Rebecca Gablé: Der Palast der Meere

Titel: Der Palast der Meere

Author: Rebecca Gablé

Verlag: Bastei Lübbe, 2015

Preis: 960 Seiten, 26 Euro

ISBN: 978-3431039269

Historischer Roman

Die Waringham-Saga geht weiter – mit „Der Palast der Meere“ ist in diesem Herbst der fünfte Roman dieser Reihe erschienen. Nachdem der Vorgängerroman um den (unsympathischen) Nicholas of Waringham und Henry VIII., „Der dunkle Thron“, eher hinter den Erwartungen zurückblieb, wird man als Leser/in diesmal wieder tiefer in die Handlung gezogen – es steht und fällt eben mit Charakteren, in die man sich hineinversetzen kann. Die Geschichte knüpft fast nahtlos an das letzte Buch an und verläuft in einem Doppelstrang.

Einige Jahre sind vergangen, wir schreiben das Jahr 1560, der unsympathische Nicholas und seine Frau sind an einem Schnupfen dahingesiecht und die Erzählung wendet sich Eleonor, der Vertrauten Elizabeths I. und Kind aus Nicholas‘ erster Ehe, und Isaac, dem Sohn aus der zweiten Ehe, zu. Beide stehen nicht gerade in enger geschwisterlicher Vertrautheit zueinander und sind einander nicht sehr zugetan. Als der 15jährige Isaac von London auf das Gestüt Waringham zurückbeordert wird, um Verantwortung zu übernehmen, versteckt er sich auf einem großen Segler, wird als blinder Passagier entdeckt, arbeitet als Seemann, begegnet Piraten und dem (da noch nicht ganz so) berühmten Francis Drake und endet zwischenzeitlich als Sklave auf einer Zuckerrohrplantage auf Teneriffa, was die englische Heimat plötzlich wieder sehr viel erstrebenswerter erscheinen lässt. Seine große Schwester – das Auge der Königin – hingegen ist stets an der Seite von Elizabeth und befindet sich so inmitten von Intrigen, Gerüchten, Ränken. Nicht ungefährlich, als sie – als engste Vertraute der „jungfräulichen Königin“ sich dann auf eine leidenschaftliche Beziehung zum König der Diebe einlässt.

Ganz nebenbei zeichnet Rebecca Gablé auch noch eine sehr spannende Charakterstudie von Elizabeth I. – ihren Beweggründen, ihrem Verhalten, ihren strategischen und emotionalen Überlegungen. Diese Frau, die es in der frühen Neuzeit schaffte unverheiratet ihre Macht zu etablieren und über Jahrzehnte hinweg die Geschicke Englands straff zu lenken. Sie ist einfach eine faszinierende, schillernde, mythenbesetzte und sicherlich teils auch tragische Figur, vor allem aber eine Frau, die sich gegen alle männlichen Widerstände und Forderungen nach einem Ehemann durchsetzte, dessen Untertanin sie dann letztendlich geworden wäre. Eine Leistung, die auch heutzutage erschreckernderweise für viele Frauen immer noch ähnlich unerreichbar erscheint. Interessant auch der Blickwinkel, der auf die Affäre um Robert Dudley und Amy Robsart geworfen wird.

Fazit: Wie immer ein gelungener Roman, auch wenn er auf der Gefühlsebene nicht wirklich an die ersten Bücher der Serie heranreicht. Aber das ist im Grunde Jammern auf extrem hohen Niveau – Rebecca Gablé steht einfach unbestritten an der Spitze der hochqualitativen und mitreißenden deutschsprachigen historischen Literatur (einen Vergleich mit dem Autoren-Duo Iny Lorentz und ihrer stets wandernden Hure würde man beispielsweise nicht mal gedanklich anstreben) und liefert hier ein weiteres Werk ab, an das andere Autoren nicht herankämen. Also: Absolut lesenswert, ein angenehmer Zeitvertreib mit sympathischen Hauptfiguren, bei dem man ganz nebenbei auch noch etwas über Geschichte lernen kann.