Gideon Böss: Deutschland, deine Götter

Titel: Deutschland, deine Götter

Author: Gideon Böss

Verlag: Tropen, 2016

Preis: 398 Seiten, 19,99 Euro

ISBN: 978-3608502305

Erleuchtend

Gideon Böss ist knapp über 30 und fühlt sich irgendwie… unerleuchtet. Was nicht daran liegt, dass er kein Interesse an theologischen Konzepten hätte. Allein – der Glaube (oder die Stimme Gottes) hat bisher noch nicht den Weg zu ihm gefunden. Zeit, das zu ändern, findet er, macht sich auf die Sinnsuche und durchstöbert das, was Freikirchen, Sekten, Tempelgemeinden und spirituelle Zirkel in Deutschland an mono- und polytheistischen Gottheiten so bereit halten. Über 25 Kapitel hat sein Buch, jedes steht für eine andere Religionsform. So begegnem einem hier nicht nur die üblichen Verdächtigen wie diverse Formen des Christentums (wie zum Beispiel Protestanten, Katholiken, die Piusbrüder, Johannische Kirche, Baptisten, Heilsarmee, Charismatische Christen, Quäker…), Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus, sondern auch ausgefallenere Glaubensbewegungen wie Wicca, Oshos, Mandäer, Bahai. Darunter finden sich auch solche exotischen Blüten wie der Raelismus (hier sind Außerirdische und das Klonen von Menschen involviert) oder die eher parodistische Religion des „Fliegendes Spaghettimonster“ die erst vor etwas über zehn Jahren von einem US-amerikanischen Physiker als Gegenentwurf zum Kreationismus und Intelligent Design ins Leben gerufen wurde. Über 25 höchst unterschiedliche und dennoch oft sehr ähnliche Religionskonzepte werden hier vorgestellt. Aber – man ahnt es schon – zum Glauben findet Gideon Böss auch nach fast 400 Seiten seines Werkes nicht, hat dafür aber eine spannende Momentaufnahme der religiösen deutschen Landschaft erstellt, in der er sich um Objektivität bemüht. Er präsentiert hier wirklich interessante Blicke hinter die Kulissen, die vornehmlich auf den direkten Begegnungen mit den verschiedensten gläubigen Menschen beruhen, die ihm ihre Glaubenskonzepte und religiösen Empfindungen erläutern und ihn an ihren Ritualen und Gottesdiensten teilhaben lassen. Gänzlich vorbehaltlos funktioniert dies natürlich nicht, beschreibt er dies alles ja aus seinem persönlichen Blickwinkel.

Im Nachwort äußert er sich dann allerdings doch mit seinen ganz persönlichen Gedanken zu den unterschiedlichsten religiösen Gruppen. Zum einen hebt er hervor, dass er über die Toleranz gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften oft erstaunt war, so erstaunt wie darüber, dass man scheinbar an die fantastischsten Dinge glauben, aber dennoch so etwas Natürliches wie Homosexualität verteufeln kann. Und er gibt auch seine persönliche Empfehlung für Leser/innen ab, um „bedrohliche“ Religionen herauszufiltern, und empfiehlt einen kritischen Blick auf den Umgang mit Zweifel: Wird in der Gruppierung Neugier, Reflexion und ein wacher Geist gefördert oder massiv als unerwünscht unterdrückt und nur reines Mitläufertum gefordert?

Fazit: Eine wirklich sehr faszinierende und in jeder Vorstellung auch wunderbar ausführliche Übersicht, auch wenn die Aufnahme einiger Gruppen in die Liste etwas die Stirn runzeln lassen (zum Beispiel Scientology, die Piusbrüder oder neuheidnische Gruppierungen, denen eine Verbindung in die rechte Szene nachgesagt wird…). Gutes Lesematerial für Neugierige und offene Geister.