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Es scheint, als ginge alles weiter wie bisher – zwar hat Europa selten eine solche Häufung and Massendemonstrationen und Unruhen gesehen, aber noch glänzt der Plastik-Überzug unserer Gesellschaft, aller Schrammen zum Trotz. Doch unter der Oberfläche wächst der Bruch mit den alten Strukturen, auch wenn viele diesen vielleicht derzeit nur als eine tiefe Unruhe und Unzufriedenheit spüren.

Der Aufstand des Gewissens

In einem Fernsehinterview mit der ARD widersprach kürzlich der bekannte Globalisierungskritiker Jean Ziegler der Feststellung des Moderators, das System werde bisher trotz aller Ungerechtigkeiten kaum in Frage gestellt: „Es ist eine ganz tiefe Unruhe, ein ganz tiefer Bruch da zwischen den Menschen des Westens und dieser kannibalischen Weltordnung, die beherrscht wird vom Banken-Banditismus. Und eines Tages wird es den Aufstand des Gewissens geben.“

Ziegler meint: Die Menschen haben sich innerlich schon aus dem System verabschiedet. Und auch wenn sie in Europa nicht auf die Straße gehen, wenn es noch keine sichtbare Revolution gibt, so ist dies nur noch eine Frage der Zeit.

Unzufriedenheit

Tatsächlich scheint das nicht nur Zieglers Sicht der Dinge zu sein. Eine Umfrage in 2010 ergab, dass 70 Prozent der Deutschen jedes Vertrauen in die Politik verloren haben – das dürfte sich durch die sich verschlimmernde Finanzkrise, Stuttgart 21 und dem Atomausstieg nicht besonders verbessert haben. Ähnlich kritisch wird das Wirtschaftssystem eingeschätzt, dass seine Fehler nun immer deutlicher offenbart.

Aber was da schwelt, ist nicht nur die Frustration über die politischen und globalen Probleme einer Welt, in der in jeden Tag 37.000 Menschen verhungern, während anderswo die Lebensmittel zugunsten der Preisstabilität vernichtet werden. Auch nicht die Wut über milliardenschwere Bankenrettungspakte, bei gleichzeitiger Kürzung von Sozialleitungen und einem immer höheren Rentenalter. Es ist auch der normale Alltag, den viele liebend gerne wütend an die Wand schmeißen würden.

Wie viele Menschen haben es wohl satt, nur noch für Miete und Essen zu arbeiten, in trostlosen Jobs, ihre Kinder kaum zu sehen und keine Zeit zu haben für das, was ihnen wirklich wichtig ist? Das hat vielleicht mit einer Nachkriegs-Generation funktioniert, aber es funktioniert jetzt nicht mehr. Die Mehrheit der Deutschen hat innerlich gekündigt, meint denn auch eine aktuelle Studie ermittelt zu haben – 75 Prozent der Deutschen würden gerne ihren Job schmeißen und etwas anderes tun.

Und dann ist da noch die Unzufriedenheit mit Institutionen wie dem bestehenden Schulsystem, dem Sozialsystem, dem Gesundheitssystem – tatsächlich mit so ziemlich Allem. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wird die gesamte Systemstruktur von Millionen von Menschen in Frage gestellt. Die Gesellschaft steht vor einer Zerrreisprobe. Und das Individuum damit auch.

Mangel an Alternativen

Die Herausforderung der Situation ist sicherlich der scheinbare (oder tatsächliche) Mangel an Alternativen, die fehlende Perspektive. Der Otto-Normal-Bürger mag „die da Oben“ und das System innerlich abgeschrieben haben, von seinem Job angekotzt sein und die Bankenrettung für Volksbetrug halten – es bieten sich aber unmittelbar keine alternativen Handlungsmöglichkeiten. Jeder Schritt aus dem „System“ heraus gefährdet oftmals die eigene (finanzielle) Existenz.

Vor allem in der jungen Generation baut sich langsam ein enormes Frustpotenzial auf, dass sich – wie wir gerade gesehen haben – nicht selten auf völlig absurde und destruktive Weise entlädt.

Und selbst jene Menschen, die sich im ganz positiven Sinne nach einer neuen Welt sehnen, befinden sich derzeit quasi zwischen zwei Welten: Das Alte funktioniert für sie nicht mehr, aber das Neue ist noch nicht immer greifbar. Oft ist völlig unklar, wie es weitergehen kann und soll. Was tun, wenn normale 8-16-Uhr-Jobs seelisch nicht mehr auszuhalten sind? Wenn man seine Kinder nicht mehr in eine normale Schule geben mag, weil sie dort „auffällig“ stigmatisiert werden, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo ist der Weg zu einer anderen Art des (Zusammen-)Lebens? Wie sich mit einem System arrangieren, das man als grundfalsch erkannt hat?

Aushalten, Loslassen

Dieses Spannungsfeld ist nicht immer einfach auszuhalten. Der Frust wächst. Und es ist gleichzeitig nicht zu unterschätzen, welchen Mut es trotzdem erfordert, das Alte einfach hinter sich zu lassen, ins Unbekannte zu springen. Auf viele Fragen gibt es derzeit keine einfachen Antworten, auch in ganz praktischer Hinsicht. Ist es zum Beispiel ok, sich in einer „Orientierungsphase“ per Hartz 4 genau von jenem System finanzieren zu lassen, aus dem man am liebsten aussteigen würde? Oder vollzieht man gar einen ganz radikalen Ausstieg? Reicht es mir, den Stromanbieter zu wechseln und im Biomarkt einzukaufen? Arrangiert man sich, versucht das Beste innerhalb der bestehenden Möglichkeiten? Jeder muss nun viele Fragen für sich selbst beantworten.

Es ist an diesem Punkt der Geschichte, wo es sich einmal mehr lohnt, vor allem innere Gefühle zu untersuchen: Was macht das mit mir? Was für Ängste kommen da hoch? Was ist hier meine Wahrheit? Wonach sehne ich mich wirklich? Wir alle sind über Jahre in ein unmenschliches System assimiliert worden – das hinterlässt Spuren im Denken und Fühlen. Muster, die es aufzulösen gilt, wenn es einen Schritt in etwas wirklich Neues geben soll. Die Phase zwischen den Welten, die Ereignisse, die sich nun in der Welt abspielen werden, geben uns Gelegenheit, diese Muster und Gefühle loszulassen.

Wie viel von uns selbst nehmen wir nur in Bezug auf unsere Prägung war? Wer wären wir und was würden wir tun, wenn es keine äußeren Zwänge gäbe? Was ist mein Herzens-Traum? Welche Fähigkeiten habe ich? Wie kann ich diese zum Wohle des Ganzen und einer neuen Zeit einbringen?

Es ist fast, als müsste man sich sein Selbst zurückerobern. Langsam wieder spüren und träumen lernen. Und es ist in diesem Prozess, wo sich vielleicht unser Platz im Ganzen zeigt. All dies ist ein Spiel der Selbsterkenntnis, und wie so oft ist der Weg dabei Teil des Ziels. In den wenigsten Fällen wird also ein Nachmittag angestrengten Nachdenkens die erhofften Perspektiven öffnen. Vielmehr ist es ein stetes Freilegen, heraus aus den Schleiern der gesellschaftlichen Betäubung. Und die äußeren Hindernisse sind dabei Einladungen, immer tiefer nach innen zu schauen, freier zu werden.

Indem nun jede/r Einzelne seinen eigenen Weg findet, seine eigenen Schlüsse zieht, seine eigenen Schritte geht, formen sich vielleicht auch bald neue Dinge, neue Gemeinschaften und neue Wege, die wir dann gemeinsam gehen können. Bis dahin müssen wir leben und arbeiten in einer Zeit zwischen zwei Welten.

„Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, an eine kranke Gesellschaft gut angepaßt zu sein.“
(J.Krischnamurti)

 

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6 Responses

  1. eine von vielen

    man sieht wie unzufrieden alle sind, obwohl wir scheinbar alles haben was wir brauchen und wollen. dieses system manipuliert uns, es macht uns gierig , gierig nach dingen die wir eigentlich nicht brauchen und wenn wir ehrlich sind wollen wir sie auch nicht. die wo wirklich nichts haben, abgeschitten sind von unserer welt sind viel gluecklicher als wir es in dieser gesellschaft je sein koennten. jedoch traut man sich nich einfach alles hinter einem zu lassen, denn wo soll man denn hingehn? wie soll man ohne alles leben? wir brauchen immer noch essen, trinken und ein dach ueberm kopf.

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  2. Alexander Berg

    Wir werden in ein System (Ökonomie) hineingeboren, dessen Aufgabe es ist, die Lebensgrundlagen jeder größeren Gesellschaft zu gewährleisten. Durch die Vorstellung, der Mensche habe es mit einer Welt der Dinge, Teile und scheinbar unabhängig voneinander existierender Probleme zu tun, schafft er sich bei der „Lösung“ der Probleme selbst! die Komplexität und Unzulänglichkeiten (Insuffizienzen). Anfänglich funktionelle Strukturen degenerieren zu altersschwachen, parasitären Pflegefällen.

    Da gesellschaftliches Miteinander von der Wirksamkeit der ökonomischen Strukturen abhängt, wird verständlich, warum alle mit Bauchschmerzen herumlaufen und wir 10 Mio. an Burnout erkrankte Mitarbeiter haben. Mit schrittweiser Auflösung der Komplexität, hin zu nahezu natürlichen Selbstregelmechanismen, vereinfachen wir die Strukturen und finden ökonomisch, gesellschaftlich und ökologisch wieder zurück in eine „neue“ Normalität.

    An dieser Stelle hilft uns das ganzheitlich/systemische Denken und Handeln.

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  3. Marcus

    Bis zu diesem Artikel dachte ich, es geht nur mir oder nur ganz ganz wenigen so aber scheinbar doch nicht, was mich etwas erleichtert.
    Und ja es wird höchste Zeit, dass sich ganz umfangreich etwas ändert auf diesem Planeten und im Zusammenleben/ -arbeiten der Menschen.
    Ich kann den ganzen Inhalt nur bestätigen.
    Seit Jahren suche ich für mich den passenden Weg und gehe in vielen Dingen kompromisslos den hier genannten alten Weg im alten System nicht mehr mit.
    Ich wählte also nicht den Kompromiss (den konnte ich aus mir heraus nicht wählen) und ja es ist ein absoluter Leidensweg gesäht mit Depressionen und nicht mehr leben wollen – immer am Rande des Überlebenkönnens.

    Wie erklärt man denn jemand, dass man lieber gar nicht auf diesm Planeten weilt, als seine Hingabe und Talent an Firmen zu verschleudern, die absolut unethisch denken/handeln und einen lieber ausbluten sehen, um in ihrer Gewinnmaximierungs-Gier voranzukommen, als Erfolg mit allen die mit ihrer Arbeit dazu beigetragen haben, gleichermaßen zu teilen.
    Oder wenn man es mit sich absolut nicht vereinbaren kann, durch seine Arbeitskraft solchen Firmen zu dienen, um genau dadurch das alte System mit zu tragen bzw. weiterzuführen – das geht nicht, wenn alles in einem NEIN schreit.

    Das kann nur jemand verstehen, der das selbst fühlt und nicht aus seiner Komfort-Zone heraus die Situation beurteilt und meint alles ist ja so leicht.

    Wenn man eigene Dinge, die aus dem Herzen kommen machen und anbieten möchte und dass alles ohne die üblichen verlogenen Werbeaussagen oder Verblendungen, die sämtliches eigenes Gefühl, eigene Intuition der anderen unterdrücken soll, um nur zum Kauf anzuregen etc., hat man echt ein riesiges Problem.

    Wirkliche Ehrlichkeit und Authentizität ist inmitten vergegaukelter Ehrlichkeit und Authentizität nurmehr schwer zu erkennen, wenn man sich nicht die Zeit nimmt oder nehmen kann, es zu prüfen oder gar nicht die Möglichkeit dazu hat.

    Viele Grüße

    Marcus
    www.Powermandalas.de

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  4. Raho

    Schade, dass alle möglichen Belege fehlen, woher welche Untersuchungen stammen, nach denen 75% der menschen hier unzufrieden mit XYZ sein sollen. So kann es keiner nachprüfen, also kann es kein starker Mensch übernehmen, da dieser Autor vielleicht nur polemisiert oder subjektiv gefühlte Tendenzen nur mit Scheinargumenten den Anschein von Tatsachen geben will. Schade! So kann man diesen Artikel leider keinem seriösen Menschen vorhalten.

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  5. WellenbeobachterHH

    Sehr guter Artikel! Die Lösung liegt darin zu erkennen, dass wir sozial gesellschaftliche Wesen sind, die ein Ganzes bilden. Wir können, sollten und müssen uns fragen „Was wollen wir eigentlich?“, anstatt das dem abstrakten Verhältnis von „Angebot und nachfrage“ auf „Märkten“ zu überlassen. Sobald eine ausreichend große Zahl Menschen der Vergesellschaftung über die Ware-Geld-Beziehung adè sagt, tun sich völlig neue Möglichkeiten auf. Ändern wir unser Denken diesbezüglich, ändert sich auch die Gesellschaft.

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  6. Guido V.

    Es ist wie mit dem Klima und vielen anderen Bildern der realen Bildersprache: immer wenn Unruhe in ansonsten beständige Bildfolgen kommt, sei es durch Wetteranomalien, wechselnde Temperaturen, Verschiebungen und dergleichen dargestellt, oder eben durch soziale und finanzielle Aufruhr, die mit gegenteiligen Bildern um die Aufmerksamkeit des Lebens buhlen, dann steht eine große Veränderung an … hin zu dem Gegenteil von dem, was zuvor scheinbar lange Zeit stabil schien. So stehen wir an der Schwelle hin zur klimatischen, globalen Abkühlung, an der Schwelle hin zum bewussten Leben, weg vom Materiellen, weg von der Schulmedizin, hin zur ganzheitlichen Medizin, und, und, und … der Zeitraum 2012 bis 2015 legt den Grundstock für eine gänzlich neue Sicht der Realität … http://www.gold-dna.de

    Viele Grüße

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