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Zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört das – zunächst widersprüchliche – Streben nach Freiheit und nach Sicherheit. Sicherheit und Geborgenheit erfahren wir innerhalb von Grenzen, die wir akzeptieren. Die Erfahrung von Freiheit wird allerdings erst durch die Überwindung von Grenzen möglich. Leila Bust und Bjørn Leimbach über den großen Spagat des Lebens.

Zum menschlichen Entwicklungsprozess gehört es, Grenzen zu erfahren und diese gegebenenfalls zu überwinden. Die Überwindung von Grenzen bedeutet Weiterentwicklung; vor der Grenze zu verharren, heißt Verhinderung der Entwicklung und Stillstand. Aber auch die Fähigkeit, sich von einem anderen Menschen abgrenzen zu können, ist wesentlich für die persönliche Weiterentwicklung.

Die erste wesentliche Abgrenzung geschieht während der Geburt, wenn das Baby körperlich von der Mutter getrennt wird und seinen ersten Atemzug autonom vollzieht. Diese erste Abgrenzung ist die essentielle Initiation des Menschen, der von einem Seinszustand in einen völlig anderen wechselt. Dieser transformatorische Prozess ermöglicht erst das Leben des Menschen auf dieser Welt. Schafft das Baby es nicht, seine Kräfte zu mobilisieren und die engen Grenzen des Geburtskanals zu überwinden und bleibt im alten Raum des Uterus, stirbt es. Die Gebärmutter, die dem jungen Lebewesen einst Geborgenheit, Wachstum und Sicherheit gab, wird zum tödlichen Gefängnis, wenn das Kind den Zeitpunkt verpasst oder es nicht schafft, die engen Grenzen des Geburtskanals zu durchdringen.

An dieser ersten essentiellen Erfahrung jedes Menschen wird vielleicht schon deutlich, dass Entwicklung durch Initiationen geschieht, egal ob bewusst gewählt oder von außen verursacht. Initiationen beinhalten immer die Überwindung von Grenzen unter Einsatz körperlicher und/oder mentaler Anstrengung sowie die Möglichkeit zu scheitern oder sogar zu sterben.

Jeder weitere Entwicklungsschritt des Kindes zum Erwachsenen ist mit einer Abgrenzung und der Loslösung von einem alten vertrauten Zustand verbunden. Mit zirka einem dreiviertel Jahr erlebt das Kind die nächste Abgrenzung von der Mutter, indem es sich als verschieden und getrennt von der Mutter begreift und die Welt aktiv entdeckt. Dann folgen Kindergarten, Schuleintritt, Jugendalter, Studium oder Beruf, was häufig mit der örtlichen Trennung von einem oder beiden Eltern verbunden ist.  Auch später im Erwachsenenalter, wenn die Frau oder der Mann eine Partnerschaft eingehen, ist die Trennung und Abgrenzung von Eltern, der bisherigen Wohnung oder eventuell auch Freunden notwendig. Je besser die Abgrenzung gelingt, umso freier und autonomer ist das Kind/der Erwachsene und hat ein größeres Spektrum an Wahlmöglichkeiten. Je größer der Wunsch nach Veränderung oder Weiterentwicklung ist, je neugieriger und abenteuerlustiger jemand ist, umso leichter fällt der Schritt in etwas Unbekanntes und Neues.

Sicherheit oder Abenteuer?

Wir alle haben unser Leben innerhalb bestimmter Grenzen eingerichtet, was uns ein Gefühl der Sicherheit gibt. Teilweise wurden uns die Grenzen bereits in unserer Kindheit von unseren Eltern oder anderen Erziehungspersonen gesetzt, teilweise haben wir uns selbst Grenzen geschaffen aus Schutz, Sicherheit oder einem bestimmten Vorteil heraus. Das, was uns einst geholfen hat, Geborgenheit und Identität aufzubauen, wird später oftmals als Begrenzung oder gar Gefängnis erlebt: die Familie, in die wir hineingeboren wurden, die Werte, die uns vermittelt wurden, die soziale Schicht, Religion, gesellschaftlicher Status, Schulform, Nationalität. Sie formen unsere Persönlichkeitsstruktur, die wir im Laufe des Lebens entwickelt und aufgebaut haben: unseren Körper, die Emotionen und Gefühle, unsere Bedürfnisse und Intuition, das Unterbewusstsein, unsere Vorstellungen, unsere Überzeugungen und unsere Philosophie. Die Persönlichkeit gibt uns Sicherheit, mit den Erfahrungen des Lebens umzugehen, und ein Gefühl der Identität.

Doch erst die Überwindung bestimmter Grenzen, die Lust an Abenteuer und Forschung, bewirkte die Entwicklung der Menschheit. Dabei mussten Menschen permanent über Grenzen gehen, Abenteuer bestehen, ihre Angst vor dem Unbekannten bezwingen. Früher waren sie vor allem mit äußeren Grenzen konfrontiert. Die meisten von uns sind heute eher durch innere Begrenzungen herausgefordert, die verhindern, das zu erreichen, was man sich wünscht. Dabei sind Unzufriedenheit und Leidensdruck  ein starker Motor, um Veränderung und Weiterentwicklung zu initiieren.

Lebensnotwendige Herausforderungen, über Grenzen zu gehen, haben wir in unserer Kultur heute im Grunde nicht mehr. Wir leben in einer Konsum- und Wellness-Gesellschaft, in der man sein Leben führen kann, ohne jemals wirkliche Grenzerfahrungen zu machen. Das ist dann zwar ein bequemes und sicheres Leben, aber es verliert an Lebensqualität und innerer Motivation. Ein Leben ohne Grenzerfahrungen führt häufig zu einer Sinnkrise, begleitet durch Lustlosigkeit (im emotionalen und sexuellen Bereich), Energielosigkeit und häufigen Krankheitssymptomen.

Dabei gilt die Gleichung: Zu viel Sicherheit bedeutet eine Einschränkung der persönlichen Freiheit, zu viel Abenteuer und Freiheit bedeutet stete Gefahr und Herausforderung.

Initiationen

Traditionellerweise wurden für Übergangszeiten im Leben Initiationen vorbereitet und durchgeführt, zum Beispiel für den Übergang vom Kind zum Jugendlichen oder Erwachsenen oder auch als Vorbereitung auf eine Hochzeit. Hierbei wurde der Initiand meist in einer Gruppe durch erfahrene Männer oder Frauen auf eine Prüfung vorbereitet. Er/Sie musste lernen, persönliche Grenzen zu erkennen und zu überwinden und Gefühle wie Angst, Unsicherheit oder auch Schmerzen zu beherrschen. Die Initianden wurden schon in der Vorbereitung in Kontakt mit ihrem verborgenen Potenzial und ihren Kraftquellen gebracht. Ein Junge wurde so etwa auf seine Rolle als Mann, ein Mädchen auf ihre Rolle als Frau vorbereitet.

Die tiefe Sehnsucht nach wirklicher Initiation und Anerkennung durch die Gesellschaft ist ein Grundbedürfnis aller Menschen. Leider gibt es in unserer modernen Gesellschaft diese Initiationen nicht mehr und die seriösen Angebote für echte Initiationen sind sehr begrenzt. Am meisten verbreitet sind Extremsportarten mit einem (oft nur vermeintlichen) hohen Risiko, bei denen man sich den eigenen Ängsten stellt und lernt, unter großen Belastungen die Führung zu behalten (Fallschirmspringen, Bergsteigen, Tauchen, Kunstflug, Rafting, Kampfsport etc.)

Wir praktizieren einige dieser Dinge als Inspiration für moderne Initiationen, durch die wir unsere Seminarteilnehmer in den Trainings führen. Das fehlende Wissen und Erfahrungen mit Initiationen ist unserer Ansicht nach eine der größten Schattenseiten unserer Gesellschaft und verantwortlich für viele gesellschaftliche wie persönliche Probleme. Ein Mann ohne Initiationen bleibt auf der innerpsychischen Ebene immer ein großer Junge, eine Frau ein großes Mädchen.

Die Persönlichkeit ist unsere Matrix

Die bewusste Überwindung von Grenzen und den Ängsten davor in Initiationen führt Menschen aus der engen Begrenzung ihrer Persönlichkeit hinaus. Die Persönlichkeit bildet die Matrix, von der aus wir das Leben wahrnehmen und gestalten: Erfolg und Misserfolg, unseren Umgang mit uns selbst und anderen, unsere Liebesbeziehungen. Wir erleben unsere Persönlichkeit wie eine „zweite Haut“, wie angewachsen, besonders dann, wenn wir aus ihr hinaus wollen, aber nicht können. Besonders dann, wenn diese Persönlichkeitsstrukturen uns einengen, unseren Handlungsspielraum begrenzen und wir uns etwas wünschen jenseits der eigenen Begrenztheit.

In unserer Kindheit wurden Grenzen meist von Eltern oder Erziehern gesetzt, heute als Erwachsene tun wir es selbst. Grenzen zu setzen, sich selbst oder anderen gegenüber, kann dabei durchaus sinnvoll sein, wenn es in bewusster und sinnvoller Absicht geschieht. Grenzen gibt es auch auf der körperlichen Ebene in unseren Bewegungsmustern, die wesentlich eingeschränkter als bei Kleinkindern sind. Auf der emotionalen Ebene begrenzen wir uns selbst, indem wir uns nur bestimmte Gefühle erlauben zu fühlen und auszudrücken. Unliebsame Gefühle wie Wut oder Trauer verbieten wir uns häufig. Aber auch auf der mentalen Ebene sowie in unseren Beziehungsmustern sind wir es selbst, die Grenzen setzen. Meistens werden diese Grenzen im Laufe des Lebens nicht mehr in Frage gestellt und überprüft, ob sie noch sinnvoll sind. Dann werden diese Grenzsetzungen automatisch und unbewusst vollzogen und wir bemerken nicht einmal mehr, dass wir in den von uns einmal bewusst gesetzten Grenzen gefangen sind.

Der Aquariumversuch

Folgendes Experiment veranschaulicht das sehr gut: Ein Wissenschaftler machte einmal ein Experiment mit einem Fisch. Er stellte ein Aquarium auf und setzte den Fisch hinein. Was machte der Fisch? Er schwamm seine Kreise entlang der Glasscheiben und nahm so das Aquarium als seinen Lebensraum ein. Eines Tages setzte der Wissenschaftler eine Scheibe in die Mitte des Aquariums und halbierte es damit. Was machte der Fisch jetzt? Er versuchte zunächst seinen gewohnten Raum einzunehmen und stieß dabei mit seinem Maul immer wieder gegen die Glasplatte. Nach einer Weile gab er das auf – und schwamm nunmehr seine Kreise nur noch in der einen Hälfte des Aquariums. Wieder einige Zeit später setzte der Wissenschaftler noch eine zweite Scheibe ein, so dass der Raum auf ein Viertel der ursprünglichen Größe verkleinert wurde. Erneut versuchte der Fisch seinen gewohnten Raum einzunehmen und schwamm dabei immer wieder gegen die neue Glasscheibe. Nach einer Weile gab er auch das wieder auf und schwamm nunmehr seine Kreise auf einem Viertel des Aquariums. Schließlich nahm der Wissenschaftler beide Scheiben wieder heraus. Wie verhielt sich der Fisch nun? Er schwamm weiterhin nur in dem einen Viertel des Aquariums, konnte seine größere Freiheit nicht mehr wahrnehmen.

Auch wir sehen oft nicht mehr, was alles für uns möglich ist. Denn jeder Schritt in eine neue Phase des Lebens verunsichert zunächst oder macht gar Angst, sodass manche davor zurückstehen und lieber nur in ihrem alten Bereich des „Aquariums“ bleiben. Andere begegnen an der Grenze zu etwas Neuem ihrer Kleinmütigkeit, der Bequemlichkeit sowie dem Phlegma, das gern an Altem festhält. Es sind vor allem diese inneren Grenzen, die oftmals die persönliche Entwicklung der Erwachsenen einschränken oder verhindern. Um hier etwas grundsätzlich zu bewegen, braucht es nicht nur den Einsatz des Einzelnen, sondern in der Wellness- und Komfortgesellschaft, in der wir leben, eine positive Neubewertung von Grenzen und von Initiationen, die diese überwinden.

 


Grenzen erweitern

Eine kleine Übung, die deutlich macht, wie einfach es sein kann, persönliche Grenzen zu erforschen und sanft zu erweitern.

1. Stelle dich schulterbreit hin und strecke die Arme gerade zu den Seiten aus. Während Arme und Beine gestreckt bleiben, drehe nun den Oberkörper und Kopf soweit du kannst in eine Richtung nach hinten, um die eigene Achse. Merke dir den Punkt, wie weit du drehst (zum Beispiel einen Punkt an der Wand). Drehe dich wieder zurück und entspanne den Körper.

2. Frage dich: In welcher Situation in deinem Leben erlebst du immer wieder eine persönliche Grenze? Diese kann wie gesagt im körperlichen, emotionalen, zwischenmenschlichen oder mentalen Bereich liegen. Formuliere diese Grenze für dich.
Jetzt beginne tief und entspannt in den Bauch zu atmen. Stell´ dir vor, wie es wäre, wenn du diese Grenze überwinden würdest. Was würdest du dann tun, sagen oder wie dich verhalten? Wie würdest du dich dann fühlen? Stelle dir das Resultat möglichst konkret vor. Atme dabei bewusst tief ein und aus und entspanne deinen Körper.

3. Beschließe die alte, von dir selbst gesetzte Grenze nicht mehr zu akzeptieren oder diese sanft zu erweitern. Triff bewusst diese Entscheidung. Hebe dann erneut beide Arme und drehe dich wieder so weit, wie du kommst.
Sicherlich bist du weit über deine Grenze hinaus gekommen. Was du auf der körperlichen Ebene vollbracht hast, kannst du auch auf der mentalen und anderen Ebenen.


Abb: © Oscar Brunet – Fotolia.com
Abb 2: © Monika Wisniewska – Fotolia.com

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