energie fließt spürbar in die Hände. All diese leichten und freudigen Bewegungen haben eine große Heilwirkung, wenn sie regelmäßig und in der richtigen (Körper)-Haltung angewendet werden. Für Letzteres sorgt Doris und ergänzt es mit wertvollen Informationen, was im Körper gerade geschieht und wie es wirkt.

All das wird in kleinen Dosen verabreicht, immer nur so weit und so viel, wie es dem Wohlfühlen dient und vor allem die Großhirnrinde nicht allzu sehr beansprucht. Es geht um Nichts-Müssen und darum, die eigenen Grenzen wieder zu spüren und die Kraft der eigenen Verantwortung wahrzunehmen und zu stabilisieren. Raus aus dem Kopf, rein in den Körper, spüren, wie gut das tut nach des Tages Mühen, wo all dies überhaupt keine Aufmerksamkeit bekommen hat.

Body rests like a mountain, breath moves like the sea, heart like the sky.“ (Julie Henderson)

Schütteln und Vibrieren

Die Regionen, wo wir festhalten und verspannen, werden Diaphragmen genannt und befinden sich an vielen Stellen in unserem Körper. Es sind zum Beispiel Trommelfell, Schädelbasis, Kehlkopf, Zwerchfell und der Beckenboden. Die Übungen sprechen diese Diaphragmen gezielt an – sie werden durch das Schütteln und Vibrieren sanft gelockert. Nach einer Phase des Wahrnehmens von Erschöpfung, der wir auch Raum geben, werden Energien wieder freigesetzt und die eigenen Ressourcen ak – tiviert. Gelassenheit und Kreativität stellen sich ein und eine höhere Bewusstheit wird spürbar. Nachdem die erste Schüchternheit abgefallen ist, fallen mir „kindische“ Dinge ein wie eine Kissenschlacht oder die Nachbarin auf der Matte anstupsen und loslachen oder sonst irgendein „Unsinn“.

Der Kopf fühlt sich leicht an und alles ist plötzlich so lebendig und spielerisch aufgeweckt. Das Hirn kann kaum noch klare Gedanken fassen – wie wunderbar entspannend! – und auch der Körper lässt los und fühlt sich sehr gelockert an. Am Ende finden wir uns zusammen zu einer gemeinsamen Meditation und einem letzten Summen. Dankbarkeit und eine tiefe Stille machen sich breit, und in der Atmosphäre der Gruppe kommt nun doch etwas heilige Stimmung auf. Da wird etwas berührt, was in jeder einzelnen Zelle pulsiert und gleichzeitig das ganze Sein umfasst, das pure Menschsein. Ein letztes wohliges Ahhh, und mit einer dankenden Geste verneigen wir uns vor dem gemeinsamen Augenblick, bevor wir fröhlich davonhüpfen. In der darauf folgenden Nacht schlafe ich selig und tief wie ein Baby – kein Wunder!

Kurstermine:
Einführungsabend:
Mo, 23. Oktober 2017, 18.30-21 Uhr
fortlaufende Gruppe:
30.10.2017-11.12.2017,
jeweils montags, 18.30-21 Uhr
Ort: Lotos-Vihara, Neue Blumenstr. 5,
10179 Berlin (Bus 24 , S/U8 Jannowitzbrücke,U5 Schillingstraße))

Author: Oliver Bartsch

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