Ich muss aufstehen, mich beeilen, tanken, arbeiten, rechtzeitig zu einem Termin kommen – muss, muss, muss… Viele Jahre habe ich versucht, diesem Muss auf die Spur zu kommen, es zu stellen und aus meinem Leben zu eliminieren, weil ich einfach kein Gefangener seiner Enge mehr sein wollte. Ich habe diesem Muss mit verschiedensten therapeutischen Techniken Unmengen an Energie entzogen und für mich freigesetzt, aber das fiese Stück sitzt mir jetzt gegenüber und sieht sich mein ganzes Gezappel entspannt grinsend an: „Mach dich mal locker, mich kriegst du nicht.“

Erst seit kurzem ist mir klar geworden, dass es recht hat. Müssen, sollen und dürfen sind eben nicht einfach nur Konditionierungsschubladen, in die ich als Kind reingepresst wurde und die mich seither versklaven, sondern Grundkonstanten des Seins auf dieser Erde. Denn was anderes ist die Geburt, deren Verlauf das spätere Muster unseres Lebens abbildet, als ein dickes, fettes Muss? Du hängst im Geburtskanal, wirst von den Wehen Stück für Stück Richtung Ausgang gepresst und hast überhaupt keine Chance, dich dagegen zu wehren oder auszusteigen. Die dabei entstandenen energetischen Eindrücke arbeiten wir dann während des Lebens ab – unter anderem eben auch dieses Muss, das wir als unangenehmen Widerstand und Begrenzung wahrnehmen, und das uns wie bei der Geburt in unserer Bewegungsfreiheit und unserem Tatendrang einschränkt und oft erschöpft.

Wir haben nun zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Entweder kämpfen wir dagegen an und wollen es anders, als es ist, oder wir geben uns dem hin, womit uns das Leben gerade konfrontiert. Keine Verhaltensweise ist erst einmal besser als die andere, sondern bildet einfach ab, an welchem Punkt wir gerade stehen. Sowohl den Widerstand als auch das Akzeptieren dessen, was ist, können wir allerdings missbrauchen, um uns selbst auszuweichen. Einige von den Menschen, die beispielsweise im Moment gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung ins Feld ziehen, halten vielleicht einfach die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Situation nicht aus und werden daher aktiv gegen das, was sie als die Ursache des Elends ausgemacht haben.

Für andere, die alles kommentarlos über sich ergehen lassen, wäre ein nächster Schritt, sich für das zu engagieren, woran sie glauben und was für sie die Wahrheit ist. Spaß macht dieses Getriebensein nicht wirklich, aber ich habe doch eine Hoffnung: Wenn ich dem Leben nicht allzu sehr im Weg stehe und bereit bin, das zu fühlen, was mir der Lebensstrom anbietet, dann wird vielleicht irgendwann aus all dem Muss Muße…

Jörg Engelsing

Author: Redaktion

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Innenweltreisender, Redakteur der SEIN.

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