Ein ausgewachsener Elefant hat ein dünnes Seil um den wuchtigen Hals gelegt und bewegt sich nicht von der Stelle. Er könnte es mit einer einzigen Bewegung durchreißen, doch ihm fehlt die Motivation dazu. Als Jungtier, neugierig und mit einem ausgeprägten Ich-Bewusstsein ausgestattet, gab es unzählige Versuche, die aber allesamt scheiterten.
Irgendwann hat das Nervensystem des stattlichen Dickhäuters die logische Konsequenz gezogen: Es macht keinen Sinn, zu ziehen. Das Seil hat sich in seiner Robustheit und Stärke seitdem nie verändert. Nur der Elefant am Seil verlor den Glauben an die Freiheit.

Was klingt wie eine Tierparabel, beschreibt tatsächlich etwas, was viele Menschen in ihrer Kindheit geprägt hat.

Von Andreas Ackermann

Ein formendes System ohne Fragen

Bereits in der Schule existiert ein Bewertungssystem.
Gute Noten gibt es für auswendig gelernte Sätze, nicht für die Frage nach dem Sinn hinter den Inhalten oder der Notwendigkeit, sie zu verinnerlichen. Kreativität, freies Denken und das Infragestellen von Regeln haben hier wenig zu suchen. Neurobiologisch betrachtet, mündet diese Ausgangslage in eine Katastrophe. Das Gehirn baut seine Verbindungen dort aus, wo es wiederholt Aktivierung erfährt. Durch jahrelange Anpassung und gefühlte Konsequenzen bei Zuwiderhandlung entsteht eine Programmierung tief im Inneren.

Diese neuronalen Pfade bilden den Grundstein für unser Handeln in der Zukunft.
Ich untersuche den besagten Mechanismus in meiner Arbeit mit hunderten von Menschen bei feelen und finde immer wieder dieselben Muster. Die Schule bewertet uns nach Noten, nicht nach dem autonomen Denken. Aus freien Kindern werden zensierte, be- und verurteilte Wesen. Es gibt nur gut oder schlecht.

Angst als unsichtbares Curriculum

Weit weg von Lehrplänen entwickelt sich bei den Heranwachsenden die Angst vor Auffälligkeiten, Fehlern, einem Scheitern und schlechten Bewertungen. Ein Zustand, der Jahrzehnte später dazu führen kann, dass sich der Mensch trotz guter Ideen nicht präsentieren möchte oder immer klein beigibt. Furore machen – bloß nicht, um keinen Preis der Welt.

Ich sehe darin eine der mächtigsten und gleichzeitig am wenigsten anerkannten Blockaden in der persönlichen als auch unternehmerischen Entwicklung: Die Angst, vor Menschen zu sprechen. Sie ist eine der größten Ängste, die es gibt. Warum? Weil wir in der Schule bereits an der Tafel vor der gesamten Klasse bewertet wurden. Lief das gut, okay. Aber durch Fehler avancierten viele zum Gespött der Klasse und bauten Selbstzweifel auf, die sie nie loswurden. Sie kennen insofern kein Selbstvertrauen.

Folglich gelten Fehler als Versagen anstatt als Lernmöglichkeit. Daraus resultierende Unsicherheiten und Schüchternheit stehen gesellschaftlich für einen schwachen Charakter. Allerdings konnte sich dieser aufgrund jahrelanger Konditionierung nie wirklich entwickeln.

Die Programmierung läuft weiter, auch ohne Lehrmeister

Das Tückische hinter der Konditionierung: Sie benötigt irgendwann keinen äußeren Auslöser mehr. Ohne Schule, Bewertung und Pädagogen sitzt inzwischen der eigene innere Kritiker am Werk. Er ist verantwortlich für anhaltende Zweifel, fehlenden Mut zur Veränderung und eine pessimistische Sicht auf das eigene Können, immer in der Erwartung, dass etwas schiefgehen wird.

Ein Lebensmodus, der automatisch zu Problemen führt. Unser Gehirn arbeitet nach dem Prinzip: Betrachte das Problem, vielleicht gibt es eine Lösung, oder auch nicht.

Ich sehe täglich in der Praxis, wie tief verankert solche Muster sind: Wir halten uns an Regeln, weil wir früh lernten, das freie, selbstständige Denken zu unterlassen. Entsprechend muss jede Situation automatisch zum Problem werden. Ich brauche bei meinen Kunden manchmal sechs Monate, bis sie verstehen, was ich ihnen sagen will:
Was wäre denn, wenn es einfach leicht wäre?

Diese Zeitspanne ist keineswegs ungewöhnlich, denn das menschliche Gehirn braucht etwa ein halbes Jahr, um zu realisieren, dass das Seil de facto dünn ist.

Umdenken beginnt mit Erkennen – nicht mit Motivation

Der Slogan “Mehr Disziplin, mehr Motivation, mehr Willenskraft” ist weit verbreitet. Dabei beginnt Veränderung viel einfacher, allein mit Bewusstsein. Durch die Möglichkeit, Gedanken zu beobachten, daraus Muster zu identifizieren, die in diesem Zusammenhang ablaufen und die Herkunft der resultierenden Handlung zu bestimmen, ist der erste Schritt getan.

Menschen erkennen das Programm, auf dem sie laufen. Dank dieser Einsicht entsteht die Möglichkeit, den Programmcode aktiv umzugestalten. Ich sage immer: Ein Mensch kann sein Leben nur dann wirklich verändern, wenn er beginnt, anders zu denken. Für eine solche Entwicklung ist konsequente Arbeit an sich selbst unverzichtbar. Ohne Motivationsprogramme, ohne Affirmationen.

Zurück zum Vorspann. Das Seil ist und war immer dünn. Viele spüren irgendwann, dass die eigenen Grenzen angelernt wurden, als sie selbst noch keine Wahl hatten. Heute liegt der Unterschied zwischen denen, die ihre Grenzen aktiv verändern und denen, die sich mit ihrer Situation stillschweigend abgefunden haben. Talent, Glück oder Durchhaltevermögen spielen dabei nahezu keine Rolle. Vielmehr entscheidet der Moment einer Erkenntnis: Das Programm ist nicht die Realität – der Elefant muss nur einmal ziehen.

 

© Andreas Ackermann

Andreas Ackermann
ist Schweizer Unternehmer, Investor und ausgebildeter Hypnosetherapeut.
Er hat über 30 Unternehmen gegründet oder mitgegründet, unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Biotech und Persönlichkeitsentwicklung. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Frage, wie Menschen durch neurobiologische Selbstregulation, Gedankenarchitektur und Atemarbeit nachhaltige Veränderungen bewirken können. Mit seiner Plattform Feelen verbindet er therapeutisches Wissen mit unternehmerischer Praxis.




 

Unterstütze SEIN

Vielen Dank an alle, die den Journalismus des SEIN bisher unterstützt haben.
Die Unterstützung unserer Leser trägt dazu bei, dass wir unsere redaktionelle Unabhängigkeit behalten und unsere eigene Meinung weiter äußern können. Wir sind sicher, dass unsere redaktionelle Arbeit und unsere Themenvielfalt und Tiefe den gesellschaftlichen Wandel beflügeln. Wir brauchen Deine Unterstützung, um weiterhin guten, kreativen "Lösungs-Journalismus" zu liefern und unsere Offenheit zu wahren. Jeder Leserbeitrag, ob groß oder klein, ist wertvoll. Wenn Du unsere Arbeit wertschätzt, unterstütze SEIN noch heute - es dauert nur wenige Minuten. Vielen Dank.
SEIN unterstützen





Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*