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Vom „Nein in der Liebe“ zur „Quantenpsychologie der Paarbeziehung“

Es gibt eine unüberschaubare Flut von Büchern, die das Gelingen von Paarbeziehungen thematisieren. Zwei davon, den 1984 erschienenen Klassiker von Peter Schellenbaum „Das Nein in der Liebe“ (dtv) und das 2001 erschienene Buch des Begründers der „Quantenpsychologie“, Stephen Wolinsky, „Eins werden oder sich begegnen?“ (VAK) hat unsere Autorin Nila Sebastian für Sie unter die Lupe genommen.
        
Die meisten Menschen wünschen sich eine lebenslange, enge, glückliche Beziehung und suchen – oft vergeblich – nach dem Traummann, der Traumfrau. Haben sich zwei Menschen gefunden, beginnt die magische Phase der Verliebtheit. Glücklich, endlich dem für sie bestimmten Wesen begegnet zu sein, schweben sie im siebten Himmel. Sie verschmelzen und nehmen sich nur noch als ein einziges Wesen wahr. Meinen, die große, die wahre Liebe gefunden zu haben. Doch was, wenn beide aus allen Wolken fallen?

Das Gefühl des Einsseins sich verflüchtigt? Wieder der/die Falsche?! Scheitern so viele Beziehungen, weil jeder nur ein (Wunsch-) Bild vom Anderen sieht und nicht den wirklichen Menschen?
(Paar-) Beziehungen sind die eigentliche Lebensschule. Aber viele Menschen machen die Erfahrung, dass in jeder neuen Beziehung die alten Probleme auftauchen und fragen sich nach den Ursachen. Sie erkennen, dass der „Egoismus zu zweit“ in ihrem selbst geschaffenen Paradies nicht genügt, um glücklich zu werden und sie nicht wachsen und sich nicht verwirklichen können. Ihre Beziehung und ihre Liebe bleiben nicht lebendig. Verschmilzt ein Paar völlig in einer Beziehung, gehen beide eine Symbiose ein, die die Umwelt ausschließt. Kurzschluss! Keiner kann ohne den anderen sein, ist aber auch mit ihm nicht glücklich. Nicht mit dir und nicht ohne dich!
        
Peter Schellenbaum tritt in seinem nach wie vor aktuellen Buch: „Das Nein in der Liebe“ für mehr Abgrenzung in Liebesbeziehungen ein. So wie ein Mensch, wie er meint, sich von vielen ihm grundsätzlich möglichen Erfahrungen abgrenzen müsse, um seine Identität nicht zu verlieren, sollten Liebende nach der ersten Phase ihrer Verliebtheit wieder Abstand voneinander nehmen und in ein gesundes Spannungsverhältnis zueinander treten. Der Sinn einer Liebesbeziehung liegt, laut Schellenbaum, nicht nur in der Ergänzung zweier Menschen, sondern auch darin, dass beide in ihr wachsen. Eros entspringt der Sehnsucht zweier Menschen, die Vereinzelung zu überwinden und gemeinsam, aber doch jeder für sich, vollständiger und durch die Hingabe an den Anderen ein neuer Mensch zu werden. Die meisten Gefühlsbeziehungen sind, so der Autor, eine Mischung aus Verschmelzung, Projektion und „Leitbildspiegelung“ (d.h., dass der Geliebte zu einem Leitbild wird, das mir meine bisher nicht bewussten Möglichkeiten spiegelt). Alle drei Komponenten haben in den verschiedenen Phasen einer Beziehung ihren Platz und kommen darin stärker oder schwä- cher zum Ausdruck: Im unbewussten Zustand, der Verschmelzungsphase, gibt es nur ein völliges Ja zur – oder ein völliges Nein gegen die Liebe. In der Phase der Projektion projizieren wir unbewusste Wünsche und Eigenschaften auf den Partner, wie etwa unseren Wunsch nach Untreue. Wenn wir schließlich die Projektionen zurücknehmen, können wir die Eigenschaften am Du erkennen, die uns selber fehlen und deshalb faszinieren und mit dem Partner in eine „Leitbildspiegelung“ treten, in der es zur Erkenntnis kommt: Du und ich sind unterschiedlich. Für Schellenbaum ist „das Nein in der Liebe“ gleichzeitig ein Ja zur Liebe – ein Widerspruch? Wenn versäumt wird, rechtzeitig ein „offenes“ Nein auszusprechen, können Beziehungen zerbrechen, die durchaus Zukunft hatten. Ein verstecktes Nein zeigt sich dann z.B. durch Sich-Aufgeben, Verweigerung, körperliche Symptome. Das Herz, der Magen, Allergien, fehlende sexuelle Lust sagen deutlich: Nein…

Abgrenzung schafft den Raum, in dem Verliebtheit zu Liebe werden kann.

Liebe, die sich gegenseitig beschenkt und aus der Lebensfreude und Energie fließen. Abgrenzung ist kein Freibrief für einen Seitensprung. Und ein „Nein“ zur Verschmelzung, zur Symbiose, bedeutet nicht, auf sexuelle Verschmelzung zu verzichten. Im Tantra schauen sich Shiva und Shakti in der sexuellen Vereinigung gegenseitig an – verschmelzend und doch aus der Distanz ihrer abgegrenzten Identitäten. Schellenbaum plädiert am Schluss seines Buches für eine erotische Lebenseinstellung, die ihre Kraft aus der sexuellen Vereinigung schöpft und betont nochmals, wie wichtig es ist, dass sich die Liebenden in einer Beziehung gegenseitig spiegeln, ihre dunklen Seiten sehen und sich durch die liebevolle Herausforderung ändern und verwandeln. In einem neueren Buch, „Aggression zwischen Liebenden“, zeigt er, wie in einer Beziehung ein „dritter Leib“, etwas Neues entsteht, während in einer ausschließlich der Verschmelzung gewidmeten Beziehung die Einzigartigkeit der Partner aufgegeben wird.

Peter Schellenbaums Ansatz ist mehr vom Katholizismus als vom Buddhismus geprägt und basiert auf der Psychoanalyse C.G.Jungs.
        
Stephen Wolinsky lebt in Kalifornien, wo er seit 1974 als Therapeut und Ausbilder in Gestalttherapie und Psychoanalyse nach Wilhelm Reich tätig war. Er verband nach einem sechsjährigen Aufenthalt in Indien Elemente der Quantenphysik, die davon ausgeht, dass alles im Universum aus derselben Substanz besteht, mit Teilen östlicher Lehren zur „Quantenpsychologie“. Wolinski führt in seinem 2001 erschienenen Buch „Eins werden oder sich begegnen? – Quantenpsychologie in der Paarbeziehung“ die Tendenz der Menschen, in Liebesbeziehungen ver- schmelzen zu wollen, auf den Schock der Trennung des Kleinkindes von der Mutter zurück, den es im Alter von fünf bis fünfzehn Monaten erfährt und durch den ein „Falscher Kern“ und ein „Falsches Selbst“ entstehen. Das „Falsche Selbst“ dient dabei zur Kompensation des – durch die Fehlinterpretation des Trennungsschocks entstandenen – „Falscher Kerns“. In einer Partnerschaft treffen „Falscher Kern“ und „Falsches Selbst“ der Partner aufeinander und wir versuchen, durch den Partner die Wiederverschmelzung mit der „magischen, allmächtigen Mutter“ zu erlangen, die uns von dem Schock der Trennung erlösen soll, der uns damals unsägliche Angst und unheilbaren Schmerz bereitet hat.

In der Verschmelzung werden eigene Grenzen nicht erkannt und man weiß nicht, wo die eigenen Probleme aufhörten und die des Partners beginnen. Dadurch werden Probleme auf Partner oder Umwelt projiziert und äußere Umstände oder der Andere für den Schmerz verantwortlich gemacht. Es wird erwartet, dass der Schmerz aufhört, wenn das Verhalten des Anderen sich wandelt. Der ursächliche Schmerz löst sich jedoch nur auf, wenn er bewusst gemacht und die Trennung von der Mutter akzeptiert wird. Sobald die Partner sich gegenseitig auf der essenziellen Ebene als menschliche Wesen erleben können, lassen ihre gegenseitigen Erwartungen nach und die essenzielle Qualität der Anerkennung des Menschseins wird stärker. Den Anderen einfach als Menschen anzunehmen, ist Liebe. Wolinsky führt uns die verschiedenen Beziehungstrancen vor Augen, mit denen wir unsere Welt schön färben, uns belügen und versuchen, unseren Partner so zu verändern, bis er in unser Bild vom idealen Partner passt oder der Illusion verfallen, ihn ändern oder erlösen zu können. Sein Buch kann als Arbeitsbuch gebraucht werden, weil es Anleitungen gibt, anhand von Fragen die eigene Beziehung zu bestimmen. Er geht davon aus, dass sich alle unsere Beziehungen auf sechs Ebenen abspielen, die in einer Partnerschaft gleichberechtigt nebeneinander existieren sollten, damit diese gelingt.

Es sind dies die Ebenen:

  • der äußeren Welt – Kinder, Karriere, Lebensumstände
  • des Denkens – Werte, Glaubenssätze, Gedanken, Konzepte, Fantasien, geistige Bilder etc.
  • des Fühlens und der Empfindungen – Furcht, Hoffnung, Freude, Hass, Ärger, Eifersucht etc.
  • die biologisch-instinktive Ebene – Essen, Schlafen, Sexualität, Lernen etc.
  • der Essenz, des Herzens – Annehmen, bedingungs lose Liebe, Vergebung, Mitgefühl etc.
  • und die spirituelle Ebene – das Gewahrsein des Bewusstseins, das uns miteinander verbindet etc.

Dabei geht es darum, keine Ebene auf Kosten der anderen überzubetonen oder zu vernachlässigen. Veränderungen geschehen, wenn wir unsere kleinen Schocks bis zu dem großen Trennungsschock zurück verfolgen, durch ihn hindurch gehen und den essenziellen Qualitäten von Weite, Liebe und Annehmen Raum geben. Dann erfahren wir in der Abgrenzung die Grenzenlosigkeit.

Ein Vergleich beider Autoren zeigt, dass sie hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten von Paarbeziehungen ähnliche Standpunkte vertreten. Schellenbaum arbeitet in der Praxis jedoch mehr körperorientiert mit dem von ihm so benannten „Spürbewusstsein“ und der „Psychoenergetik“; Wolinsky bezieht neben seinen quantenpsychologischen Ansätzen die Essenz-Arbeit auf der Herzensebene und das „Universelle Sein“ mit ein. Beide betonen die Notwendigkeit von selbstbestimmter Abgrenzung in Beziehungen. In Deutschland arbeiten Michael Plesse, Begründer der Essencia?-Arbeit, und seine Partnerin Gabrielle St. Clair mit der Quantenpsychologie, seit neuestem auch speziell mit Paaren. Essencia? ist ein Weg, bei dem es darum geht, zu erforschen: was will ich wirklich? Wer bin ich? Wie beziehe ich mich? Was drückt sich durch mich aus? In meiner eigenen Partnerschaft hat mir vor allem diese Arbeit Veränderungen gebracht, die ich nie erwartet hätte. Seit ich die Ebene der Essenz kenne, mit der ich immer wieder Verbindung aufnehmen kann, muss ich mir nicht mehr von meinem Partner holen, was mir selbst fehlt. Statt Flucht in die Verschmelzung entstand eine Gemeinsamkeit, die alle Ebenen einbezieht.

Literatur:

Peter Schellenbaum:
„Das Nein in der Liebe“ dtv 35023
„Aggression zwischen Liebenden.“ dtv 35109

Stephen Wolinsky:
„Eins werden oder sich begegnen?“ – Quantenpsychologie in der Paarbeziehung“ VAK

Gay und Kathlyn Hendricks:
„Liebe macht stark“ „Liebe macht glücklich“, beide Mosaik bei Goldmann
„Bewusst leben und lieben“ Kösel 2001

Steven Carter, Julia Sokol:
„Lauf nicht vor der Liebe weg“ Kösel 2000

Ulrike Dahm:
„Die Kraft des Nein. Wegweiser zur Entscheidungsfreiheit für Frauen“ Spinx Verlag

Außerdem Schellenbaum:
„Nimm deine Couch und geh“,
„Die Wunde der Ungeliebten“,
„Abschied von der Selbstzerstörung“, alle dtv.

Info über die Essencia-Arbeit von M. Plesse und G. St. Clair bei:
Borghild Schudt, Schützenstraße 20, 78462 Konstanz,
Telefon 0 75 31 / 2 52 20, Fax: 0 75 31 / 2 52 24

eM@il: orgoville@t-online.de, www.orgoville.de

Über den Autor

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Jg. 36, Autorin, verh., zwei Söhne, zwei Enkel, dem Sein mit Beiträgen seit 1999 verbunden, seit den siebziger Jahren auf dem spirituellen Weg. (Seminare u. a. bei Frank Natale, Life skills Training bei Markus Klepper, Frank Fiess, Tantraseminare, Energie-, Eros- und Essencia®-Training bei Michael Plesse/Gabrielle St. Clair.) Kenntnisse in Graphologie, Astrologie, Farbpsychologie.

3 Responses

  1. U.
    Unglaublich!

    So wunderbare, wahre und bedachte Worte, über Seelenpartner und das Leben, das Umgehen, mit dieser einzigartigen Verbindung!
    Wunderschön beschrieben, herzlichen Dank!

    Antworten
  2. hanna sedlar
    Leitbildspiegelung von Peter Schellenbaum

    „Das Nein in der Liebe“ und „Abschied von der Selbstzerstörung“ habe ich anders verstanden: Das Ja & Nein, wie Unangenehm & Angenehm ist wie andere Gegensatzpole eine Einheit und beide Pole wechselwirken wertungsneutral wenn auch spannungsgeladen. Geraten sie in die „Kernspaltung der Einheit“ durch stimulierende Manipulationen, durch fatale frühkindliche Anpassung an extreme wertungsgeladene Einseitigkeit, wirken sie zerstörend mit den „Kernspaltungsempfindungen“.
    Die Verschmelzung ist die erste Stufe einer Beziehung: „man fährt auf etwas ab“. Es gibt nur das völlige Ja oder völlige Nein. Kein schwingendes Ja & Nein i n der Liebe. Taucht man auf in die nächste Stufe, erfrischt zwar die Realität, aber es kommt vorerst zu Projektionen, zu Bildern, die man dem anderen überstülpt wie eine Verkleidung. Das Du kann man noch gar nicht erkennen. So man die Verschmelzung ziehen läßt so man dies begreift und ziehen lassen kann, und ihr auch nicht weiter festgeklammert anhängt, kommt es zu ausreichend guten spannungsgeladenen Auseinandersetzungen mit „Ja & Nein, Unangenehm & Angenehm u.a.“Meist sehen wir unsere Projektionen nicht freiwillig ein. Erst wenn die Kommunikation mit dem Partner durch unsere unrealistischen Projektionen gestört wird, weil der Partner sich ständig unverstanden fühlt und gegen die projizierten Behauptungen zu protestieren beginnt, bequemen wir uns zu deren ernsthaften Überprüfung.“ Bis dahin sagen wir ja noch nein zum eigentlichen Du des Partners, weil wir es noch gar nicht erkennen können. Erst wenn wir sowohl die Verschmelzung „reduzieren“ und die Projektionen, Übertragungen und Gegenübertragungen ZURÜCKNEHMEN, kann unser Organismus in der Leitbildspiegelung die tatsächlichen und nicht fiktiven Eigenschaften des Du erkennen und erspüren und auch was sich aus der eigenen Anlage heraus noch entwickeln möchte. Dies folgert letztlich „Entzücken und Auskosten im eigenen Herzen“ und das Empfinden innerlich reicher zu werden mit all diesen 3 Stadien. Die Hingabe an diese drei Stadien über die Leitbildspiegelungen hinaus, lässt die Energien und Empfindungen in „kleinen Bewegungen“ vibrieren und schwingen und die Erfülltheit erleben. Diese Spiegelungen vom anderen muss als Leitbild erkannt und begriffen werden können, wobei sich dies im 3. Stadium ereignet. Nur im Mittelfeld zwischen Ja & Nein, Lust & Unlust, Auf & Ab, Unangenehm & Angenehm u.a. Gegensatzpoleinheiten, bewegt sich Eigentliches, Wesentliches, Bedeutsames, der Move, der Flow. Veränderungen/Wachsen/Abenteuer & Gesicherheit in der Liebe ereignet sich und nicht Gespaltenheit im Gegen. Und immer und immer wieder beginnt es mit einer kurzen herzhaften Verschmelzung, geht dann über in Projektionen die dann erkannt zurückgenommen werden müssen, um das eigentliche Du und das eigentliche eigene Ich zu erleben. Und um dann im weiteren von der Gegenseitigkeit in der Leitbildspiegelung den anderen noch zusätzlich als „Teil des eigenen heimlichen Lebens“ tief zu empfinden. Bleibt man auf halber Strecke stecken, landet man im „Energiekäfig“ und in der Selbstzerstörung und Fremdzerstörung. Sisyphusarbeit folgt.

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