George R. R. Martin, Gardner Dozois: Der Bruder des Königs

Titel: Der Bruder des Königs

Author: George R. R. Martin, Gardner Dozois

Verlag: Penhaligon, 2016

Preis: 1056 Seiten, 19,99 Euro

ISBN: 978-3764531751

Schurkische Kurzromane

George R. R. Martin ist der breiten Öffentlichkeit zwar vor allem als Fantasyautor der Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ (Game of Thrones) bekannt, sein Herz schlägt allerdings für Schurken aller Genres. Und so ist hier keineswegs eine reine Fantsysammlung zu finden, auch wenn natürlich einige der Erzählungen in diese Richtung gehen. Zusammen mit Gardner Dozois, der einige Jahre lang ein Science- Fiction-Magazin herausgegeben hat, ist er Herausgeber dieser Sammlung.

Das ist aber nicht die erste Cross-Genre-Anthologie, die die beiden herausbringen. So gibt es zum Beispiel die Sammlungen „Warriors“ (engl. Krieger), die anscheinend noch nicht übersetzt wurde, und „Dangerous Women“ (engl. Gefährliche Frauen), welche in Deutschland unter dem Titel „Königin im Exil“ firmiert – hier ist sogar Diana Gabaldon mit einer Kurzgeschichte, die im Universum ihrer weltbekannten Outlander-Saga mit dem Schotten James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser spielt, mit von der Partie.

Um die festzementiert erscheinenden Grenzen der Erzählgattungen aufzubrechen haben sie auch hier wieder bekannte und (noch) unbekannte Autorinnen und Autoren der verschiedenen Sparten angesprochen – von epischer Fantasy, Sword and Sorcery, Romantik und Urban Fantasy über Mainstream, Krimis, historische Romane bis hin zu Thriller, Noire, Horror, Western oder gar Liebesschnulzen. Neben Martin selbst finden sich hier beispielsweise Texte von Neil Gaiman, Michael Swanwick, Patrick Rothfuss, Cherie Priest, Carrie Vaughn, Joe Abercrombie, Gillian Flynn und vielen mehr – viele davon preisgekrönt für ihre Bücher mit dem Nebula- und/oder Dagger- Award. Und alle bekamen die gleiche universelle Aufgabenstellung: Über Schurken und Halunken zu schreiben, die ja abseits der linientreuen Paladine ihren eigenen, etwas schmutzig-glitzernden Charme besitzen.

Eine sehr nette Idee, die dazu herausfordert ein wenig über den liebgewonnenen und gewohnten bibliophilen Tellerrand zu blicken. Eine Chance die auch einige Autor/innen ergriffen haben um ihre Fantasie auch außerhalb der literarischen Begrenzungen spielen zu lassen, die normalerweise ihre schreibende Heimat sind. Und natürlich auch eine Möglichkeit, ihre Fertigkeiten zu beweisen und zu zeigen, dass gute Literatur nicht an „hohe“ oder „niedrige“ Genres gebunden ist, sondern einfach daran, wie genial (oder eben nicht…) die schreibende Person ist.

Inklusive der namensgebenden Erzählung von Martin selbst sind 21 Kurzgeschichten in diesem dicken Wälzer versammelt und laden zum Schmökern ein. Wobei sich die Geschichten nicht wirklich kurz auf nur ein paar Seitchen ausbreiten. Sie sind kurz im Verhältnis zu den normalen Romanschinken. Die Anthologie ist über 1000 Seiten stark – mit 30 bis 70 eng gesetzten Seiten darf pro Story also gerechnet werden. Genug Zeit, um ausführlich in neue und liebe bekannte Universen und deren mannigfaltige Charaktere einzutauchen. Und die Qualität? Es ist wie bei jeder Geschichtensammlung: Ein Potpourri an Dingen, das für jede/n etwas bereithält.

Fazit: Schönes Lesefutter für die dunkle Jahreszeit. Und da sich hier eben nicht nur Fantasystorys tummeln, auch gleich noch eine gute Gelegenheit neue Autorinnen und Autoren kennenzulernen und in andere (Sub)Genres hineinzuschnuppern.