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Biobauern haben es mitunter schwer: Große Investitionen und geringe Gewinne machen es gerade kleinen Betrieben nicht leicht, dauerhaft am Markt zu bestehen. Als der Freiburger Ökobauer Christian Hiss von der Bank keinen Kredit mehr für einen neuen Kuhstall bekam, hatte er die Nase voll und schlug den Kapitalismus mit den eigenen Waffen.

Nachhaltigkeit als Rendite

Für kleine Betriebe ist die Landwirtschaft oft ein Kampf ums Überleben. Riesige Konzerne mit futuristischen Maschinenparks überziehen das Land mit ihren Monokulturen und laugen nicht nur den Boden bis zu einer unfruchtbaren Ödnis aus, sondern verdrängen auch die nachhaltig wirtschaftenden Bauern und gefährden damit ganze Kulturlandschaften mit ihren kleinen Dörfern und Höfen.

Manchem Biobauern geht das Geld aus, andere finden keine Nachfolger und müssen ihre Felder schließlich an Großkonzerne abgeben, wodurch das Erbe jahrelangen ökologischen Wirtschaftens verloren geht. Als Christian Hiss selbst in einer kritischen Phase war und keinen Kredit mehr für einen Kuhstall bekam, entschied er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er überführte seinen ganzen Besitz in eine eigens gegründete Aktiengesellschaft, die Regionalwert AG.

Seine Idee: Die RWAG, die nicht an der Börse notiert ist, kauft Bauernhöfe, Wiesen und Äcker, um sie günstig an Biobauern weiterzuverpachten, stellt Startkapital und sorgt für Vernetzung. Die Kapitalgeber können zwar nicht auf finanzielle Rendite hoffen, dafür aber mitentscheiden, wie ihr Geld hilft, Biobauernhöfe zu bewahren und neues Land auf biologischen Landbau umzustellen. In diesem Fall ist die Nachhaltigkeit selbst die Rendite.

Die ganze Wertschöpfungskette in Bürgerhand

Die RWAG ist also etwas anders, als andere Aktiengesellschaften – deshalb heißt sie auch Bürgeraktiengesellschaft. Fast ist sie eine Solidargemeinschaft: Größere Betriebe tragen die kleinen mit, durch die breite Fächerung hat das ganze Gebilde Stabilität, die Bauern vernetzen sich untereinander und sind nicht mehr auf Kredite von Banken angewiesen. Und das Konzept geht noch weiter: Vom eigenen Saatgut über Erzeugung und Verarbeitung bis zum Bioladen und Cateringservice will die RWAG nach und nach die ganze Wertschöpfungskette der Biolebensmittel in Bürgerhand bringen. Und hat dabei hohe Ansprüche.

Denn wer als Bauer mitmachen will, verpflichtet sich, ökologische Landwirtschaft und Artenvielfalt zu fördern, die Fruchtbarkeit des Bodens zu verbessern und hohe soziale Arbeitsstandards einzuhalten, die in der konventionellen Landwirtschaft mit ihren Saisonarbeitern eher unüblich sind. Außerdem müssen Saatgut, Zuchtmaterial, Energie und Dünger direkt aus der Region kommen. Alle Betriebe müssen neben dem Finanziellen auch über das Ideelle Buch führen und den Aktionären offenlegen: wie weit die Produkte transportiert wurden, welche Löhne sie zahlen, wie viele der Beschäftigten fest angestellt sind und wie sich die Bodenfruchtbarkeit entwickelt. Dies ist die eigentliche Rendite.

Voller Erfolg

Was nicht unbedingt nach einer einfachen Geschäftsidee klingt, wurde sofort ein voller Erfolg: Man zählt mittlerweile 400 Aktionäre und verfügt über 1,5 Millionen Euro, gerade wird eine weitere Kapitalerhöhung durchgeführt. Es dürfte klar sein, dass es den Anlegern kaum um Gewinne gehen kann – denn Geldgewinne werfen die Aktien auf absehbare Zeit nicht ab. Dafür gewinnen aber die Menschen und die Natur um so mehr. „Sozialökologische Wertschöpfung“ nennt Hiss das. Um neue Aktionäre zu überzeugen, bedarf es nur zweier Fragen: Wie wollen wir künftig wirtschaften? Und wie viel ist uns das wert?

Um sich gegen eine „feindliche Übernahme“ abzusichern, hat die AG einige Besonderheiten, die gewöhnliche Anleger ganz von selbst fernhält: Sie ist nicht börsennotiert, ihre Aktien sind sogenannte vinkulierte Namensaktien, die nur mit Zustimmung der Gesellschaft gehandelt werden dürfen. Und das Stimmrecht eines Aktionärs ist auf maximal 20 Prozent begrenzt.

Mittlerweile wird Hiss in ganz Europa als Berater für ähnliche Projekte befragt und auch das politische Interesse nimmt ständig zu. Die Idee ist mittlerweile sogar preisgekrönt: Die Bundesregierung hat Hiss zum „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2009“ ernannt. Sein Konzept sei „ein Geschäftsmodell mit Zukunft“, bei dem „Rendite nicht nur die betriebswirtschaftliche Wertsteigerung“ darstellt, „sondern auch die soziale und ökologische Wertschöpfung“. In Hiss eigenen Worten: „Wirtschaft ist mehr als Geld.“

Unerwartete Hilfe gab es auch vom Kapitalismus selbst: „Schon kurz nach der Lehman- Pleite riefen mich Menschen an und fragten, ob sie beim Aktienkauf eine Lebensmittelgarantie erhalten würden„, berichtet Hiss der Neuen Zürcher Zeitung. Geld gegen Möhren schien im Angesicht eines drohenden Systemkollaps auf einmal vielen ein gutes Geschäft zu sein.

Mehr als eine Spende

Für die Anleger ist eine RWAG-Aktie weit mehr als eine Spende. Man legt großen Wert auf den direkten Kontakt von Anlegern und Bauern und die Aktionäre können ständig mitbestimmen, was ihr Geld bewirkt. Und sie werden bald Teilhaber der gesamten Wertschöpfungskette ihrer Nahrung sein.

 

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Bilder: Regionalwert AG

 

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