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Die indische Sozialreformerin und spirituelle Persönlichkeit Mata Amritanandamayi (Amma) wird in ihrem Heimatland als Mahatma, große Seele, verehrt. Im Oktober kommt sie zum ersten Mal nach Berlin. Ein Mahatma, so sagen die indischen Schriften, ist fähig, die Einheit hinter allen Menschen und Ideologien zu sehen. Amma bringt diese Sicht der Einheit zum Ausdruck, indem sie Menschen ungeachtet ihrer Kaste, Religion oder Kultur umarmt. Eine Geste der Vereinigung, die bestens zum wiedervereinigten Berlin passt.

 

Begegnungen von Angesicht zu Angesicht sind ein effektives Heilmittel für einen Weg aus geistiger Verwirrung und Depression. Menschen mit spiritueller Gesinnung fällt zudem die Aufgabe zu, die anderen Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind. Die Rücksicht auf die individuelle Entwicklungsmöglichkeit eines jeden ist einer der großen Grundpfeiler von Spiritualität. Das geht zum Teil auch auf die indischen Schriften, wie die Bhagavad Gita, zurück. Im Text wird erklärt, dass jeder seine spezielle Aufgabe (Dharma) im Leben habe und dass es besser ist, diese Aufgabe zu erfüllen – auch wenn sie nicht glorreich ist – als einer anderen noch so ruhmreichen Tätigkeit nachzugehen. Jeder Mensch ist anders, und deshalb macht es Sinn, dass sich ein jeder auf einen zu ihm passenden Weg der spirituellen Suche macht.

Mahatmas wie Amma betonen deshalb, dass es nicht wichtig ist, welcher Religions- oder Glaubensrichtung man angehört, sondern dass man versucht, die inneren Werte einer jeden Religion, Mitgefühl und bedingungslose Liebe, zu leben. „Dass es viele Religionen gibt, ist nicht das Problem“, sagte Amma im Parlament der Weltreligionen in Barcelona 2004. „Das Problem beginnt, wenn du sagst, mein Glaube ist besser als deiner. Das ist, als ob du zu jemandem sagtest: Meine Mutter ist wunderbar, aber deine ist eine Prostituierte.“

Den Notleidenden helfen

1987 besuchte Amma Deutschland zum ersten Mal. Damals wurde sie nach München eingeladen. Diese Begegnung zwischen Süddeutschland und Indien war so wirkungsmächtig, dass Amma fortan jährlich nach Süddeutschland (inzwischen nach München und nach Mannheim) reiste. Vor 25 Jahren besuchten rund 50 Menschen Amma in München; jetzt trifft Amma in jeder Stadt ihrer Europatour auf rund 20.000 Besucher.

Auch im Velodrom erwarten die Organisatoren mindestens so viele Besucher und Besucherinnen.

Doch wer ist Amma? Und was ist das Besondere an ihren Umarmungen?

Amma wurde 1953 im südindischen Kerala in eine arme Fischerfamilie geboren. Sudhamani, so hieß Amma damals, meditierte schon als kleines Mädchen stundenlang am Strand und betete innig, vor allem, weil sie die Armut, die in dem Dorf vorherrschte, nicht nachvollziehen wollte. Sie konnte nicht akzeptieren, dass Menschen grundlos leiden. Ihre Eltern hatten sie nicht dazu aufgefordert zu meditieren. Im Gegenteil: Die teils ekstatischen Zustände ihres Kindes, das nicht ansprechbar war, verwirrten sie. Weil Sudhamani sich zunehmend ungewöhnlich verhielt, wurde sie nach nur vier Schuljahren von der Schule genommen. Sie hatte von nun an die Aufgabe, sich um ihre kranke Mutter und ihre acht Geschwister zu kümmern. Dabei wurde sie nicht nur zu Hause, sondern auch im Dorf unmittelbar mit Armut konfrontiert. Täglich sah sie fliegenüberströmte alte Menschen in ihren Hütten liegen, schmerzklagende Dorfbewohner, die nicht das Geld hatten, um Medikamente zu kaufen, vor Hunger weinende Kinder. Sudhamani fasste den starken Entschluss, diesen Menschen zu helfen. Ihre kraftschöpfenden Gebete halfen ihr, die älteren Menschen zu pflegen und Schmerzmittel aufzutreiben. Sie sammelte Essen und verteilte es an die Kinder. Oftmals musste sie stehlen, sie entwendete sogar den Schmuck ihrer Mutter, um ihn gegen Reis einzutauschen.

Sudhamani wurde für diese Taten von ihren Eltern hart bestraft, weil sie selbst nicht viel Geld besaßen. Doch das ungewöhnliche Fischermädchen konnte nicht anders, als den Notleidenden zu helfen: „Es tat mir extrem weh, die Menschen leiden zu sehen. Ich konnte es nicht aushalten. Ich wollte mich umbringen, indem ich ins Feuer sprang.“ In Gebeten erhielt sie die Einsicht, dass es zwar Karma gibt, das mit dem Leiden eines Menschen zu tun hat, dass es aber das Dharma (die Aufgabe) eines jeden Menschen ist, den Notleidenden zu helfen.

 

Verrücktes Fischermädchen umarmt gegen Not

Es geschah spontan: Eines Tages, als jemand zutiefst traurig war, umarmte Sudhamani diese Person einfach. So schreibt Swami Amritaswarupananda, einer ihrer engsten Schüler, in seiner Biografie über Amma. Diese liebevolle Berührung beeindruckte viele Dorfbewohner, so dass auch andere auf diese Art getröstet werden wollten. Immer mehr waren es auch Männer und Menschen aus höheren Kasten, die zu Sudhamani kamen, um mitfühlend umarmt zu werden. Doch die Geste gegenüber fremden Männern ist auch heute noch für ein indisches Mädchen eine absolute Schandtat. Frauen aus einer niederen Kaste ist es auch untersagt, Menschen einer höheren Kaste so zu berühren.

Im von gesellschaftlichen Regeln geprägten Indien sind Ammas Umarmungen bis heute eine Art revolutionäre Geste. Denn mit ihrer Umarmung zeigt Amma, dass es schlussendlich keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Arm und Reich, hoher und niederer Kaste gibt – und auch nicht zwischen spirituellem Lehrer und Schüler.

Für ihre Familie waren Sudhamanis Umarmungen lange Zeit unerträglich mit anzusehen, denn auch sie lebten ihre Traditionen der Trennung unter Kasten fort. Sudhamanis eigener Bruder versuchte sie sogar zu töten, weil sie die Familie anscheinend in Verruf brachte. Wie von Schutzengeln verhindert, schlug jedoch das Attentat fehl. Und Ammas Mitgefühl reichte so weit, dass sie ihren Attentäter im Krankenhaus mit Nahrung fütterte und ihn pflegte. “Liebe kann man nicht stoppen”, so erklärte Amma stets.

Es brauchte seine Zeit, bis sich Sudhamanis Eltern an die Willensstärke ihrer Tochter gewöhnten. Als die Familie allmählich sah, dass Menschen sogar von weither anreisten, um von Amma in den Arm genommen zu werden, überzeugte auch sie die besondere Gabe ihrer Tochter. Mittlerweile hat Amma über 30 Millionen Menschen umarmt.

 

Von der UNO anerkannte Hilfsorganisation

Immer mehr Menschen schütteten Amma ihr Herz aus. Sie hörte zu und veranlasste die Menschen, die nun bei ihr lebten, Essen und Kleider an Hungernde und Notleidende zu verteilen oder jemandem, der krank war, im Haushalt zu helfen. Als ihr jemand von einem Waisenhaus in einem verwahrlosten Zustand berichtete, übernahm sie es. 1982 wurde der Mata Amritanandmayi Trust gegründet, eine in Indien eingeschriebene gemeinnützige Stiftung. „Love and Serve“ heißt das Prinzip hinter Ammas karitativem Werk. „Meine Aufgabe ist es, die Liebe in den Menschen zu wecken und sie zu selbstlosem Handeln zu inspirieren“, sagt Amma. Aus den Kleinprojekten wie dem Waisenhaus wurden in weniger als 30 Jahren über 50 Schulen, eine 1.300-Betten-Klinik, Selbsthilfeprojekte für rund 100.000 verarmte Frauen und rund 40.000 Häuser für Obdachlose – und das sind noch längst nicht alle Projekte.

Der Mata Amritanandamayi Trust wurde 2002 als Nichtregierungsorganisation (NGO) von der UNO akkreditiert und mit Konsultativstatus ausgezeichnet. Die NGO hat sich verpflichtet, bei der Realisierung der UNO-Jahrtausendziele mitzuwirken. „Ammas Organisation macht mehr als viele Regierungen“, sagte Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus, als er Amma diesen Januar in Indien traf.

Seit 2005 operiert der Mata Amritanandamayi Trust mit dem Namen „Embracing the World“ (ETW). Die Nichtregierungsorganisation unterhält Projekte außerhalb Indiens. In den USA zum Beispiel werden jährlich 70.000 Mahlzeiten an Obdachlose verteilt, in Europa setzt sich das umweltfördernde ‚Greenfriends’-Projekt für einen bewussten Umgang mit der Natur ein.

„Es gibt zwei Arten von Armut“, sagt Amma. „Die materielle Armut, wie Mangel an Nahrung, Kleidung oder Obdach, und es gibt den Mangel an Liebe und Mitgefühl. Von den beiden Arten der Armut muss die zweite zuerst behoben werden. Erst wenn wir Liebe und Mitgefühl in unseren Herzen tragen, können wir von ganzem Herzen jenen dienen, die in Not sind.“

 

Amma umarmt Berlin vom 5.-7. Oktober

Nun besucht Amma zum ersten Mal Berlin. Der Veranstalter ist der Verein Amrita e.V.. Die Vorbereitungen für das dreitägige Programm am 5.-7. Oktober haben bereits begonnen. Die Organisation aller Amma-Veranstaltungen in Europa wird ausschließlich durch ehrenamtliche Helfer bestritten. Das garantiert, dass der Großteil der Einnahmen in die Hilfsprojekte von Embracing the World fließt. Der Eintritt an allen drei Tagen ist kostenlos. Die Organisatoren freuen sich über alle, die ihre Hilfe anbieten. Auf www.berlin.amma.de kann man sich eintragen und seine Dienste anbieten. Ammas Programm in Berlin ist eine Benefizveranstaltung zugunsten der Hilfsprojekte von Embracing the World.

Amma freut sich auf ihren Besuch in Berlin, und natürlich können die Organisatoren kaum erwarten, bis sie endlich da ist. Sie wünschen sich, dass das Velodrom an diesen Tagen im Herbst aus allen Nähten platzt. Und sie hoffen, dass Ammas Besuch nicht nur den indisch-deutschen, sondern auch den Ost-West-Dialog fördert. Amma, so sind sich jene, die sie nach Berlin eingeladen haben, einig, wird die Herzen aller berühren.

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