Christin Krause: Mit dem Glauben Berge versetzen

Titel: Mit dem Glauben Berge versetzen

Author: Christin Krause

Verlag: Springer, 2015

Preis: 220 Seiten, 14,99 Euro

ISBN: 978-3662484562

Erkenntnisse zur Spiritualität

Ohne Überheblichkeit und Blick von oben herab – wie man es vielleicht von einer Psychologin, die zu dem Thema Religion und Spiritualität forscht, erwarten würde – nähert sich Christin Krause diesem komplexen und vielschichtigen Thema.

Der Band weist schon mit seinem nüchternen Cover auf seine Abstammung aus dem wissenschaftlichen Sektor hin und ist Teil einer ganzen Buchreihe, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen aus psychologischer Sicht kritisch auseinandersetzen. Dennoch – trotz wissenschaftlich fundiertem Blickwinkel auf das Thema – möchte das Buch gar nicht so trocken und humorlos erscheinen, sondern nimmt für sich in Anspruch verständlich und sogar humorvoll zu sein.

Christin Krause beginnt mit ihrer Erforschung des Glaubens zunächst bei den Ursprüngen der Menschheit vor tausenden von Jahren: Dem Bedürfnis, sich mit höheren Mächten zu verbünden, dem Entstehen von damit verbundenen moralischen Regeln. Hierbei findet keine unangenehme Vorverurteilung oder ein Belächeln der Sehnsucht und des Bedürfnisses nach spiritueller Sinnsuche statt.

Schon im Vorwort wird konstatiert, dass Religiosität unglaublich viele positive Eigenschaften und Auswirkungen die Menschheit hat – bessere Gesundung nach Krankheit, ein besserer Umgang mit Ängsten oder Stress und mehr Empathie für andere Wesen. Ein Phänomen, das aber durchaus auch in das absolute Gegenteil umschlagen und sich zu einer zerstörerischen Macht entwickeln kann. Genau so, wie auch nichtreligiöse Menschen ähnliche Erfahrungen machen können. Die Psychologin Christin Krause, die unter anderem auch an der Universität Hamburg lehrt, berichtet über Definitionsversuche eines kaum zu fassenden Themas, unterfüttert alles mit Studien und Quellen und beschreibt zum Beispiel auch, wie die Psychologie in verschiedenen Ansätzen versucht Religiosität, spirituelle Praxis, Bedürfnisse, Überzeugungen und Wohlbefinden zu messen.

Besonders der Aspekt von Gesundheit in Verbindung mit Glaube und innerer Sinnfindung ist dabei von Interesse: Spiritualität als potenzielle Ressource bei Krankheiten und Krisen. In einem Land, in dem die traditionellen christlichen Religionen vermehrt verlassen werden und es immer mehr alternative spirituelle Angebote gibt, die auch wahrgenommen werden, ein angenehm ungewöhnlicher Ansatz aus der Wissenschaft.

So stellt sich die Frage, ob diese alternativen Formen vielleicht ein neuer Weg für unsere sehr wissenschaftlich geprägten Gesundheitssysteme sind. Wäre es tatsächlich eine Möglichkeit Patienten schulmedizinisch zu begegnen und ihnen zu helfen – indem man ihren spezifischen- Glauben und die daran hängende spirituelle Praxis anerkennt und einbindet? Hier fließen viele Aspekte mit ein, wie zum Beispiel: Ist das Lesen heiliger Schriften, Meditation, Hoffnung, Vergebung oder die Yogapraxis hilfreich? Oder ob man an eine liebende, verzeihende Gottheit oder doch eher an einen alttestamentarischstrafenden Gott glaubt?

Fazit: Obwohl gespickt mit allerlei Studien und Fußnoten – denn genau deswegen ist es eine so spannende und wichtige Veröffentlichung –, ist es ein gelungenes und spannendes Werk zur Spiritualität, in das Interessierte aller Sparten bestimmt gerne ihre Nase stecken. Faszinierend, all diese Aspekte nicht aus pseudowissenschaftlicher, sondern aus einem handfest evidenzbasierten, kritischen Blickwinkel zu sehen. Negative Auswirkungen von Spiritualität kommen natürlich ebenso zur Sprache – es gibt kein Licht, wo nicht auch Schatten ist –, insgesamt wirkt das Werkt aber wohlwollend, erstaunlich offen, stößt Ideen und Fragen an. Wahrscheinlich benötigt niemand, der sich persönlich mit dem weiten Feld der Spiritualität und inneren Sinnsuche beschäftigt, für sich selbst den Beweis, dass hier reale Kräfte am Werk sind, die man nur schlecht rein rational erfassen kann. Aber: es braucht solche Werke in der westlichen Welt, die sich selbst mit dem unbarmherzigen Licht der Aufklärung solche intimen Gefühle nachhaltig als Aberglaube ausgebrannt hat, um Eingang und Anerkennung in unserer blanken und leider oft zu unterkühlten und unmenschlichen medizinsche Praxis zu finden