Die Fakten liegen auf dem Tisch. Täglich wird mehr und mehr sichtbar: Das Klima steht auf der Kippe. Wälder brennen, Dürren breiten sich aus, der Meeresspiegel steigt. Wir reden zuviel und handeln entschieden zu wenig.

von Aman

Es ist das größte Menschheitsproblem: das Klima, das durch den Einfluss von acht Milliarden Menschen existenzbedrohend für alle Spezies auf dieser Erde aus seiner natürlichen Bewegung gerissen wird. Über die Aussicht, dass das Klima kippt, ist reichlich geschrieben worden. Der momentane sprachliche Umgang damit in den Medien wird der tatsächlichen Dimension dieser globalen Bedrohung jedoch nicht mehr gerecht. Unser bisheriger Sprachgebrauch ist zu verharmlosend und suggeriert, wenn wir zum Beispiel vom „Klimawandel“ sprechen, dass der Klimagau noch viele Jahre entfernt ist und dass wir doch sicherlich noch die Kurve kriegen, um das Schlimmste zu verhindern. Es wird zu viel allgemein über die Klimaproblematik geschrieben und gemeinsame Handlungsoptionen, die über das hinausgehen, was jeder Einzelne im Privaten tun kann, werden mangels Phantasie der Journalisten nur selten mitgeliefert.

Das Thema nutzt sich somit in dieser Form bei der Bevölkerung ab und hinterlässt ein Achselzucken statt den Tatendrang zu fördern, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu verändern. Die Medien haben lange die Chance verpasst, das Klimadrama als wirklich globale Herausforderung zu thematisieren und die Notwendigkeit gemeinsamer, globaler und konzertierter Anstrengungen im Denken der Menschen zu verankern.

Bösartige Egozentrik

Ein gutes Beispiel ist das Drama um den Regenwald in Brasilien. Der 1955 geborene Jair Messias Bolsonaro und heutige Staatspräsident Brasiliens konnte die Wahlen nur gewinnen, weil die Soja- und Fleischbarone ihn massiv im Wahlkampf unterstützten. Nun ist er am Zuge und muss für deren Dienste Gefälligkeiten liefern. Er führt die Weltgemeinschaft und ihre Sorgen um den Regenwald auf das Dreisteste vor und billigt und fördert die fortgesetzte Plünderung des Amazonas durch Holzdiebe und den Landraub durch Viehzüchter und Großgrundbesitzer. Bolsonaro bricht die brasilianische Verfassung von 1988, die die indigenen Stämme als alleinige Eigentümer des Amazonas ausweist. Jetzt wäre die Zeit, dem Bolsonaro-Clan konsequent Grenzen zu setzen und ihn zu sanktionieren, anstatt mit ihm ein Freihandelsabkommen im Rahmen des Mercosur zu verhandeln. Bolsonaro, der oberste Mafiosi dieses Systems aus Landräubern und Naturvernichtern, wird von Umweltschützern mittlerweile als „Klimanazi“ tituliert.

Profiteure der Naturzerstörung beim Namen nennen

Das Familienunternehmen Cargill mit einem Umsatz von über 100 Milliarden US-Dollar mit Sitz in Minnesota, USA, ist laut der Umweltschutzorganisation „Mighty Earth“ das schlimmste Unternehmen der Welt. Cargill gilt als eines der mächtigsten Unternehmen in der Getreidebranche und im Fleischhandel und ist nachweislich an der Ausbeutung des Regenwaldes beteiligt. Darüber hinaus ist es durch seine fehlende Nachhaltigkeitsstrategie am Kollaps vieler Ackerböden – der durch konventionellen Ackerbau und der damit einhergehenden Übernutzung entsteht – einer der maßgeblich verantwortlichen Akteure für die weltweite Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Wer wird sich trauen, die Cargill-Familie, die auch in Deutschland mehrere Standorte hat, als Klimafaschisten anzuprangern?

Im gleichen Atemzug könnte man auch den BAYER-Konzern nennen. BAYER hat mit dem Erwerb des Glyphosat-Produzenten Monsanto nicht nur dessen Verantwortung für tausende Krebserkrankungen in den USA übernommen. Monsanto produziert gentechnisch verändertes Saatgut, das in Kombination mit dem Totalherbizid RoundUp den Wahnsinn der riesigen Soja- Monokulturen im ehemaligem Regenwaldgebiet erst möglich macht. Die Zeit ist gekommen, die großen Profiteure der Naturzerstörung beim Namen zu nennen und diese durch öffentlichen Druck zum Umdenken und Umschwenken zu zwingen. Die junge Generation ahnt bereits, dass für sie der Rückzug der Natur in einer nie da gewesenen Dynamik droht. Es ist geistiger Dünnschiss, wenn argumentiert wird, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als die natürlichen Prozesse des Planeten zu opfern, damit alle Menschen ernährt werden können. Das ist Fake-Argumentation im Interesse der Agrarindustrie, die, wenn sie nicht unterbunden wird, dazu führt, dass wir die Natur tatsächlich verlieren. Wer will dann auf einem toten Planeten in einer völlig künstlichen Welt leben? Die Jugend offensichtlich nicht, denn mit großer Zuversicht beginnt sie weltweit – trotz Corona- Pandemie – ihren Protest und ihre Forderung nach Klimagerechtigkeit erneut auf die Straße zu tragen.

Klima und Meeresspiegel-Anstieg

Lange Zeit wurde der Meeresspiegel-Anstieg nicht wirklich ernst genommen. Bisherige Prognosen mit wenigen Millimetern Anstieg jährlich suggerierten, dass das Problem der Überflutung unserer Küsten und Hafenstädte – wenn überhaupt– in einer fernen Zukunft liegen würde. Nun haben neuere Forschungen bestätigt, dass das Abschmelzen der Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis weit schneller verläuft und an Dynamik noch zulegen könnte, als bisher errechnet. Mittlerweile gilt unter Wissenschaftlern ein Meeresspiegel-Anstieg von 1,30 Meter bis Ende des Jahrhunderts als sicher. Dies würden die Deichkronen an den deutschen Küsten nicht mehr verkraften. In New York, das im Jahr 2012 von einer gewaltigen Sturmflut getroffen wurde, die das südliche Manhattan, die U-Bahn- und Autotunnel überschwemmte und für wochenlange Stromausfälle sorgte, geht man inzwischen von einem Meeresspiegel-Anstieg von zwei Metern bis Ende des Jahrhunderts aus. Die Befürchtungen der Wissenschaft gehen soweit, dass bei einem Temperaturanstieg von vier bis fünf Grad mit einem Meeresspiegel-Anstieg von zehn Metern bis zum Jahr 2100 zu rechnen ist. Das hieße, dass die heute Neugeborenen diese Entwicklung hautnah werden erleben müssen.

Unzureichende globale Strategie

Anstatt die bekannten Ursachen anzugehen und an einer gemeinsamen globalen Strategie zur Abmilderung der Klimafolgen mitzuwirken, haben sich die USA bekanntermaßen aus dem Pariser Klimaabkommen verabschiedet. Untereinander sind die Vereinigten Staaten ebenfalls uneins. Während die Republikaner in Washington unter Trump den Klimacrash weiter leugnen, hat das demokratisch geführte New York seit der Sturmflut 2012 einen Plan entwickelt, wie dem drohenden Untergang der Metropole entgegengewirkt werden kann. Mit Milliarden Dollar teuren Fluttoren an der Uferlinie und an den U-Bahn-Tunneln soll das Absaufen Manhattans für die nächsten 50 Jahre verhindert werden. Allerdings nur bis zur Marke von 40 Zentimetern, denn selbst durch strengen Klimaschutz ließe sich ein Anstieg um diesen Wert nicht mehr verhindern. Am Beispiel NewYork, New Orleans, Rotterdam, London und Venedig, die alle in Milliarden teure Fluttore investieren, zeigt sich, wie die Küstenstädte der wohlhabenderen Länder versuchen, nicht zu ertrinken. Sie müssen sich neu erfinden und auf eigene Faust mit dem sich verändernden Klima und dem steigenden Meeresspiegel zurechtzukommen. Die Not scheint aber noch nicht groß genug, dass sich die Weltgemeinschaft neben der freiwilligen Begrenzung des CO2-Ausstoßes auf weitere Klimaschutzmaßnahmen einigt.

Eine idiotische Idee in der Antarktis

Allen Ernstes verfolgen Geoingenieure die Idee, den Meeresspiegel-Anstieg dadurch zu reduzieren, dass Meerwasser auf die Antarktis gepumpt werden soll. Dort würde es frieren und durch zusätzliches Eis gebunden. Das Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und das Earth Observatory der Columbia Universität haben geprüft, ob dieses gigantische Vorhaben realistisch sein könnte. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Meerwasser 700 Kilometer in das Landesinnere auf das 4000 Meter hohe Eisplateau befördert werden müsste. Die hierfür notwendigen Pumpen würden ein Zehntel des globalen Energiebedarfs benötigen. Für die Energieerzeugung wären allein 850.000 Windräder erforderlich, die in das Eis gebaut werden müssten. Eine technisch kaum vorstellbares Vorhaben, das zudem nur einen Aufschub bedeuten und zukünftige Generationen zusätzlich belasten würde.

Afrikas grüne Mauer

Die brennenden Wälder in Kalifornien, Amazonien, Australien, Sibirien und in Westafrika zeigen, was absolut notwendig ist, damit der Mensch eine Chance erhält, seine natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Die Wiederbewaldung des Planeten gilt vielen Naturwissenschaftlern als die einzige realistische Option, die das Klima wieder stabilisieren könnte. Daher muss dieser Weg oberste Priorität in den globalen Anstrengungen erfahren, das Ruder noch herumzureißen. Dass dieser Weg Aussicht auf Erfolg haben kann, zeigt die „Great Green Wall“- Bewegung in der Sahelzone am südlichen Rand der Sahara. Ursprünglich beteiligten sich elf Länder vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten daran. Mittlerweile geht die Initiative über die Sahelzone hinaus. Nun sind es 21 afrikanische Staaten, darunter Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten, die sich mit Förderung der Vereinten Nationen, der Weltbank und dem African Forest Forum beteiligen. Bereits auf der Pariser Klimakonferenz 2015 wurden die ersten vier Milliarden US-Dollar an internationaler Hilfe zugesagt. Es zeigt sich, dass die Bepflanzung dort am erfolgreichsten verläuft, wo das traditionelle Wissen der örtlichen Bauern und deren Erfahrung in der Pflanzung und Pflege einheimischer Gewächse mit eingebracht wird. Im Ergebnis werden dörfliche Strukturen durch Hilfe zur Selbsthilfe gestärkt, Arbeitsplätze vor allem für Frauen entstehen, die Nahrungssicherheit verbessert, die Bodenerosion und damit die Wüstenbildung zurückgedrängt und, wenn auch noch in Kleinen, das Klima positiv beeinflusst.

In zentralen Großprojekten hingegen besteht die Gefahr, dass die von der internationalen Gemeinschaft und aus Spenden bereitgestellten finanziellen Mittel in den nationalen Forstbehörden versickern, ohne nachhaltige Wirkung zu entfalten, da kaum jemand mehr da ist, der sich anschließend um die Bäume kümmert. Um die Dimensionen der Wiederbewaldung zu erreichen, die relevant für eine nachhaltige Kohlenstoffspeicherung in der Sahara und für einen Klimawandel zum Guten gesehen werden können, wird es eine viel größere Kraftanstrengung und sehr viel mehr an finanziellem Engagement brauchen. Es wird eine Dynamik brauchen, die losgelöst von Renditeerwartungen Gelder hierfür auch direkt von Industriestaaten, vom Untergang bedrohten Küstenstädten, von Unternehmen und Privatpersonen ohne schlechtes Gewissen mobilisiert. Es wäre ein lohnendes Ziel an sich, mit diesen finanziellen Mitteln Menschen in Nordafrika dafür zu entlohnen, dass sie in ihrer Heimat bleiben oder sich eine neue Heimat schaffen und im Auftrag der Menschheit eine Kohlenstoffsenke in der Sahara verwirklichen, die in der Lage ist, das Klima positiv zu beeinflussen. Trotz aller technischen Möglichkeiten wird dieses Vorhaben nur gelingen, wenn wir die Zukunft ernst nehmen und uns bewusst machen, dass wir die Natur verlieren werden, wenn wir jetzt nicht handeln.

Charles Eisenstein schrieb in seinem Buch „KLIMA, eine neue Perspektive“ dazu folgendes: „Paradoxerweise sind gerade manche Apokalyptiker in ihrer Verzweiflung wirklich auf ein entscheidendes Thema gestoßen in dieser Melodie, die uns herausführen kann. Sie sagen, weil ja alles sowieso hoffnungslos ist, können wir unser Leben genauso gut der Liebe, der Schönheit und dem Leben widmen. Ja! Das ist der Ausgangspunkt, denn unser momentanes Dilemma ist das Ergebnis einer langen Geschichte der Geringschätzung von Liebe, Schönheit und Leben. Die Revolution ist Liebe. Was wird dann alles möglich?

In praktisches Handeln übersetzt ist dieser Wandel des Herzens für die Heilung des Klimas letztlich viel wichtiger als die Maßnahmen, die konventionell von den Klima-Warnern und Klimaaktivisten verlangt werden. Es ist, als müssten wir erst aufgeben, die Welt zu retten, um offen zu werden für das, womit wir sie am Ende wirklich retten werden.“

Buchtipp
Charles Eisenstein: Klima – Eine neue Perspektive, 400 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-95890- 260-2
Klimawandel neu gedacht – eine ganzheitliche Perspektive Der heute vorherrschende Konsens über unser Klima lässt wenig Raum für andere ökologische Anliegen. Taktiken und Ziele des Klimaschutzaktivismus folgen immer noch dem gleichen Muster, das überhaupt erst zu Klimawandel und Umweltzerstörung geführt hat: Probleme wie Genmanipulation, riesige Biosprit-Plantagen oder die Anlage von Staudämmen werden ignoriert oder sogar als Lösung angeboten, was zu einer weiteren Verschärfung der Entwicklungsund Globalisierungsproblematik führt.
·· Das erste Buch des großen Kulturphilosophen über die Zerstörung unserer Umwelt
·· Zahlreiche Beispiele, wie wir zu einer neuen Verbundenheit mit der Natur finden, um unser Klima zu retten
·· Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Wolfgang Sachs (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie)

Author: Redaktion

Eine Antwort

  1. Oliver
    Weniger tun - mehr lassen

    Viele in der Klimabewegung machen z.Z. aus meiner Sicht einige Fehler, die sich politisch im Programm der Grünen wiederholen:

    1) Sie setzen oft einseitig auf Technik: neue Energiesysteme, neue Verkehrssysteme etc. sollen unsere Probleme richten.
    In diesem Sinne werden dann große Teile der dt. Mittelgebirge mit Windrädern zugestellt. Um die Vögel von dem Schreddern zu schützen, werden dann wieder Warnsysteme installiert, die beim Vorbeifliegen etwa eines Storchs das Windrad stoppen sollen. Ein technisch erzeugtes Problem (Klimakrise) wird also durch eine neue Technik (Windräder) bekämpft. Die dabei anfallenden Probleme werden wieder durch neue Technik (Vogelwarnsystem) behoben…

    2) Man könnte auch sagen, wir versuchen ständig etwas zu tun, anstatt etwas zu lassen.

    3) Unser Naturverhältnis wird dabei nicht in Frage gestellt: Anstatt ein gewaltarmes Verhältnis zur Mit-Natur zu suchen und anzuerkennen, dass wir Teil der Natur sind, soll diese nur besser, d.h. nachhaltiger manipuliert werden.

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